Übersteiger Nr. 100

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Hundert Punkte x 0.5 im völligen Stream of Consciousness zum 100 jährigen Geburtstag des FC St Pauli und zur Hundertsten Übersteiger Ausgabe

Finanznöte beim Fanladen

Das St. Pauli Jahr100: Eine Ausstellung zwischen Innovation und Tradition

Players Corner Heute: Moritz Volz

Neues von den Alten



100Das St. Pauli Jahr100:

Eine Ausstellung zwischen Innovation und Tradition

Zum 100. Geburtstag leistet sich der FC St. Pauli eine Sonderausstellung, die Fan einfach gesehen haben muss.

   Zugegeben, die Seecontainer sehen von außen nicht wirklich einladend aus, was vielleicht auch an den Bauzaun-Absperrungen liegt. Wer aber einmal in der Ausstellung mit ihrem überraschend großzügigen Eingangsbereich angekommen ist, kann verstehen, warum der Verein diese Lösung auf seiner Homepage in den Himmel lobt: Die Container bieten den optimalen Rahmen für die Jubiläumsausstellung, und zwar am bestmöglichen Ort. Dabei ist es den Architekten gelungen, ein wirklich überzeugendes Raumkonzept zu entwickeln, das sich der Ausstellung und ihren Themenbereichen optimal anpasst: abwechslungsreich, spannend, in ständigem Wechsel zwischen drinnen und draußen (Regenjacke einpacken!), mal kleinteilig, mal sehr großzügig, und vor allem: sehr offen.

    Um es gleich vorweg zu sagen: Für einen Rundgang sollte man mehrere Stunden einplanen, am besten gleich den ganzen Nachmittag. Die Ausstellung ist so umfangreich, bis ins letzte Detail, bis hin zu den Bildunterschriften so sorgfältig ausgearbeitet, und vor allem so kurzweilig, dass belanglose Dinge wie die Uhrzeit einfach in Vergessenheit geraten. Dabei richtet sich das „Museum“ an ein sehr breites Publikum: für den Fan mit 50 Jahren Vereinsmitgliedschaft dürfte die Ausstellung genauso interessant sein wie für den Neu-St. Paulianer, und auch für Kinder gibt es einiges zu sehen. Nur Pokale gibt es nicht.

   In der Ausstellung empfiehlt es sich, dem Rundgang zu folgen. Der ist zwar eher schlecht ausgeschildert, aber ein Blick in den (kostenlosen) Navigations-Faltplan hilft auf jeden Fall weiter. Los geht’s im Obergeschoss mit Schautafeln, –Kästen und Abbildungen zu Wappen und Farben (Warum braun-weiss?), vor denen allein man schon eine Stunde verbringen kann. Und dann erst der Saal (muss man direkt sagen) mit Mannschaftsfotos seit 1910, an drei Wänden rund um Vitrinen mit alter Spielkleidung dekoriert! Jersey und handgestrickte Stutzen aus den 50ern oder ein Originaltrikot von Ivan Klasnic, mal herrlich braun-weiß, mal schrecklich grün – alles dabei. Und schon hier am Anfang der Ausstellung besticht die Liebe zum Detail, z. B. bei den Namensbeischriften zu alten Mannschaftsfotos. Wer immer schon mal wissen wollte, seit wann es eigentlich Werbung auf Spielertrikots oder individuelle Rückennummern gibt – hier kann man all so was nachlesen.

    Kurzer Gang über den Innenhof. Wo geht’s weiter? Was kommt jetzt? Ah, Stadiengeschichte. Dieser zweite Themenbereich wirkt im ersten Augenblick etwas trocken: Baupläne, alte Fotos. Doch dieser Eindruck täuscht: Auch hier viel Abwechslung, interessante historische Fotos neben Stadionmodellen, plötzlich Tageslicht: durch ein schmales Fenster öffnet sich der Blick auf die neue Südseite des Stadions – sehr passend. Dann weniger museale, aber nicht weniger sehenswerte Unterhaltung: Der Bau der Südkurve im Foto-Zeitraffer, Bild und Ton vom Volksparkboykott im März 1991, ein sehenswertes Riesenfoto vom Pokalsieg gegen Bremen und, nicht zuletzt, eine amüsant bebilderte Geschichte der Umkleidekabinen am Millerntor. Zurück über den Innenhof. Durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende eine besondere Attraktion wartet: 24 Stunden Spieltag, 24.000 Bilder in wenigen Minuten – und das je nach Lust und Laune mit Blick auf jede der vier Tribünen, im Stehen, auf der Holzbank oder im roten Plastikschalensitz. Aus dem dunklen und engen, aber hohen Raum führt der Weg dann auf eine größere Dachterrasse. Hier versteckt sich links eine (zu) kurze Darstellung der anderen Abteilungen im FC (bzw. eines Teils davon: Frauen- und Blindenfußball, Rugby, Boxen); rechts ein weiteres Räumchen zu Fußball bis 1933. Die Zeit zwischen 1933 und 1945 wird im nächsten Container (schlicht, eng, schwarz ausgemalt) thematisiert: viel zu lesen, viele Informationen auf engem Raum, und, sehr angenehm, ein gehöriges Maß Selbstkritik.

    Weniger textlastig ist der nächste und größte Raum sicherlich das Herzstück der Ausstellung. Zeitungsberichte, liebevoll gemachte Collagen, alte Sammelbildchen, Filme, O-Töne und Trophäen der ganz besonderen Art: aus „jüngerer“ Zeit beispielsweise die Schuhe, mit denen Ralf Sievers anno 1991 St. Pauli zum legendären Sieg im Münchner Olympiastadion schoss (und das zugehörige T-Shirt!), Bilder und Berichte zum Aufstiegs-Auswärtssieg 2001 in Nürnberg, das Weltpokalsiegerbesiegertshirt und und und. Zwischendurch der Absturz ins Tal der Tränen: Lizenzentzug. Sportlicher Abstieg. Regionalliga. Die Tabelle vom 24. Spieltag der RL Nord, St. Pauli nur mit Mühe auf einem (dem letzten!) Nichtabstiegsplatz – hinter diversen Teams mit ’ner II dahinter. Ein wahres Wechselbad der Gefühle. Hier kann man in glorreichen - und grauenvollen - Erinnerungen an alte Zeiten schwelgen, sich an fast vergessene oder verdrängte Einzelheiten erinnern, und den Kindern oder Enkeln erzählen: Ich war dabei! Für die Nachgeborenen dagegen versucht die Ausstellung überall zu erklären, was eigentlich nicht erklärbar ist: wie der „Mythos St. Pauli“ entstanden ist, und wie sich die Fanszene zu dem entwickelt hat, was sie jetzt ist (oder eben auch nicht mehr ist).

   Wenn die Aufsicht jetzt noch nicht ungeduldig mit dem Schlüssel klimpert, dann wäre da noch das Untergeschoss der Ausstellung. Und auch das hat einiges zu bieten, z. B. vier Minuten des legendären Auftritts von Volker Ippig im Aktuellen Sportstudio. Volker wer? Das wird in Zukunft hoffentlich kein St. Pauli-Fan mehr fragen. Nicaragua, Hafenstraße, Fußballprofi – toll, das mal wieder sehen und hören zu dürfen! Das ist allerdings erst Themenbereich 12, in den ich von der Treppe aus gleich erstmal reingestolpert bin. Also zurück zum Rundgang. Schon im nächsten Gang wartet ein weiteres Glanzlicht: Ein Zusammenschnitt mit drei Live-Reportagen aus den 60er Jahren aus – Liverpool. Was das mit St. Pauli zu tun hat? Einfach mal reinhören. So kann „You’ll never walk alone“ klingen!

    Dies Gänsehaut-Erlebnis ist eine schöne Einstimmung auf den jetzt folgenden Bereich: Fans und ihre Aktivitäten. Auch hier wieder Trophäen, die kein anderer Verein ausstellen würde, und es wird deutlich, dass dies in erheblichem Umfang eine Ausstellung von Fans für Fans ist. Der Fanladen hat ebenso eine eigene Ecke wie das Antira-Turnier oder die Ultras, und der Blick geht weit über den eigenen Tellerrand hinaus: auch bundesweite Entwicklungen in der Fanszene (Fanzines!) und vereinsübergreifende Organisationen wie BAFF werden vorgestellt – nicht ohne einen gewissen Stolz, denn immerhin waren St. Pauli-Fans auch über Hamburg hinaus oft treibende Kraft oder Vorbild für politische und fanpolitische Aktivitäten. Auf gar keinen Fall sollte man übrigens an einem unscheinbaren Bildschirm mit Schwarz-Weiß-Film und Kopfhörer vorbeilaufen: Der Wochenschau-Ausschnitt vom 1:0 unseres FC gegen das Team vom Rothenbaum aus dem Jahr 1930 ist absolut sehenswert.

   Was mir persönlich an der Ausstellung sehr gefällt, ist die bunte Mischung aus Schaustücken mit hohem emotionalem Wert, informativen Texten, historischen Dokumenten und moderner Technik: überall Bildschirme, Filmchen, Fotostrecken, O-Töne und die Möglichkeit, sich einfach über Telefon – sogar von zu Hause aus – mal was vorlesen zu lassen. Außerdem ist man den Ausstellungsstücken sehr nah, kann auch mal was anfassen oder ganz dicht ran gehen. Dass die O-Töne allerdings jeweils nur über einen einzigen Kopfhörer zu hören sind, könnte bei größerem Besucherandrang problematisch werden. Insgesamt jedoch kann man nur hoffen, dass der FC St. Pauli dauerhaft einen Platz für sein großartiges neues Museum finden wird, und dass diese beeindruckende Ausstellung den gebührenden Besucheransturm erlebt.

   Die Ausstellung „Das St. Pauli Jahr100“ ist noch bis zum 31. Oktober vor der Südkurve zu bewundern, täglich von 12-20 Uhr. Eintritt 7,- / erm. 5,- / Kinder 3,50.

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