Übersteiger Nr. 101

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Titten!

1%, 2%, DREI Prozent!... oder: Seid ihr alle Da? - JHV

"Fußball ist immer noch wichtig!" - 2009-Poll-Gewinner-Matthias-seine-Seiten

Klein-Hoffenheim vom Nordseestrand

"Störtebeker, du warst der beste Mann aller Zeit"



„Störtebeker,
du warst der beste Mann aller Zeit“

Was der Übersteiger mit Somalia zu tun hat.

Schiff   Einer der informellen Helden unter den Fans des FC St. Pauli ist der sagenumwobene Klaus Störtebeker. Aber nicht nur die „Piraten der Liga“ beziehen sich, wo sie können, positiv auf den Anführer der Likedeeler (Gleichteiler). Als folkloristisches Ausstellungsstück muss Störtebeker auch bei allen anderen denkbaren Gelegenheiten herhalten, im „Hamburg Dungeon“ wird seine Enthauptung mehrmals am Tag von Gruseldarsteller nach gespielt.

   Störtebeker genießt einen untadeligen Ruf, insgeheim ist jeder Hamburger wohl auch ein wenig stolz auf ihn. Gut, er war auch irgendwie ein Krimineller. Aber gerecht, so wie Robin Hood. Gut, er hat wahrscheinlich Menschen getötet – aber wahrscheinlich schlechte Menschen, mindestens raffgierige Kapitalisten, die durch Kaufmannsschläue und Kartellbildung in Form der Hanse stinkreich geworden sind. Die hatten es wohl verdient. Dass Störtebeker aber genauso Machtpolitiker zwischen den Königshäusern war und nicht Klaus sondern Johann hieß, wissen schon weniger.

    Der Übersteiger hat sich den Störtebeker sogar als Logo ausgesucht. Aus welchem Grund entzieht sich meiner Kenntnis, ich war damals noch nicht dabei – es spielt auch keine Rolle. Warum ich das alles erzähle? Ich erzähle das, weil in Hamburg seit über 400 Jahren wieder ein Piratenprozess läuft. Es droht zwar niemandem die Todesstrafe, schon gar nicht durch Enthauptung, aber trotzdem spielt sich an historischer Stätte, nämlich Hamburg, unter unser aller Augen Historisches ab. Das erste Mal seit dem Mittelalter sollen wieder Piraten verurteilt werden.

   Nicht, wie viel meinen, am internationalen Seegerichtshof, der auch in Hamburg ist, sondern am Landgericht. Angeklagt sind, je nach Standpunkt, sechs Männer und vier Jugendliche. Die genaue Zahl der Aufteilung Jugendliche/Männer ist deswegen schwierig, weil die deutsche Staatsanwaltschaft nicht zu glauben bereit ist, dass einer der Angeklagten noch unter 14 ist. Er gibt sein Alter selber mit dreizehn an. Ein Gutachten der Staatsanwaltschaft behauptet, er sei bereits sechzehn. Dies zu klären wird die erste Aufgabe des Gerichtes sein.

   Dann gilt es zu klären, ob die zehn Personen überhaupt auf völkerrechtlich korrektem Wege nach Hamburg gelangt sind. Aufgegriffen wurden Sie nämlich vor der somalischen Küste von niederländischen Spezialeinheiten des Militärs auf einem Schiff unter panamaischer Flagge im Besitz einer Hamburger Reederei. Hochkomplizierte juristische Verwicklungen, die die zwanzig Verteidigerinnen und Verteidiger, allesamt PflichverteidigerInnen, vor dem eigentlichen Prozess wegen erpresserischem Menschenraub und gemeinschaftlichem Angriff auf den Seeverkehr, geklärt wissen wollen.

   Fest steht jetzt schon: Sollte es gelingen, eine Verurteilung zu erreichen, hat das Landgericht Hamburg das schwächste Glied in der Kette verurteilt. Die eigentlichen Hintermänner in Somalia werden wohl nicht belangt werden können. Und Bewerbermangel für den Beruf „Pirat“ wird es in Somalia auch nicht geben. Schließlich ist es für viele ehemalige Fischer die einzige Möglichkeit, Geld nach Hause zu bringen. Noch in den 80er Jahren war Somalia ein weitgehend autonomer Staat. Der Tauschhandel zwischen Bauern, Hirten und Fischern funktionierte, die wenigsten litten Hunger. Dann kamen die europäischen und asiatischen schwimmenden Fischfabriken, die, darf man dem deutsch-somalischen Journalisten Bile Aden glauben, in einem Akt organisierter Kriminalität zuerst illegal die reichhaltigen Fischbestände vor der Somalischen Küste plünderten und später mit lokalen „Warlords“ einen selbstverwalteten Lizenzhandel betrieben. Somalia befindet sich seit 1988 in stetiger Auflösung, die letzte funktionierende Regierung amtierte 1991. Bezeichnenderweise beginnt der Staatszerfall nach der ersten Intervention des Internationalen Währungsfonds, Strukturanpassungsprogramm genannt.

   Es sind dieselben Provinzfürsten, die heute verarmte Fischer anheuern, um westliche Containerschiffe zu kapern und sich davon Millionen Lösegeld erhoffen. Sie wissen genau, dass der internationale Seeverkehr eine Achillesferse des internationalen Handels ist. Nicht umsonst ist die erste Reaktion westlicher und asiatischer Staaten: Militär. Praktisch, dass deutsches Militär eh vor Ort ist. Die Bundeswehr ist aktuell in mehrere internationale so genannte „Friedensmissionen“ auf dem afrikanischen Kontinent eingebunden. Die Karawane, eine bundesweit organisierte Flüchtlingsorganisation, die den Prozess in Hamburg beobachtet, spricht schlicht von Imperialismus. Und liegt damit wohl nicht ganz falsch.

   Wer also demnächst beim Heimpogo zu Slimes „Störtebeker“ sein Bier übermütig über Muttis alte Schrankwand spritzt, sollte danach zumindest ein wenig darüber nachdenken, wie er heute zu „Piraten“ steht. Romantik ist ja schön und gut. Von den Reichen nehmen aber auch.

// Wilko
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