Übersteiger Nr. 102

Aus dieser Ausgabe:

Jolly Rouge

Derbyboykott – Dafür oder Dagegen?

Früher war alles besser // Gedanken zur Stimmung, Gewalt und Fangruppen

Bei der Zweiten steht man besser... // Interview mit Jörn Großkopf

Nachwort



Jolly Rouge

   Wer hätte das gedacht. Auf unserer Weihnachtsfeier in der Weinbar St. Pauli haben wir die erste Version eines Artikels über die aus unserer Sicht fragwürdige Liaison mit Susis Showbar diskutiert, das unter konspirativen Umständen zu Stande gekommene Cover-Foto ging von Hand zu Hand. Manche waren etwas euphorisiert, andere auch ein wenig stolz auf so eine Geschichte und wieder für andere war es halt eine Geschichte, wie es sie schon oft im Übersteiger gegeben hat: etwas meckerig, aber immer mit dem Herzen als Fan unseres FC St. Pauli geschrieben.

   Und dann das: Beim Heimspiel gegen Freiburg war ich persönlich überwältigt von der Welle, die auf einer feucht-fröhlichen Weihnachtsfeier ihren Anfang nahm und bis heute den leichten Muff, der sich unter den Talaren einiger Funktionäre und Vereinsangestellter angesammelt hat, wegspült. Wir sind Jolly Rouge. Ich will nicht sagen, dass der Übersteiger verantwortlich für die Proteste gewesen sei. Aber zumindest für die Redaktion war der Artikel der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

   Aber was ist eigentlich passiert, warum kam es zu dieser Eruption von Gefühlen? Ich versuche einen kleinen Blick zurück, ein Zwischenfazit. Denn mehr als ein Zwischenfazit kann ich nicht geben – der Protest, die Auseinandersetzung mit dem Verein und seiner Vermarktung ist noch lange nicht vorbei.

   Es schwelte schon länger. Für mich persönlich war zum Beispiel die Sache mit der etwas rüden „Umbettung“ alteingesessener Haupttribühnengänger während und nach Fertigstellung der Haupttribühne so etwas: Ein kleines Männchen in meinem Kopf hatte eine Waage in der Hand. Auf der einen, der rationalen Seite, standen Begriffe wie „Sachzwang“, „1. Liga“, „wirtschaftliche Notwendigkeiten“ usw. usf. Auf der anderen Seite war ein Bild. Das Bild von Menschen, die ich nun nicht unbedingt zu meinem engeren sozialen Umfeld zählen würde, meistens älter und beleibter als ich, die aber in hochgradiger Erregung bei spannenden Spielen vor ihren Sitzen stehend den Eindruck erwecken konnten, dass, sollte Ihnen ein gegnerischer Flankenläufer zu nahe kommen, sie ihm über die Bande hinweg den Kopf abzubeissen gewillt seien. Im rein sportlichen Wettkampf, versteht sich. Diese Menschen wurden geräumt. Zur Seite, weg vom Zentrum, weg von den Business-Seats. Das tat mir leid, wütend war ich noch nicht. Zumal es einigen gelungen ist, sich selbstorganisiert – der Einsatz von Sven Brux sei hier auch nochmal erwähnt – zu der schon jetzt legendären Gruppe Oldtras mit Blümchenarrangement zusammenzufinden. Aus der Not eine Tugend gemacht, das mildert die Enttäuschung.

   Ebenso ging es mir mit der zweiten Reihe Logen, die auf einmal auf dem Haupte der Haupt prangten. Sie stören nicht großartig, jedenfalls nicht mich auf der Gegengeraden. Gut, etwas weniger Sonne, aber die blendet ja eh meistens. Auf der anderen Seite: Ein wenig überraschend war es schon für mich, ich fühlte mich als Fan und Vereinsmitglied vor den Kopf gestoßen. Die Waage des kleinen Männchens in meinem Kopf hob den Berserkermob wieder ein wenig nach oben und senkte die andere Seite.

   Aber was soll's, hundert Jahre alt, halbfertiges Stadion, erste Liga – die Zufriedenheit, das emotionale Besoffensein half, so etwas sehenden Auges zu akzeptieren.

   Die tanzenden Frauen in Susis Loge waren aber ein Hammer, den man bei aller Glückseligkeit nicht übersehen konnte. Der Verein, korrekt: seine Vermarktung, hatte offensichtlich etwas akzeptiert, was mir als Mitglied des Vereins entschieden zu weit ging. Allen Beteuerungen, nackt tanzen sei explizit ausgeschlossen worden, zum Trotz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass aus der Chefetage niemand bemerkt haben will, was dort vor sich ging. Hat uns 1946 ja auch keiner abgenommen – zu Recht.

    Parallel dazu entwickelte sich ein im Forum ein Faden, der versucht hat, all die kleinen Nickeligkeiten, die einzeln für sich genommen, noch niemanden wütend machen, zu sammeln. Aufhänger war dort das frühzeitige Verlassen des Stadions großer Teile der Haupttribühne – etwas, was für mich auch auf die Seite der Waage des kleinen Männchens gehört, auf der auch der BWL-Erstsemester-Einführungsreader liegt. Kann man verschmerzen, auch wenn es nicht schön ist.

   Dann kam die LED-Wand-Aktion vom „Sponsor of the day“, blau de. Drei LED-Wände, auf denen der geneigte Kunde der Stadionvermarktung munter SMS schreiben durfte, die dann aller Welt in Laufschrift zugänglich gemacht wurden. Was bei Twitter noch ein Knaller war, ist in einem Stadion einfach nur ein Rohrkrepierer. Bei etwa 23.000 Fans wurden in neunzig Minuten laut blau.de ca. 400 SMS öffentlich gemacht. Darunter waren neben den üblichen „Karl grüßt seine Birgit“ und „Stupsi, ich liebe dich“-Grüßen auch echte Widerwärtigkeiten. Grüße an die Bundeswehruni sind da noch das harmloseste, angeblich, ich habe es nicht selbst gesehen, sollte sich auch ein Mensch, der dem Hobby „Nutten züchten“ frönt, gegrüßt fühlen. Nicht durch kamen Kurzbotschaften, die diese Art der Vermarktung pauschal als „Scheiß-Kommerz“ abkanzelten. Die Waage senkte sich endgültig, schien dort wie Beton zu verweilen und der Haupttribühnenmob auf der angehobenen Seite machte ziemlich traurige Gesichter.

   Nach einer großen Welle der Erregung machte sich eine gewisse Melancholie breit. Passend fand ich den Begriff „Liebeskummer“. Nun kann man auf verschiedene Art mit Liebeskummer umgehen. Manche holen sich eine Flasche Schnaps und sind zwei Tage nicht zu sprechen, andere rufen Freunde an, bis die das Geheul nicht mehr ertragen und wieder andere – kämpfen. Kämpfen um das, was Ihnen liebenswert erscheint, was ihr Leben ausmacht. Die Gründe für Liebeskummer sind dabei genauso vielfältig. Vertrauensbruch, Entfremdung, gegenseitiges Unverständnis sind beliebte Motive. Allein: der Grund ist eher nebensächlich. Wichtig ist, dass man eine Ebene erreicht, in der das Konkrete nicht so sehr die Rolle spielt. Das große Ganze, das Abstrakte, unerklärliche Gefühle sorgen dafür, dass man alles in Frage stellt.

   Weil viele diesen Punkt erreicht hatten, den Punkt, an dem man sich einig war: Es geht gar nicht um kritikwürdige Einzelheiten, um Kleinkram. Es geht um das Selbstverständnis. Diese Einsicht, die dann in die Neuauflage der Sozialromantiker kumulierte, ist der eigentliche Grund für das Inferno in rot, welches gegen Freiburg zu beobachten war. Auf einmal zeigte sich, wie tief der Verein noch im Viertel steckt und umgekehrt. Freiräume zum gemeinsamen Basteln und miteinander reden taten sich auf. Aktive und ehemalige Politniks nutzten ihre Erfahrungen und Ressourcen, um anderen zu zeigen, wie schnell sich Fahnen und Transparente herstellen lassen. Menschen, die sich aufgrund dieser Dynamik entschieden haben, den längst überfälligen Vereinseintritt zu wagen. Hilfreich war natürlich das gemeinsame Symbol, die gemeinsame Symbolik. Der schwarze Totenkopf auf rotem Grund, der Jolly Rouge.

   Ich will gar nicht im Einzelnen auflisten, was alles passiert ist. Bemerkenswert scheint mir nur, wie hilflos die Kritisierten reagierten. Es wurde Front gemacht, wo kein Land zu gewinnen war. Als besonders negativ ist mir dabei Dr. Stenger in Erinnerung geblieben. Kommunikation via Medien, wie ungerecht es sei, dass niemand der Sozialromantiker sich zu erkennen geben wolle. Besonders weh hat ein Zitat getan: „Wir haben 19 Millionen Fans in der Bundesrepublik. Auf eine Million mehr oder weniger kommt es dabei nicht an.“ Der Mann hatte nichts begriffen. Spätestens jetzt kippte meine Waage komplett, unvermittelt und nachhaltig auf die andere Seite. Und zwar so heftig, dass sich das Männchen, welches die Waage hält, heute noch nicht von dem Schock erholt hat.

// Wilko
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