Übersteiger Nr. 106

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Ein Neubau und ein ungeliebter Untermieter

Die Kassenrolle – Der Verein wehrt sich

Der Schweinske Cup und seine Folgen

Mit der Seilbahn ins Millerntor-Stadion?

Übersteiger Blogschau: Fritten, Fußball und Bier



Der Schweinske Cup
und seine Folgen

   Eine chronologische Aufarbeitung des Geschehens in der Halle folgt an dieser Stelle nicht. In vielen Blogs und Foren gab es ausführliche Berichte und Kommentare zu einem wirklich unfassbaren Fehlverhalten der staatlichen Angestellten in Grün (oder wahlweise dunkelblau). In den öffentlichen Medien war mal wieder unreflektiert mehr oder weniger von Krawallen, Unbelehrbaren und unglaublichen Auswüchsen der Gewalt die Rede. Die Wahrheit liegt scheinbar aber ganz woanders.

Der Schweinske Cup lebte in den letzten Jahren ausschließlich vom FC St. Pauli und seinen Fans. Namhafte Teams oder welche mit regionalem Charakter waren mehr oder weniger Mangelware. Der Verein, als auch vor allen Dingen Ultra St. Pauli schlugen vor, in diesem Jahr überwiegend befreundete Teams wie z.B. aus Babelsberg, für ein stimmungsvolles Turnier einzuladen. Mit Kiel, Lübeck und einer Zweit-Vertretung des hsv sollte es aber diesmal hoch her gehen. Die Hoffnung auf viele zahlende Zuschauer war wohl Vater des Gedankens. Aufgrund sicherheitstechnischer Bedenken sagte Holstein Kiel schon relativ früh, danach auch der hsv die Teilnahme ab. Eine Teilnahme aller drei Vereine hätte zugegebener Maßen durchaus ein Sicherheitsproblem ergeben können, aber eine Trennung der Fangruppen wäre normalerweise, wie bei früheren Turnieren auch, kein Problem gewesen. Bei lediglich zwei „rivalisierenden“ Mannschaften (eine davon mit nur rund einhundert Fans) erst recht! Mit dem, was dann passierte, könnte ein Buch gefüllt werden. Ausführliche Berichte findet ihr u.a. hier: www.magischerfc.de und im Kiezkieker Nr. 11.

Kurz zusammengefasst ereignete sich folgendes: In Lübeck kauften sich rund 100 Fans (eine Mischung von Hooligans, Nazis und Halbnazis vom VFB und wohl auch dem hsv) eine Eintrittskarte nur für den ersten Tag des Turniers. Sie reisten ungehindert und nicht begleitet nach Hamburg und machten schon bei Ankunft an der Halle mit einschlägiger Kleidung und Scharmützeln mit den Sicherheitskräften auf sich aufmerksam. Obwohl es mehr als offensichtlich war, um welches Klientel es sich dabei handelte, konnte sich der Mob in der Halle frei bewegen, sowie rassistisches, antisemitisches und homophobes Liedgut und Gesten verbreiten. Die so genannten szenekundigen Beamten, die normalerweise dafür bezahlt werden, alles auszuschnüffeln, um Derartiges vorauszusehen, müssen im tiefsten Winterschlaf gewesen sein. Die Polizei vor Ort genauso. Es folgte nach zielgerichteten Provokationen eine Attacke der Mischpoke auf die St. Pauli Fans samt Fahnenklau. Eine kurze, kleine Rangelei von wenigen Beteiligten ließ sich nicht vermeiden.

Mit Schlagstöcken und
Pfefferspray ging die Polizei
auf die St. Pauli Fans los

Insgesamt verhielten sich die St. Paulianer, insbesondere auch USP, verantwortungsvoll. Das bestätigte anschließend auch unser Sicherheitschef Sven Brux. Die Einsatzkräfte der Polizei beschäftigten sich allerdings nicht mit den Gewalt suchenden, zahlenmäßig überschaubaren Angreifern, sondern ging mit Pfefferspray und Schlagstöcken gegen alle rund 1000 anwesenden St. Pauli Fans los. Egal ob alt oder jung, Frau oder Kind. Eine derartige, unkontrollierte Eskalation der Polizeigewalt gegen alles und jeden wurde selten erlebt, berichteten Augenzeugen. In der Folge wurden die Gewalttäter unter Polizeischutz aus der Halle eskortiert, währenddessen St. Paulianer und neutrale Zuschauer nicht aus der Halle durften, obwohl fast alle friedlichen Zuschauer genau dieses einfach nur noch wollten. Sie wurden derart massiv von der Polizei daran gehindert, dass selbst die Seele des normalsten Fans bald überkochte. Eine weibliche Betroffene berichtete, dass sie, nichts ahnend aus der Toilette im Untergeschoß kommend, mit körperlichem Einsatz der Einsatzkräfte daran gehindert wurde, in die Halle zurückzukehren. Sie wurde unter anderem schmerzhaft am Körper festgehalten und an die Wand gedrückt. Viele andere bekamen eine volle Ladung Pfefferspray oder sogar Schlagstöcke zu spüren. Dieser armselige, aber mittlerweile beliebte Einsatz von Pfefferspray zeugt von einer ernormen Hilflosigkeit der heutigen Bullengeneration, aber das ist ein anderes Thema. Von fast einhundert Verletzten ist die Rede, fast alle davon Opfer der Polizei. Unfassbar! Dass sich danach der Zorn der Betroffenen gegen einige Einrichtungen und Sicherheitskräfte entlud, ist zwar nicht schön, aber aus der Emotion heraus durchaus nachvollziehbar. Aber auch das hielt sich nach unseren Erkenntnissen alles noch in einem gewissen Rahmen.

Die anschließende Berichterstattung erwartungsgemäß nicht. Die üblichen, ungeprüften und schlecht recherchierten Medienberichte sind, genauso wie einseitig verfasste Stellungnahmen der Polizei, nichts neues mehr. Neu war aber, dass die Verantwortlichen der staatlichen Einsatzkräfte ihre Sicht der Dinge derartig verdrehten, dass sich selbst die Vereinsvertreter des FC St. Pauli zu klarstellenden Äußerungen genötigt sahen und auch die ein oder andere Darstellung der Presse sich gegen den fragwürdigen Einsatz wandte. Es wurden jedenfalls in Richtung Polizei und Organisation viele Fragen gestellt. Die Staatsdiener erfanden daraufhin sogar angebliche Situationen mit gewaltbereiten und Gewalt suchenden St. Pauli Fans, die jedoch über die Medien und den Verein postwendend widerlegt werden konnten. Ein eindeutigeres Schuldanerkenntnis der Staatsmacht konnte es nicht geben. Besonders geholfen, alles Geschehene ins rechte Licht zu rücken, hat aber eindeutig unserer Verein.

Pressesprecher Christian Bönig in Interviews und Talkrunden sowie Organisationsleiter Sven Brux auf der anschließenden Pressekonferenz nahmen vehement zu den nicht wahrheitsgemäßen Aussagen der Staatsmacht Stellung, stellten sich in einer seltenen Weise vor ihre Fans und kritisierten nimmer Müde werdend genau die richtigen Fehler der Polizei. Das war ganz große Klasse! An dieser Stelle dafür noch einmal ein dickes Lob! Damit hatte die Innenbehörde ein großes Problem ihre verdrehte Sicht der Dinge aufrecht zu erhalten. Dass sich damit die Freundschaft zwischen den politischen Vertretern und des DFBs auf der einen Seite und dem Verein und seinen Fans auf der anderen nicht vertieft hat, ist abzusehen. Aber genau das ist mein St. Pauli!

Auch, wenn es eigentlich gar nicht dazu gekommen ist und Sven Brux folgende Aussage auf der Pressekonferenz tags drauf natürlich revidieren musste. Genau darum gehts: „Der FC St. Pauli wird landauf, landab gerühmt für dieses 'gegen Rechts sein' und sich gegen so etwas gerade machen. Ja, meine Güte, dann muss das in der Realität auch mal umgesetzt werden. Also wenn irgend so ein Nazi meint, er könnte im St. Pauli- Block derartige Sprüche loslassen, dann muss der auch das Gefühl haben, dass ihm das gesundheitlich nicht ganz gut tut.“

90 meist durch Pfefferspray und Schlagstöcken
hervorgerufene Verletzte

Unterm Strich dieser „Veranstaltung“ standen schlussendlich neben rund 90 meist durch Pfefferspray und Schlagstöcken hervorgerufene Verletzte, leider auch 76 Fest- und Ingewahrsamnahmen aus allen Lagern. Um diese irgendwie nachträglich zu begründen rief die Polizei umgehend via Medien zum Denunziantentum auf. Sie bat um Zeugenaussagen und um Bereitstellung von Bild und Videomaterial. Viele kamen dieser Bitte hoffentlich nicht nach. Verpfeifen ist für'n Arsch! Auch das war und ist (bitte) auch heute noch eine Stärke unserer Fanszene: Gegen Sicherheitskräfte und Ordnungshüter wird zusammengestanden. Auch wenn selbst unser eigener Verein zuletzt beim Kassenrollen- oder Bierbecherwurf ähnliche Aufrufe startete.

Eine Woche später wurde gemeinsam vom Fanclubsprecherrat und Fanladen im Centro Sociale ein Treffen zur Aufarbeitung der Vorfälle initiiert. Fast alle waren der Meinung: So konnte es nicht weitergehen und die Vorfälle nicht im Raum stehen bleiben. Zu gut ist allen noch der bis heute nicht ansatzweise aufgeklärte Überfall der Polizei auf das Jolly Roger im Juli 2009 in Erinnerung.

Der Fanladen dazu
auf seiner Homepage:

„Am 14. Januar 2012 haben die versammelten St. Pauli Fans im Rahmen der Diskussionsveranstaltung vom Fanladen St. Pauli im Centro Sociale nach den Vorfällen beim diesjährigen Schweinske-Cup beschlossen, eine unabhängige Untersuchungskommission einzuberufen. Mit Herrn Prof. Dr. Feltes von der Ruhr-Universität Bochum konnte ein Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der DFL dazu gewonnen werden, diese federführend zu leiten. Wir bitten daher alle Fans, ihre Beobachtungen und Gedächtnisprotokolle zu den Vorfällen beim Schweinske Cup 2012 an das Fanprojekt des FC St. Pauli, den Fanladen St. Pauli zu schicken. Per Mail an info@stpauli-fanladen.de oder per Post in die Brigittenstraße 3, 20359 Hamburg. Die Daten werden vertraulich behandelt, alle eingehenden Berichte und Protokolle werden an die Untersuchungskommission weiter geleitet und abschließend gelöscht und/oder vernichtet. Auf Wunsch werden die Protokolle auch nur anonymisiert weitergegeben!“

Auch weil Innensenator Michael Neumann den Weg ins Centro Sociale (immerhin kein schlechtes Zeichen) und zu Beginn der Veranstaltung entschuldigende Worte in Richtung der Verletzten fand sowie dienstinterne Aufklärung versprach, sind wir sehr gespannt auf die Ergebnisse.

Informationen findet ihr u.a. noch hier:
www.blog.uebersteiger.de
www.publikative.org

// CF
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