Übersteiger Nr. 105

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Auf St. Pauli regeln wir das unter uns

Wir sind ein Sportverein, oder?

Alles nur Schall und Rauch? - Die Pyro-Initiative und der Untergang des Fußballs

Gab es das nicht schon mal? - Feuerwerk in Rostock

Brentford FC - Ein Kurzbesuch bei Marcel Egers neuem Club



Wir sind ein Sportverein

Nach den Formalien und dem würdigen Totengedenken begann der Bericht des Präsidiums. Stefan Orth widmete sich in einer recht kurzen Rede der Entscheidung zugunsten des Basismodells für die Gegengerade, der Kritik an der Vermarktung und was im abgelaufenen Jahr noch alles gelaufen war. Er bot wenig Angriffsfläche und bedankte sich gleich mehrfach bei der AFM, obwohl im Verlauf des Abends noch ein tiefes Zerwürfnis zutage treten sollte. Er schloss damit, dass er es begrüßen würde, wenn es in naher Zukunft wieder einen Fankongress geben würde. „Dann organisier ihn doch!“ kam als Zwischengemurmel aus unserem Sitzumfeld. Wenn er schon kein Mann der großen Worte ist, wäre es sicherlich schön, Taten sprechen zu lassen. Also voran, Stefan!

„Wir brauchen bei unserem starken Geschäftsführer auch ein starkes Präsidium!“

Für den Aufsichtsrat sprach Dr. Christoph Kröger. Deutlich positionierte der AR sich bzgl. einiger Anträge, formulierte z.B. das „unübliche Vorgehen des Präsidiums“ im Konflikt um die Zuordnung der A- und B-Jugend zum ideellen oder wirtschaftlichen Bereich „ohne Einbeziehung der AFM in den Entscheidungsprozess“. Zum Thema Gewalt im Fußball gab es ein wohltuend differenziertes Statement, welches Wert auf Kommunikation und Einbeziehung der Fans legte. Zum Abschluss lobte der AR dann noch die Erweiterung des Präsidiums auf vier Vizepräsidenten, denn neben anderen Gründen merke man immer wieder: „Wir brauchen bei unserem starken Geschäftsführer auch ein starkes Präsidium, um die Balance zu halten.“

Amateurvorstand Bodo Bodeit nahm neben dem Bericht aus den unterschiedlichen Abteilungen Bezug auf den Konflikt zwischen Frauenfußball- und Rugby-Abteilung, was in seinem späteren Antrag auch nochmal thematisiert wurde. Der Vortrag von AFM Abteilungsleiter Alexander Gunkel brachte dann den größten Konfliktherd des Abends auf den Tisch, den bereits beim AR erwähnten Streit um die Zuordnung der A- und B-Jugend. Um die Hintergründe komplett zu beleuchten fehlt hier der Platz, kurz gesagt will die AFM aus verständlichen Gründen nicht zur fremdbestimmten Melkkuh für den Restverein werden, sondern über die eigenen Gelder im Rahmen der satzungsgemäßen Aufgaben selber entscheiden. Der Verein sieht dies aus dem nüchternen Blickwinkel der steuerlichen Vorteile etwas anders.

Satzungsänderungs- und normale Anträge

Ab ca. 22.00 Uhr kam es zu den insgesamt 21 gestellten Anträgen. Bei den Satzungsänderungsanträgen gab es nur zwei Diskussionen, nämlich zum einen bei der Verpflichtung des Präsidiums, Stellungnahmen zu Satzungsänderungsanträgen zehn Tage vor der Versammlung schriftlich zu hinterlegen. Dies interpretierten einige so, dass danach gar keine Äußerung (auch nicht auf der Versammlung selber) möglich sei, was natürlich nicht Intention des Antrags war. Trotzdem wurde er abgelehnt. Warum es wünschenswert wäre, dass das Präsidium freiwillig trotzdem zukünftig so verfährt, zeigte der Antrag zum konsolidierten Ergebnis der „FC St.Pauli – Gruppe“. Eine Fachdiskussion zwischen Steuerrechtlern und Wirtschaftsprüfern entspann sich vor dem staunenden Auditorium, welche Folgen der Antrag haben könne, gepaart mit dem hilflos wirkenden Versuch von Tjark Woydt, dies mit einem „Wir könnten das doch irgendwie so machen“-Antrag zu umgehen. Schlussendlich wurde auch dieser Antrag abgelehnt, als Appell darf er trotzdem verstanden werden.

Es folgten die normalen Anträge und zum Auftakt wurde über Stangentanz am Millerntor diskutiert. Orth griff bei seiner Nachfrage arg daneben und fragte, ob denn Damen-Beach-Volleyball und Trikot-Ausziehen beim Torjubel auch verboten sei, was bei aufmerksamem Lesen hätte vermieden werden können. Unter großem Applaus wurde der Antrag angenommen. Dies zieht noch nicht zwingend die Kündigung des Separées nach sich, ist aber ein erster Schritt.

Fast einstimmig wurde die Umbenennung des Südkurven-Vorplatzes in Harald-Stender-Platz angenommen, dies wird nach Zustimmung der Stadt dann die neue postalische Anschrift des Vereins sein.

Abgelehnt wurde der Antrag die JHV zukünftig nur noch von Freitag bis Montag ansetzen zu dürfen. Argumentiert wurde damit, dass dies bei der Spielansetzung der DFL kaum machbar sei, so kurzfristig sind dann große Räume wie das CCH am Wochenende nicht mehr buchbar. Außerdem war die Zahl von über 900 Anwesenden an einem Dienstag im Vergleich zu gut 500 im vergangenen Jahr an einem Sonntag auch ein starkes Argument.

Die Verpflichtung mindestens 2.000 Stehplätze im Heimbereich beim Bau der Nordkurve zu schaffen hingegen angenommen.

Es folgte die längste Debatte, um den Rückbau der Business-Seats. Ein ähnlicher Antrag im letzten Jahr war aufgrund schlechter Vorbereitung gescheitert, dieses Jahr sorgten mehrere Antragssteller für eine fundierte Vorbereitung und eine sehr gute Begründung auf der Versammlung selbst. Der Verein versuchte mit Zahlen zu kontern, 160.000,-€ in der 2.Liga sowie 700.000,-€ in der 1.Liga würden mit diesem Antrag pro Saison versenkt werden. Dies sei in Kombination mit der langen Laufzeit der Verträge (20 Jahre) nicht machbar. Es folgte eine intensive Diskussion, die durchaus konstruktiv erschien, wenn auch nicht jede Zahl nachprüfbar ist. Am Ende wurde der Antrag recht deutlich abgelehnt, entscheidenden Anteil daran hatte sicher auch der Wortbeitrag des PSD-Bank Vorsitzenden, der dem wankenden Präsidium zu Hilfe sprang. Leider zurückgezogen wurde der zweite Antrag bzgl. der Business Seats, der das Präsidium zur Ausarbeitung eines Konzepts zum Rückbau verpflichten sollte. Da er deutlich flexibler formuliert war, hätte er nach der vorangegangenen Diskussion wohl durchaus Chancen gehabt angenommen zu werden. In jedem Fall ein Thema, welches das Präsidium jetzt bewusster angehen muss, um im kommenden Jahr nicht dem nächsten Antrag gegenüberzustehen, der dann vielleicht angenommen wird. Dies zumindest haben die beiden gestellten Anträge hoffentlich erreicht.

Anschließend folgte der Grabenkampf zwischen AFM und Präsidium um die Zuordnung der Jugendmannschaften. Es zeigte sich in der Diskussion, dass auf beiden Seiten der Kamm schwillt. Zu viel scheint da in den vergangenen Monaten vorgefallen zu sein, eine einvernehmliche Lösung für beide Seiten außer Reichweite. Die sehr gute und sicher emotionale Rede von Alex Gunkel gab hier sicher den Ausschlag für die Annahme des Antrags, gleichzeitig war es ein deftiger Warnschuss ans Präsidium.

Der sehr gut vorgetragene Antrag auf Verschiebung des Neubaus der Gegengeraden um mindestens ein Jahr wurde wegen zwischenzeitlich geschaffener Fakten zurückgezogen, lässt sich im Lichterkarussel-Blog (lichterkarussel.net) aber ausführlich nachlesen.

Das Fazit

Das Präsidium wirkte schlecht und zu kurzfristig vorbereitet. Der Bericht des Präsidenten war schlicht unspektakulär und ohne Esprit vorgetragen, aus dem Saal kamen keine Fragen zu den offen daliegenden Themen. Dies änderte sich im Verlauf der Diskussionen um die wichtigen Anträge, wobei das Präsidium kaum in der Lage war angemessene Argumentationen für seine Standpunkte vorzutragen. Zwei Beispiele hierzu: Schon im letzten Jahr bemängelte die Kassenprüfung den fehlenden konsolidierten Jahresbericht, man gelobte Besserung, nichts geschah. Die beiden Satzungs- änderungsanträge zum Thema hätten dem Präsidium fast einen sehr teuren konkreten Handlungsauftrag erteilt und endeten in einer nahezu flehenden Bitte, beide Anträge abzulehnen. Schnell wurde klar, dass Hausaufgaben nicht erledigt sind, werte Herren!

Wenn, wie selbst behauptet, dieses Anliegen im Sinne einer transparenten Darstellung aller Kosten der „FC St. Pauli - Gruppe“ schon seit einem Jahr ein aufrichtiges Anliegen ist, wundert man sich, wieso ihr nicht euren hoch bezahlten Geschäftsführer rechtzeitig damit beauftragt einen eigenen Antrag in eurem Sinne zu formulieren? Dafür sollte dieser freie Kapazitäten haben. Eure Entschuldigung, dass ihr euch alle um wichtige Dinge wie Stadionbau und die Anleihe kümmern müsst, deckt auf, dass strategische Kompetenz fehlt.

Man erkennt, dass der Präsident gegenüber gut vorbereiten Anträgen chancenlos herumeiert, was ihm zum Verhängnis werden könnte. So gab es min. 2 argumentativ gut vorbereitete Anträge (Teilweiser Rückbau der Business Seats & Terminaufschub Gegengeradenbau) bei denen letztlich ein Großsponsor in Form eines Vorstandsmitgliedes einer Bank eine Bresche für das Präsidium schlagen musste. Der Fall, dass beide Anträge aufgrund der schon angeheizten Saalstimmung durch gewunken worden wären, hätte einen folgenschweren Eingriff in das operative Geschäft dargestellt.

Die Folgen daraus hätte neben dem Gesichtsverlust gegenüber den Vertragspartnern konsequenter Weise ebenso die Vertrauensfrage an die Versammlung sein müssen! Wie sich das Präsidium in Mangel der Tragweite solcher Entscheidung dem naiv ausliefert und das Wohl des Vereins so leicht in Gefahr bringt, lässt einem mit offener Verwunderung und fassungsloses Kopfschütteln im Saal zurück.

// Frodo & JanEcke
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