Übersteiger Nr. 107

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Bogschau: unrund

Glory Days rereloaded

4. Herren News

In Haiti nach dem Rechten geguckt

Neues von den Alten



Haiti

Ich hatte gehofft ein Fußballspiel zu sehen, ich hatte gehofft das Krankenhaus besuchen zu können, für das so viele St. Pauli-Fans gespendet hatten. Ich hatte gehofft, das Fußballinternat zu besuchen, für das Michel Mazingu-Dinzey Spenden sammelt, leider hat nichts davon geklappt. Folgender Bericht hat also nicht das geringste mit St. Pauli zu tun und wird hoffentlich trotzdem euer Interesse finden.

Nächtlicher Regen

Während tagsüber wunderbarster Sonnenschein herrscht, donnern nachts Regenmaßen herunter, dass einem angst und bange werden kann. Aber während ich in einem soliden Haus schlafe, sind um uns herum einige Zelte und provisorische Hütten, die nie im Leben trocken bleiben dürften. Also liege ich nachts wach, in dem Wissen, dass die Wohnung unter uns leer steht, aber um uns herum dutzende und in ganz Port-au-Prince tausende Familien in tropfenden, feuchten, klammen Behelfsbehausungen liegen und beten dass es doch wenigstens mal EINE Nacht nicht regnen möge...

Straßen, Verkehr, Taptap, Mopeds

Im großen und ganzen sind die Straßen halbwegs befahrbar. Es gibt aber auch Straßen, die den Namen keinesfalls verdienen. Eine solche müssen wir zu meiner Tante in der Hauptstadt hochfahren. Diese „Straße“ besteht im Prinzip zu 95% aus Schlaglöchern und Gräben und nur zu 5% aus Straßenbelag. Die Straße war vor dem Erdbeben schon eine Katastrophe und ist nach dem Beben eine Katastrophe im Quadrat. Ich habe mir mit Sicherheit mehrfache Schleudertraumata geholt.

Der Verkehr ist erwartungsgemäß anarchistisch und chaotisch, funktioniert aber erstaunlich gut. Man muss nur oft genug hupen und genug Gottvertrauen haben, dann kann man auch fahren wie ein Berserker und dabei heile bleiben.

Haiti

Glücklicherweise besitzen nicht alle Haitianer ein Auto, dann würde der Verkehr komplett zusammenbrechen. Darum und weil es in Haiti keine öffentlichen städtischen Verkehrsmittel gibt, der Haitianer aber ständig von A nach B muss, gibt es die Taptaps, mit biblischen und fußballaffinen Themen bunt bemalte Sammeltaxen und Sammelbusse, die mindestens das dreifache an Passagieren, für das die Fahrzeuge ursprünglich ausgelegt waren, aufladen. Und natürlich noch alles erdenklich andere transportieren. In der Regel zahlt man für eine einfache Fahrt 10 Gourdes, dass sind umgerechnet 20 Euro Cent, günstig aber null Komfort. Etwas teurer aber komfortabler reist man mit den unzähligen Taxi-Mopeds, wobei man auch hier zusammenrücken können muss, bis zu 5 Leute hab ich schon auf einem solchen Taxi sitzen sehen. Auch hier gilt: GOTTVERTRAUEN!

Autopanne I und II

Meine Tante und ihr Mann haben in einem Anfall von Optimismus vor einem halben Jahr einen kleinen Suzuki-Wagen gekauft. 4-Rad-Antrieb und Schaltung, aber irgendwie klein und für die Straße in der sie wohnt... na ja... also irgendwie untauglich. Eines morgens fahren wir hoch nach Pétion-Ville und der Wagen fängt an nach verbrannten Gummi zu riechen, zieht null und es qualmt aus der Motorhaube. Ein Anruf im Suzuki-Autohaus führt zu nichts. Trotz Garantie wird der Wagen weder von Suzuki abgeschleppt noch von ihnen kostenlos repariert. Es handele sich um einen Schaltknüppelschaden, und der sei durch die Garantie nicht abgedeckt. Reparieren freilich müsse man ihn in deren Werkstatt. Die Reparatur hat dann 650 US-Dollar und in etwa ebenso viel Nerven und Organisationstalent gekostet. Keine Woche später hat der Wagen exakt die gleiche Panne und die Reparatur des gleichen Schadens kostet diesmal 900 US-Dollar. Das Autohaus behauptet nach wie vor, dass der Schaden durch die Garantie nicht abgedeckt sei, man das Auto auch nicht zurücknehmen und gegen ein neues austauschen würde, keinen Ersatzwagen während der Reparatur stellen werde und das außerdem vertraglich festgehalten sei, dass kein Anwalt beauftragt werden dürfe, der gegen das Autohaus und deren Bestimmungen klagt... Ohne Worte.

Haiti

Katzenkäfig

Das entwürdigendste Erlebnis passierte aber im Zuge unserer zweite Panne. Sie passierte am Fuße besagter Horror-Straße, als wir auf dem Rückweg vom Ferienhaus zurück kamen. Der Wagen war voll bepackt bis aufs Dach. Die kleine weiße Katze musste mit uns reisen und früher tat sie das im Fußraum des Autos, festgemacht mit einem Band. Meine amerikanische Tante jedoch, kinderlos geblieben und große Katzenliebhaberin, wollte „Minou“ und ihrem Frauchen ein Freude machen und hatte ein besonderes Geschenk im Gepäck: einen Luxus-Katzenkorb mit allen Schikanen, geräumig, Luftlöcher in Katzenpfotenoptik und ein durchsichtiges Plastikdach. Also reiste die kleine Katze nobel in ihrer neuen Behausung.

Als klar war, dass der Wagen keinen Meter mehr machen würde und es Stunden dauern könnte, bis er irgendwie zum Haus abgeschleppt werden könnte, mussten wir schon mal mit einigen wichtigeren Sachen zu Fuß hinaufgehen. Meine amerikanische Tante war natürlich der Meinung, dass wir a) zu recht die Katze bei der sengenden Hitze nicht im Wagen lassen dürften und b) zu unrecht, dass wir sie im Käfig transportieren müssten. Da tragen also 2 weiße, schweißgebadete Erwachsene – darunter ich – neben diversen Taschen eine kleine weiße Katze in einem riesigen funkelnagelneuen Luxuskäfig unter der brennenden Mittagssonne eine erbärmliche, steile Straße hinauf, an der u.a. Menschen in armseligsten Behausungen leben, unter ihren Augen und den Augen von zahlreichen Mittag machenden Bauarbeitern, die sich über sie einen abfeixen und mit dem Finger auf sie zeigen. Hilfe hat niemand angeboten...

Brennender Wagen

A apropos Autopannen. Wir sind an einem umgekippten Wagen vorbei gefahren, der lichterloh brannte und aus dem sich noch Menschen herauswanden. Wir sind so zügig wie möglich weiter gefahren, bevor uns der Unfallwagen um die Ohren fliegt. Gaffer gab es keine. Auf dem Rückweg war von dem Unfall absolut nichts mehr zu sehen.

Die alte Dame

Die Alte Dame ist in Wahrheit nur 7 Monate alt gewesen, was auch für ein venezolanisches Huhn, was die alte Dame war, nicht alt ist. Wir nannten sie so, weil sie einen merkwürdig kahlen Hals hatte, aber auf dem Kopf eine Art Perücke trug. Sie lief täglich energiegeladen und unermüdlich im Garten des Ferienhauses meiner Tante umher und pickte fleißig was ihrem Schnabel in den Weg kam. Mangos, Insekten, kleine Eidechsen. Trotz ihres jungen Alters und ihrer scheinbar robusten Gesundheit fiel sie am Tag unserer Abreise einfach tot um. Da war ganz sicher Voodoo im Spiel.

Tiere, Voodoo und die christliche Kirche

Es gibt wenig wilde Tiere in Haiti, eigentlich nur Vögel, harmlose Schlangen und einige Kaimane. Dafür gibt es umso mehr Nutztiere. Sowohl in der Großstadt als auch auf dem Land wimmelt es von Ziegen, Hähne und Hühnern, Hunden, Kühen und Schweinen. In dieser Reihenfolge. Sie machen den ganzen Tag Lärm, aber vor allem Nachts machen die ein Tamtam, der Tote aufwecken könnte. Es klingt außerdem so, als ob die Tiere untereinander kommunizieren, regelrechte Unterhaltungen die Echo artig über die Entfernungen gebrüllt werden. Das ist unheimlich. Und ich bin sicher, da ist Voodoo im Spiel. Irgendwelche Seelen sind da in die Tiere geschlüpft. Voodoo-Geweihte können das, zumindest behaupten sie das. Sie können auch aus Menschen Zombies machen. Dazu vergiften Sie sie, sodass sie in einem todesähnlichen Zustand fallen. Sie werden für tot erklärt und beerdigt. In der Nacht werden sie ausgegraben und sie erwachen aus dem Zustand, bleiben aber ihres eigenen Willens beraubt und sind Zombies und werden als Sklaven gehalten, zum Beispiel für den Ackerbau. Ich weiß natürlich nicht, ob das alles Humbug ist, aber die Leute in Haiti, ganz gleich welcher Hauptfarbe, haben einen Heidenrespekt vor Voodoo und trauen ihren Priestern alles zu.

AUCH schwarze Magie. Es gibt solche und solche. Augenzeugen berichten von Levitationen, davon, dass einem Priester die Ohren bis zum Boden gewachsen sind, davon, dass sich Menschen in Ochsen verwandelt haben, sie schwören Stein und Bein. Und natürlich machen die gruseligsten Geschichten und Gerüchte die Runde. Deswegen glauben auch alle gleichzeitig an einen christlichen Gott, für alle Fälle, weil dieser sie dann beschützen mag vor den bösen Seiten des Voodoo. In Haiti sind die Kirchen durch das Beben vielleicht zusammengebrochen, aber überall sind die Kreuze stehen geblieben. Auch das hat etwas unheimliches. Rührend ist, dass auf jedem Taptap und jedem Laden Schriftzüge wie z.B. „Ewiger Gott“, „Die Liebe Jesu“, „Halleluja“, „Gütiger Gott“, „Heiliger Geist“, „Gott hilft“, „Psalm 23:15“ etc. aufgemalt sind. Ach, und es gibt noch einen Gott: Fußball. Gottes Sohn heißt Lionel Messi und der heilige Geist Ronaldo. Haitianer, die um 1974 geboren wurden tragen schon mal Müller oder Beckenbauer als VORNAMEN!

Europäischer Fußball wird überall gekuckt und aus unerfindlichen Gründen mögen die Haitianer unter den deutschen Mannschaften am liebsten Bayer Leverkusen und waren etwas besorgt, was dessen Saison-Verlauf angeht.

Haitianische Dollar

Haiti erstickt in Problemen. Deswegen wundert man sich, dass die Haitianer sich es an allen Ecken und Enden noch absichtlich schwer machen, u.a. mit einer haarsträubenden Bürokratie, aber auch mit einer Fantasie-Währung.

Der Haitianer bezahlt zwar in Gourdes (aktuell 1€ = 50 Gourdes), manchmal in US-Dollar, rechnet aber in haitianischen Dollar (aktuell 1€ = 10 Haitianische Dollar), einen Dollar, den es nicht gibt. Vor langer, langer Zeit war die Gourde mal an den US-Dollar gekoppelt. 1$ = 8 Gourdes. Das ist schon lang nicht mehr so. Aus unerfindlichen Gründen hängen die Menschen aber an den Gedanken, dass es noch so sei und multiplizieren weiterhin den US-Dollarwert mal acht und haben den Wert in haitianischen Dollar. Dass sie den dann nochmal umrechnen müssen in ihre eigentliche Währung und dass das langwierige Rumrechnerei und kompletter Konfusion Tür und Tor öffnet scheint sie nicht zu beeindrucken. Das ist eben so. Dann muss man halt immer fragen, ob der Preis in haitianischen oder US-Dollar oder Gourdes ist. Immerhin sind wenigstens die Supermärkte jetzt verpflichtet, die Preise in Gourdes auszuzeichnen. Jeder Supermarkt hat aber auch eine Wechselstube und die Banken sind immer zum bersten voll, einen haitianischen Dollar kriegt man da natürlich trotzdem nie zu Gesicht.

Markttag in Jacmel

Jacmel im Süden des Landes ist von „Lonely Planet“ zur viertbesten Stadt in der Karibik ausgezeichnet worden. Und das NACH dem Beben. Vor dem Beben war es wirklich eine bildhübsche Stadt mit vielen historischen Bauten, spanischer und französischer Kolonialstil. Während des Bebens zu 40% zerstört, wurde die Stadt doch recht flott aufgeräumt und neu bebaut. Viele der alten Bauten sind allerdings noch einsturzgefährdet und unbewohnt und drohen zu verfallen.

Zeltlager habe ich keine gesehen. In den Vororten sind viele Bungalows diverser Organisationen aufgestellt worden und höchstens vereinzelt sind noch UN-Zelte als Unterkünfte zu sehen. Die Post befindet sich aber zum Beispiel in einem solchen. Da eh niemand etwas per Post verschickt, weil es eh nie ankommt, macht das aber nix.

Wie auch immer. Meine Flipflops hatten die rauen Bodenbedingungen nicht überlebt und ich brauchte Schuhe, bzw. Sandalen, bzw. eben etwas bessere Flipflops. Eines der Mädchen, welches im Ort wohnt, wo meine Tante ihr Ferienhäuschen hat, kannte mich noch von meinem Besuch von vor 9 Jahren. Sie empfahl mir den Markt in Jacmel und sie würde mich begleiten. Natürlich würde ich ihre Fahrt auf dem Moped bezahlen und auf dem Markt ein paar Sachen für ihr kleines Töchterchen. Das wurde ungefragt von ihr vorausgesetzt und ich akzeptierte genauso stillschweigend. Immerhin kennt sie die Preise und die Orte und ich wäre alleine auch nicht billiger weggekommen, weil man utopische Preise von mir verlangt hätte. Ich bin ja weiß, also bin ich steinreich.

Der Markt besteht aus einer Markthalle, zu der wir nicht durchgedrungen sind, und den angrenzenden Straßen. Der Markt war das reine Inferno. Jeder Quadratmillimeter mit Ware jeglicher Art besetzt, Früchte, Gemüse, Klamotten (alles Altkleiderspenden), Lebensmittel, lebende und tote Tiere, Krams, Schuhe, Töpfe, Schmuck, Koffer, Taschen, Medikamente, Eis usw. Die winzigen Wege, die die Marketenderinnen noch gelassen haben, bevölkert von Menschenmassen, Mopeds, Taptaps (unglaublich!), Schubkarren etc. Das absolute Inferno. Alexandrine hielt mich an der Hand, damit ich nicht verloren ginge und ich war froh meine Kamera nicht mitgenommen zu haben. Handyfotos mussten reichen. Ich finde ein paar hübsche robustere Leder-Flipflops für umgerechnet 5€ (insgesamt wird mich der Ausflug 10€ kosten, aber das war es dann auch Wert). Die Verkäuferinnen der Second Hand Klamotten verlangten wiederum astronomische Preise, wie ich fand. Für eine olle gebrauchte Bluse 5 - 10€ z.b., in Hamburg aufm Flohmarkt kriegt man die Sachen für einen Zehntel. Ich finde diese Kleiderspenden sowieso fragwürdig. Einerseits muss man sie sich in dem armen Land erstmal leisten können, andererseits untergraben sie die eigene Textilindustrie. Baumwolle wird gar nicht mehr angebaut und Schneider gibt es auch kaum mehr. Statt der echt coolen selbst gefertigten Strohhüte tragen die Leute alle Baseballcaps. Ich habe mir Mühe gegeben, nur in Haiti gefertigte Sachen zu kaufen. Das ist das Mindeste. Haiti hat u.a. wunderschönes Kunsthandwerk zu bieten, die Naive Malerei Haitis ist ebenfalls weltbekannt. Die Musik geht sofort in die Beine, der berühmte Barbancourt-Rhum hat leider etwas am Geschmack geändert wie ich finde, schmeckt aber trotzdem lecker, ebenso das heimische Bier „Prestige“ was 2000 eine Goldmedaille bei irgendeiner Weltausstellung (nicht in Hannover) für den besten Geschmack gewonnen hat. Ich habe auch Strohhüte gefunden (vereinzelt gibt es sie noch) und natürlich habe ich Kaffee in rauen Mengen gekauft.

Müll

Es gibt keine Mülleimer in den Straßen und keine wirklich annähernd funktionierende Müllabfuhr. Es liegt buchstäblich überall Müll rum. Am Strand, im Regenwald und am Wegesrand sowieso. Es ist traurig und ekelhaft. Wenn man dem Land helfen will, dann vielleicht mit dem Know How um eine funktionierende, gut organisierte Müllentsorgung. Angeblich hatte man angefangen Mülleimer aufzustellen in den Straßen, aber diese sind immer geklaut worden. Also hat man das aufgegeben.

Strom

Strom gibt es nicht rund um die Uhr. Es gibt auch keine festen Regeln, wann es Strom gibt und wann nicht. Man kann ungefähr davon ausgehen, dass es um die 5 - 6 Stunden Strom gibt. Deswegen haben die Leute Generatoren (trotz teurer Benzinpreise) und/oder Inverter. Sonnenkollektoren, Solarzellen etc. aber nicht, weil die immer gleich geklaut werden. Schade. Wenn Haiti eins im Überfluss hat, dann ist es Sonne.

Blanc Noir

Wenn man Ausländer ist, dann ist man ein „Blanc“, ein Weißer. Ein weißer Haitianer wird nicht so genannt, wohl aber ein schwarzer Ausländer. Den nennt man dann „Blanc noir“, also schwarzer Weißer. Solche findet man z.B. in den UN-Truppen oder in den unzähligen NGOs.

Hilfsorganisationen

Hilfsorganisationen gab es schon immer in Haiti. Nach dem Beben haben sie sich verzehnfacht und nicht alle hatten nur gutes im Sinn. Problematisch an den Mengen der NGOs ist, dass es quasi unmöglich ist, sie untereinander vernünftig zu koordinieren, so kocht jede mehr oder weniger ihr eigenes Süppchen. Um Gelder zu generieren müssen die Projekte irgendwie Medientauglich sein, man muss tolle Bilder davon machen können, auch wenn das Projekt vielleicht keinen großen Sinn macht. Manche Organisationen versuchen sich gegenseitig zu übertrumpfen im Kampf um Geld. Um an möglichst alle Töpfe ranzukommen versuchen sich viele Organisationen zudem in alle Sparten, also geben an sowohl medizinische als auch landwirtschaftliche sowie schulische Hilfen anzubieten. Einige gutgemeinte Hilfen richten vor allem langfristig sicher mehr Schaden als Nutzen an.

Ich hatte leider keine Gelegenheit bestimmte Hilfsprojekte zu besuchen. Gerne hätte ich mir das Krankenhaus angesehen, für das über das Miniaturwunderland so viele St. Pauli-Fans gespendet haben, oder das Fußballinternat, für das u.a. Michel Mazingu-Dinzey Spenden sammelt. Leider haben die Kontaktaufnahmen nicht funktioniert und mit kaputtem Auto kommt man nirgends hin. Ich habe aber mit einem 35-jährigen gesprochen, der seinerzeit in einem SOS Kinderdorf aufgezogen wurde. Was er so erzählt hat aus der Zeit, was er da gelernt hat, seine überaus positive, nach vorne gewandte Art, seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft haben mich echt überzeugt, dass die SOS Kinderdörfer echt tolle Arbeit leisten. Auch Ärzte ohne Grenzen machen fantastische Arbeit, wie mir einige erzählten, die durch das Beben schwere Verletzungen davongetragen haben und ausgezeichnet versorgt wurden.

Part of the winning team

Szenerie: Wieder einmal die Horror-Straße. Wir in dem Jeep eines Freundes, weil ja Auto kaputt. Uns kommt ein vom Knie abwärts amputierter alter Mann entgegen, auf Krücken. Auf seinen Tshirt die Aufschrift „part of the winning team“. Ich habe keine Ahnung, ob der Mann weiß, was da auf seinem Shirt prangt, ich habe keine Ahnung ob derjenige, der ihm das Teil gegeben hat das weiß, oder ob das volle Absicht ist. Und wenn ja, Sarkasmus? Oder ist das etwa so gemeint, dass er sich, da Überlebender, als Gewinner sieht, trotz appem Bein?

Fazit

Wenn ich Haiti als Mensch beschreiben müsste dann so:
Ein wunderschöner Mensch, mit etlichen Talenten, vom Schicksal schwer gebeutelt und darum in sehr misslicher Lage. Man möchte diesem Menschen natürlich helfen, stellt aber nach eine Weile fest, dass er nicht ganz unschuldig an seiner Misere ist. Nicht nur äußere Schicksalsschläge sind für seine Situation verantwortlich, sondern auch seine Bequemlichkeit, seine einem zur Verzweiflung bringende Art sich selbst im Weg zu stehen, seine Kurzsichtigkeit, lieber kurzfristigen Profit als langfristigen, dauerhaften Erfolg zu wählen, seine entsetzlich korrupte Art und seine Trotzigkeit und Beratungsresistenz. Natürlich ist nicht DER Haitianer an sich so. Aber in der Masse leider ist so eine Tendenz spürbar. Von ganz oben bis ganz unten sind so vielen sich selbst der nächste, auch wenn das dem Land schadet. Es hat Wochen gedauert bis das Parlament einen neuen Premierminister gewählt hat, weil der vom Präsidenten vorgeschlagene Laurent Lamothe angeblich noch eine amerikanische Staatsbürgerschaft hat, was die USA sofort verneint haben, aber die Parlamentarier wollten das trotzdem nicht glauben und haben darüber Wochenlang debattiert. In Wahrheit brauchten sie nur Zeit ihre Schäfchen ins trockene zu bringen, bevor eine wieder funktionstüchtige Regierung womöglich irgendwelche Gelder sinnvoll einsetzen könnte.

Mich hat der Besuch ein wenig traurig gemacht. Ich hatte gehofft dass die Erdbebenkatastrophe eine Chance für Haiti wäre von null auf anzufangen, das Land wirklich von neuem aufzubauen, ein besseres Haiti zu erschaffen. Leider hat sich nichts geändert, es ist nur noch ein bisschen schlimmer geworden. Trotzdem bin ich angefixt und ich will so bald wie möglich wieder dorthin und auch einmal länger bleiben. Nur werde ich dann vieles anders anpacken. Und Moskitonetze und noch mehr Mittel gegen Mücken mitnehmen. Alles was ich mit hatte hat die Dreckspest nicht beeindruckt und ich wurde fleißig gestochen. Wiedergutmachen konnte das nur die unglaublich leckere haitianische Küche. Und die Wärme, und die Sonne und das Meer... Und viele ganz tolle Haitianer, die mir Mut gemacht haben und mich doch zumindest ein bisschen optimistisch in die Zukunft blicken lassen.

// rakete
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