Übersteiger Nr. 102

Aus dieser Ausgabe:

Jolly Rouge

Derbyboykott – Dafür oder Dagegen?

Früher war alles besser // Gedanken zur Stimmung, Gewalt und Fangruppen

Bei der Zweiten steht man besser... // Interview mit Jörn Großkopf

Nachwort



Derbyboykott –
Dafür oder Dagegen?

   Am vierten Spieltag der laufenden Saison riefen die Fans der BVB dazu auf, das Revierderby aufgrund der wahnwitzigen Preispolitik der Schalker zu boykottieren. Eine riesige Anzahl von Fanclubs und Einzelpersonen folgte dem Aufruf und stornierte sämtliche Ticketbestellungen. Auch beim Hamburger Derby langten unsere Nachbarn vom Stadtrand bei den Eintrittspreisen kräftig hin. Der billigste Stehplatz war für 20,-€ zu haben. Für einen normalen Sitzplatz wurde man zwischen 38,- und 89,- € zur Ader gelassen. Hätte unser Verein im Hinspiel die Preise für Gästetickets proportional im Verhältnis 2.200 zu 5.500 umgerechnet, um auf den gleichen Reibach zu kommen, wäre der Steher für 50,- und eine Arschmulde für ca. 95,- bis 220,- Taler an den geneigten Vorstadtanhänger gegangen. Aber bevor wir uns hier in unsinnigen Rechenspielen verlieren, fragen wir lieber, ob sich ein Boykott des Derbys, auch als sinnvolles Modell für uns darstellt hätte. Zugegeben, eigentlich war die Diskussion schon vor dem Spiel irgendwie ein Rohrkrepierer und spätestens nach dem historischen Erfolg, beißt sich wohl jeder in den Allerwertesten, der nicht dabei war. Da aber unsere beiden Redakteure ihre vorab gefertigten Texte unbedingt gedruckt sehen wollen, hauchen wir der Debatte posthum neues Leben ein.

Pro

Derby war und ist immer ein Gefühl. Ein Mix aus Hass, Rivalität und ganz viel Liebe. Gepaart mit Leidenschaft für den einen Klub. Das kann nur der eigene sein der einem gegeben ist.

Derby war die kleine Marschmetropole Wilster gegen den Traditionsklub aus der Kreishauptstadt. Der Spieltag ein Rausch für alle, die als Fußballverrückte gelten. Alte Männer mit Hut und Stock, Cliquen von Halbstarken, Jungs und Mädchen beim ersten Knutscher, Jugendabteilungen sammeln für Turniere. Einige Dorfdoofis sind auch dabei, Kreisblattreporter machen Bilder und sammeln O-Töne und selbst der Dorfsheriff fährt im Dienstwagen vor. Ja, Alle die da nun so zusammen um den Platz stehen wollen, müssen am einzigen Holzhäuschen mit vereinseigenen Faktotum Kartenverkäufer vorbei. „Erwachsene 2 Mark achtzich, Rentner, Kinder, Arbeitslose: Zwei!“ Spätestens mit Anpfiff dann entlarven die ersten Pöbelnden ihre Gesinnung. Stimmung kommt auf. Derby ist auch Bierkampf: Astra gegen Holsten, Marschbier gegen Geestplörre, so verraten sich die Fanlager am Stand und es dauert nicht lange, bis sich das Geschehen auf das Feld oder vom Feld auf das Publikum überträgt. Pöbeln und Hoffen und stets besser wissen, was, wie zu tun ist, um die Anderen zu besiegen. Nach fünf Minuten merken, dass heute kein Blumenpott zu gewinnen ist. Quäkende Lautsprecherdurchsagen verkünden die Aufstellungen. Zwei Halbzeiten später dann in der Sportklause noch mal hören, warum heute nicht der Tag war, aber beim nächsten mal bestimmt wieder ist! So war das Derbygefühl, für immer eingebrannt auf der Festplatte und immer wieder mit Updates verbessert und erweitert. So ist es aber nicht mehr.

Astra gegen Holsten gibt es schon lange nicht mehr. Kommt nun aus einem Haus der Schrottsaft, schmeckt auch immer noch beides Kacke. Derby-Updates gibt es jetzt wieder. Das Gefühl aber ist tot. Heute muss man sich das Gefühl nämlich teuer erkaufen, Gefühle kann man nicht kaufen. Für den Fannachwuchs oder den Familienausflug ist der Stadionbesuch schon lange nicht mehr die billige Freizeitalternative. Fußball verkommt aufgrund der enormen Eintrittspreise zu einem geschlossenen Kreis von Faneliten, die verrückt genug sind, diese enormen Summen aufzubringen. Derbygefühl ist tot! Erwacht auch durch den Kauf eines Tickets nicht zum Leben. Ganz zu schweigen davon, dass das mediale Hickhack um ein abgesagtes Derby den Profisport erst recht ad absurdum führt. Da kann man nicht mehr guten Gewissens hingehen, lieber mal wieder den Nachwuchs stärken und eine kleine neue Festplatte installieren. Fansein ist mehr als eine viel zu teure Eintrittskarte für den Profi(t)zirkus.

//JE

Contra

Zugegebenermaßen war ich schwer beeindruckt, als ich mitbekam, wie viele Fans des BVB aufgrund der schon bizarr anmutenden Preispolitik des Nachbarn aus Schalke dem Boykottaufruf zum Revierderby folgten. Mit Sicherheit eine gut gemeinte Aktion. Wie aber heißt es doch so schön? Gut gemeint ist das Gegenteil von gut getan.

Warum eigentlich ist das Mittel des Boykotts so oft erste Wahl, wenn es darum geht, gegen irgendwas zu protestieren? Nun, zunächst erfordert es relativ wenig Einsatz. Man muss nämlich nichts tun, außer zu Hause zu bleiben und obendrein spart man auch noch Geld dabei. Wer dagegen an die Kommerzkritik unter dem Jolly Rouge denkt, dem wird schnell der Unterschied zwischen beiden Protestformen klar. Außerdem stellt sich natürlich noch die Frage, inwieweit ein Boykott die angestrebte Aufmerksamkeit erzielt. Erfahrungsgemäß ist den konventionellen Medien Aktionen dieser Art nämlich bestenfalls eine Randnotiz wert. Selbst mir als wissenden Betrachter zeigten sich beim Spiel auf Schalke im Fernsehen kaum nennenswerte Lücken auf den Zuschauerrängen. Schließlich findet sich immer ausreichend finanzkräftiges Klientel, das den Vereinen die Karten aus den Händen reißen. Und bumbs hat man die Möglichkeit, die eigene Mannschaft nach Leibeskräften zu unterstützen, eventuell irgendeinem ahnungslosen Dödel übertragen. Nicht eben verantwortungsbewusst möchte ich behaupten.

Der zweite Grund, warum ich mich gegen einen Boykott entschieden habe, ist rein egoistischer Natur. Das Revierderby findet mit wenigen Unterbrechungen in jedem Jahr seit Bestehen der Bundesliga statt. Auch wenn die Lüdenscheider in den letzten drei Spielzeiten nur einen Sieg verbuchen konnten, unterm Strich können sie ihre Erfolge wahrscheinlich nicht einmal mehr zählen.

Dagegen hoffe und bange ich seit fast einem Vierteljahrhundert mit dem magischen FC und habe seither kein einziges Derby in der Bundesliga verpasst. Da unser letzter Sieg aber bis zum 16. Februar '11 knapp 34 Jahre zurücklag, blieb mir die Erfüllung des großen Traumes, nämlich einmal die Rauten zu ficken, bis dato verwehrt. Wer weiß, wann ich wieder einen solchen Orgasmus erleben darf. Vielleicht wird es wieder 34 Jahre dauern. Wenn ich dann mit meinem Rollrasenverlegerversagerbesieger-T-Shirt im Rollstuhl ins Stadion geschoben werde, will ich sagen können: „Ich war dabei!“

//Troll

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