Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Günter Peine: »Bei St. Pauli muss man mit Herz und Seele spielen«

Stell dir vor, es ist Sicherheitskonferenz und fast alle gehen hin

Bullenstress - und kein Ende in Sicht

St. Paulis Revolution im Jugendfußball

Neues von den Alten



St.Paulis Revolution im Jugendfußball

Ein Bericht im Hamburg-Teil der taz Ende Juni wirkte zunächst eher wie ein schlechter Scherz: Unser FC wolle seine unteren Jugendmannschaften vom offiziellen Spielbetrieb des Hamburger Fußballverbandes abmelden. Stattdessen wolle man ein neues Trainingssystem einführen, um den Jungs das Fußballspielen noch besser beizubringen. Für den ÜS war dies natürlich Anlass genug, um mal etwas genauer nachzuhaken. Da es just das Nachwuchsleistungszentrum im Zuge einer aktuellen Zertifizierung schaffte, positiv in die Schlagzeilen zu gelangen, gab es Gesprächsstoff genug, und es entwickelte sich ein lebhafter Plausch mit den beiden Vereinsvertretern Alexander Eick (rechts im Bild) und Christian Klose (links).

ÜS: Stellt doch bitte euch selbst und eure Funktionen beim FC St. Pauli kurz vor.
Alexander Eick (AE): Ich bin seit vier Jahren organisatorischer Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ). Andreas Bergmann hat mir 2001 das Angebot gemacht, Co-Trainer der U14 zu werden, darum bin ich direkt nach meinem Abi nach Hamburg gekommen und habe hier meinen Zivildienst gemacht. Der Kontakt entstand über einen Kollegen, der schon U14-Trainer bei St. Pauli war. Anschließend habe ich die U14 selbst übernommen und danach die U15. Schließlich wurde ich sportlicher Leiter für den Bereich bis zur U14. Als ich dann mit meinem Studium durch war – meine Diplomarbeit habe ich über die „St. Pauli Rabauken“ geschrieben – wollte ich eigentlich hier aufhören. Dann ist aber vor vier Jahren der Vollzeitjob im NLZ ausgeschrieben worden, und ich musste nicht zwei Mal überlegen, mich zu bewerben. Hier bin ich jetzt „Mädchen für alles“. Das geht vom Etat-Verantwortlichen bis zum strategischen Bereich, Schul- und Vereinskooperationen, Zertifizierungen, bis zur Organisation des Spiel- und Trainingsbetriebs.

ÜS: Warst du denn damals, zu Beginn deines Jobs bei St. Pauli, schon so eine Art Fan des Vereins?
AE: Ich war vorher zwar immer mal wieder am Millerntor, aber Fan war ich vom 1. FC Köln. Warum, weiß ich eigentlich selber nicht. Heute bin ich absoluter Anhänger St. Paulis und identifiziere mich mit diesem Club. Mein familiäres Umfeld waren komplett Rothosen, und allein deshalb musste ich ja schon was Anderes machen.

ÜS: Und bei Dir, Christian?
Christian Klose (CK): Ich bin seit zwei Jahren Jugendkoordinator, also das, was Alex vorher gemacht hat und als sportlicher Leiter für den Bereich von der U6 bis zur U13 zuständig. Vor gut fünf Jahren bin ich als ehrenamtlicher U14-Assistenzcoach in den Verein gekommen. Seit nunmehr vier Jahren verantworte ich als sportlicher Leiter die Fußballschule und habe die „Rabauken“ gemeinsam mit Jan-Oliver Hetze von Alex übernommen.

ÜS: Wie viele Leute arbeiten insgesamt hauptamtlich im Jugendbereich?
AE: Zwei Pädagogen, der U15- und U17-Trainer, Joachim Philipkowski in Doppelfunktion als Leiter des NLZ und Trainer der U19, sowie Christian eine halbe Stelle hier im NLZ, die andere für die „Rabauken“.

ÜS: Anlass für unser Gespräch heute ist ein Bericht aus dem Hamburg-Teil der „taz“ von Ende Juni, wo erstmals öffentlich gemacht wurde, dass der FC St. Pauli seine F- und G-Jugendmannschaften – also sechs- bis achtjährige Jungs – vom offiziellen Spielbetrieb im Hamburger Fußball Verband (HFV) abgemeldet haben soll. Ist das so korrekt, und warum ist das gemacht worden?
CK: Wir haben zwar niemanden abgemeldet, sondern für die neue Saison nur nicht mehr gemeldet, aber sonst ist das soweit richtig. Wir wollen die Kinder noch individueller fördern, ihnen noch mehr Erfolgserlebnisse vermitteln können und ihnen die Chance geben, mit dem Ball auch etwas zu kreieren und immer ins Spielgeschehen eingebunden zu werden. Aus unseren Erfahrungen heraus ist es da eine schon fast logische Überlegung gewesen, die Anzahl der Spieler zu reduzieren und das Spielfeld zu verkleinern. So hat jeder automatisch mehr Ballkontakte und Gelegenheit, mit der Kugel häufiger selbst in Aktion zu treten. Wir haben dann mit jedem Trainer Gespräche geführt, auch Joachim Philipkowski und dem alten Sportchef Helmut Schulte, und entschieden, einen eigenen Spielbetrieb auf die Beine zu stellen.

ÜS: Wer hat das vorgeschlagen?
CK: Der Impuls kam von mir, aber die Basis der ganzen Überlegungen kommt von Horst Wein...

ÜS: ...ein Sporttheoretiker und früherer Hockeynationalspieler und -nationaltrainer, auf dessen Buch "Fußball kindgemäß trainieren" von 2009 ihr euch beruft...
AE: Ich habe Horst Wein vor einigen Jahren bei einem Freundschaftsspiel am Millerntor kennengelernt. Der hat in der Ära Johann Cruyffs beim FC Barcelona deren Hockeyteam betreut und ist so zum Fußball gekommen und war längere Zeit für den katalanischen Fußball tätig, der ein eigenes Forschungs- und Entwicklungszentrum besitzt. Später hat Wein sich dem Fußball für Kinder verschrieben und darüber auch Bücher geschrieben. Vor zwei bis drei Jahren haben wir ihn zu einer Fortbildung für uns eingeladen, auch um neue Impulse zu bekommen. Im vergangenen Februar sind Christian und ich dann nach Barcelona geflogen, um beim FC zu hospitieren. Da Wein dort lebt, hat er uns bei der Kontaktpflege geholfen, für uns übersetzt und wir haben uns auch mit ihm weiter intensiv ausgetauscht und sind zu dem Schluss gekommen: Wir müssen das jetzt machen.

ÜS: Wird dieses neue Jugendtrainingskonzept denn auch von Barca praktiziert?
AE: Nein. Aber es wird sehr viel im Training gemacht und ausprobiert und das Spielfeld ist auch deutlich kleiner. In Deutschland wird dieses Training bereits beim 1. FC Nürnberg und in Hoffenheim angewendet.

ÜS: Hat man euch denn dazu geraten, das Training umzustellen?
CK: Nicht direkt, aber im Konzept Horst Weins steckt so viel Gutes von Dingen drin, die wir auch schon kennen und im Training angewandt haben, dass wir auch noch einen Schritt weitergehen konnten. Wir wollten dann auch das Training, wo wir nur 3 gegen 3 auf kleine Tore und ohne Torwart spielen lassen, nicht völlig anders aussehen lassen, als das Kicken im normalen Spielbetrieb, wo bislang 7 gegen 7 auf halbem Platz und größerem Tor und Keeper gespielt wird. Wir wollen den Kindern die Möglichkeit bieten, sich mehr einzubringen. Keiner muss Angst haben, ins Spiel nicht eingebunden zu werden, und es kann und muss sich auch keiner verstecken. Alle Kids sind immer aktiv dabei. Im Mai/Juni haben wir schon mal als Pilotprojekt mehrere Turniere, auch mit anderen Vereinen, gespielt. Wir hatten danach den Eindruck, dass das sehr gut angenommen wurde: von den Eltern, den eigenen und den Gästespielern sowie auch von den Trainern. Ein positives Beispiel: Alle teilnehmenden Kinder haben jeweils mindestens ein Tor bei diesem Turnier geschossen und so alle ihr Erfolgserlebnis gehabt. Das haben wir sonst so nicht erlebt, wenn wir 7 gegen 7 gespielt haben.

ÜS: Die Trainingsintensität von zwei Mal die Woche bleibt, und an Wochenenden werden dann solche Turniere statt des früheren Spielbetriebs veranstaltet?
AE: Wir wollen schon Wettkampfcharakter in das ganze System hineinbekommen, auch mit anderen Vereinen; auch dass die Kinder in St.Pauli-Trikots auflaufen können. Obwohl: Manchmal weiß man gar nicht genau, ob eher die Jungs oder die Eltern stolz auf die Vereinsfarben sind. Wir hoffen natürlich, dass das alles irgendwann den Effekt hat, dass sich dann auch der Verband über solche neuen Dinge verstärkt Gedanken macht und sich der Sache stellt. Wir waren schon ein bisschen verwundert über das Zitat des HFV-Pressesprechers in der „taz“ („Das steht dem Club frei, doch es ist schade um jede Mannschaft, die nicht gemeldet ist.“), weil im Vorfeld mit allen möglichen Gremien des Verbandes Gespräche geführt wurden und uns signalisiert wurde, dass wir das ausprobieren sollen, es von Seiten des HFV gar kein Problem darstellt. Wir sind eher beglückwünscht worden, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie Herr Byernetzki zu so einer Aussage kommt.

ÜS: Zurück zum eigentlichen Konzept: Könnt ihr bitte kurz schildern, wie das mit vier Toren bei einem Spiel von drei gegen drei Kindern ohne Torwart funktionieren soll.
AE: Die Tore sind nur ungefähr 120 Zentimeter breit und einen Meter hoch, man muss also beim Torabschluss schon relativ genau zielen. Im Kern geht es darum, den Kindern beizubringen, möglichst früh auch Lösungen über die Flügel entwickeln zu lassen: Kann ich den rechten Weg zum rechten Tor nicht gehen, muss ich es eben über links versuchen und nicht immer über die Mitte.
CK: Das ist natürlich auch für die verteidigenden Spieler anspruchsvoller und komplexer, sich auf verschiedene Optionen einlassen zu müssen. Tore dürfen nur in einer Zone direkt vor dem Tor erzielt werden, was auch ein wildes Gebolze verhindert. Hauptsächlich wollen wir aber ohnehin das kreative, offensive Spiel fördern. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Spieler mit dieser anderen Raumwahrnehmung deutlich besser geschult werden.

ÜS: Ist das jetzt eine Probesaison und wenn’s doof läuft, geht’s 2013 wieder weiter wie früher?
AE: Wir hätten damit nicht begonnen, wenn wir es als reines Experiment sehen würden. Dafür sind die Kinder auch nicht geeignet, mit ihnen Experimente durchzuführen. Wir machen das schon, weil wir absolut davon überzeugt sind. Aber natürlich wird es später auch eine Auswertung geben: Sind die Jungs tatsächlich fußballerisch besser geworden, indem beispielsweise mehr Spieler in die nächst höheren Altersklassen übernommen wurden. Ich gehe aber nicht davon aus, dass wir mit unseren Annahmen falsch liegen.
CK: Unser Konzept wird dazu führen, dass sich die Jugend fußballerisch noch schneller und besser entwickelt. Davon bin ich, und davon sind wir alle, die daran beteiligt sind, fest überzeugt.

ÜS: Die Position „Torwart“ findet in eurem Konzept nicht statt. Was soll da passieren?
CK: In diesem Alter wollen wir noch gar keine Spezialisierung. Es gibt sicher auch mal im Training Torschussübungen – wie schon immer. Da darf auch jeder mal selbst ins Tor. Erst ab der U10 gibt es klare Differenzierungen zwischen Feldspielern und dem Torwart.

ÜS: Gibt es für die drei Spieler auf dem Feld irgendwelche taktischen Vorgaben oder Positionen?
CK: Die Jungs sollen die Situation immer wieder neu aufnehmen und die Wahrnehmung schulen und so entsprechend Entscheidungen treffen können. Jeder soll und muss also alle Positionen einnehmen können, abhängig von der jeweiligen Spielsituation. Es gibt auch keinen Schiedsrichter, dass sollen die Jungs möglichst selbst klären, die Trainer greifen nur im Notfall ein.

ÜS: Ist bei Erfolg – wie immer man den definieren will – eine Ausweitung auf ältere Jahrgänge geplant?
CK: Es gibt ja jetzt schon eine entsprechende Staffelung. Ab der C-Regionalliga , also ab 14 Jahren, wird auf jeden Fall 11 gegen 11 gespielt. In Hamburg gibt es inzwischen eine Zwischenstufe, die ist 9 gegen 9 in der D-Jugend, davor spielt man 7 gegen 7 oder 5 gegen 5. Das sind aber alles Teamgrößen, über die man jetzt noch mal genauer nachdenken und die man gegebenenfalls anpassen sollte.

ÜS: Wie sieht es denn mit der winterlichen Hallensaison aus?
CK: Die werden wir ganz normal mitspielen. Zumal dort ja auch nur 4 gegen 4 plus Torwart gekickt wird.

ÜS: Ein Vorwurf bleibt: Der FC St. Pauli setzt beim Fußball heute ausschließlich nur noch auf den Leistungssport und hat mit Breitensport nichts mehr am Hut. Von der A- bis zur D-Jugend existiert zum Beispiel nur noch ein Team pro Jahrgang. Wie seht ihr das?
AE: Ich würde gerne mal wissen, was zu dieser Annahme führt. Seit ich hier bin, und das sind schon über zehn Jahre, gibt es die gleiche Anzahl Mannschaften. Während meiner Zeit ist weder mehr Leistungssport noch mehr Breitensport praktiziert worden. Die begrenzte Anzahl von Mannschaften hat einfach etwas mit Platzkapazitäten zu tun. Es ist leider nicht so, dass wir noch weitere sechs Teams aufnehmen könnten. Wir würden zusätzlichem Breitensport überhaupt nicht im Wege stehen, wenn es die entsprechende Infrastruktur gäbe.

ÜS: Wie nehmt ihr denn neue Spieler in den jüngeren Jahrgängen auf? Könnte jedes Kind einfach vorbeikommen und mitspielen?
AE: Wir haben zwar immer mal wieder „try outs“, aber es gilt in den jüngsten Mannschaften normal „first come, first serve“, bis die Kapazität erreicht ist.

ÜS: Der Hamburger SV soll seine Jugendspieler aus den Hamburger Auswahlmannschaften abgezogen hat, um sich besser auf die Ausbildung der Jugendlichen konzentrieren zu können.
AE: Das ist richtig, und das gilt auch für alle Jahrgänge (Anm. der Redaktion: Auswahlteams existieren ab der U13, ältere D-Jugend). Hintergrund: Der HFV ist einer der wenigen Verbände in Deutschland, wo die Auswahlspieler regelmäßig einmal die Woche zu einem Training zusammenkommen. Da hat der HSV gesagt: Das ist uns zu häufig, da geht uns zu viel eigene Ausbildungszeit verloren.

ÜS: Wäre das denn auch eine Option für St. Pauli?
AE: Unsere Trainer sagen auch: Ich hätte meine Spieler lieber vier satt drei Mal die Woche bei mir. Aber wir werden die Kooperation mit dem Verband auf keinen Fall aufkündigen.
CK: Gerade im Alter von C- und D-Jugend ist es für die Jungs ja auch eine wichtige Anerkennung, in die Auswahl berufen zu werden. Außerdem ist es für uns eine gute Möglichkeit, intensiv mit dem HFV zusammenzuarbeiten und natürlich auch die Vernetzung zu nutzen, bezüglich Spielern, die noch nicht beim Hamburger SV oder uns kicken.

ÜS: Gerade wurde das NLZ hier am Brummerskamp neutral geprüft und mit drei Sternen, der höchsten Bewertung, ausgezeichnet. Könnt ihr zunächst mal erläutern, was da alles überprüft wird, wer Auftraggeber, was das Ziel ist und was der FC St. Pauli eigentlich davon hat.
AE: Zur Historie: 2001 sind verpflichtend die Jugendleistungszentren als DFB-Lizenzauflage für alle Erst- und Zweitligisten eingeführt worden. Wir waren damals gerade in der 1.Liga. Um 2005 oder 2006 reichte dies DFL und DFB nicht mehr und sie haben, angeblich auf Initiative der NLZs ein Qualitätsmanagement entwickelt. Als dann tatsächlich die ersten Zertifizierungen stattfanden, sind wir gerade von der Regionalliga in die 2.Liga aufgestiegen. Der Verein hat sich, dank der AFM, den Luxus gegönnt das NLZ beizubehalten, obwohl es in der Regionalliga keine Auflage war. Sechs Wochen vor der ersten Zertifizierung wurde Dirk Zander damals durch Joachim Philipkowski als NLZ-Leiter abgelöst und der hat festgestellt, dass nichts vorbereitet war. Es war klar, dass dabei dann gar kein gutes Ergebnis herauskommen konnte.

ÜS: Bei den Checks 2007 und 2010 blieb St. Pauli mit nur 33 beziehungsweise 48,5 Prozent der möglichen Punktzahl enttäuschend noch ohne einen Stern. Nur zwei Jahre nach der letzten Zertifizierung sind jetzt plötzlich 69 Prozent der Kriterien erfüllt worden. Wie konnte es zu dieser starken Verbesserung kommen? (Anm. der Redaktion: ab 50% erhält man einen Stern, ab 65% derer drei)
AE: Wir haben ja zwei starke Anstiege geschafft, auch von 33 Prozent auf 48,5 Prozent war ein extremer Fortschritt. Von den damals zertifizierten 23 Vereinen hatten wir dort die größte Verbesserung. Jetzt nochmal 20 Prozent sind enorm, da haben wir natürlich auch auf Empfehlungen der Zertifizierung reagiert. Mir ist bei meiner ersten Zertifizierung 2010 klar geworden, dass dies nicht von einer Person getragen werden kann. Wir haben jetzt Arbeitsgruppen gebildet, Trainer haben bis nachts an ihrer Trainingsphilosophie gesessen und Pläne mit den sportlichen Leitern diskutiert, alles ist schriftlich festgehalten worden; der gesamte Aufwand wurde extrem erhöht. 2010 haben wir versucht, die Zertifizierung auf drei Personen zu verteilen, dieses Mal haben bis zu 60 Leute daran mitgearbeitet und wurden zu einem verschworenen Haufen. Bis auf die Durchlässigkeit haben wir uns in allen Bereichen verbessert. Diese hätte man wohl nur verbessern können, wenn das Präsidium noch schnell zehn Profiverträge verteilt hätte, aber das ist ja auch kaum im Sinne des Konzepts. In den Bereichen Strategie, Unterstützung und Finanzen haben wir annähernd 100 Prozent, bei der fußballerischen Ausbildung sind wir von 47 auf 72 Prozent gestiegen. Dazu kann man auch mal erwähnen, dass 2010 in dieser ja wichtigsten Kategorie der beste Wert aller Vereine auch bei 72 Prozent lag.

ÜS: Wie viel Geld kommt denn dabei insgesamt rum?
AE: Das Geld kommt aus dem Solidaritätsfonds der Champions League. Vereine, die selber an der CL teilnehmen, kriegen davon nichts. Es gibt einen festen Sockelbetrag, unabhängig von der Anzahl der Sterne; sowie einen weiteren Betrag in ähnlicher Höhe pro Stern, der aber aus diversen Faktoren (z.B. Anzahl Vereine und Sterne) jedes Jahr unterschiedlich hoch sein kann. Soweit ich weiß, haben übrigens in der 2.Liga nur Hertha und der 1. FC Köln ebenfalls drei Sterne.

ÜS: Ex-Sportchef Helmut Schulte wird bei allen Lobeshymnen auf die deutliche Verbesserung mit keiner Silbe erwähnt, obwohl diese genau in seine Amtszeit fiel und bei dessen Demission explizit auch seine mutmaßlichen Defizite für den Nachwuchsbereich thematisiert wurden.
AE: Die Zertifizierung fiel in seine Amtszeit und er war auch durch ein Interview mit den Zertifizierern beteiligt. Ansonsten hatten wir bei unserer Arbeit hier relativ freie Hand.

ÜS: Lässt sich denn die Intensität der Zusammenarbeit mit Rachid Azzouzi bereits abschätzen?
AE: Ich telefoniere derzeit zwei- bis dreimal täglich mit ihm. Zum neuen G-/F-Jugendkonzept haben wir auch schon kurz gesprochen und es ihm vorgestellt.

ÜS: Das „Hamburger Abendblatt“ schreibt neben den Defiziten im Bereich Durchlässigkeit auch von Nachholbedarf in der Infrastruktur.
AE: Wir haben am Brummerskamp den Kunstrasenplatz, dazu den an der Kollaustraße und teilweise auch noch Zeiten an der Feldstraße, also alles sehr dezentral, dies erschwert die Kommunikationswege. Darüber hinaus könnte auch hier mit den Containern einiges modernisiert werden. Langfristig wäre es ideal, ein zentrales gemeinsames Trainingsgelände zu bekommen, mit moderneren Gebäuden. Für den Leistungsbereich (U17, U19, U23) wird dies ja derzeit auch an der Kollaustraße umgesetzt.

ÜS: In den letzten Jahren schaffte lediglich Dennis Daube den Sprung zu den Profis. Dazu sagte Jens Duve: „Hier haben wir einen Strategiewechsel vorgenommen.“ Wie sieht der aus?
AE: Vielleicht weniger Ausleih-Geschäfte von anderen Vereinen, hin zu eigenem Nachwuchs.

ÜS: Davon ist ja aber aktuell nicht viel zu sehen.
AE: Naja, Nachwuchsarbeit ist natürlich immer langfristig zu sehen, „Strategie“ ist ja auch ein langfristiger Begriff. Und langfristig werden wir als Verein eben auf Nachwuchsarbeit setzen.

ÜS: Es soll die Überlegung gegeben haben, Joachim Philipkowski zur neuen Saison nur noch als A-Jugendtrainer agieren und das NLZ von einer anderen Person leiten zu lassen. Welche Ideen standen hinter dieser möglichen Personal-Rochade?
AE: Klar ist, dass die Doppelfunktion sehr zeitaufwändig ist, die Überlegung muss man sich also schon machen. In welcher Form dies geschehen kann, ist derzeit überhaupt nicht spruchreif, zumal wir ja auch gerade erst einen neuen Sportchef im Verein haben, der sich auch erst mal ein Bild machen will und muss. Aber es kann sich jeder ausrechnen, dass diese eigentlich sogar Dreifachfunktion (A-Jugend, Gesamtleitung NLZ und Sportlicher Leiter NLZ) extrem kräftezehrend ist.

ÜS: Die C-Jugend-Regionalligaelf unter Trainer Remigius Elert ist Vizemeister hinter Werder Bremen geworden – beide Derbys gegen den HSV wurden gewonnen. Ist es das, wofür man sich zwölf Monate den Arsch aufreißt?
AE: Vollkommen, ja. Wir wussten, dass wir einen sehr guten Jahrgang haben und der Trainer hat überragende Arbeit geleistet. Natürlich messen wir unseren Erfolg nicht an Titeln und Pokalen, sondern an der Ausbildung, aber eine gute Ausbildung führt dann eben automatisch auch zu Erfolgen.
Wie gut der Jahrgang ist, sieht man auch daran, dass sechs aus dem Team die U16 überspringen und direkt in die U17 (B-Jugend Bundesliga) gehen.

ÜS: Die A- und B-Jugend Bundesliga-Teams spielen ja doch eher Fahrstuhlmannschaft oder eben gegen den Abstieg. Hofft Ihr da dauerhaft auf Besserung?
AE: Klar, die Jahre der Etablierung sollten jetzt hoffentlich abgeschlossen sein, da will man irgendwann auch mal eine bessere Rolle spielen als beispielsweise in der abgelaufenen Saison. Dies erreicht man mit einer besseren Ausbildung, ist also auch eine langfristige Sache. Hierbei geht es ja neben der Ausbildung auch ums Scouting. Nicht nur „wie“ bildest du aus, sondern auch „wen“. Ab der C-Jugend ist der Markt in Deutschland brutal, da stehen am Tag nachdem ein Jugendlicher irgendwo Beachtung fand, zehn Bundesligisten vor der Tür. Für uns kann es daher nur darum gehen, in den jüngeren Jahrgängen möglichst schon die Jungs aus Hamburg zu kriegen, die wir ausbilden wollen und die Qualität mitbringen. Damit bilden wir die Basis, einen sicheren Verbleib in den beiden Ligen zu ermöglichen. Mit den 97er und 98er Jahrgängen, wo vier Spieler bei den Nationalmannschaftslehrgängen sind, sind wir auf einem sehr guten Weg.

ÜS: Wo seht Ihr beim Jugend-Talenthaus den Unterschied zu Internaten, die andere Vereine betreiben?
AE: Der Hauptunterschied ist die fehlende „Rund um die Uhr“-Betreuung. Wir haben eine Hauswirtschafterin, die direkt gegenüber wohnt und bei Problemen bereit steht. Aber da ist kein Schießhund der um 22 Uhr „Licht aus!“ befiehlt. Das Ziel ist aber natürlich ähnlich: Spielern die Möglichkeit zu geben hier zu trainieren, die es sonst räumlich nicht könnten.
CK: Wir haben ja neben dem Haus auch noch die Unterbringung in Privatfamilien. In der Kombination beider Wege ist das für mich werthaltiger, als ein großer Gebäudekomplex, wo man noch mit 28 anderen Jungs zusammen untergebracht ist.

ÜS: Wenn Ihr mal zehn Jahre in die Zukunft schaut: Was wären Eure Wünsche, Träume, Hoffnungen? Wo muss man da ansetzen?
AE: Zentralisierte bzw. besser vernetzte und auch mehr Trainingsplätze wären natürlich gut. Der komplette Leistungsbereich wird von Hauptamtlichen bestritten, denn das bedingt mehr Zeit für alles.
Mein persönlicher Traum wäre, dass wir 30 Prozent des Profikaders mit selber ausgebildeten Leuten bestücken.

ÜS: Vielen Dank für das sehr angenehme und interessante Gespräch und viel Erfolg für die Zukunft!

// Ronny & Frodo
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