Übersteiger Nr. 105

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Auf St. Pauli regeln wir das unter uns

Wir sind ein Sportverein, oder?

Alles nur Schall und Rauch? - Die Pyro-Initiative und der Untergang des Fußballs

Gab es das nicht schon mal? - Feuerwerk in Rostock

Brentford FC - Ein Kurzbesuch bei Marcel Egers neuem Club



HRO

Ob nun in China ein Sack Reis umfällt, in Russland eine Schaufel das gleiche tut oder ob die Präsidien des FC St. Pauli und des FC Hansa Rostock vor dem Derby in einer gemeinsamen Verlautbarung, die vor Undifferenziertheit nur so strotzt, zur Friedfertigkeit aufrufen, kommt in etwa auf dasselbe heraus. Man kann sich solch oberflächliches Gefasel getrost schenken. Die Spiele zwischen uns und Rostock haben bedauerlicherweise eine Gewalttradition und allen Leuten, die diese weiterhin pflegen möchten, wird bei der Lektüre eines solchen Textes bestenfalls ein müdes Lächeln über das Gesicht huschen, während sie sich dabei gelangweilt am Sack kratzen.

Im Gegensatz dazu beteiligte sich die Polizei nicht am hohlen Gelaber, sonder ließ Taten sprechen, um die erwarteten Ausschreitungen im Generellen und das Abbrennen von Pyrotechnik im Speziellen auf ihre Art zu unterbinden. So wurden vor der Abfahrt des Sonderzuges gen Osten am Altonaer Bahnhof groß angekündigte, intensive Leibesvisitationen durchgeführt, ja sogar Sprengstoffhunde waren unermüdlich im Einsatz und schnüffelten aufopferungsvoll an jedem noch so vollgepissten Hosenbein. Umso länger waren gewiss die Gesichter beim Team Green, als das ausgeklügelte Konzept banal ausgehebelt wurde. Jeder nämlich, der keine Lust hatte, sich vom Scheitel bis zur Sohle von Hund und Herrchen beschnuppern zu lassen, nutzte das Wochenendticket der Bahn und düste per Regionalexpress nach Rostock. Da standen sie nun, deine Freunde und Helfer, mit leeren Sprengstoffbehältnissen knöcheltief im Hundekot. Ist aber auch wirklich fies, wenn die Zielgruppe der Maßnahme einfach nicht zur verabredeten Kontrolle erscheint und die wahrscheinlich nicht ganz preiswerte Aktion in Altona komplett ins Leere läuft.

Vielleicht ließen sich Kompromisse finden?

Am Rostocker Bahnhof mischten sich die Gruppen aus Sonderzugfahrern und Wochenendticketnutzern wieder, und es ging per Shuttlebus ohne weitere Zwischenfälle zum Ostseestadion, an dessen Eingängen sich die aus Altona bekannte Prozedur wiederholen sollte. Nun folgte Schritt Zwei der bereits in Braunschweig erfolgreich praktizierten Strategie. Ordner und Polizei wurden mir nichts, dir nichts überlaufen und gut hundert Leute schafften es - ohne sich einer Kontrolle unterziehen zu müssen - ins Stadioninnere zu gelangen.

Über das Kalkül einer solchen Aktion lässt sich diskutieren und es gibt kritische Stimmen, die eine Erstürmung der Kurven nicht als probate Reaktion auf die ständig wachsende Repression ansehen. Die Frage nach der Effizienz der Strategie von Exekutive und Vereinen muss jedoch erlaubt sein. Besonders, wenn man sieht, dass neben den obligatorischen Bengalos auch Rauchtöpfe jeglicher Couleur im Gästeblock zur Entfaltung kamen. Extrem fraglich bleibt, ob eben genau diese Handvoll Leute, welche den Einlass unkontrolliert überwand, die gesamte Pyrotechnik ins Stadion schaffte, oder ob die Strategie der Polizei nicht auch an anderen Stellen erhebliche Lücken aufwies. Schließlich haben die Feuerwerkskörper nicht nur die Kontrollen am Gästeeingang unbemerkt passiert, sondern fanden ihren Weg auch auf die Heimtribünen. Wenn aber all dieser Aufwand das Abbrennen von Feuerwerk nicht verhindert, dann muss man wohl oder übel das Treiben der Pyromanen in Kauf nehmen. Oder etwa doch nicht? Was passierte wohl, wenn man den Dialog mit den Fans in den Kurven führte und in der Konsequenz eine Debatte auf Augenhöhe über das Für und Wider entbrannte? Vielleicht fühlten sich die Fans ernst genommen? Vielleicht ließen sich Kompromisse finden? Vielleicht würde mit einem erheblich geringeren Risiko kontrollierter oder gar weniger gezündelt?

Ohne Frage aber könnten die eingesetzten Beamten einen deutlich entspannteren Job machen und müssten nicht durch völlig unsinnigen Aktionismus den Sportsgeist und die Kreativität der Pyro-Befürworter animieren, um anschließend ein Scheitern der angewandten Taktik eingestehen zu müssen.

Erschieße niemals die letzte Geisel

Nebenbei bemerkt, verwundert es auch, dass keiner der Ordner hinterfragte, wieso die Rostocker staudenweise Bananen ins Stadion schleppten. Hatte man denen eine große Affenfütterung statt eines Fußballspiels angekündigt? Im Stadion selbst glänzten die Rostocker in gewohnter Manier mit feinster Ironie. Da wird einem sofort wieder klar, warum wir Deutschen als Volk der Dichter und Denker gelten. Einen kleinen Tipp haben wir dennoch, liebe Rostocker. Lasst doch Eure Transpis vor der Veröffentlichung noch einmal kurz gegenlesen. Ein Akkusativartikel vor dem Darmausgang hätte euren Spruch „IN ARSCH… IHR HOMOS“ noch eingängiger gemacht und wir hätten uns im Gästeblock sofort die Hosen vom Leib gerissen, um… Naja, ihr wisst schon, in Hamburg bläst eben nicht nur der Wind stark. Wo wir grad bei Transpis und Bannern sind, auch das vor gut zwei Jahren bei einem Überfall auf ein Spiel zwischen USP und Skinheads erbeutete „Barflies“-Banner tauchte in der zweiten Halbzeit auf. Ob aber die Rostocker sich nicht ein klassisches Eigentor geschossen haben, als sie das Banner zunächst zerrissen und die Fetzten anschließend verbrannten, wird die Zukunft zeigen. Wieso sollte jetzt noch jemand einer Rostocker Einladung zu einem Ackermatch in Wismar folgen, wenn es dann nicht mal einen anständigen Preis zu gewinnen gibt? Das war wohl etwas voreilig. Lernt man auf der Gangsterschule nicht schon in der ersten Lektion, dass man niemals die letzte Geisel erschießt?

Fußball wurde übrigens auch noch gespielt, wenn auch nicht sonderlich ansehnlich. Deshalb seien über das Spiel auch nicht viele Worte verloren. Nur soviel: Nach dem aus Rostocker Perspektive durchaus unglücklichen 0-1 Rückstand explodierten die ersten Böller auf der Gästetribüne und ein Bengalo vernebelte für kurze Zeit die Sicht. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Von beiden Seiten flogen - wie auch später nach dem Abpfiff - Leuchkugeln in unseren dicht gefüllten Block. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt. Nun gibt es ja die ganz Schlauen, die behaupten, auf beiden Seiten wurde Feuerwerk abgebrannt und beide Fangruppen nähmen sich diesbezüglich nichts. Aber vielleicht sollte diejenigen doch mal hinterfragen, ob es nicht doch einen Unterschied macht, im eigenen Block ein bisschen Nebel zu entfachen oder ob man unmotiviert mit Leuchtraketen in eine Menschenmenge ballert.

Nun wird die Rostocker Vereinsführung nicht müde zu betonen, dass es sich bei diesen Verrückten nur um eine kleine Minderheit handle, die mit dem FC Hansa rein gar nichts zu tun habe. Die übrigen 99% seien tolle Fans, die eine fantastische Stimmung erzeugen. Diese überwältigende Mehrheit hat dann auch eindrucksvoll bewiesen, wie man sich in solch einer Situation verhält und folgte auf bemerkenswerte Weise dem gemeinsamen Appell beider Vereine, sich Gewalttätern entschlossen entgegen zu stellen, indem sie jede Rakete in unseren Block mit frenetischen Applaus begleitete.

Die Erinnerungen sind dunkel, aber gab es in Rostock vor gar nicht allzu langer Zeit nicht schon einmal breite Beifallsbekundungen, als ein außer Kontrolle geratener Mob versuchte, Menschen anzuzünden?

// Troll
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