Übersteiger Nr. 103

Artikel dieser Ausgabe:

Vorwort

Von der Romantik

Die »Investition« aus Sicht des Ständigen Fanausschuss

Der FC St. Pauli im Nationalsozialismus

Übersteiger Blogschau: taktikguru.net

Neues von den Alten



Übersteiger Blogschau:
taktikguru.net

Beim herumsurfen im Internet stößt man auch außerhalb des St. Pauli-Kosmos immer mal wieder auf kleine Fußballblogperlen. Meistens frage ich mich dann, warum der der etablierte Sportjournalismus zu solch lesenswerten Einzelstücken nicht mehr in der Lage ist. Deswegen hat die Übersteigerredaktion beschlossen, die digitalen Fundstücke in seinem Holzmedium zu würdigen und stellt die Menschen hinter den Blogs ab sofort in einer mehr oder weniger regelmäßigen reihe vor. Los geht es mit taktikguru.net. Dort macht sich ein Mensch die Mühe, relativ emotionslos und analytisch Fußballspiele streng nach taktischen Gesichtspunkten zu bewerten. Also schnell den Macher Tobias angeschrieben, dumme Fragen gestellt und kluge Antworten bekommen. Lest selbst.

ÜS: Hallo, Tobias. Danke, dass du dir Zeit für den Übersteiger genommen hast. Dann lass uns mal loslegen: Wie alt bist du, wo wohnst du, was machst du beruflich?
Ich bin ein 23jähriger Student aus Hannover. Passenderweise studiere ich Sport, aber mein Fußballwissen habe ich mir außerhalb der Uni angeeignet.

ÜS: Für welchen Verein schlägt dein Herz?
Früher war ich ein sehr großer Fan des BVBs, mit allem, was dazu gehört. Dann kam die Ära Meyer, die am Ende den Verein sehr weit von den Fans und auch von mir weg gebracht hat. Seitdem habe ich beschlossen, dass ich meine Laune unter der Woche nicht von elf Kickern abhängig machen will, die zu meinem Verein weniger Bezug haben als ich. Natürlich freue ich mich über die großartige Saison des BVB, das kann man nicht von heute auf morgen abstellen. Aber ich würde mich nicht als zur Fanszene zugehörig sehen.

ÜS: Hast du einen zweiten Lieblingsverein?
Ich bin ein großer Fan von Teams, die in ihrer Spielweise flexibel sind. Chelsea und Inter unter Mourinho wären hierfür ein Beispiel – die haben in einer Halbzeit mit vier Stürmern gespielt, um dann in der nächsten Hälfte mit zehn Mannen am eigenen Strafraum zu verteidigen. So etwas imponiert mir.

ÜS: Bist du regelmäßiger Stadiongänger oder gar Dauerkartenbesitzer?
Auch wenn ich nicht mehr beim BVB aktiv bin, trifft man mich regelmäßig in den Stadien des Nordens. Diese Saison habe ich unter anderem St. Pauli hier in Hannover siegen sehen. Auch in den Stadien in Bremen und Hamburg bin ich immer gerne, auch wenn mein letzter Besuch am Millerntor drei, vier Jährchen her ist.

ÜS: Bist du denn sonst irgendwie selbst aktiver Sportler? Oder Schiedsrichter, Jugendtrainer usw.?
Ein Grund, warum ich mich eher für Taktik interessiere, liegt an meinem fehlenden Fußballtalent. Ich habe früher mal in der Kreisklasse in Hamburg gespielt und in der Bezirksliga an der Linie gestanden. Aber nach meinem Umzug nach Hannover habe ich eingesehen, dass ich an der Taktiktafel besser aufgehoben bin als auf dem Bolzplatz.

ÜS: Kannst du denn mit dem neumodischen Begriff des "Konzeptfußballs" etwas anfangen? Teilst du das Lob vieler Sportjournalisten an solche Trainer, die angeblich einen Umbruch eingeleitet hätten wie Dutt, Tuchel, Klopp oder Stanislawski?
Der Begriff Konzeptfußball ist meiner Meinung nach ein wenig verwässert. Ich würde unterscheiden zwischen dem Konzept, das ein Verein über Jahre hinweg verfolgt, und dem taktischem Konzept auf dem Platz. Ersteres braucht man, um langfristig erfolgreich zu sein. Man muss eine grobe Vorstellung haben, wie die eigene Mannschaft spielen soll, und dementsprechend seine Transferpolitik und Jugendmannschaften gestaltet. Gerade für kleinere Mannschaften mit wenig Geld ist das passende Konzept sehr, sehr wichtig. Ein gutes Beispiel für eine Mannschaft mit Konzept ist in der Tat St. Pauli. Hier wird gerade im Jugendbereich gut gearbeitet.
Taktischen Konzeptfußball sehe ich eher kritisch. Erfolgreich ist man am ehesten, wenn man die eigene Taktik flexibel danach ausrichten kann, was auf dem Platz passiert. Man muss eine konkrete Idee haben, wie die Mannschaft spielen soll, aber darf sich nicht zu fein sein, diese Strategie über Bord zu werfen, wenn es mal nicht so läuft. Das war im Übrigen van Gaals Problem. Aber der Gedanke, den viele Sportjournalisten haben, nämlich dass „Konzeptfußball“ das Heil der Dinge ist, teile ich nicht.

ÜS: Wie viel Fußball schaust du dir denn unter der Woche im Fernsehen an?
Das variiert nach Lust und Laune. In Europapokalwochen kommt es vor, dass ich pro Tag ein Spiel sehe – dienstags bis donnerstags Champions und Europa League, freitags bis sonntags Bundesliga und montags das Topspiel der zweiten Liga. Fußball ist zwar mein liebstes Hobby, aber eben nur ein Hobby. So kann es auch passieren, dass ich mir ein Wochenende was anderes vornehme und nur das Topspiel sehe – wenn überhaupt.

ÜS: Welcher Wettbewerb ist dein Lieblingswettbewerb?
Ganz klar, die Bundesliga. Hier kenne ich die Vereine, die Fangruppierungen, die Stadien. Auch wenn viele andere Taktikblogger am liebsten nach Spanien oder England schielen – ich komme von der Bundesliga nicht weg.

ÜS: Und welcher Trainer der Bundesliga aus aus deiner Sicht der konsequenteste Taktiker?
Das ist immer schwierig zu sagen. Ein taktisch guter Trainer muss meiner Meinung nach eine eingespielte Strategie haben, die er falls nötig während des Spiels dem Gegner und den Bedingungen anpassen kann. Klopp kann das meiner Meinung nach sehr gut, auch Tuchel, Dutt und Rangnick sind natürlich Taktikspezialisten. Vor dem Anpfiff können Stanislawski und Slomka ihre Mannschaften gut auf den Gegner einstellen, ihnen fehlt allerdings noch die Fähigkeit, durch die passenden Wechsel ihre Spielweise und damit das Spiel komplett zu drehen.

ÜS: Wie bist du auf die Idee mit dem Blog gekommen?
Im Endeffekt ist mein Blog ja der englischen Seite „zonalmarking“ sehr ähnlich, natürlich gab es da Inspirationen. Ich habe die Seite von Anfang an verfolgt, aber zunächst nicht dran gedacht, selber was zu machen. Ich war mir immer unschlüssig, ob mein Taktikwissen und meine Schreibfähigkeiten für sowas ausreichen. Während der WM im letzten Jahr hat sich das Ganze dann konkretisiert. Ich persönlich bin so gar kein Public-Viewing-Deutschlandfahnen Mensch. Nach den Spielen der Nationalmannschaft kamen dann aber viele Leute in meiner Umgebung an, die von Fußball wenig Ahnung hatten, und meinten, mir erklären zu müssen, wieso Deutschland Weltmeister hätte werden müssen und warum die Niederlage gegen Spanien total unverdient war. WM-Fußballfans eben. Ich hab dann immer versucht, mit Taktik und Spielplänen zu argumentieren – das kam aber natürlich bei den wenigsten an. Irgendwann kam dann jedoch ein Kumpel zu mir und meinte, ich hätte sehr viel Ahnung von Fußballtaktik, warum ich denn nicht so etwas wie ZonalMarking auf deutsch mache? Da war es für mich beschlossene Sache.

ÜS: Macht sonst noch jemand mit?
Aktuell mache ich das alles alleine.

ÜS: Wer finanziert denn das? Du allein?
Auch ich selber, ja. Wobei die Homepage an sich nicht allzu kostspielig ist – am ehesten kostet es noch Zeit.

ÜS: Hast du Zukunftspläne bezüglich deines Blogs?
Im Sommer werden ein paar andere Taktikblogger und ich ein neues Projekt starten, um noch mehr Taktikthemen zu besprechen, als ich es alleine jemals könnte. Wir wollen eine zentrale Anlaufstelle für alle fußballtaktischen Themen kreieren. Das Ganze steckt aber noch in der Planungsphase, deshalb gibt es dazu noch nichts Konkretes zu sagen.

ÜS: Auf welche Analyse hast du die besten Resonanzen bekommen?
Gut angekommen sind bisher vor allem die allgemeinen Artikel, gerade die beiden über die Vorteile des 4-2-3-1's und die Rolle des modernen 10ers. Viele Fans posten dann in Internet-Foren meine Artikel, wenn sie begründen wollen, warum gerade diese oder jene Aufstellung gewählt werden sollte. Das finde ich sehr gut, weil es ja genau das ist, was ich erreichen will – dass sich die Fans mehr mit dem Spiel an sich und weniger mit dem ganzen Drumherum beschäftigen.

ÜS: Wirst du deswegen demnächst mehr allgemeine Artikel schreiben? Ich finde die nämlich auch sehr gut...
Danke für das Lob. Ich würde auch gerne mehr auf allgemeine Artikel setzen, aber zum Einen kosten sie locker das Vierfache an Zeit im Vergleich zu normalen Spielanalysen, und zum Anderen fallen Taktiktrends nicht vom Himmel. Interessante Entwicklungen wie der „falsche 10er“ oder das Aufkommen einer neuen Formation passieren nun mal nur alle paar Jahre. Man könnte natürlich alle paar Wochen kleine Abweichungen im Spiel als große neue Trends verkaufen, ich bin aber sehr vorsichtig, was so was angeht. Wenn ich einen neuen Trend ausrufe, will ich auch, dass er tatsächlich nachweisbar ist – nicht wie viele Sportjournalisten, die gleich „Das ist der Fußball von morgen!“ rufen, nur weil eine Mannschaft drei Spiele am Stück gewinnt.

ÜS: Auf welche Analysen kamen überwiegend negative Kommentare?
Irgendein Bayern-Fan scheint meine Analyse der Hinspielniederlage gegen Mainz nicht gefallen zu haben, auf jeden Fall war der Artikel wochenlang Opfer von Spam-Kommentaren. Na gut, der Artikel hat auch kein gutes Haar an van Gaals Taktik gelassen. Ansonsten gibt es natürlich immer Leser, die nicht hundert Prozent mit dem übereinstimmen, was ich mache, aber das ist ja ganz normal. Ich freue mich über jeden Kommentar, egal ob positiv oder negativ.

ÜS: Kannst du uns ein Standardwerk zum Thema Fußballtaktik empfehlen?
Das Buch „Revolutionen auf dem Rasen“ von Jonathan Wilson ist das Standardwerk für Fußballtaktik. Selbst wenn man Fußballtaktik als unwichtig erachtet, bietet dieses Buch unglaublich viel Fachwissen darüber, wie sich der Fußball in den letzten 100 Jahren entwickelt hat. Christoph Biermann ist natürlich immer ein guter Anfang, auch wenn seine Bücher in Detailreichtum und Informationsgehalt nicht annähernd an Jonathan Wilson heranreichen.

ÜS: Was sagst du zum Hamburger Derby - aus taktikguru-Sicht?
Das Spiel ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass trotz aller taktischen Konzepte Fußball kein planbarer Sport ist. 60 Minuten lang hat der hsv die Dominanz im Spielfeldzentrum, die Außenverteidiger von St. Pauli kamen mit ihren Gegenspielern auch nicht zurecht. Nur dass Chancen herausarbeiten war beim hsv ein Problem, weil sie, wie in der gesamten Saison, Probleme in der Anbindung von Abwehr und Angriff hatten. St. Pauli hingegen bot meiner Meinung nach in den ersten 55 Minuten eine der schwächsten Saisonleistungen – und dann spielen sie einen guten Konter und die darauffolgende Ecke wird reingemacht. So ist Fußball. Danach stand St. Pauli hinten besser, und aus der Mittelfeldzentrale kamen bei Kontern schnellere und genauere Pässe. Eigentlich sah es bis zum Gegentor danach aus, als könne der hsv nur gewinnen. Aber das ist eine der seltsamsten Eigenschaften von St. Pauli in dieser Saison: Die richtig starken Spiele wie in der Hinrunde gegen Bayern und den BVB gehen verloren, wohingegen mittelmäßige Leistungen mit Siegen belohnt werden.

Tobias, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. Ich drück dir die Daumen, dass dein Blog weiterhin die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Und viel Glück beim nächsten Projekt.

// Zwille
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