Übersteiger Nr. 106

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Ein Neubau und ein ungeliebter Untermieter

Die Kassenrolle – Der Verein wehrt sich

Der Schweinske Cup und seine Folgen

Mit der Seilbahn ins Millerntor-Stadion?

Übersteiger Blogschau: Fritten, Fußball und Bier



Mit der Seilbahn ins
Millerntor-Stadion?

   Am Montag den 20.2.12 fand in der Ganztagsschule St. Pauli eine Bürgerinformationsveranstaltung der Firmen Stage Entertaiment & Doppelmayr zu ihrem in Planung befindlichen Projekt „Hamburger Seilbahn“ statt. Eine privatwirtschaftliche Investition von 50 Mio. Euro soll auf Kosten der Anwohner in den Stadtteilen St. Pauli, Neustadt und Wilhelmsburg den erweiterten Musical Standort Hamburg sichern. Die Theaterzelte im Hafen werden durch eine Seilbahn über der Elbe mit dem Operettenhaus auf der Reeperbahn verbunden!

Es liegt der illegal gefällte ehemals denkmalgeschützte Altbau der Investoren Köhler & von Bargen in der Bernhard-Nocht-Straße 85-87 noch keine 24 Stunden in Schutt und Asche, da laden schon die nächsten Herren im Nadelstreifenanzug zum Nachtisch!

Selbstlos wie Investoren nun mal sind werden die Vorzüge ihrer Idee für Touristen und „andere Hamburger“ den ca. 120 Interessierten, meist Anwohnern präsentiert. Das Motto des Abends lautet vor Beginn auf dem Podium schon: „Ha Ha wird schon gut gehen, der wahre Aufreger liegt ja auf einem Schutthaufen auf der anderen Straßenseite!“

So komme ich als erstes Mal in den Genuss eines Imagefilms, der mich in einer virtuellen Seilbahngondel von der historischen Polizeiwache am Millerntorplatz aus den Wallanlagen übers Bismarckdenkmal in knapp 100 m Höhe (so hoch wie die tanzenden Türme!) hinauf fährt. Von nun an geht es sachte bergan, über den alten Elbpark und die Karsten-Miles-Brücke am Stintfang vorbei Richtung Elbe. Rechts unten die historisch noch einmalige Kulisse des alten Elbtunnels und der Landungsbrücken. Der konstruierte Fall im Film möchte es so, dass just in diesem Augenblick die „Queen Mary II“ – a holy crab of ship – die Elbe runtertuckert. So darf ich nur staunen, ich welch imposanter Höhe die Gondel über deren Sonnendeck fliegt und man genau von Oben in die Schornsteine ihrer königlichen Majestät kotzen könnte. Die Fahrt ist aber schon zu Ende, die Seilbahngondel dank Panoramascheiben vollständig verschlossen, wird also nichts mit Draufkotzen.

Filigrane Stahlkonstruktionen und
die 3. Verkehrsachse

In Wahrheit soll in Steinwerder neben dem Musicalzelt ein Zweiter „filigraner“ 125 m alles überragender Mast stehen, der einen zur Umsteigestation Theaterzelt bringt. Wer noch nicht genug hat, darf dann bis Wilhelmsburg ins Reiherstiegviertel mit einer schlichteren Gondelbahn zum Busparkplatz im Nimmerland weiterschweben. Das sieht zumindest die Planung vor. Eine Seilbahntrasse über die Elbe nach Wilhelmsburg, ob das Teilstück durch Industriegebiete und Hafen bis dorthin genehmigungsfähig ist, sei dahin gestellt und wird von Kritikern bezweifelt. So weit so gut will man meinen.

Als weiteren Höhepunkt präsentiert dann einer der Stage Geschäftsführer der Herr Johannes Mock-O’Hara seinen launigen Vortrag über die Vorzüge seines Projektes. Ein eloquent auftretender Redner, der ganz seinem Konzern verpflichtet brilliert. Managementseminar für Überzeugungstäter Note 1, geschickt weicht er Fragen aus und formuliert diese so um, dass ja alles total dufte und großherzig für Hamburg ist. Er wolle halt nur das Beste für den Stadtteil in dem er ja auch mit seiner Familie lebe, denn mit Hilfe seiner genialen Idee über den Strom würde das Verkehrsproblem der Stadtteile erheblich verbessert. Neben Elbbrücken und Elbtunnel schaffe man eine „Dritte Achse“ in die Stadt, was aus verkehrpolitischen und ökologischen Gründen mehr als Sinn machen würde. Man brauche nun nicht mehr mit der langsamen S-Bahn oder dem eigenen Auto aus dem Süden nach St. Pauli kommen, da man bequem durch die Luft „einschweben“ könne! Das weitere Plus für die Bürger in den Stadtteilen seien „Vorzugspreise und Ermäßigungen“, wenn Sie denn auch mal nach Williburg fahren oder einfach nur die tolle Aussicht genießen möchten. Mit Kind und Kegel, ein Fahrrad geht auch in die Gondel rein und ab dafür. Am besten findet er dann, dass das den Steuerzahler und die Stadt Hamburg alles nichts kostet! Keinen einzigen Cent Steuergelder werde man dazu benötigen dieses auf 10 Jahre Laufzeit ausgelegte Projekt zu verwirklichen. Also eine reine Win-Win Situation für alle, wenn es dann nicht mehr gefällt weg damit, kompletter Rückbau auf Betreiberkosten möglich und versprochen.

Die Zukunft für Hamburg
immer größerer
Stumpftourismus auf St. Pauli

Was er dann nicht so richtig Sagen möchte und erst nach vielen Nachfragen Brocken um Brocken rausrückt: Natürlich geht es nur darum seine Spielstätten mit einem weiteren Highlight zu garnieren, damit noch mehr Menschen in den Genuss der Stage Musicals kommen. Bei einer Kapazität von 2000 bis 3000 Personen pro Stunde, werden entsprechend viele Busse und Autos das Heiligengeistfeld voll stellen, um mal eben Seilbahn zu fahren. Wird noch mehr Verkehrsaufkommen und Pauschaltourismus in arg gebeutelten Wohnvierteln die St. Pauli und die Neustadt nun mal auch sind eben da stattfinden.

Für die 100 m hohe Seilbahnstütze wird eine Grundwasserabsenkung im historischen Elbpark notwendig. Der letzte zusammenhängende Grüngürtel im Viertel wird dem Tourismus geopfert. An historischen Baudenkmälern: dem Bismarck aufm Sockel, der Carsten-Miles-Brücke, den Landungsbrücken und nicht zuletzt an allen Sichtachsen bspw. vom alten Hafenkrankenhaus auf den Michel wird dieses Spinnennetz von armdicken Stahlseilen und Gondeln groß wie Kleinwagen die Silhouette der Hafenansicht völlig verändern, die Sicht vom Fluss eben auch. Verschwiegen wird der ständige Schattenschlag dieser Attraktion. Und das alles bestimmt nicht zum Guten. Wieso braucht eine Flussstadt mit Hafen eine Seilbahn, die eigentlich dazu bestimmt ist in Skigebieten natürliche Höhenunterschiede zu überwinden, die wir Flachlandtiroler hier an der Elbkante definitiv nicht haben! Danke Herr O Hara!

Launig geht dann die Diskussion hin und her, Alternativvorschläge werden von Anwohner gemacht, Bedenken geäußert, Argumente für andere Standorte beigebracht, aber auch die Idee als eine gute gepriesen. Die Vielfalt des Stadtteils äußert sich. So recht gelang es Herrn Geschäftführer dennoch nicht die Bedenken zu zerstreuen und man wolle im keinen Falle etwas gegen den Willen der Bürger realisieren, aber es müsse doch nun mal einsehbar sein, das diese einmaligen Chance nicht brach liegen gelassen werden dürfe. Und es bleibe abzuwarten wie die Bürger in Wilhelmsburg und der Neustadt das alles sehen.

Ganz nebenbei stellt sich auch noch raus, dass die Stage Entertaiment, wieder einmal, 30 Arbeitsplätze der „Ausstatter“ am Operrettenhaus ausgliedern möchte, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dazu möchte die Firmenleitung den anwesenden organisierten Mitarbeitern aber heute nichts sagen, da es hier und Bürgeraufklärung gehe.

Wie nun Weiter?

Politisch ist momentan nicht eindeutig geklärt, ob der Bezirk Mitte weiter zuständig ist, oder ob das Thema eine übergeordnete Senatssache wird. Die Betreiber wollen im jedem Falle ein Planfeststellungsverfahren einleiten. Behörden werden dann prüfen müssen, ob eine Baugenehmigung erteilt werden kann. Es gilt also jetzt darum weitere Bedenken zu äußern und diese ganze Angelegenheit kritisch zu begleiten. Sonst wird es wie so oft im Viertel: Wer das Geld hat entscheidet und darf realisieren wie es ihm beliebt.

Also informiert euch. Wer aus der Fanszene Interesse daran besitzt, sich weiter zu Engagieren bitte Kontakt über Redaktion@uebersteiger.de aufnehmen. Man kann den Versuch unternehmen sich mit den vorhandenen Institutionen/engagierten Personen im Stadtteil zu vernetzen. Denn durch dieses weitere Großprojekt neben dem Versuch des Abrisses der EssoHäuser, der Moorburgtrasse, dem Bernhard-Nocht-Quartier, dem Hochhaus Reeperbahn 157, dem Umbau des Millerntorstadions, der Hafenkrone im Brauquartier und den tanzenden Türmen könnte das Maß nun endgültig überschreiten. Es wird Zeit sich für das Gemeinwohl in einem noch lebenswerten Viertel einzusetzen.

Links zum Thema:
www.hamburger-seilbahn.de
www.sos-stpauli.de
www.gwa-stpauli.de

// JanEcke
< nach oben >