Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Günter Peine: »Bei St. Pauli muss man mit Herz und Seele spielen«

Stell dir vor, es ist Sicherheitskonferenz und fast alle gehen hin

Bullenstress - und kein Ende in Sicht

St. Paulis Revolution im Jugendfußball

Neues von den Alten



Stell dir vor, es ist Sicherheitskonferenz und fast alle gehen hin

Es war schon ein mittelgroßer Aufreger, der da mitten in die Sommerpause platzte: magischerfc.de, lichterkarussel.net, Frodo bei uns im Blog, natürlich das Forum usw. usf. kannten (kurzzeitig) nur ein Thema. Bernd-Georg Spies, seines Zeichens Präsidiumsmitglied mit Titel „Vizepräsident“, hatte auf der Sicherheitskonferenz in Berin einen »Ehrenkodex« im Namen des FC St. Pauli unterschrieben. Die Aufregung war groß.

Worum geht es? Am 17. Juli 2012 versammelten sich auf Einladung des DFB und der DFL Vertreter von 53 Proficlubs zusammen mit Bundesinnenminister Friedrich, Hans-Peter und dem Vorsitzenden der Bundesinnenministerkonferenz Caffier, Lorenz um eine gemeinsame Linie im Umgang mit Gewalt in Stadien zu finden. FanvertreterInnen waren nicht eingeladen. Vielleicht waren die Räumlichkeiten zu klein, ich weiß es nicht. Wahrscheinlicher ist, dass sich die weißen alten Herren lieber nicht in die Niederungen deutscher Stehplätze begeben wollen. Business as usual eben. An eben jenem Dienstag in Berlin wurden die Vereinsvertreter dazu aufgefordert, einen »Ehrenkodex« zu unterschreiben. In diesem, großzügigerweise am Montag vor der Konferenz verteilten Kodex stehen Dinge wie:

»Die Fans sind ein wichtiger, zentraler Bestandteil unseres Sports. Ihre Unterstützung und ihre Leidenschaft sind Teil dieser einzigartigen, faszinierenden Fußballkultur, die es zu bewahren gilt«. Aber auch »Wir dulden keine Pyrotechnik« und »Wir stehen für eine konsequente Sanktionierung«. Überschieben ist das Papier mit »Verhaltensgrundsätze« und soll ein Zusammenstehen aller Vereine für einen nach DFB-Begrifflichkeiten »gewaltfreien« Fußball signalisieren.

Von Seiten des magischen FC waren Michael Meeske und, wie oben erwähnt, Bend-Georg Spies zur Konferenz gereist.

Und nun wird es ein wenig unübersichtlich. Zwei Faktoren haben zu dieser Unübersichtlichkeit maßgeblich beigetragen. Der erste Faktor war die Unterschrift unter einen Ehrenkodex, den bisher niemand außer den beiden Konferenzteilnehmern kannte (die Verhaltensgrundsätze als PDF unter: bundesliga.de), der zweite Faktor war eine gewiefte oder, je nach Standpunkt, katastrophale Informationspolitik von DFB und DFL. Die sprachen nämlich von einem gemeinsamen Maßnahmenpaket, welches »im Rahmen einer gemeinsamen Sicherheits-Konferenz« von den Clubs der »Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga heute in Berlin« zustande gekommen sei. Eine Lüge, wie sich in nachfolgenden Gesprächen zeigte. Denn zwar war der Maßnahmenkatalog, in dem hanebüchene Vorschläge wie »Ausweitung des Stadionverbots bis zu zehn Jahren möglich« stehen, eine Diskussionsgrundlage auf der Konferenz – verabschiedet wurde dieser nicht.

So genannte „Journalisten“

Dennoch fanden sich Tags darauf zahlreiche so genannte Journalisten, die mit Klickträchtigen Schlagzeilen aufwarten wollten. Ob die von den Verbänden gestreuten, nennen wir es wohlwollend gewagten Interpretationen der Konferenzergebnisse, einen Funken Substanz hatten, hatte sich offensichtlich keiner gefragt. Beispiel gefällig? Vielfach war zu lesen, Fanprojekte würden mehr Geld bekommen um die Präventionsarbeit zu stärken. Das ist nur bedingt richtig. Vielmehr wird die Finanzierung lediglich anders verteilt. Bisher war es so, dass sich Vereine, Kommunen und die Länder das Geld teilten. Zwar gibt es nun mehr Geld von den Vereinen, das ist schon richtig – dafür wird aber das Engagement der Kommunen zurückgefahren. Am Ende bleibt ein Nullsummenspiel, dass zu Gunsten der Kommunen und zu Lasten der Vereine geht. Wie genau nun die Verteilung der Mittel für Fanprojekte zwischen den drei Beteiligten geregelt sein mag: »Mehr Geld für Fanprojekte« gibt es jedenfalls nicht. (Wer es genau wissen will, den verweise ich hiermit freundlich an den Fanladen).

Als spontane Reaktion auf die Unterschrift von Spies und den von DFB/DFL vermittelten Halbwahrheiten kochte natürlich die Fanseele – insbesondere innerhalb der vitalen Internetpopulation unseres Vereins. Aber ebenso im Aufsichtsrat. Dieser lud spontan nach Ende der Sicherheitskonferenz zu einer »gremienübergreifenden« Austauschrunde ein, die auch tatsächlich zustande kam. Vertreter der Fans, einige Abteilungsleitungen, Aufsichtsrat und Präsidium saßen zusammen und erörterten die Situation. Spieß erklärte sich (bzw. die Unterschrift), ging auf die auf der Konferenz vorherrschenden Rahmenbedingungen ein und distanzierte sich zwar nicht vom unterschriebenen »Ehrenkodex«, wohl aber vom diskutierten Maßnahmenkatalog. In einem Brief, der uns vorliegt und den wir umseitig abgedruckt haben, äußert das Präsidium vielmehr deutlichen Unmut über die Informationspolitik des Verbandes.

Man hätte es natürlich auch wie Union Berlin machen und der Konferenz gänzlich fernbleiben können. Ganz dickes Ding, was die Berliner da geleistet haben! Ohne die Möglichkeit der Rückkopplung mit den Fans wird einfach nichts unterschrieben – fertig. Ich denke, da müssen wir auch hinkommen.

Der Maßnahmenkatalog gibt nämlich heute schon die Marschrichtung der Diskussionen der nächsten Zeit vor:
1. Müssen Stehplätze wirklich sein? (Um mal das Statement von Michael Meeske wiederzugeben: »Die Vermarktung der englischen Liga funktioniert auch ganz wunderbar ohne Stehplätze«. Was man auch immer von Marktmechanismen halten mag: Als Fakt ist die Aussage erstmal nicht zu widerlegen.) Weiter:
2. Stadionverbote in Extremfällen von bis zu zehn Jahren.
3. Aufkündigung des Dialogs mit den Fanvertretern.
4. Eine zunehmende als Gängelung empfundene Politik des DFB gegenüber kleinen Vereinen.
5. Eine vollkommen irrationale Sportgerichtsbarkeit des DFB, die unterschiedliche Strafen für die gleichen »Vergehen« verteilt.

Die Liste ließe sich sicher noch fortführen, ich möchte an dieser Stelle nur stichpunktartig darauf verweisen, dass die Zeiten sicher nicht besser werden. Bleibt nur zu hoffen, dass die organisierte Anhängerschaft wach und agil bleibt – und es immer mehr werden. Fußball muss dreckig bleiben!

// Zwille
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