Übersteiger Nr. 104

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Anwalts Schowbar

Dreieck oder Welle? / Zwei Entwürfe für die neue Heimat Gegengerade

Warum bist du bei St.Pauli?

4 Gewinnt

Neues von den Alten

FC Twente Enschede vs. Ajax Amsterdam, KNVB Beker Finale 2011 HeLemaats niets in Amsterdam!



Anwalts Schowbar

   

Der Konflikt, der letztendlich seine Eruption im roten Jolly Rouge – Millerntor gegen den SC Freiburg Mitte Januar fand, schwelte sicherlich schon seit einiger Zeit zwischen Fanszene und Verein. Zwei Tropfen brachten wohl das Fass zum Überlaufen: Zum einen die LED/SMS-Werbeaktion eines Sponsors gegen Mainz 05, zum anderen das Verhalten der Vereinsführung im Thema „Stangentanz“ im Séparée von Susis Show Bar. Letzteres hatte für den ÜBERSTEIGER ein juristisches Nachspiel, von dem wir Euch jetzt berichten wollen.

Kurze Erinnerung: Bereits im Mai 2010 hatte Ex-Präsident Littmann via BILD angekündigt, dass die auf der Reeperbahn ansässige „Susis Show Bar“ ein Séparée am Millerntor anmieten würde und dort bei jedem Tor fröhlich zur Belustigung der Gäste getanzt werden würde. Der Aufschrei in der Fanszene war groß, doch schon am nächsten Morgen verkündete der damalige Vizepräsident und heutige Aufsichtsrat Marcus Schulz öffentlich, dass der Sport beim FC St.Pauli im Vordergrund steht und es daher „eine Stripshow oder Vergleichbares im Millerntorstadion nicht geben wird.“ Auch Betreiberin Susi Ritsch äußerte sich amüsiert (und wahrscheinlich dankbar für die Aufmerksamkeit) dahingehend, dass selbstredend niemand nackt herumspringen würde und „Mädels im Bikini“ das Äußerste wären.

Zum Spiel gegen Kaiserslautern Anfang Dezember 2010 erschien der ÜBERSTEIGER mit Ausgabe 101 und belegte auf dem Cover sowie in einem längeren Artikel im Heft, dass dem eben nicht so war, sondern zumindest auch im Oberkörperbereich unbekleidet getanzt wurde. Die Kritik im Heft richtete sich weniger an den Mieter der Loge, sondern vielmehr an den Verein, der sich hier am Nasenring gezogen vorführen ließ und nach außen immer empört tat, tatsächlich aber keine Konsequenzen zog. Durch die mediale Berichterstattung in BILD und MOPO (bereits vor der Veröffentlichung im ÜS, dort allerdings immer mit Bikinioberteil) wurde der Verein vollends der Lächerlichkeit preisgegeben. Das „Freudenhaus der Liga“, der „kultige Kiezklub von der Reeperbahn“, all die Klischees die man seit Jahren satt hat waren wieder omnipräsent.

Die Diskussion, ob Stangentanz sexistisch oder diskriminierend oder weder noch ist, wollten wir nicht führen, wir bezogen uns lediglich auf die bestehenden Zusagen des Vereins, dass am Millerntor der Fußball im Vordergrund zu stehen habe und es solche Tanzeinlagen eben nicht gibt.

Was seither geschah…

Wenig ist passiert. Sicherlich war dieser Wortbruch ein wichtiger Puzzlestein zum großen Echo der Jolly Rouge-Kampagne, an der Faktenlage hat sich aber wenig bis nichts geändert.

Susis Mädels tanzen nach wie vor, wenn auch nicht mehr während des Spiels. Lt. Verein hat es eine Abmahnung gegeben, allerdings ist das jetzige „Vorher/Nachher und in der Halbzeit“-Getanze wohl nicht explizit verboten und wird daher keine weitere Abmahnung/Kündigung nach sich ziehen. Konsequenz sieht anders aus, aber sonderlich durchsetzungsstark hat sich das Präsidium ja bisher äußert selten gezeigt, wenn es sich überhaupt zeigte.

Der wiederholten Aufforderung an den Verein, den Mietvertrag zur neuen Saison außerordentlich zu kündigen (ggfs. dann eben auch Kosten in Kauf nehmend) um ein Zeichen gegen die Eventisierung zu setzen, kam dieser nicht nach. Man versteht offenbar nach wie vor im Verein nicht, dass der Verzicht auf den einen oder anderen „billigen“ Euro nicht nur Respekt und Glaubwürdigkeit bringen würde, sondern auf lange Sicht eben noch viel mehr Geld, als es hier jetzt kurzfristig gibt. Stattdessen lässt man sich weiter vorführen.

Während damit für die Öffentlichkeit das Thema nahezu aus dem Fokus verschwunden ist, beschäftigte sich der ÜBERSTEIGER noch etwas länger damit, genauer gesagt unser Anwalt.

Alles begann bereits in der Woche vor Hefterscheinen der 101, als wir die Inhaberin Susi Ritsch am Telefon um eine Stellungnahme baten.

Selbstverständlich würden ihre Mädchen nur bekleidet tanzen, diese ganze Medienhysterie verstehe sie gar nicht. Auf unseren Einwand hin, dass wir Fotos hätten, die das Gegenteil bewiesen, wurde das Telefonat sehr schnell beendet, mit dem Hinweis sie müsse das erst mal mit ihrem Mann besprechen.

Es folgte am nächsten Tag die etwas hektische Einladung zu einem Gespräch im Cafe Möller, „zur Klärung der Vorfälle“. Unsere zwei Redakteure sahen sich dort zunächst einmal dem Ehepaar Ritsch sowie zwei Tänzerinnen gegenüber. Außerdem stellte sich noch der „Datenschutzbeauftragter des FC St.Pauli“, Arne Platzbecker, vor. In einem späteren Anwaltsschreiben der Gegenseite wurde er auch als „Rechtsanwalt des FC St.Pauli“ bezeichnet. Er wolle sicherstellen, dass die Persönlichkeitsrechte der Frauen im Stadion gewahrt bleiben, daher sei er hier. Ob ihn tatsächlich der Verein zu diesem Gespräch entsandt hatte, und damit sicher auch über die folgenden Geschehnisse informiert war, oder es für sein Erscheinen andere Gründe gab, blieb offen. Sicher purer Zufall, dass seine Kanzlei in dem Haus ist, in dem das Ehepaar Ritsch wohnt.

Das Gespräch entwickelte sich dahingehend amüsant, dass man uns ständig versicherte, was für traumhafte Arbeitsbedingungen doch in der Bar vorherrschen, wie zufrieden die Mädels da alle seien und sowieso sei das Ganze doch Kunst! Und selbstverständlich seien wir gerne eingeladen, uns abends einmal kostenlos von diesen Umständen vor Ort live zu überzeugen. Und wenn Herr Ritsch einladen sagt, dann meint er auch einladen. Was auch immer er uns damit sagen wollte.

Wir versuchten mehrfach zu erklären, dass wir all dies gerne glauben, es aber mit dem Thema nichts zu tun habe und daher auch auf die Einladung gerne verzichten. Uns ging es um das Einhalten der Leitlinie, insbesondere dem Punkt, das am Millerntor der Fußball im Vordergrund zu stehen habe, sowie der Garantie des Präsidiums, es würde keinen Stangentanz geben.

Dies wurde aber anscheinend nicht verstanden, und überhaupt sei das ja alles sehr fragwürdig, was wir da planten. Und warum hätten wir denn eigentlich was gegen Frauen? Vielleicht sei das Foto ja auch entstanden, als die Frauen sich gerade umzogen, denn eigentlich tanze da ja niemand oben ohne. Aha, und die Erde ist eine Scheibe.

Der Datenschutzbeauftragte hielt sich in der Diskussion zumindest angenehm zurück, nachdem wir auf die AGBs und unsere Akkreditierung hingewiesen hatten war die Sache für ihn wohl zurecht erledigt. Ehepaar Ritsch wurde zunehmend ungehaltener, die beiden Tänzerinnen kamen aus dem Augenrollen und verständnislosem Kopfschütteln gar nicht mehr raus. Was wäre denn so schlimm an schönen Brüsten? Da würden sich doch alle normalen Männer drüber freuen und viele Frauen auch? Eine Wiederholung unsererseits, dass es uns darum gar nicht ginge und wir zu dem Zeitpunkt den Fehler auch eher beim Verein dank mangelnder Absprache /Kommunikation zu seinem Vertragspartner sahen als bei der Show Bar selbst, die in ihren eigenen Räumen außerhalb des Stadions auch gerne weiterhin machen darf was sie will, wurde offensichtlich überhört. Wir verließen das Cafe Möller dann mit den besten Wünschen von Herrn Ritsch, wir sollten das mal ruhig machen, er hätte ja gute Anwälte.

Die Immobilienklage

Definitiv, Herr Ritsch! Ally McBeals Kanzlei ist ja eine Kinderfaschingtruppe dagegen. So erreichte uns auf dem Postweg nach Hefterscheinen ein Schreiben vom Rechtsanwalt Lindberg. Dieser wies uns darauf hin, dass wir durch das geplante Veröffentlichen von Fotos der „Tänzerinnen in Ausführung ihrer Performances“ gegen die Persönlichkeitsrechte der Tänzerinnen und auch gegen die „Verwertungsrechte an der Tanzdarbietung“, verstoßen, die exklusiv bei Herrn Ritsch, seinem Mandanten liegen. Es ergebe sich daraus „ein Anspruch auf Unterlassung, im Falle der Veröffentlichung auch auf Auskunft und Schadenersatz“ gegen „F.I.S.H. als presserechtlich Verantwortlichen“. Okay, „F.I.S.H. e.V.“ wäre richtig, aber wer wird denn kleinlich sein, kommt noch besser.

Wir sollten eine Unterlassungserklärung unterzeichnen, für deren Eingang sich der Anwalt den 06.12. vorgemerkt hatte. Nett von ihm, denn der Verkauf hatte ja eh schon am 03.12. stattgefunden. Hätten wir also sogar unterschreiben können nachdem das Heft eh fast ausverkauft war.
Die Unterlassungserklärung besagte jedoch folgendes:

„Der FISH e.V. verpflichtet sich […] es zu unterlassen, Bilder zu veröffentlichen […] sofern diese Tänzerinnen in Ausführung ihrer Darbietungen in einer VIP-Loge abbilden weder die im Eigentum von Herrn Waldeck befindlichen Grundstücke zu vertreiben, noch diese im Internet, noch in Print oder anderen Medien oder sonstwie zum Verkauf anzubieten. Für jeden Fall des Verstoßes verpflichtet sich Klaus der FISH e.V. zur Zahlung einer Vertragsstrafe […] von bis zu € 5.000,00.
Ort, Datum, Unterschrift Vorstand FISH für den Verein“

Ja, das macht sprachlos. Wer ist Herr Waldeck? Was für Grundstücke besitzt er? Wie können wir die vertreiben, wenn wir denn doch wollen? Was hat das alles mit uns, dem Millerntor, der Show Bar oder dem FC St.Pauli zu tun? Und wer zur Hölle ist „Klaus der FISH e.V.“, das müssen wir doch unbedingt wissen, wenn der für uns was bezahlen soll, noch dazu so viel?

Wir haben bis heute nicht herausgefunden, ob in der Kanzlei mit Textbausteinen noch geübt werden muss, oder einfach der Unterschied zwischen „Einfügen“ und „Überschreiben“ in Word nochmal zu klären wäre.

Anwaltliches Ping Pong

Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass wir 5.000,- € dafür zahlen sollten, als formal akkreditiertes Fanzine ein Foto von einer im Stadion problemlos einsehbaren Situation gemacht zu haben, weil es sich hier um „Performances“ handelte und wir keine Einverständniserklärung der Tänzerinnen bzw. des Rechteinhabers dieser Tanzdarbietungen haben. Ach ja, die „Rechtsverletzungen wiegen umso schwerer, als […] in einen Bereich hineinfotografiert wurde, der dem Zugriff der Öffentlichkeit durch bauliche Maßnahmen bewusst entzogen ist.“ Da sind uns die dicken Mauern vor den Séparées, die Jalousien, Vorhänge und sonstige baulichen Maßnahmen aber bis heute irgendwie verborgen geblieben.

Es entwickelte sich ein munteres hin und her der Anwaltsschreiben, in dem unser Anwalt darauf hinwies, dass gemäß §73 UrhG die gezeigte Darbietung keine ausübende Kunst sei, da sie Grundvoraussetzungen nicht erfülle. Es gab noch einige weitere juristische Dinge zu erwähnen, u.a. das die Tänzerinnen durch den Erwerb der Eintrittskarte (auch wenn es Frei-/Arbeitskarten sind) gemäß der AGB des FC St.Pauli ohnehin die Rechte am eigenen Bild abgeben und durch unsere Akkreditierung, sowie dem frei einsehbaren Bereich, das Foto und die Veröffentlichung absolut rechtens sei. Da Herr Ritsch auch als Rechteinhaber in dieser Sache gar nicht abmahnungsberechtigt war (das hätten die Tänzerinnen selber beim Anwalt einreichen müssen, was die Erfolgsaussichten allerdings auch kaum erhöht hätte) forderten wir nun unsererseits die Begleichung unserer Anwaltsrechnung, die sich insgesamt auf einen vierstelligen Betrag beläuft.

Ende Dezember erreichte uns das nächste Schreiben, unsere Forderung wies man zurück, an der eigenen hielt man fest. Sogar ein Vertrag einer Tänzerin zur Abtretung der Rechte an ihren Fotos an die HRS GmbH war beigefügt.

Nachdem wir an unserer Forderung ebenfalls festhielten, kam das nächste Schreiben Mitte Januar, wonach sich der Mandant „im Interesse des Rechtsfriedens[…], insbesondere dem St.Pauli e.V., zu einer gütlichen Einigung bereit erklärt“. Wir sollten jetzt nur noch 2.000,- € „Schadenersatz“ zahlen, den der Mandant an eine soziale Einrichtung in St.Pauli gespendet hätte, außerdem die Anwaltskosten beider Parteien. Wir vergaßen leider nachzufragen wer genau der „St.Pauli e.V.“ sei, in dessen Interesse man sich doch einigen solle.

Nach zwei weiteren Schreiben hin und her erklärte man uns dann Anfang April, dass man unserer Zahlungsaufforderung nicht entsprechen werde, von den eigenen Forderungen war aber immerhin ebenfalls keine Rede mehr. Von 5.000,- € auf Null, so schnell kann es gehen.

Zurzeit ist noch unklar, ob wir zum Eintreiben unserer Anwaltskosten vor Gericht ziehen. In jedem Fall haben wir jetzt, falls in der Leserschaft Bedarf besteht, eine sehr gute anwaltliche Empfehlung für Rechtsstreitigkeiten in diesem Gebiet… und wir hätten dank der Gegenseite auch eine vielleicht nicht ganz so gute.

Was bleibt?

Nicht viel. Der Verein hat es versäumt ein Zeichen zu setzen und zur neuen Saison den Vertrag (notfalls außerordentlich) zu kündigen. Das Séparée ist für den Rest der Saison fest vergeben, es darf weiter (außerhalb der 90 Minuten) getanzt werden. In Gesprächen mit dem Ständigen Fanausschuss wurde vom Präsidium zwar immer wieder so getan, als wenn man auch auf das Äußerste empört sei vom Verhalten des Mieters, zum Mieter selber ist diese Empörung aber wohl nicht vorgedrungen, oder es hat ihn schlichtweg nicht gekratzt. Wahrscheinlich letzteres, denn beifallheischende Versprechungen im kleinen Kreis kann man von unserm Präsidium recht leicht bekommen, an der Umsetzung hapert es dann leider doch häufiger, nicht nur in diesem Fall.

Wir fordern den Verein erneut auf, hier Flagge zu zeigen und nicht jedem billigen Cent hinterherzulaufen. Wenn es für eine weitere Abmahnung und damit verbundene Kündigung nicht reicht, muss es eben auch mal möglich sein, so einen Mietvertrag außerordentlich zu kündigen und jemanden rauszuschmeissen, der so offensichtlich nicht ans Millerntor passt und den Verein über die Medien auch noch verspottet, oder der Fanszene über die Medien vorwirft, sie hätte was gegen Frauen, wie seitens Herrn Ritsch über den Boulevard geschehen. Wahrscheinlicher ist wohl, dass er was gegen Zuhören und Verstehen hat, oder einfach gegen gesunden Menschenverstand.

Spätestens mit Auslaufen des Zweijahresvertrages am Ende dieser Saison darf die Vermietung dieses Séparées an Susis Show Bar (oder die HRG GmbH) nicht verlängert werden.

// Die Redaktion
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