Übersteiger Nr. 101

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Titten!

1%, 2%, DREI Prozent!... oder: Seid ihr alle Da? - JHV

"Fußball ist immer noch wichtig!" - 2009-Poll-Gewinner-Matthias-seine-Seiten

Klein-Hoffenheim vom Nordseestrand

"Störtebeker, du warst der beste Mann aller Zeit"



Klein-Hoffenheim
vom Nordseestrand

Der FC Sylt: Ein Fußballmärchen

    Vielleicht wird sich manch einer verwundert die Augen gerieben haben, als er unter den teilnehmenden Vereinen beim Viva Con Agua Cup im Januar den FC Sylt fand und sich vielleicht, was denn bitte das für ein Verein sein möge, in dessen Reihen sich mit Marcel Rath ein am Millerntor nicht unbekannter Name wiederfindet. Tja, das ist eine Geschichte, wie sie ein Herr Hopp im Kraichgau schrieb. Dietmar Hopp hatte einstmals einen Traum...er wollte mit einem Dorfverein in der Bundesliga spielen. Den Traum hat er sich erfüllt, mittlerweile.

    Volker Koppelt hatte einen ähnlichen Traum. Dem 62 jährigen gehören auf der Ferieninsel Sylt Hotels, Restaurants und ein paar Apartmenthäuser. Und so schuf er sich ein Kunstgebilde, den FC Sylt. Mit dem möchte Koppelt zumindest in der höchsten Liga Schleswig-Holsteins spielen. Also alles etwas kleiner und beschaulicher als in Hoffenheim oder auch bei Chelsea, denn Koppelt hat hier oben an der Küste den bösartigen Beinamen Abramovich Nordfrieslands.

   Der gelernte Steuerberater ist allerdings nicht nur Mäzen und Präsident, sondern offiziell auch Trainer des Vereins, den er in der Verbandsliga übernommen hatte. Das unterscheidet ihn also deutlich von den Machern des FC Chelsea und der TSG 1899 Hoffenheim.

    Koppelts Engagement im Fußball begann logischerweise auf Sylt, beim SC Norddörfer in Wenningstedt, wo auch das Syltstadion steht; die Mannschaft marschierte von der B-Kreisklasse Nordfriesland bis in die Bezirksoberliga Nord, in der es plötzlich auch im Fußball auf der Insel Geld zu verdienen gab, natürlich nicht offiziell. Doch dann zerbrach die Beziehung 2007 und endete im Rechtsstreit; Koppelt wurde bei den Norddörfern als Vorsitzender abgelöst und aus dem Verein ausgeschlossen. Im Syltstadion in Wenningstedt spielt mittlerweile das Team Sylt, das mit den Resten der Norddörfer Mannschaft eine Spielgemeinschaft einging. Aber Koppelt fand eine neue Heimat für seinen Traum; gründete seinen FC Sylt und ging mit dem FC Haddeby 04 eine Spielgemeinschaft ein. Fortan trugen die „Insulaner“ ihre Heimspiele in der 2.300 Seelen-Gemeinde in Fahrdorf am Südende der Schlei aus. Und Meister Koppelt fing an, einige namhafte Spieler in die Provinz zu locken; u.a. Maik Wilde aus Lübeck und Marcel Rath, einstmals Profi beim FC St. Pauli und gerade arbeitslos nach einem Engagement in Zypern. Im Café seiner Lebensgefährtin in Wesselburen soll Koppelt ihn aufgegabelt haben und ihm gesagt haben „jetzt spielst du für uns“. Summen von 1.200 € pro Monat stehen im Raum, von 20.000 € pro Jahr, was man beim FC Sylt verdienen kann. Wie gesagt, wir reden immer noch von der siebten Liga. Das wird natürlich von den Syltern eifrig und jederzeit dementiert.

    Der Meister marschiert, gewinnt schließlich die 2009 die Verbandsliga SH-Nordwest mit 11 Punkten Vorsprung auf den Tabellenzweiten und wäre damit für die Aufstiegsspiele zur Schleswig-Holstein Liga qualifiziert gewesen. Da bremste allerdings die Satzung des SHFV: Spielgemeinschaften dürfen nicht höher aufsteigen als bis zur Verbandsliga, auch nicht einer der an ihr beteiligten Vereine. Koppelt und sein Anwalt Dr. Wolfgang Klein (bekannt aus Funk und Fernsehen und als Ex-Präsident des HSV) legten Rechtsmittel ein und verloren. So einigte man sich im Juli 2009, die SG Sylt Haddeby wurde aufgelöst; der FC Sylt nahm den Verbandsligaplatz ein, dreht also quasi eine Ehrenrunde um den Aufstieg in die Oberliga, der FC Haddeby wandert in die Kreisliga. Man nannte das Ergebnis „eine für alle befriedigende Lösung“. Was im Zweifelsfall heißt, das Geld geflossen ist, von der Mutter Koppelt an die Leihmutter Haddeby, was natürlich auch alle Beteiligten dementieren. Nun nannte sich Koppelts Traum, Schleswig-Holstein-Meister zu werden, einfach nur FC Sylt.

    Seine Klagen, keine Heimat, kein Stadion und keine Mannschaft zu haben, konnten relativ schnell beendet werden. Über das Thema Heimat kann man streiten, das Thema Stadion erledigte sich relativ schnell, indem man im Lundbarg des TSV Fahrdorf heimisch bleiben kann. Und das Thema Mannschaft, da ging Koppelt wieder reisen. Natürlich nahm Koppelt acht Spieler aus Haddeby mit, darunter die Ex-Profis Wilde, Rath und Türkmen (auch Ex- Lübeck). Vier Spieler folgten dem Ruf des Ex-Kollegen Guido Gehrke (ehemals Holstein Kiel), schon 2007 im Gespräch bei den Norddörfern, und verließen den Ligakonkurrenten Husumer SV, der gerade aus der Oberliga abgestiegen war. Der Ex Manager von Altona 93, Jörg Franke, versprach, die besten Oberligaspieler Hamburgs an die Schlei holen zu wollen und ein Zittern ging um in Hamburgs Fußballlandschaft. Nun ist Franke zwar nicht Sportdirektor beim FC Sylt geworden, aber in Hamburg wurden die „Insulaner“ trotzdem fündig. Mit Andreas Krohn (30, Norderstedt), Helge Mau (39, Meiendorf), Dennis Weber und Ugur Alavanda (32 u. 27, Wedel) und Thomas Fliegel (32, FC Süderelbe) erlagen einige Routiniers dem Lockruf des Goldes und schnüren nun ihre Stiefel an der Schlei. Mit Oliver Kunkel (21) von Bergedorf gelang es sogar, ein hoffnungsvolles Talent zu verpflichten.

    Doch Koppelts Traum vom Aufstieg und der schleswig-holsteinischen Meisterschaft schien zu Anfang der letzten Saison in weite Ferne gerückt. Das deckte sich kaum mit seinen Ansprüchen. Zwar führte man zur Winterpause die Tabelle mit 47 Punkten an, doch Verfolger Frisia 03 Lindholm saß den Exil-Syltern mit 45 Zählern im Nacken und hatte noch zwei Spiele mehr zu bestreiten. Also ging Herr Koppelt in der Winterpause nochmals reisen und packte die Schatulle aus, um den Kader erneut zu verstärken. So gelang der Aufstieg in die Schleswig Holstein Liga (was allerdings auch an den schwächelnden Lindholmern lag). Und jetzt...ach so nebenbei; man könnte ja auch mal mittelfristig von der Regionalliga träumen (auch wenn das nicht offiziell als Ziel ausgerufen wurde). Koppelt hat ganz unverhohlen die Schleswig-Holstein-Meisterschaft als Ziel ausgerufen. Zu diesem wurde nochmals eingekauft und der Kader quasi ausgetauscht, 15 Spieler durften gehen. Der ehemalige litauische Nationalspieler Dmitrijus Guscinas (u.a. Holstein Kiel, Paderborn und Osnabrück) gilt nun offiziell als „Spielertrainer«, offiziell ist Koppelt Manager und Trainer in einer Person, allerdings war das auch mit dem Training immer so eine Sache. Schon Früher gab es eine Lübecker Trainingsgruppe um Maik Wilde und Ibrahim Türkmen und eine Hamburger Gruppe um Helge Mau. Nun trifft man sich drei Mal die Woche bei Guscinas in Bimöhlen im Kreis Segeberg, weil das so nett in der Mitte liegt und über die A 7 gut zu erreichen ist. Denn von den 16 Neuzugängen kommen allein fünf von Holstein Kiels Zweitverwertung und drei aus Henstedt Ulzburg, weswegen Jens Martens, der Trainer, gar nicht gut auf den Mann mit dem Koffer zu sprechen ist, der ihm seine Leistungsträger abspenstig gemacht hat. Und mit Kevin Weidlich sicherte sich Koppelt die Dienste eines der größten Talente des Hamburger Amateurfußballs, der zuvor schon mit höherklassigen Vereinen in Verbindung gebracht worden war.

Text

    Was das alles kostet? „Alle Spieler haben Verträge, da steht drin, was sie kriegen“ sagt Koppelt zu dem Thema, „schauen wir mal, was das kostet.“ Spricht für extrem erfolgsorientierte Verträge. Da hat Koppelt lange noch nicht so viel ausschütten müssen. Die Mannschaft kam nur schwer in Tritt, wird aber nun so langsam ihrer Favoritenrolle gerecht und hat sich bis auf zwei vorgearbeitet. Eines hat Koppelt allerdings noch nicht erreicht. Die Verhandlungen mit der Gemeinde Wenningstedt auf Sylt, die Koppelt seinem Team die Rückkehr auf die Insel ermöglichen sollte, verliefen sich auch im Sande. Koppelt wollte einige Spiele in der Rückserie 2009/10 im Syltstadion austragen, das verweigerte das Team Sylt als Pächter des Stadions, auch ein Testspiel gegen den HSV wurde den Pseudo-Syltern verweigert, angeblich weil der Rasen eine solche Mehrbelastung nicht vertragen würde. Sollte den Syltern der Sprung in die Regionalliga gelingen, wird es spannend werden, in welchem Stadion man dann spielt, denn dann geht das Fahrdorfer Stadion auf keinen Fall mehr und so viele regionalligataugliche Stadien gibt es in Schleswig Holstein nicht. Aber auch da wird sich sicherlich eine Lösung finden für Klein Hoffenheim von der Waterkant.

// Fuisligo
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