Übersteiger Nr. 105

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Auf St. Pauli regeln wir das unter uns

Wir sind ein Sportverein, oder?

Alles nur Schall und Rauch? - Die Pyro-Initiative und der Untergang des Fußballs

Gab es das nicht schon mal? - Feuerwerk in Rostock

Brentford FC - Ein Kurzbesuch bei Marcel Egers neuem Club



Brentford FC

Ein Kurzbesuch bei Marcel Egers neuem Club

Am Tag vor dem Nord London Derby zwischen Tottenham Hotspurs und dem Arsenal FC bot sich die Gelegenheit mal beim neuen Verein unseres ehemaligen Abwehrspielers vorbei zu schauen. Marcel Eger kam beim Spiel im Oktober gegen Huddersfield Town bei hochsommerlichen Temperaturen vor 6.100 Zuschauern auch zum Einsatz und hatte nach dem Spiel für den Übersteiger ein wenig Zeit über.

Der Brentford FC, gegründet 1889, ist einer von drei Londoner Clubs in der sogenannten League One, der 3. englischen Liga, und im Londoner Westen seit 1904 in der Nähe des Flughafens Heathrow im „Griffin Park“ beheimatet. Er spielte insgesamt im englischen Fußball keine größere Rolle, obwohl man sich 1935 sogar einmal für die damalige First Division qualifizierte. Ansonsten ging es in den vergangenen Jahrzehnten immer zwischen der 2. und 4. Liga auf und ab. Seit dem Wiederaufstieg 2009 halten sich die „Bees“ (Bienen) in der 3. Liga. Clubbesitzer ist der „Bees United Supporters Trust, der die Geschäfte im Jahr 2006 übernahm und durch Fan und Chairman Greg Dyke (damals Director General BBC) vertreten wird.

Brentford

Der Griffin Park (Fassungsvermögen derzeit rund 12.700 Zuschauer), wurde benannt nach dem Logo der dort ansässigen Brauerei und ist komplett von den typischen Reihenhausanlagen umgeben, die an einigen Stellen unterbrochen sind, um auf das Stadiongelände zu kommen. Als einziger englischer Ground kann er mit vier Pubs in jeder Stadionecke aufwarten. Das Stadiondach hält clevererweise seit Jahren als Werbefläche für verschiedene Fluggesellschaften her, da sich der Griffin Park direkt in der Einflugschneise befindet. Die Anreise aus der Londoner Innenstadt ist einfach (mit der Tube bis nach South Ealing und dann mit dem Bus 65 oder per Pedes ca. 15 Minuten die Ealing Road hinunter); dauert aber aufgrund der Entfernung bis zu einer ganzen Stunde.

Der heutige Gegner Huddersfield Town besitzt, wie auch der Brentford FC im erweiterten Kreis, Aufstiegsambitionen. Die Nordengländer verpassten in der vergangenen Spielzeit erst im Play Off Final den dritten Aufstiegsplatz. Zu sehen war auf dem Platz davon allerdings nichts. Ob es an den ungewöhnlichen Temperaturen lag oder beide Teams lediglich einen schlechten Tag hatten, sie hatten sich zunächst, höflich ausgedrückt, beidseitig nicht viel entgegen zusetzen. Huddersfield kam im Verlauf der 90 Minuten immer besser ins Spiel und gewann schlussendlich deutlich mit 4:0. Die rund 800 Fans der Blau-Weißen feierten ihr Team bierselig auf der zwei- rangigen Hintertortribüne im Miniaturformat, während der Support der Heimanhänger, trotz Stehplatztribüne, so gut wie gar nicht stattfand. Verständlich, denn die Spielweise der Bees ließ weder irgendeine Taktik, noch irgendwelche einstudierten Spielzüge erkennen. Nach der Halbzeitpause kam beim Stande von 0:1 eine sichtbar verunsicherte Mannschaft aus der Kabine. Trainer Uwe Rösler, der nach ersten ausländischen Stationen als Übungsleiter in seine „Wahlheimat“, zurückkehrte, hat wohl- vielleicht auch an sich selbst- eine Menge Arbeit vor sich.

Der Arbeitsaufwand eines Fußballprofis ist hier wesentlich höher

Entsprechend gefrustet begleitete Marcel Eger uns, standesgemäß mit Bus und Bahn und nicht im Audi S8 oder so, in ein nahe gelegenes Café. „Er sei gut angekommen, hat mit seiner Partnerin eine schöne Wohnung in Notting Hill und genießt die vor allem musikalischen Vorzüge der englischen Hauptstadt.“ Auch die Mannschaft hätte „den Crowd“ „ohne lästige Spielchen und Mutproben aufgenommen“. Dies ist in England, wo Deutsche gerne genötigt werden, mit Hitlerbärtchen auf einem Stuhl herum zu tanzen, auch nicht selbstverständlich. „Allerdings sei der Arbeitsaufwand eines Fußballprofis wesentlich höher als in Deutschland. Das Training beginnt jeden Morgen gegen 9:00 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück und endet oft erst gegen 15:00 Uhr nach zwei Trainingseinheiten und theoretischem Teil.“ Dazu kommen 46 Liga Spiele und diverse Cup Spiele aus drei Wettbewerben (Ligacup, Johnstone`s Paint Trophy und FA Cup). Also keine unbeträchtliche Belastung über das Jahr gesehen. „Freie Tage bekommen wir manchmal auch. Morgen wegen unserer schlechten Leistung aber nicht. Der Erfolgsdruck ist, auch in der 3. Liga enorm. Spieler und Trainer müssen hier auf der Insel funktionieren, Namen sind im zweifelsfrei wie Schall und Rauch, die Vereinszugehörigkeit und ähnliche Dinge spielen keine Rolle. Wie bei St. Pauli mal nach einem Spiel im Viertel ein Bierchen trinken- das geht gar nicht!“ Trotzdem möchte er sich durchsetzen und seinen über zunächst zwei Jahre laufenden Vertrag erfüllen. Er hofft eben nicht, wie viele andere plötzlich irgendwo für ein paar Monate (was in England jederzeit möglich ist) ausgeliehen zu werden. „Was danach kommt, wird sich zeigen. Auch ein Engagement in den USA wäre äußerst interessant.“ Das bei diesen Überlegungen seine Partnerin, die gerade ihr Studium für internationale Beziehung abgeschlossen hat, eine gewichtige Rolle spielt, scheint logisch. Ob er St. Pauli vermisse? „Natürlich schon, sieben Jahre waren eine lange Zeit, aber jetzt genieße ich das Leben hier. Selbst das Schlange stehen und mitunter langsame Vorankommen per Tube und Bus ist schnell Normalität“. Natürlich wollen wir noch wissen, ob ihm die gute Stimmung vom Millerntor nicht manchmal fehlt? Ein klares „Jein! Die war schon gut, aber ich finde den spielbezogenen Support, auch für uns Spieler, einfach gut. Die Zuschauer beurteilen intensiver das Spiel, nicht das drum herum.“ Den Eindruck hatten wir auch. Allerdings war die Stimmung aufgrund des Spielverlaufes dieses Mal seeehr Spiel bezogen…Wir wünschen Marcel Eger natürlich alles Gute und gönnen ihm, ihn nicht das nächste Mal bei Grimsby Town besuchen zu müssen.

Wer in Brentford mal vorbeischauen möchte, sollte weder spielerisch (momentan!) noch von der Atmosphäre her allzu viel erwarten. Er kann sich zwar noch an alten Stehtraversen erfreuen, zahlt dafür aber genauso viel, wie für einen Sitzplatz (Stehplatz 20 Pfund, Sitzplatz mit freier Platzwahl auf der Haupttribüne 22 Pfund). Auch in Liga 3 in absolut entspannter Atmosphäre und in einem halb leeren Stadion nehmen die Ordner ihren Job sehr ernst und nerven die Besucher. Vorschrift ist schließlich Vorschrift und daher gilt auch hier: Kein Bier auf den Tribünen, kein längerer Aufenthalt auf Aufgängen, um z.B. ein Foto zu machen (auch, wenn man dort ganz alleine steht) und Rauchen verboten sowieso. Dafür sollte man unbedingt in einem der vier Pubs z.B. im „Griffin“ ein Fullers vom Fass zu sich nehmen. Dabei wird man wenigstens nicht gestört.

// CF
< nach oben >