Übersteiger Nr. 104

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Anwalts Schowbar

Dreieck oder Welle? / Zwei Entwürfe für die neue Heimat Gegengerade

Warum bist du bei St.Pauli?

4 Gewinnt

Neues von den Alten

FC Twente Enschede vs. Ajax Amsterdam, KNVB Beker Finale 2011 HeLemaats niets in Amsterdam!



FC Twente Enschede vs. Ajax Amsterdam, KNVB Beker Finale 2011
HeLemaats niets in Amsterdam!

Wieder mal nichts in Amsterdam (siehe Überschrift) ertönte aus mindestens 17.500 Kehlen im Stadion de Kuip in Rotterdam kurz vor Abpfiff des Niederländischen Pokalfinales. Eine Kurve in kollektiver Feierlaune. Vorausgegangen waren spannende 120 Minuten mit allem, was ein Fußballspiel so braucht, aber auch eine organisatorisch überaus interessante Anfahrt.

Nach dem erfolgreichen Viertelfinale im Grolsche Veste gegen PSV Eindhoven im Elfmeterschießen (Ex-Schalker Engelhardt verschoss den entscheidenden Elfer für PSV) führte der Weg über den FC Utrecht (1:0) in das Finale. Die Kartenfrage wurde für Twente Clubcaard Inhaber schnell und unkompliziert über die Supporters Vereniging Riessen geklärt. Und schon waren zwei ÜS`ler auf dem Weg ins Nachbarland.

Auf dem Weg über Enschede nach Riessen am Spieltag wunderten wir uns zunächst über viele Twente Fans, die mit Fahnen und Transparenten sämtliche Autobahnbrücken bevölkerten und allen zujubelten, die offensichtlich mit roten Klamotten Richtung Rotterdam unterwegs waren. Kenner der Szene wissen, dass dieses Ritual in abgespeckter Form tatsächlich „nur“ den Fans zu teil wird. Verlässt die Mannschaft zu entscheidenden Spielen die Stadt oder kehrt gar mit Erfolg zurück, verwandeln die Fans des FC Twente die örtliche Autobahn mit Fahnen, Transparenten und Bengalen zur „Fußgängerzone“. 100 % Tukker eben. Muss man mal gesehen haben! In Riessen warteten am Vereinslokal 5 Busse auf pünktliche Abfahrt. Aufgrund der überaus strikten Fantrennung (insbesondere bei Risikospielen) in den Niederlanden muss einer der beiden Finalteilnehmer mit dem Zug und der andere mit dem Bus anreisen. Beide Vereine erhalten 17.500 Karten, der Rest geht an Sponsoren und die dortige Fußballfamilie. Einen neutralen Verkauf gibt es nicht, dafür aber deswegen auch immer ein paar leere Plätze beim Finale. Generalstabsmäßig geplant fuhren aus der Region um Enschede zu bestimmten Zeiten alle Fanbusse (inklusive einer erlaubten Pinkelpause) Richtung Rotterdam. Rund 40 Kilometer vor Rotterdam gelangten alle Busse nacheinander zu einer Kontrollstation der Polizei auf einem Rastplatz, um von dort, aufgeteilt in kleinen Konvois, mit Polizeibegleitung in die Hafenstadt zu fahren. Ebenso diente der Kontrollpunkt dazu, die vom Fanclub bei Abfahrt gegen Vorzeigen der Online- Kaufbestätigung des Kombiticket ausgegebenen Billets in einen weiteren Ticketberechtigungsschein umzutauschen. Die Kombitickets (Fahrt incl. Ticket) waren natürlich nur gegen Angaben sämtlicher Personendaten erhältlich. Kurz vorm Stadion, beim letzten Kontrollpunkt, erhielt der Reiseleiter die echten Tickets, die beim Verlassen des Busses gegen den zuvor erhaltenen Berechtigungsschein eingetauscht wurden. Man stelle sich dieses Spektakel mal mit 250 Bussen vor: Es war schlicht eins.

Feierbiester

Entsprechend aller Prozeduren lange, aber nicht langatmig, dauerte auch die eigentlich kurze Fahrt über ca. 180 km. Unser Kontaktmann und Freund Erik kündigte vorher vorsichtshalber schon mal Deutsche Schlager und trinkende Holländer an (nichts besonderes eigentlich). Aber Dank voller Kühlboxen mit Getränken der örtlichen Brauerei (natürlich als Twente Special Edition) und Technomucke bis kurz vor`m Boxenkollaps verwandelte sich unser und auch alle anderen Busse in regelrechte rollende Discos. Im Gang tanzend, hüpfend und singend an Fenster und Busdach kloppend schaukelten wir, standesgemäß ausgestattet mit Fanclub Cupfighter T- Shirts, durch flache Landen. Bei uns wäre dabei jede, wirklich jede (!) Busfahrt spätestens nach 20 Minuten beendet worden…Hier bekam das Zitat des niederländischen Trainers Luis von Gaals „Ich bin ein Feierbiest“ eine eindrucksvolle Bestätigung.

Die zentrale Frage an uns, warum in Deutschland die Brötchen für die Bratwurst viel zu kurz seien und deswegen die Wurst an beiden Seiten lang heraushängt, konnten wir bedauerlicherweise nicht beantworten. Aber, wenn man genaugenommen darüber nachdenkt- warum eigentlich?

Halb taub, aber gut drauf verließen wir unserem Bus Nummer 1 von 5, aus dem auf dem Parkplatz am Stadion die Nummer 69 wurde. Das war so ungefähr die Reihenfolge, in der die Busse auf einen riesigen Platz fuhren und eng aneinander Reihe für Reihe ein großes Labyrinth bildeten. Trotz Billet Nummer 69 entwickelte sich nach Schlusspfiff ein ziemlich lustiges Busse suchen.

Gegnerische Fans bekamen wir bis zu diesem Zeitpunkt so ganz und gar nicht zu Gesicht. Armeen von marodierenden Feyenoord Fans ebenso wenig, obwohl eine Präsenz aufgrund der abgrundtiefen Abneigung gegen Ajax nicht abwegig gewesen wäre. Die Ajax Fans wurden also zeitgleich mit mehreren Sonderzügen aus Amsterdam direkt in den Stadionbahnhof gefahren, von dem ein direkter und umschlossener Weg in die in diesem Falle erweiterte Gästekurve führt. Auch diese Prozedur ist bei mehreren Zügen und bis zu 17500 Zugfahrern eine langwierige Angelegenheit, sodass Twente nach den Erfahrungen 2009 diesen Anreiseweg ablehnte und Ajax deswegen nicht alle Karten verkaufen konnte. Trotz dieser Überregulierung und für dortige Verhältnisse, endlosen Gängelung bei der Anreise, war die Präsenz der Polizei alles in allem im Verhältnis gering und zurückhaltend. Die Einlasskontrollen am Stadion waren easy, Ordner und Stewards eher freundlich. Immerhin etwas.

Endlich da ­ das Spiel und Stadion

Das Stadion ist einfach geil: Groß, zwei-rangig, schnörkellos, viel Beton, eine nach unten geneigte (und im Dunkeln elegant von unten angeleuchtete und von weitem sichtbare) Dachkonstruktion, freie Sitzplatzwahl: Das ist Fußball! Nur die vor der Haupttribüne angedockten VIP und Servicebereiche sowie das Bezahlsystem in „Munten“ und deren Preise (4,50 für eine Tüte Frietjes) erinnern an ein Uefa- 5- Sterne Stadion. Das Geschäft lief trotzdem gut. Hunderte Besucher drängten sich vor wenige Umtauschautomaten, um per Kredit- oder örtlicher EC Karte in 15 Euro Schritten Munten zu ergattern. Dass dabei immer ganze oder halbe Munten (die Plastiktaler konnten zu „Kleingeld“ durchgebrochen werden) übrig blieben, muss ich vermutlich nicht erwähnen. Überall die gleiche Halsabschneiderei!

Die Ultraszene und deren Umfeld ließ sich auch in Rotterdam, wie zu Hause im Grolsche Veste, mit ultralautem Techno/ Trash von der DJ Bühne auf Betriebstemperatur bringen. Den Oberkörperfrei Contest konnte aber Ajax mit ca. 300 zu 60 klar für sich entscheiden. Zum Intro wurde aus dem Oberrang eine riesige Blockfahne nach unten entrollt, auf Spannung gehalten und dann nach unten in sich zusammen geworfen. Dann folgten jede Menge kleine rote Schwenkfahnen und viel, viel rot/weißer Rauch mit lautem Support. Einfach großartig! Auch zu Beginn der 2. Halbzeit wurde nach einer abgesprochenen Choreo beider Seiten gegen den modernen Fußball, wieder so kräftig gezündelt, das wir den Spielbeginn wegen „Nebels“ nicht mitbekamen. Da der Einsatz von Rauch und Pyro zwar offiziell nicht erlaubt, aber von den Sicherheitskräften toleriert wird, kann der besonnene und sachgerechte Umgang damit hervorgehoben werden. Bengalos wurden einfach durch die Reihen gegeben und ordentlich abgelegt. So kann`s auch gehen! Der Spielverlauf hatte einen großen Anteil an der prächtigen Stimmung bei frühsommerlichen Temperaturen: Zur Halbzeit führte Ajax verdient mit 2:1, die zweite Hälfte ging mit dem Ausgleich zum 2:2 in der 56. Minute dann an den Gegner, bevor eine spannende Verlängerung die Entscheidung für Twente brachte. Mit einem herrlichen Kopfball markierte der Österreicher Marc Janco das 3:2 in der 117. Spielminute. Was folgte, war kollektiver Freudentaumel.

Cherio, cherio, in Enschede zingen wij zo:
Ajax is dood en AZ moet kapot, en Feyenoord rollen we zo even up.

Als äußerst positiv kann auch die zurückhaltende Stadionbeschallung nach Schlusspfiff vermerkt werden. Die Twente Kurve konnte laut und selbstbestimmend ihre kurioserweise mit roten Bademänteln ausgestattete Mannschaft feiern. Da kann sich der DFB mal wirklich eine Scheibe abschneiden!

Nach langwieriger Auflösung des Busknäuels ging es zügig mit Blaulicht im Konvoi vorbei an applaudierenden Rotterdamern (die können Ajax wohl wirklich nicht leiden) über abgesperrte Straßen hinaus aus der Hafenstadt.
Die Mitreisenden, die uns mit höherem Alkoholpegel immer öfters mit Schalke Anfeuerungen bedachten(für uns beide aufgrund der Sympathien für die blau/weißen aber kein Problem), hatten für uns noch ein besonderes Schmankerl parat. Mit einer endlos Schleife wurden unsere Gehörgänge mehr als eine Stunde lang über die nur noch krächzenden Lautsprecher mit einer uns seltsam anmutenden Marschmelodie traktiert, wobei die Trompetensolos pantomimisch und der Refrain mit kollektivem Tanzeinlagen begleitet wurden. Nachfolgende Recherchen ergaben, dass es sich um „den großen Dessauer“ handelt. In welchem Zusammenhang dieser aber mit dem FC Twente oder dem Fanclub zu bringen ist, konnten wir nicht klären. Über den Rest der Rückfahrt legen wir lieber den Deckmantel des Schweigens. Geil war`s trotzdem! Fazit: Holländische Busfahrer braucht das Land!

// CF
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