Übersteiger Nr. 101

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Titten!

1%, 2%, DREI Prozent!... oder: Seid ihr alle Da? - JHV

"Fußball ist immer noch wichtig!" - 2009-Poll-Gewinner-Matthias-seine-Seiten

Klein-Hoffenheim vom Nordseestrand

"Störtebeker, du warst der beste Mann aller Zeit"



Titten!

   Nachdem es dem Übersteiger auch in der hundertsten Ausgabe wieder nicht gelungen war, nackte Frauenbrüste aufs Titelblatt zu bringen, kam uns der Verein hier freundlicherweise entgegen und hat uns diesen Anblick auf dem Silbertablett serviert, wenn auch unfreiwillig. Denn nach einem Hinweis, was da zu erblicken sein würde, konnten wir beim Heimspiel gegen Wolfsburg einen Fotografen auf dem Dach der Gegengeraden platzieren und von dort Zeuge der Darbietung werden. Schauplatz der Vorstellung war das Séparée von „Susis Show Bar“ auf der Haupttribüne. Aber arbeiten wir die Geschehnisse mal chronologisch auf:

   Seit Jahren versucht die Fanszene mit diversen Aktionen, ein Vorbild im Kampf gegen Diskriminierung jeder Art zu sein, auch gegen Sexismus setzt man sich gerne ein. Wann immer dies grade ins Licht des „etwas anderen Vereins“ passt, der ja bekanntlich seit 1910 „non established“ ist, wird dieses Engagement der Fans auch für den Gesamtverein übernommen. Ein Beispiel dafür, wie so etwas durchaus auch positiv mit Inhalten gefüllt werden kann, war der Fankongress im Jahre 2009, auf dem auch die „Leitlinien des FC St.Pauli“ beschlossen wurden. Diese sollten ab sofort „Bestandteil von Verträgen, Vereinbarungen und ähnlichem. sein und stellen eine Orientierung für Mitglieder, Angestellte, Fans und Ehrenamtliche dar“ wie seit November 2009 auf der Vereinshomepage nachzulesen ist. Hier wird auch auf die Stadionordnung und die Vermarktungsrichtlinien verwiesen, dazu später mehr.

   Am 25.Mai hatte ein Artikel in der BILD erstmals davon gekündet, dass „Susis Show Bar“ ein Séparée für die neue Saison erwerben würde und zitierte den zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgetretenen Ex-Präsidenten Littmann wie folgt: „Bei jedem Tor, das wir machen, zieht sich eines der Mädels aus.“ Der Aufschrei der Fanszene ließ nicht lange auf sich warten, innerhalb weniger Stunden hatten sich über 100 Beiträge im St.Pauli-Forum.de angesammelt. Einigen war das Ganze zutiefst zuwider, andere warfen hier wiederrum Prüderie vor, die meisten aber verwiesen den Bericht ins Reich der Märchen bzw. eben ins BILD-Universum.

Susi hat nicht die Absicht,
eine Mauer zu bauen

   Bereits am nächsten Morgen um 08.05 Uhr schrieb der damalige Vizepräsident und heutige Aufsichtsrat Marcus Schulz im Forum:
„[…] gilt für alle Aktivitäten am und im Millerntorstadion, dass der Sport im Mittelpunkt stehen sollte. Eine Stripshow wird diesem Anspruch nicht gerecht. Insofern wird es so etwas – oder Vergleichbares – im Millerntorstadion nicht geben. Gezeichnet: Das Präsidium des FC St.Pauli“ Der gleiche Wortlaut ging auch Fanvertretern per E-Mail zu.

   Damit schien die Kuh vom Eis, auch die BILD amüsierte sich prächtig über den selbst verursachten Wirbel und zitierte am 28. Mai neben einer „SMS des Präsidiums“ an die Inhaberin des Stripclubs, in der „Showprogramm“ untersagt wurde, auch Susi Ritsch selbst: „Ein Spaß! Natürlich springt bei uns keiner nackt rum, höchstens mal ein Mädel im Bikini.“

   Ob „herumspringende Mädels im Bikini“ nun mit der Vermarktungsrichtlinie oder dem durchs Präsidium verhängten Verbot kollidieren, mögen andere entscheiden, die große Aufregung legte sich aber erst mal, da in das Wort von Marcus Schulz natürlich ein entsprechendes Vertrauen herrschte. Generell ist es uns auch wichtig, dass hier nicht „Susis Show Bar“ am Pranger steht, sondern unser Adressat nur der Verein sein kann, der getroffene Vereinbarungen mit seinen Fans bitte einhalten soll.

   Vor dem Wolfsburg-Spiel bekam der ÜS nun den Tipp, sich doch mal das Séparée genauer anzuschauen, was unser Fotograf dann auch tat und überraschendes (oder auch nicht) zu sehen bekam: Die Damen hatten zumindest obenrum keinen Bikini mehr an, und dies auch nicht etwa direkt nach Toren im spontanen Jubelüberschwang, sondern bspw. in der Halbzeitpause, als die hier gezeigten Bilder entstanden. Zufall oder nicht, zurück im Innenraum wurde der Fotograf angesprochen, was er denn da gemacht hätte, und am Dienstag zeigten dann auch BILD und MOPO die lustigen Szenen im Freudenhaus der Liga. Weil Angriff die beste Verteidigung ist und man der Veröffentlichung im ÜS zuvor kommen wollte? Oder sind wir da paranoid und es ist wirklich purer Zufall, nachdem vorher in sechs Heimspielen zwar vermutlich das gleiche Programm ablief, aber keine offiziellen Fotografen im Séparée waren? Eventuell droht da nun auch dem Verein oder der Agentur noch gerichtlicher Stress, denn wie uns Show Bar-Chefin Susi Ritsch mitteilte, waren die Aufnahmen in BILD und MOPO von den Fotografierten nicht zur Veröffentlichung freigegeben.

   Egal, die Geschichte nahm nun Fahrt auf und neben einem virtuellen Aufschrei im Internet wandten sich auch der Aufsichtsrat (AR) und der Fanclub-Sprecherrat (FCSR) an das Präsidium und explizit auch an Michael Meeske, der als Verantwortlicher für den Marketing Bereich auch die Séparées verantwortet, mit der Bitte um Stellungnahme und Beendigung dieser Geschehnisse.

   Die Antwort konnte man am Freitag dann im Abendblatt nachlesen. Man habe den Mieter auf das Verbot derartiger Unterhaltung im Stadion hingewiesen, sowas werde nicht mehr akzeptiert.

   Michael Meeske teilte uns auf Nachfrage mit, dass die Mieterin bei Vertragsabschluss klar auf das Verbot von Stripshows jeder Art hingewiesen wurde, nur unter dieser Voraussetzung sei der Vertrag zustande gekommen. Diese Ansage sei jetzt wiederholt worden und die Mieterin davon auch keineswegs überrascht gewesen. Wir nehmen also an, hier wollte jemand seine Grenzen austesten und spätestens mit den prominent platzierten Artikeln im Boulevard ist der erhoffte Werbeeffekt dann ja auch eingetreten. Susi Ritsch blieb uns gegenüber aber bei der Einschätzung, dass das, was da bei den Spielen passiert, ja auch eh keine Show sei.

Den Mantel des
Schweigens reichen

   Also einmal böse geguckt und in Zukunft passiert sowas nicht mehr? Dann werden wir mal auch in den nächsten Spielen gespannt Mäuschen spielen um zu überprüfen, ob sich der Mieter daran hält. Was genau denn zwischen Verein und Mieter bisher abgesprochen gewesen sei, wollte uns Heinz Ritsch jedenfalls nicht mitteilen, dies sei schließlich ein Vertrag zwischen zwei Parteien und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Da hat er sicher recht.

   Der Vorwurf, den sich Verein und Vermarktung aber gefallen lassen müssen, ist, die Situation unterschätzt oder zu lange schleifen gelassen zu haben. Es war absehbar, dass der Mieter derartiges probieren würde, hier hätte früher eingegriffen werden müssen, wenn man denn gewollt hätte. Auf der anderen Seite ist eine Loge in einem Fußballstadion eben auch kein Schullandheim, wo der Lehrer überprüft ob auch brav das Licht ausgemacht wurde. Oder anders: Ordner und Videoüberwachung gibt es hier nur bedingt, der Logenbesucher genießt einen anderen Vertrauensvorschuss als der gemeine Stehplatz-Asi. Trotzdem war klar, dass derartiges passieren würde und das jetzige Erstaunen auf Seiten des Vereins über die ausgereizten oder überschrittenen Grenzen muss schon verwundern.

    Bleibt die Frage, wie man jetzt zukünftig damit umzugehen hat bzw. was genau man denn machen könnte, wenn Susi erneut „die Puppen tanzen“ lässt.

    Laut Meeske ist das jetzt erfolgte eher als Ermahnung zu verstehen, erst bei weiterem Fehlverhalten folge eine Abmahnung, erst danach dann eventuell eine Kündigung. Und da eine Abmahnung ja auch nur erfolgt, wenn Fehlverhalten festgestellt wird, fragen wir uns schon, ob es dann erst wieder eines Artikels in einer Zeitung bedurft, bevor gehandelt wird. Anders formuliert: Der Verdacht liegt nahe, dass man den leicht bekleideten Damen in Zukunft noch ab und an den Mantel des Schweigens reicht.

    Schauen wir uns doch mal an, wie es rein formal aussieht: In der Stadionordnung steht zum Thema: Nach §6, Abs.2 ist es verboten
a) Parolen zu rufen, die nach Art oder Inhalt geeignet sind, Dritte aufgrund ihrer/ihres Hautfarbe, Religion, Geschlechts oder sexuellen Orientierung zu diffamieren
b) Fahnen, Transparente, Aufnäher oder Kleidungsstücke zu tragen oder mitzuführen, deren Aufschrift geeignet ist, Dritte aufgrund ihrer/ihres Hautfarbe, Religion, Geschlechts oder sexuellen Orientierung zu diffamieren oder deren Aufschrift Symbole verfassungsfeindlicher Organisationen zeigt.

   Anders formuliert: Zum nackt tanzen steht da gar nichts. Dazu sollte man aber auch sagen, dass sich die Stadionordnung eben eher an die „normalen“ Zuschauer richtet, weil man von Geschäftspartnern sicher ein anderes Verhalten erwartet. So steht in der Stadionordnung ja auch nicht drin, dass die Caterer Bratwurst und Getränke verkaufen, sie tun es aber trotzdem, weil es eben woanders geregelt ist. Das irgendwann mal eine professionelle Strip-Bar innerhalb des Stadionbereichs gemaßregelt werden soll, war bei der Erstellung der Stadionordnung ja auch schlecht absehbar.

    Bliebe die Vermarktungsleitlinie, die nicht öffentlich einsehbar ist, dem ÜS aber vorliegt. Hieraus u.a.:

   1. Die Fans
Die Fankultur ist das höchste Gut des Vereins und deshalb sind die Fans bei einer etwaigen Interessenabwägung im Rahmen der Vermarktungs-aktivitäten auch stets umfassend zu berücksichtigen.
[…]

   3. Das Wesentliche
Das Wesentliche beim Fußball ist das Spiel der Mannschaften, deshalb soll dieses auch im Vordergrund stehen.

   4. Der Verein
Sponsoren und Wirtschaftspartner sind in Einklang mit der gesellschaftlichen Verantwortung des Vereins zu bringen.
Unternehmen der Rüstungs- und Atomkraftindustrie, Spirituosenanbieter, politische Institutionen, Pornographie- bzw. auch Erotikangebote oder Strukturvertriebsorientierte Finanzdienstleistungen.

    Anbieter von Waren und Dienstleistungen aus dem rechten Spektrum sind untersagt.
Alle anderen Partner können nur mit vorheriger Zustimmung von Verein akquiriert werden.
Der Umfang werblicher Aktivitäten soll sich stets - sowohl vom generellen Umfang, als auch vom Inhalt - in einem vernünftigen Verhältnis zum eigentlichen

    Unterhaltungsangebot, dem Spiel, befinden und sich zudem auf klassische Werbemittel des Fußballs fokussieren. D.h. artfremde Einflüsse, wie z.B. Cheerleader, Maskottchen, unverhältnismäßige Samplingaktionen und umfassende Presentings oder kommerzielle Choreographien sind nicht zulässig.

   Meeske betonte, dass es diese „vorherige Zustimmung“ gegeben hat, aber eben unter der klaren Absprache, dass kein Programm wie in der Show-Bar stattfindet.

Time will tell…

   Erotikangebote sind untersagt, werbliche Angebote sind ebenfalls eng gefasst, und um nichts anderes handelt es sich, wenn der Mieter eine Fotoagentur (Inside Pictures) in das Séparée einlädt um die Fotos an den Boulevard weiterzureichen. Ob dem nun tatsächlich so war, oder der Mieter vom Fotografen oder der Agentur überrumpelt wurde, können wir hier nicht klären. Neben dem formalen inhaltlichen Verstoß gegen die Absprache wurde aber damit (von wem auch immer) ganz klar gegen die Vermarktungsleitlinie verstoßen.

    Eine Ergänzung sei uns noch erlaubt: Mit Orion hat der FC St.Pauli ja aktuell einen weiteren Geschäftspartner aus der Erotikbranche. Dieser fällt bisher durch eine angenehm unauffällige und sachliche Präsenz im Stadion und sonstigem Auftritt auf, es geht also auch anders. Ob das Verschulden der jetzigen Öffentlichkeit beim Mieter, dem Verein, dem Boulevard oder der Fotoagentur liegt, ist dabei erst mal sekundär. Ebenso möchten wir betonen, dass es uns hierbei nicht um die müßige Diskussion geht, ob denn nun ein barbusiger Tanz an der Stange per se schon Sexismus ist, oder nicht. Es geht uns in erster Linie darum, dass hier auf dem Fankongress Absprachen zwischen Verein und Fanszene getroffen wurden, die hier (erneut: von wem auch immer) gebrochen oder wenigstens bewusst unterwandert wurden. Dies gilt es nun für die Zukunft zu reparieren bzw. verlorenes Vertrauen wiederherzustellen. Sollte dies nicht geschehen, kann man sich derartige Einrichtungen wie den Fankongress, der vom Verein ja auch durchaus medial verwertet wurde, zukünftig gerne sparen.

    In der Show Bar selbst darf auch gerne passieren was immer dort passieren soll, und natürlich gehört dies auch zum Stadtteil St.Pauli, zu dem sich der Verein ja auch völlig zurecht bekennt. Im Millerntor selber aber soll der Fußball im Vordergrund stehen und zumindest dort ist kein Platz für Showprogramm aller Art, sei es Wumbo aus dem Heide-Park, oder eine nackte Frau aus Susis Show Bar an der Stange.

   Der Verein (sowohl Präsidium als auch Vermarktung) wird sich an seinen Aussagen messen lassen müssen. Sollten sich derartige Vorstellungen im Séparée wiederholen, muss dies für den Mieter Konsequenzen haben. Abmahnung, Kündigung, fertig. Ansonsten wäre der Verein öffentlich am Nasenring herumgeführt worden bzw. gegenüber seinen Fans nicht mehr glaubwürdig, ein denkbar schlechter Start für das neue Präsidium. Die Stange abbauen zu lassen, dürfte kaum durchsetzbar sein, schließlich ist der individuelle Ausbau der Séparées ja auch ein Marketing-Gag, der bisher recht erfolgreich verkauft werden konnte. Und ohne barbusige Tänzerinnen an der Stange ist die Stange an sich eben nur ein nettes Gimmick des Mieters und nichts Anstößiges.

    Wir sind gespannt und bleiben dran, versprochen.

// Die Redaktion
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