Übersteiger Nr. 107

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Bogschau: unrund

Glory Days rereloaded

4. Herren News

In Haiti nach dem Rechten geguckt

Neues von den Alten



Übersteiger Blogschau:

unrund Titelüberschrift

In der für diese Sasion letzten Runde der Blogschau vom Übersteiger haben wir Stefanie von unrund.com interviewt. Ihr blog dreht sich hauptsächlich um Fußball aus Berlin, ist sehr persönlich geschrieben und hat einen ganz eigenen Zugang zum Thema Fußball. Außerdem ist Stefanie Aktivistin bei „Aktion Libero“. Das war uns natürlich einige Nachfragen wert. Viel Spaß beim Lesen!

Schön, dass du dir die Zeit genommen hast, dann legen wir mal los: Wer bist du und wo kommst du her?
Mein Name ist Stefanie, ich bin 35 und lebe in Berlin. Ich komme aber aus Nordrhein-Westfalen, habe ein paar Jahre in Köln gelebt, später in Würzburg. Seit fünf Jahren bin ich in Berlin und arbeite hier als freie Lektorin. Mittlerweile gibt es in dieser Stadt vieles, was ich nicht mehr missen möchte.

Und wie bist du zum Fußball gekommen?
Ich habe einige Jahre als Sportredakteurin für eine Tageszeitung gearbeitet und dabei hauptsächlich über Fußball geschrieben, Kreisliga C bis Champions League. Das war eine sehr schöne, aufregende Zeit. Interessiert hat mich Fußball schon immer, aber so richtig verliebt habe ich mich erst im Laufe dieser intensiven beruflichen Auseinandersetzung. Irgendwann war ich allerdings so voll von Zahlen, Fakten und Ergebnissen, so müde von alldem, dass mir das verloren zu gehen drohte, was mich wirklich berührt. Das Unrecherchierbare. Das, was der Fußball mit Menschen macht, im ganz Kleinen und im Großen. Das ist sicher ein Grund dafür, dass ich heute nicht mehr in diesem Beruf arbeite. Und ein Fußballblog habe.

Bist du regelmäßige Stadiongängerin? Und wenn ja, welcher Verein?
Es gibt zwei Vereine, die ich besonders gerne mag: Werder Bremen und Tennis Borussia Berlin. Irgendwie ähneln die sich auch ein bisschen. Und mir. Manchmal habe ich das Gefühl, beide verweigern sich stur dem großen Erfolg, weil sie wissen, dass für mich alles, was zu sehr gefeiert wird, etwas von seinem Zauber einbüßt. Ist natürlich kompletter Unsinn, aber die Vorstellung gefällt mir. Während ich Werder schon lange toll finde, allerdings nur sehr selten zu Spielen gehen kann, habe ich TeBe erst im Laufe des letzten Jahres kennengelernt und hänge da mittlerweile fast jedes Wochenende rum. Die Wege sind ja angenehm kurz in der Berlinliga.

Allerdings interessiere ich mich generell sehr für den Berliner Fußball und besuche auch andere Clubs. Neulich war ich mal beim Regionalligisten Berliner AK 07, wo der Trommler hinter dem Bratwurstwagen trommelt, quasi versteckt, abseits der Tribüne. Ich kenne die genauen Gründe nicht, vermute aber etwas hochgradig Charmantes, irgendwo zwischen Lärmschutz, Schüchternheit und starker emotionaler Verbundenheit zur Bratwurstverkäuferin. Ein sympathischer Verein.

Oder Norden-Nordwest 98, Landesliga. Da kommen vielleicht 20 Zuschauer, an sonnigen Tagen 30, und die haben einen so hübschen Platz am Gesundbrunnen. Kunstrasen zwar, aber ganz idyllisch, mit Stufen drumherum und etwas tiefer gelegen als die ihn umgebenden Bäume und Häuser. Ein romantischer Ort.

Gibt ohnehin kaum einen romantischeren Ort als einen Fußballplatz. Berlin hat ja erfreulicherweise viele davon. So ein Heimspiel im Mommsenstadion ist natürlich ein Highlight. Lilaweiß, Konfetti, Forza Borussia … Und auch außerhalb Berlins gibt es einige Vereine, denen ich gern mal einen Besuch abstatten möchte. Am Millerntor war ich beispielsweise noch nie.

Erzähl mal ein wenig über deinen blog unrund.com: Betreibst du das Blog allein, oder hast du auch mal Gäste?
Zwischendurch hat Harald Müller bei unrund mitgeschrieben, der mittlerweile das sehr lesenswerte Blog freitagsspiel (www.freitagsspiel.de) betreibt. Ein paar Jahre lang hat unrund pausiert, aber seit dem letzten Sommer schreibe ich wieder – allein und in eher unregelmäßigen Abständen. Nicht immer veröffentliche ich lange Texte, sondern häufig auch bloß ein Foto, einen Link oder einen kurzen Gedanken.

Die Geschichte des Blogs ist ja ziemlich bewegt, was ich so lese ...
Das Blog gibt es seit 2005 und es ist, nun ja, sehr persönlich. Im Grunde geht es oft gar nicht so sehr um Fußball, sondern vor allem um mich. Ha ha! Alles, was ich blogge, hat natürlich einen Fußballbezug, aber ich schreibe keine Spielberichte oder Analysen. Das können andere viel besser.

Erst im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, wie viel mir das Blog bedeutet und was das alles eigentlich soll – am stärksten in der Phase, in der es brach lag und ich mir immer wieder die Frage gestellt habe, was damit geschehen soll. Habe mich dann dazu entschieden, es nicht zu löschen, sondern herauszuputzen und ganz neu zu starten, natürlich mit allen alten Texten im Kofferraum. Das gefällt mir bisher ganz gut.

Inzwischen findet sogar manchmal ein bisschen Interaktion statt, was früher gar nicht der Fall war, weil ich mich albernerweise hartnäckig dagegen gewehrt habe. Mittlerweile bin ich etwas weniger scheu, auch wenn ich nach wie vor trotz Twitteraccount nicht gerade zu den aktivsten und kommunikativsten Sportblogger(inne)n im Netz gehöre. Macht mir aber nichts.

Spannend finde ich, wie sich die Themen, über die man schreibt, im Laufe der Zeit verändern. Manches verschwindet ganz, Neues drängt sich in den Vordergrund. Auch der Stil ändert sich. Das macht für mich ein Blog aus, dieses Lebendige. So etwas beobachte ich auch in den Blogs, die ich lese, sehr gerne. Eine große Sache, die mich seit ein paar Monaten beschäftigt, ist zum Beispiel das Fansein. Fragen wie: Was macht jemanden zum Fan? Wie weit kann Identifizierung eigentlich gehen und ab wann wird man unfrei? Wie funktioniert das mit der Fanfeindschaft? Was ist »echt« an der aktuellen Fankulturdebatte und was Pose? Darüber schreibe ich vielleicht auch irgendwann mal etwas.

Hast du einen Plan, was wann kommt – oder schreibst du aus dem Bauch heraus, wenn es gerade passt?
Zu viel Planung macht unglücklich. Ich bin ganz froh, dass unrund eher ein Ort der Planlosigkeit ist. Auf der anderen Seite glaube ich, dass fast jeder Blogger, also auch ich – weil wir uns und unser Tun ja in der Regel tierisch ernst nehmen –, irgendwann mal eine Art Verpflichtung verspürt, eine diffuse Bringschuld gegenüber der unbarmherzigen Leserschaft. Und ich glaube, dieses Gefühl kann einiges kaputt machen, wenn man es sich nicht aus der Nähe anschaut. Aber es kommt natürlich darauf an, wozu man sich selbst verpflichtet und was man mit seinem Blog will.

Manchmal finde ich nicht die Ruhe, mich einem Text zu widmen, der sich innerlich ankündigt, und hadere dann mit diesem Umstand, weil ich so gerne etwas schreiben würde, aber die vielen Gedanken und Gefühle, die ich zum Thema habe, in mir wilde Sau spielen statt 4-3-3. Mir ist es wichtig, mich davon freizumachen, von all dem vermeintlichen Druck von außen, der am Ende ja doch nichts als Selbstsabotage ist. In manchen Bereichen des Lebens mag das schwierig bis unmöglich sein, aber in meinem Blog geht das – zum Glück. Für mich funktioniert das auch nur so, oder besser gesagt: Alles andere fühlt sich nicht so gut an. Schreiben nach Plan kann ich zwar auch, aber es macht mir weniger Freude.

Und meist kommt ja, wenn man mal was plant, doch alles ganz anders. So wie neulich in Dortmund, beim Spiel BVB gegen Werder: Ein ganz besonderes Wochenende war das – ich war aufgeregt, habe mich riesig gefreut und selbstverständlich im Vorfeld mit dem Gedanken gespielt, später etwas darüber zu schreiben. Kommt ja nicht so oft vor, dass ich ein Bremen-Spiel live sehe, und dann auch noch in Dortmund, yeah. Also habe ich viele Fotos gemacht, ganz genau aufgepasst, sogar beim Bier holen, war aufmerksam und hatte die Haare schön – um mir dann Tage später einzugestehen, dass es einfach verdammt gute Gründe gab, nichts darüber zu bloggen. Ein durchaus vertrautes Gefühl. So etwas ist dann zwar ein bisschen schade, aber mit etwas Abstand auch ziemlich amüsant.

Was natürlich immer wieder schön ist: wenn sich ein Text quasi von selbst schreibt. Ich neige zwar dazu, später noch meiner perfektionistischen Neigung freien Lauf zu lassen und hemmungslos daran herumzubasteln, aber dieser Prozess, etwas aufzuschreiben, was geschrieben werden will, ist einfach sehr bereichernd. Und es dann mit anderen teilen zu können. Allein dafür liebe ich mein Blog. Und ich freue mich natürlich sehr darüber, wenn jemand mitliest und mir eine Rückmeldung gibt.

Hast du denn noch andere Projekte laufen? Vielleicht etwas, was nicht mit Fußball zu tun hat?
Ich bin Teil des Planungs- und Redaktionsteams der „Aktion Libero“ (www.aktion-libero.de), der im November gestarteten Initiative von Sportblogs gegen Homophobie im Fußball. Dieses Projekt ist mir sehr wichtig und entwickelt sich erfreulicherweise sehr schön. Ich hoffe, dass das Thema künftig noch mehr Aufmerksamkeit bekommt und dass sich im deutschen Fußball endlich mehr Freiheit und Respekt etablieren. Das liegt mir sehr am Herzen. Homophobie im Fußball – das ist übrigens auch so eine Sache, mit der ich mich bis vor Kurzem noch nicht besonders intensiv auseinander gesetzt habe. Erst durch die »Aktion Libero« und die damit verbundenen Aufgaben, die Recherchen und den Austausch mit anderen Blogger(inne)n hat sich das für mich zu einer echten Herzensangelegenheit entwickelt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Was ist denn die »Aktion Libero« für eine Aktion und was tut ihr als BloggerInnen konkret?
Los ging es mit einem Aktionstag, an dem über 60 Blogs ein gemeinsames Statement gegen Homophobie im Fußball veröffentlicht und sich zum Teil darüber hinaus mit eigenen Artikeln, Interviews und Podcasts der Thematik gewidmet haben. Alle Beiträge und Teilnehmer(innen) sind auf unserer Website verlinkt. Es gibt auch prominente Unterstützung, zum Beispiel von Thees Uhlmann, der einen hinreißenden kleinen Text beigesteuert hat. Mittlerweile haben sich mehr als 120 Blogs der »Aktion Libero« angeschlossen und wir versuchen, am Ball zu bleiben. Wir waren beim Fankongress, nehmen im Juni am Come-Together-Cup in Köln teil, treiben die Vernetzung voran und greifen das Thema regelmäßig im Blog auf. Da wir das ehrenamtlich machen, freuen wir uns übrigens über Menschen, die uns mit guten Ideen, Hinweisen, Gastbeiträgen oder einem finanziellen Zuschuss unterstützen.

Ich wünsche mir sehr, dass die Sensibilität weiter zunimmt, und mit ihr die Vernunft, auch in den Vereinen. Ein zentraler Punkt ist dabei für mich der verantwortungsvolle Umgang mit Sprache – sich klarzumachen, wie elementar präzise Kommunikation ist. Und wie beeindruckend.

Danke für deine Zeit, ich wünsche dir noch viel Spaß beim bloggen und natürlich viel Erfolg mit der „Aktion Libero“!

// Zwille
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