Übersteiger Nr. 105

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Auf St. Pauli regeln wir das unter uns

Wir sind ein Sportverein, oder?

Alles nur Schall und Rauch? - Die Pyro-Initiative und der Untergang des Fußballs

Gab es das nicht schon mal? - Feuerwerk in Rostock

Brentford FC - Ein Kurzbesuch bei Marcel Egers neuem Club



Auf St. Pauli regeln wir das unter uns

Die Sankt-Pauli-Anleihe ist etwas für Liebhaber

Von Hermannus Pfeiffer

Fast ein Dutzend Profiklubs in Deutschland hat bereits Fan-Anleihen ausgegeben. Nun auch der FC St.Pauli. Ein gutes Geschäft ist das vor allem für den Klub.

Schon vor einigen Jahren haben deutsche Fußball-Klubs den Anleihemarkt als Finanzierungsquelle entdeckt. Doch so viel Gutmensch war selten im Kicker-Business wie dieses Mal: „Während wir in der Vergangenheit häufig darauf angewiesen waren, dass wir etwas bekamen, können wir nun etwas zurückgeben“, sagte Michael Meeske, Geschäftsführer des Hamburger Fußballclubs St.Pauli. Geben ist gewiss seliger denn Nehmen, doch einnehmen möchte unser populärer Verein trotzdem etwas, nämlich sechs Millionen Euro. Diese Millionen sollen Anhänger und Anleger dem Verein für den geplanten Ausbau von Stadion und Trainingsgelände leihen. Das ist jedoch nicht ohne Risiko.

Fast ein dutzend Profiklubs hat bereits Anleihen ausgegeben. Darunter so namhafte Vereine wie Schalke 04, 1. FC Köln und Hertha BSC, 1860 München, Hansa Rostock und Arminia Bielefeld. Mit dem frisch geliehenen Geld wurden Stadien ausgebaut, alte Schulden getilgt oder einfach nur der Verein für ein paar Monate finanziell über Wasser gehalten.

Stefan Ludwig, Fußballexperte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche in Düsseldorf, hält Anleihen für „eine interessante Alternative“ zum Bankkredit. Die volle Summe für einen Stadionbau werde kaum über einen preiswerteren Kredit allein zu finanzieren sein und - aus Sicht des Vereins - sei „ein sinnvoller Mix bei der Finanzierung anzustreben“. Dazu gehörten dann auch Anleihen. Davon ist auch Geschäftsführer Meeske überzeugt: „Die Anleihe ist ein wichtiger Baustein der Finanzierung neben einem Darlehen und dem Eigenkapitalanteil, da die Last der Finanzierung somit noch auf eine weitere Schulter verteilt wird.“ Um den Ausbau der Gegengerade und Nordtribüne sowie des Trainingsgeländes an der Kollaustraße im Hamburger Stadtteil Niendorf zu finanzieren soll ein Darlehen von rund zwölf Millionen Euro aufgenommen werden. Dazu kommen fünf Millionen eigenes Kapital und - wenn alles wie geplant klappt - noch einmal sechs Millionen aus der Anleihe.

Auf einen weiteren Aspekt weist Professor Wolfgang Maennig, Sportökonom an der Uni Hamburg, hin: „Anleihen werden von Unternehmen auch auf dem allgemeinen Kapitalmarkt neu entdeckt, weil die Banken angesichts der Krise mit Krediten zurückhaltender umgehen.“ So würden die meisten Fußballvereine von den Banken entweder keinen Kredit erhalten oder nur zu deutlich höheren Zinssätzen als bei Anleihen. Daher sei auch die Entscheidung des FC St.Pauli nachzuvollziehen: „Ich bin sicher, Sankt Pauli würde für sechs Prozent kein Darlehen von einer Bank erhalten.“

Anderseits können Traditionsvereine wie der FC St. Pauli auf ein großes Potenzial an möglichen Anlegern „mit einer hohen emotionalen Bindung“ zurückgreifen - zehntausende Fußballanhänger - und brauchen daher nur einen niedrigeren Zinssatz zu bieten als normale mittelständische Unternehmen, ergänzt Analyst Ludwig. Auf „dem Markt“ entscheidet normalerweise das Verhältnis von Risiko und Rendite: Anleihen mit einem hohen Risiko wie das St.Pauli-Papier müssen daher eine hohe Rendite als Risikoprämie für Anleger bieten - und umgekehrt. Darum müssen einerseits große Spieler wie Airbus oder VW nur einen halb so hohen Zinssatz bieten, um fremdes Geld zu kriegen und anderseits selbst vergleichsweise namhafte Mittelständler, die in diesen Tagen Anleihen auflegen, wie die Süßkatzenproduzenten von Katjes (7,1 Prozent) oder der Badarmaturenhersteller Grohe (8,6 Prozent) deutlich mehr Zinsen bieten, als es unser Fußballklub tut. Dabei gelten deren Geschäftsmodelle vergleichsweise als grundsolide.

Trotz Milliardeneinnahmen schiebt die Fußballbranche einen großen Schuldenberg vor sich her. Alt- und die geplanten Neuschulden summieren sich bei St. Pauli auf rund 50 Millionen Euro. Ein dicker Batzen angesichts eines Geschäftsvolumens in der Zweiten Liga von Pi mal Daumen 15 Millionen. Der „fatale Wettbewerb“ zwinge die Vereine, in Spieler und Steine zu investieren, zeigt Sportökonom Maennig Verständnis. Der FC St. Pauli sei da noch recht ordentlich aufgestellt, die Schuldenquote entspreche etwa den Euro-Kriterien - insofern stehe der Verein besser da, als die Bundesrepublik mit ihrer deutlich höheren Schuldenquote. Allerdings wird die Verschuldung unseres FC St. Pauli und seiner diversen Tochtergesellschaften zukünftig deutlich höher ausfallen, als es bei vergleichbar kleinen Mittelständlern üblich ist.

Anderseits zeigen Studien von Professor Maennig, dass „sich der intelligente Ausbau der Infrastruktur rechnet“. So bringe ein Stadionausbau, wie ihn St. Pauli und Union Berlin planen, im Schnitt ein zweistelliges Plus bei den Zuschauereinnahmen. Die „Eisernen“ wollen zur Finanzierung demnächst Aktien ausschließlich an Vereinsmitglieder und Werbepartner verkaufen, die dadurch Miteigentümer des Stadions werden. Geld zurück vom Verein gibt es in diesem Modell dann nicht.

Warum nicht Aktien?

Anders als in England oder der Türkei konnte sich die Aktie als Finanzierungsinstrument im deutschen Fußball nie so richtig durchsetzen. Das liegt zum einen am restriktiven Regelwerk des Deutschen Fußballbundes (DFB), zum anderen an schlechten Erfahrungen mit der einzigen Fußballaktie in der Bundesliga. Die Borussia Dortmund AG ging im Jahr 2000 mit Hilfe der Deutschen Bank an die Börse und kassierte Millionen. Für Anleger wurde die Aktie jedoch zum Eigentor: Den Platzierungspreis von elf Euro erreichte die Aktie nie wieder, und selbst nach der jüngsten Meisterschaft erklomm der BVB-Börsenkurs nur kurzzeitig die Drei-Euro-Marke, um dann wieder abzusteigen.

Kaum besser erging es den Vereinen im Mutterland des Fußball-Kapitalismus: England. Im Oktober 1983 spielte der spätere Jürgen-Klinsmann-Klub Tottenham Hotspurs als Erster an einer Börse vor. Zwischenzeitlich wuchs die Zahl der Soccer-AGs in Europa auf rund 40, die Hälfte davon in Großbritannien – meistens erfolglos. So hatte Rapid Wien 1991 noch seine Aktien zum Preis von 1.100 Schilling verkauft - knapp drei Jahre später wurde der Börsenhandel schon wieder ausgesetzt, weil der Rekordmeister vor dem Ruin stand; die Züricher Grasshopper Fussball AG verschwand trotz Unterstützung des Schweizer Großkapitals im April 2001 nach knapp vier Jahren und heftigen Kurseinbrüchen von der Börse.

Bankrott waren zeitweilig auch die Tottenham Hotspurs. Andere britische Klubs, wie Manchester City und Hibernian Edinburgh, verschwanden vom Kurszettel. Nach einer Gründungswelle Mitte der neunziger Jahre hatte sich die anfängliche Kicker-Aktien-Euphorie trotz ansonsten boomender Börsen rasch verloren. Die ursprünglich traumhaften Erwartungen über künftige TV- und Werbe-Einnahmen hatten sich als unrealistisch hoch herausgestellt. Letztlich verkamen die Fußball-Werte zu Spielobjekten für Milliardäre aus Russland, USA oder Thailand, die sich teilweise ihre feindlichen, per Kredit finanzierten Übernahmen von den Übernahmekandidaten bezahlen lassen.

Den Einstieg eines Finanzinvestors, wie bei Manchester United oder dem FC Liverpool, verhindert hierzulande bislang der Deutsche Fußballbund. Der DFB schreibt vor, dass Vereine eine Mehrheit an ihren ausgegründeten Fußball-Kapitalgesellschaften halten müssen. Wirtschaftsliberale Fußball-Bosse, wie Hannover-96-Präsident Martin Kind, würden die geschlossene Gesellschaft gerne sprengen, um kapitalkräftige Investoren einzubinden. Nach jahrelangem Drängen gab der DFB im Sommer nach: Die 50+1-Regel bleibt zwar bestehen, aber die Lex Leverkusen wird abgeschafft. Damit können in Zukunft alle Bundesligisten weiter mit Investoren wie Martin Kind vom gleichnamigen Hörgerätehersteller zusammenarbeiten, die seit mehr als zwanzig Jahren im Verein aktiv sind.

Auch die DFB-Regeln konnten nicht verhindern, dass Konzerne wie VW (Wolfsburg) und der Chemiemulti Bayer (Leverkusen) sich Vereine kauften und Mäzene, wie in Hoffenheim, ihre Heimatvereine in die Bundesliga sponserten. Seine Unabhängigkeit wahrte dagegen ausgerechnet Rekordmeister Bayern. Als Dortmund einst an die Börse ging, holten sich die Münchner mit Adidas einen strategischen Minderheitsaktionär ins Geschäft. Später folgte der Automobilkonzern Audi. Die Ingolstädter beteiligten sich mit 9,09 Prozent an der FC Bayern AG, der Klub bekam dafür rund 90 Millionen Euro.

Um frisches Kapital zu beschaffen, ging der HSV vergangene Saison einen Mittelweg zwischen Mäzenatentum und Finanzinvestition. Der vor längerem in ein Steuerparadies in der Schweiz geflüchtete Hamburger Unternehmer Michael Kühne, stellte seinem Heimatverein 15 Millionen Euro zur Verfügung und erhielt dafür - im Fußballerdeutsch – „Anteile“ an den Spielern Marcell Jansen, Dennis Aogo und Paolo Guerrero. Werden diese Nationalspieler an einen anderen Klub „verkauft“, erhält Investor Kühne ein Drittel der Ablösesumme. Unter den Anhängern des HSV löste das Model „Anstoss³“ heftige Proteste aus. Fürchten Fußballfreunde doch unter anderem, dass der Investor-Mäzen bei Entscheidungen über seine Spieler das letzte Wort hat.

Auch am Millerntor hat man (schlechte) Erfahrungen mit Mäzenatentum a la Kühne gemacht. In den neunziger Jahren wurde unter Präsident Heinz Weisener die „Professor Sous und Partner Treufinanz GmbH & Co. St. Pauli Lizenz KG“ gegründet, die 1993 für über sechs Millionen Mark die Vermarktungsrechte am FC St. Pauli erwarb. Aus einer angedachten richtigen Anleihe wurde aber nichts. Unterm Strich konnte der Verein seine Schulden senken, profitierte von Zinsersparnissen - und „verschenkte“ einen Teil seiner Werberechte. Was bis heute finanziell negativ nachwirkt. Letztlich profitierte von dem Finanzierungsmodell wohl vor allem „Papa Heinz“, der einen Großteil seiner Millionen zurückerhielt, mit denen er jahrelang einen erstklassigen Fußball am Millerntor gefördert hatte.

Doch auch echte Fußballanleihen, wie die jetzt vom FC St. Pauli vertriebene, seien „Liebhaberstücke“ und die besitzen ein „hohes Risiko“, mahnt Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Bei einem Abstieg in die dritte oder vierte Liga könne schon in ein, zwei Jahren die Pleite drohen. Bei einer Anleihe-Laufzeit von fünf, sechs Jahren oder länger drohe daher immer „ein latentes Insolvenzrisiko“.

FC-St.Pauli-Finanzexperte Meeske widerspricht. In der Dritten Liga gäbe es durchaus „substantielle Einsparungen“ und „voraussichtlich auch dauerhaft die Möglichkeit, die Anleihe zu bedienen“. Und zwar ohne dass der Verein seine sportliche Wettbewerbsfähigkeit verlöre. „Wenngleich“, räumt Meeske ein, „dies sicher einem gewissen Kraftakt gleichkäme.“

Doch es bleibt ein erhebliches Restrisiko. Jede Anleihe bedeutet für den Anleger ein finanzielles Risiko. In Aachen könnte schon 2013 die Losung tatsächlich heißen „Kein Geld zurück!“. Dann muss Alemannia die Tivoli-Anleihe für den Stadionneubau an 4.500 Zeichner zurückzahlen. Der Spitzenreiter in der ewigen Zweitligatabelle hat sich finanziell mit seinem Stadionneubau „Tivoli II“ übernommen und steht sportlich auf einem Abstiegsplatz. Die Dritte Liga und ein wirtschaftliches Desaster drohen.

Doch lassen wir uns nicht ins Bockshorn jagen. Gegen das Risiko der Anleihe steht eine „emotionale Rendite“ für Vereinsliebhaber. Anleger können ganz normal die Anleihe ins Depot bei einer Bank legen. Dann sind der Kauf und die Verwaltung der Anleihe ein schlichter, virtueller Buchungsakt, wie bei anderen Wertpapieren, beispielsweise von Daimler oder Siemens. Ab 100 Euro können auch reine Liebhaber des Vereins zulangen: Als Extra gibt es auf Wunsch gedruckte Schmuckurkunden mit Totenkopf und Spielerfotos, eine Devotionalie für die heimische Kuschelecke. Und es lockt ein Zusatznutzen für Dauerkartenbesitzer: Sie finanzieren gewissermaßen ihren eigenen Steh- oder Sitzplatz auf einer der neuen Tribünen. Aus meiner Sicht ist dies der überzeugendste Grund, um dem Vorstand Geld über sechs Jahre und acht Monate und mit ungewissem Ausgang zu leihen.

Mit „Hells Bells“ wurde der Verkaufsstart im „Ballsaal“ an einem Donnerstag Mitte November eingeläutet. Schätzungsweise 300 Interessierte kamen in den Ballsaal des Millerntorstadions und zeichneten spontan Anleihen für etwa 300.000 Euro (Anmerkung der Redaktion nach Redaktionsschluss: nur wenige Tage später waren bereits Anleihen für rund zwei Millionen Euro gezeichnet worden). Der Auftakt wurde in bester Littmann-Manier mit vollmundigen Versprechungen garniert, die hier nicht der Rede wert sind. Bis auf eine: Laut Vizepräsident Tjark Woydt wird mit einem Investor verhandelt, der eins, zwei, drei Millionen anlegen will. Die St.Pauli-Anleihe unter dem Motto „Auf St. Pauli regeln wir das unter uns“ kann noch bis Ende Januar gezeichnet werden.

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