Übersteiger Nr. 100

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Hundert Punkte x 0.5 im völligen Stream of Consciousness zum 100 jährigen Geburtstag des FC St Pauli und zur Hundertsten Übersteiger Ausgabe

Finanznöte beim Fanladen

Das St. Pauli Jahr100: Eine Ausstellung zwischen Innovation und Tradition

Players Corner Heute: Moritz Volz

Neues von den Alten



Die Redaktion des Übersteigers gibt dem Spieler drei Stichwörter an die Hand, die dieser irgendwie im Text mit verarbeiten soll. Diesmal: Journalismus, Gentrifikation, Lena Meyer-Landrut

Players Corner

Heute:
Moritz Volz

   MoritzEigentlich beendete ich meine Karriere als Journalist schon als Sieben-Jähriger, als mein bester Kindergartenfreund Till mir völlig entnervt verbot, Ihm weiterhin Löcher in den Bauch zu fragen. Ich hatte mich anscheinend in der kindestypischen "Warum-Phase" nicht ausreichend an meinen Eltern und Geschwistern ausgelebt und mein neu-erweckter Informationsdrang stellte eine ernste Bedrohung für unsere Freundschaft dar. Mittlerweile versuche ich mich gelegentlich gerne als Journalist, wenn mich die Aufgabe reizt, so wie mit dieser 3 in 1 Überraschungs-Ei Geschichte für den Übersteiger. 

    Der Luxus, den ich als Hobby-Journalist genieße liegt zum einen darin, dass ich nie gezwungen bin einen Job anzunehmen, auf den ich keine Lust habe und zum anderen ist der Druck nicht so groß erstklassige Arbeit abzugeben, obwohl das natürlich immer mein Wunsch ist.
Wir Fußballprofis haben fast täglich mit Journalisten zu tun. Ständig beobachten Sie uns bei der Arbeit und berichten darüber wann, wo, wer, wie, was trainiert und kommentieren, analysieren und bewerten unsere Leistungen am Wochenende. Da unsere Branche sehr von der ausgeprägten Berichterstattung diverser Medien profitiert sind Interviews ein nicht unerheblicher Teil unseres Jobs. Leider ist die Zusammenarbeit mit den Reportern selten aufregend, denn viele Fragen und Themen wiederholen sich sehr oft und wir sind kaum in der Lage Tacheles zu reden und zu sagen, was wir wirklich denken. Öffentliche Kritik an Verein, Trainer, Mitspielern oder Fans sind richtigerweise mit Strafen verbunden. Wie in einer Familie werden Probleme intern geklärt und nicht über die Medien breit getreten. Das macht gerade den Sportjournalismus zu einem sehr zähen Geschäft.

    Durch die verschiedensten Aufgaben als Kolumnist, Reporter, Kommentator und Blogger habe ich einen breiten Einblick in die Arbeit der Journalisten erhalten, der es mir ermöglichte meine einstige Abneigung gegenüber Journalisten, die ich aufgrund sehr schlechter und einschneidender Erfahrungen im Hinblick auf meinen Wechsel als Jugendlicher ins Ausland hatte, ein Stück weit abzulegen.

    Zum Ende der Championship-Saison 2008, bin ich für den englischen Sportsender Sky als Reporter auf den Platz gegangen und habe die Spieler nach dem Spiel interviewt. Gerade an diesem Tag konnte ich spüren, wie undankbar dieser Job sein kann. Es war das letzte Spiel der Saison an der Loftus Road zwischen QPR und West Brom. Das Spiel hatte überhaupt keine Bedeutung für den Ausgang der Spielzeit. QPR war unbedeutend im Mittelfeld versunken und West Brom stand als Aufsteiger in die Premier League fest. Die angereisten West Brom Fans hatten sich in Anerkennung Ihres alten Stürmerfuchs Kevin Phillips, auch Super-Kev gennant, in Comic Helden verwandelt und die QPR Fans freuten sich, dass die erfolglose Saison ein Ende nahm und blickten der kommenden Saison entgegen, die man aufgrund der neuen Besitzer Briatore, Ecclestone und Mittal als Favorit angehen sollte. Die Stimmung auf den Rängen war völlig losgelöst und feierlich. Auch die Spieler, die sich auf Ihren Urlaub freuten, konnten ganz entspannt die Saison beenden und sich im Beisein Ihrer Familien mit der traditionellen "Lap of Honour" bei den Fans für deren Unterstützung bedanken. Unter diesen Voraussetzungen ist man als Reporter nur lästig und unerwünscht, weil man, egal wen man sich vorknüpft, nur vom Feiern abhält. Glücklicherweise kannte ich jeweils einen Spieler jeder Mannschaft so gut, als dass ich mich traute sie kurz zu unterbrechen und mit Fragen zu dem Verlauf der Spielzeit, den Plänen für den Sommer, oder zu den Wünschen für die kommende Saison zu durchlöchern. Ich merkte ganz deutlich, dass es nicht einfach ist, interessante und dennoch sachliche Fragen zu stellen. Seitdem bin ich etwas nachsichtiger gegenüber den Reportern.

    Nachsichtig bin ich auch bei Lena Meyer-Landrut in Bezug auf Ihre sehr eigenartige Interpretation der englischen Sprache. Sie hat Ihr ganz eigenes Englisch erfunden in dem Sie einen Mischmasch aller bisher bekannten Dialekte singt. Hauptsache sie spricht bzw. singt nicht in dem so gern verspotteten "Scherman-Englisch". Saetz right, if you no wot I mien?

    Gleichermaßen wie die fast tadellos veranstaltete WM 2006 hat Sie mit Ihrem Sieg beim Grand-Prix dazu beigetragen, dass wir Deutschen wieder voller Stolz unsere Flaggen schwenken und in Schwarz-Rot-Gold auftreten können. Ich habe Ihrem Triumph aus dem Urlaub im französischen Fernsehen verfolgt und auch wenn mein Französisch sehr brüchig ist, konnte man erkennen, dass Lena bei unseren weinliebenden Nachbarn sehr gut angekommen ist. Vielleicht lag es auch ein wenig an der sehr bunten, allerdings auch in seltenem Maße unbegabten Konkurrenz, die wahrscheinlich selbst als Provinz-Zirkus mit Ihren schrillen Auftritten nur wenig Applaus geerntet hätten. Wenn Lena es jetzt noch hin bekommt mit Ihrer Werbekampagne für Opel den unspektakulären Autohersteller Hip zu machen, sollten wir Deutschen uns ernsthaft überlegen, die süße Lena, wenn nicht zur Kanzlerin, wenigstens zur Außenministerin zu wählen. 

    Den Posten als Innenministerin möchte ich Ihr nicht antun. Da müsste Sie sich neben den jüngsten Ereignissen um Sarrazin und Steinbrueck wahrscheinlich auch mit dem sehr schwierigen Thema der Gentrifizierung auseinander setzen. Ich habe selbst lange und gerne in Fulham, einem gentrifizierten Stadteil im Südwesten Londons, gelebt und muss gestehen, dass mir oftmals gerade diese umgewandelten Stadtteile sehr gut gefallen. Ich bin mir aber auch darüber im klaren, dass Gentrifizierung oft dazu führt, dass langjährige Ortsansässige aufgrund der steigenden Mieten und Lebenserhaltungskosten häufig aus Ihren Vierteln verdrängt werden. Ideal wäre es doch, wenn sich die alteingesessenen Bewohner an der Aufwertung Ihres Viertels so beteiligen könnten, dass Sie weiterhin die Möglichkeit haben in Ihrem Kiez zu bleiben. Das wünsche ich mir vor allem für den Stadtteil Sankt Pauli, da die Identität meines Vereins sehr von den Menschen des Bezirks geprägt ist und nicht verloren gehen soll.

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