Übersteiger Nr. 102

Aus dieser Ausgabe:

Jolly Rouge

Derbyboykott – Dafür oder Dagegen?

Früher war alles besser // Gedanken zur Stimmung, Gewalt und Fangruppen

Bei der Zweiten steht man besser... // Interview mit Jörn Großkopf

Nachwort



Bei der Zweiten steht man besser...

Ansich hatten wir Übersteigers uns nach dem Abgang des Fanzines“ der Amateur“ vorgenommen, dass wir uns JGauch ein wenig mehr um unsere „Zwote“ kümmern wollten, aber das ist irgendwie liegen geblieben. Im Rahmen des „Gute Vorsätze machen“ haben wir beschlossen, dieses Vorhaben wieder aufzugreifen. Verdient haben es die Jungs allemal, mischten sie doch in der Hinserie 2010 die Oberliga Hamburg auf und machen sich daran, als Tabellenführer den Sprung in die vierthöchste deutsche Spielklasse erneut anzugehen. Davon war ja vor der Saison nicht unbedingt auszugehen, denn zwölf Spieler hatten die Mannschaft verlassen, darunter so arrivierte Kräfte wie Emir Zekiri, Dennis Theißen, Stefan Winkel, Marius Browarczyk, Kristoffer Laban oder Farai Mbidzo. Von den zwölf Neulingen waren vier aus der eigenen U 19 und der Rest waren fast alles Oberligisten mit zwei Ausnahmen: Vasilis Vallianos kam vom griechischen Viertligisten Nea Ionia AO und der alte Kempe Hauke Brückner kehrte von Holstein Kiel zurück an die Waidmannstraße. Scheint, dass überhaupt die Rückkehr an die alte Spielstätte der Mannschaft gut getan hat Auch wenn hier die einzige Saisonniederlage kassiert wurde, stehen doch sieben Heimsiege zu Buche. Als erster Beitrag folgt dann ein Interview mit dem Trainer der U 23 Jörn Großkopf.

ÜS: Wie sehen sie insgesamt die Aufgabe als Trainer einer “zweiten Mannschaft”?
JG: Es geht vordergründig um die Aus- und Weiterbildung der Spieler im Übergangsbereich zwischen Nachwuchs- und Lizenzbereich. Das Ziel dieses Ganzen ist natürlich das Heranführen von Toptalenten an den Lizenzbereich.

ÜS: Wie zufrieden sind Sie mit den bisherigen Leistungen der Mannschaft?
JG: Ich bin sehr zufrieden, vor allem mit der Art und Weise, wie das Team Vorgaben umgesetzt hat. Wir müssen allerdings auch wissen, dass der jetzige Tabellenstand nur eine Momentaufnahme ist, und wir noch eine heiße Rückrunde vor uns haben.

ÜS: War eine solche Serie zu erwarten oder hätten Sie andere Mannschaften stärker eingeschätzt?
JG: Das wir Qualität haben, in dieser Klasse gut abzuschneiden, war mir nach der Vorbereitung schnell klar. Es ist aber ein Vorteil, dass die Mannschaft so schnell zueinander gefunden hat. Hier hat sich ein Team gefunden, wo es einfach passt. Das merkt man auch außerhalb des Spiel- und Trainingsbetriebes. Was andere Mannschaften betrifft möchte ich mich ein wenig zurückhalten. Sicherlich gibt es Überraschungen in positiver, als auch negativer Hinsicht. Jeder, der sich mit dieser Oberliga auseinander setzt, weiß aber, welche Teams da gemeint sind!

ÜS: Wer war für sie der Spieler der Hinserie, wer hat den größten Sprung gemacht, wer hat sie ein wenig enttäuscht?
JG: Einen Spieler der Hinserie gibt es für mich nicht. Die aus dem Bereich der U19 kommenden Alassani, Meyer, Springer haben sich schnell an den Herrenfußball gewöhnt, haben sehr gute Spiele gemacht. Ein Pichinot, ein Brückner oder auch ein Hinzmann sind für diese Mannschaft ungemein wichtig. Bei dem einen oder anderen fehlt mir manchmal die Beständigkeit in gezeigten Leistungen. Aber dafür sind die Jungs jung und in einem Lernprozess. Diese Dinge besprechen wir intern im Kreise der Mannschaft. Aber wirklich enttäuscht hat mich keiner.

ÜS: Muss nach den bisherigen Leistungen jetzt der Anspruch sein, mit der Mannschaft in die Regionalliga aufzusteigen? Was müsste sich dafür noch verbessern?
JG: Natürlich wollen wir in die RL aufsteigen. Es wäre nach dieser Hinserie Blödsinn zu sagen, dieses sei nicht unser Ziel. Aber das ist noch ein langer Weg, denn jeder Gegner wird gegen uns noch motivierter sein.
Das Einzige, was ich mir wünsche an Verbesserung, ist dass die Trainingsanlage an der Kollaustraße (neuer Kunstrasenplatz) schnell fertig wird. Es ist momentan so, dass wir keine richtige “Trainingsheimat” haben, so dass wir sehr viel improvisieren müssen. Aber auch das ist ja bald geschafft. Da freuen wir uns alle sehr drauf.

ÜS: Wie wichtig wäre der Aufstieg in die Regionalliga? Verringerung der Distanz zwischen erster und zweiter Mannschaft? Verbesserte Wettbewerbsbedingungen, höhere Leistungsdichte als in der OL. Verringerung der Gefahr, dass junge Spieler abwandern
JG: Dies alles trifft zu. Ohne die Qualität der Oberliga zu schmälern, ist diese in der RL um Klassen höher. Dort trainieren fast alle Mannschaften unter Profi-Bedingungen. Unsere Spieler spielen auf höheren Niveau und auch die Spieler, die aus der ersten Mannschaft bei uns Spielpraxis sammeln, spielen unter höheren Anforderungen. Das ist für die Ausbildung eines Spieler garantiert von Vorteil. Auch stimmt es natürlich, dass wir evtl. mal einen Spieler halten können, der sonst eine andere Entscheidung trifft. Grundsätzlich wollen wir mit jungen Spielern und am liebsten aus dem eigenen “Stall” arbeiten.

ÜS: Die letzte Teilnahme der U 23 an der RL war ein ziemliches Desaster; was denken sie, ist die jetzige Mannschaft besser für das “Abenteuer RL” gerüstet?
JG: Ich denke nicht, dass es ein Desaster war. Wir hatten in der Rückrunde einfach zu viele Verletzte. Teilweise musste ich in der Endphase auf 6 – 8 Spieler verzichten, die alle zu den Stammkräften gehörten. In der Hinrunde haben wir gegen Teams wie Wolfsburg II, Hertha II, Chemnitz, Hannover II gewonnen, wo wir gesehen haben, dass wir in dieser Liga spielen können. Ob die zukünftige Mannschaft gerüstet sein wird, wird sich zeigen. Aber wir sind bei der Kaderplanung so eingestellt, dass wir eine schlagkräftige Truppe zusammenstellen.

ÜS: Wie stehen Sie zur Frage der Heimspielstätte im Falle eines Aufstiegs, die war beim letzten RL-Auftritt keine Festung… Millerntor oder vielleicht doch Hoheluft?
JG: Was die Heimspiele betrifft, ist es natürlich für die Jungs ein Erlebnis, am Millerntor zu spielen. Aber: bei dem Zuschauerzuspruch, den wir in der Regionalliga hatten, macht es vielleicht mehr Sinn, an einer anderen Stätte zu spielen. Denn vor 1000 Zuschauern an der Hoheluft zu spielen ist von der Stimmung her evtl. sinnvoller als am Millerntor. Aber das werden wir zu gegebener Zeit besprechen.

ÜS: Was müsste geschehen, um in der RL bestehen zu können?
JG: Das Gesicht der U23 verändert sich so oder so jedes Jahr. Es kommen Spieler dazu, und es werden uns Spieler verlassen. Das ist in einer U23, wie auch bei anderen Vereinen nun mal so. Im Fußball ganz normal. Wir werden aber Wert darauf legen, dass wir bei der Zusammenstellung des Kaders, eine gute und qualitativ hochwertige Mannschaft hinbekommen. Was die Strukturen betrifft, ist im Verein in den letzten Jahren unheimlich viel positives geschehen. Trotzdem wollen wir uns in allen Bereichen stetig weiter entwickeln und verbessern. Der Satz “Stillstand ist Rückschritt” passt hier hervorragend.

ÜS: Wie stehen Sie generell zur Regional- / Oberligastruktur in der gegenwärtigen Form, was müsste Ihrer Meinung nach verändert, verbessert werden?
JG: So wie es jetzt angedacht ist, dass die neue RL ab 2012 verändert wird, finde ich gut. So fallen z.B. die immens weiten Fahrten in den Osten des Landes weg und damit auch die doch sehr hohen Kosten, die damit verbunden sind. Die Planungen laufen in die richtige Richtung.

ÜS: Ist es generell wichtig, eine Verzahnung zwischen erster und zweiter Mannschaft zu haben, d.h. sprechen Sie und Stani (und auch die Jugendtrainer) sich ab bezüglich Spielphilosophie und -Verständnis; harmonisieren Sie Trainingsprogramme?
JG: Das kann ich ganz einfach beantworten. Die Verzahnung zwischen erster und zweiter Mannschaft wie auch zum Nachwuchsbereich ist großartig. Es findet ein regelmäßiger Austausch zwischen uns Trainern statt. Auch hier hat sich in den letzten Jahren viel in positiver Hinsicht getan. Natürlich gibt es bestimmte Dinge die wir, was die die Spielphilosophie betrifft, absprechen. Das muss auch so sein, damit Spieler nicht jedes Jahr wieder neue Dinge lernen müssen, wenn sie den Jahrgang verlassen.

ÜS: Was mich erstaunt ist der trotz der guten Leistungen geringe Zuschauerzuspruch bei der U 23, wobei das Stadion bei Spielen der ersten Mannschaft doch jedes Mal ausverkauft ist. Können Sie sich das erklären?
JG: Ganz ehrlich: nein. Habe ich keine Erklärung für. Denn auch in der Oberliga wird guter Fußball geboten. Aber vielleicht findet der eine oder andere ja in der Rückrunde mal den Weg zur Waidmannstraße.

ÜS: Was würden Sie sich für Ihre weitere Arbeit und für die Zukunft wünschen?
JG: Momentan bin ich sehr zufrieden in der Aufgabe die ich bekleide, fühle mich an der richtigen Stelle. Mir macht es riesigen Spaß und Freude, wenn ich erkenne, dass ein Spieler sich durch unsere Arbeit weiterentwickelt. Ein gutes Beispiel dafür ist Dennis Daube, den ich bereits 2007 in der U19 Regionalliga trainiert habe. Das ist auch ein wenig Bestätigung für anständige Arbeit.

ÜS: Herr Großkopf, wir danken für das Gespräch

Anm: Kurz vor Abschluss der Transferperiode hatte der FC St. Pauli und vor allem die U 23 noch zwei bittere Abgänge zu verzeichnen, die stellvertretend für das Dilemma stehen mögen, welches im Interview angerissen wurde: Davidson Drobo-Ampem, Pendler zwischen erster Mannschaft und U 23, wurde bis zum Saisonende an den dänischen Erstligisten Esbjerg FB ausgeliehen. Und Nils Pichinot, bekannt durch sein 2:1 letzte Saison gegen Ahlen und momentaner Anführer der Torschützenliste in der OL Hamburg (16 Treffer) sammelt nun höherklassige Spielpraxis beim drittligisten Carl Zeiss Jena. Natürlich haben wir Jörn Großkopf um ein abschließendes Statement zu diesen Wechseln gebeten:

JG: Ich denke, für beide ist es der richtige Schritt. Drobo muss einfach, wenn er sich in einem Profi-Club durchsetzen will, auf höherem Niveau spielen und nicht nur trainieren. Daher macht der Wechsel absolut Sinn, da er dort in Esbjerg seine einsätze bekommen wird. Für Pichi ist es ebenfalls ein guter Schritt. Er muss zeigen, das er sich auch dort in der dritten Liga durchsetzen kann und seine Tore macht. Voraussetzungen, was seine Physis und seinen Willen betrifft, sind auf jeden Fall vorhanden. Beide haben einen absolut guten Charakter und ich wünsche ihnen, dass sie ihre Ziele verwirklichen können, auch wenn es für unsere U23 eine Schwächung ist. Vielleicht sehen wir sie ja in Braun-Weiß wieder.

// luisfigo
< nach oben >