Vorwort

Jahreshauptversammlung 2012

We are doing things the smurfy way!

Sasan - St.Pauli Fan aus Teheran

Einwurf

Neues von den Alten



JHV

Jahreshauptversammlung 2012

Versammlungen ohne Präsidiums- oder Aufsichtsratswahlen waren in den letzten Jahren eher mit übersichtlichem Spannungsbogen ausgestattet. Der Abwahlantrag gegen Dr.Gernot Stenger sorgte dafür, dass sich dieses Mal trotzdem knapp 1.000 Mitglieder ins CCH bewegten, die für ihr Kommen mit einer größtenteils sehr sachlichen Diskussion belohnt wurden.

Ich will Euch nicht mit einem Protokoll langweilen, dafür ist die Versammlung bei Hefterscheinen dann auch schon zu lange her. Konzentrieren wir uns also auf die entscheidenden Punkte: zum Einen die geäußerte Kritik am Präsidium, zum Anderen den Abwahlantrag gegen Stenger.

Kritik von AFM und Aufsichtsrat

Eine Sache will ich gerne vorweg schieben: Die derzeitige Kritik an der Vereinsführung ist in den allermeisten Fällen eine, die sich an konkreten Punkten festmachen lässt und in der es in den meisten Einzelfällen eine Begründung für das jeweilige Fehlverhalten gibt, die man wahlweise teilen kann, oder eben auch nicht. Die Kommunikation aus Fansicht mit dem Präsidium ist deutlich mehr geworden als unter Corny Littmann, nur eben nicht zwingend besser. Verglichen mit anderen Vereinen ist unsere Kritik sicher in vielerlei Bereichen Jammern auf hohem Niveau, nur dürfen andere Vereine eben auch nicht unser Maßstab sein. Dies war noch nie unser Anspruch und darf es auch nicht werden. Wenn aber der lauteste Applaus des Abends dann ertönt, wenn der Aufsichtsrat das Verhalten von Union Berlin erwähnt, sollte auch allen klar sein, dass es noch sehr viel Verbesserungspotential gibt.

Der AR zeigte sich gewohnt kritisch und auf die Inhalte konzentriert, fernab der meist über die (Boulevard-)Medien lancierten Berichterstattung im Vorfeld, wo ja jeder nochmal nachlesen kann, aus welcher Richtung die wohl kam.

Kritisiert wurde auch das Verhalten im Themenkomplex Domwache (der ÜS berichtete regelmäßig), wo man gemeinsam mit der Stadionbau AG schon früh auf eine andere Lösung drängte, das Präsidium aber erst spät reagierte. Auch das von Stefan Orth gelobte neue Clubheim wird vom AR nicht so rosig gesehen, zum im letzten Jahr versprochenem großen Wurf fehle doch noch einiges, um das Clubheim wieder zu einem wirklichen Vereinsheim mit Wohlfühlfaktor zu machen.

Weniger „Wohlfühlen“ war bei einem Thema angesagt, welches bisher noch nicht den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hatte, nämlich einen Kredit an das Bauunternehmen Hellmich über 5,5 Millionen Euro, welche man zu einem späteren Zeitpunkt ohnehin als normale Rate hätte zahlen müssen. Kann man machen, das Risiko war wahrscheinlich sehr übersichtlich, wie Tjark Woydt sich mehrfach bemühte zu betonen. Nichts desto trotz ist derartiges ohne eine Information an den Aufsichtsrat einfach ein glatter Satzungsverstoß, welchen in dieser Dimension nicht einmal Corny hinbekommen hatte. Wäre das schief gegangen, hätte Woydt wohl dank dann nicht erfolgter Entlastung eine Klage auf Haftung ins Haus gestanden, aber ging ja gut aus.

Positiv ist zu erwähnen, dass der Verein wohl zum ersten Mal in der jüngeren Vereinsgeschichte Ansparungen vornimmt, um in Krisenzeiten nicht zu schnell in gefährliches Fahrwasser zu geraten, die Beispiele Aachen und Duisburg seien mahnend genug. Und bei 32,9 Millionen Euro Verbindlichkeiten sollte niemand glauben, dass uns sowas nicht auch passieren kann, wenn es doof läuft!

Ein weiterer Kritikpunkt war die kreative Satzungsauslegung des Präsidiums, dass der AR bei Beurlaubungen und Entlassungen nicht gefragt werden muss, weil dadurch ja kein neuer Vertrag über 40.000,-€ Jahresvolumen entsteht. Ähm, richtig, allerdings ja zwingend durch die danach zwangsweise Neueinstellung, welche wiederrum doch Zustimmungspflichtig ist. Dies führte sogar zu einem Satzungsänderungsantrag des AR, welcher erst kurz vor der JHV dank einer sehr kurzfristigen Einigung mit dem Präsidium zurückgezogen wurde. Nicht, wie es in den meisten Medien dargestellt wurde, weil man das jetzt nicht mehr als nötig empfände, sondern weil es identisch in die Geschäftsordnung übernommen wurde. Dass das Vertrauen zueinander inzwischen begrenzt ist, wird auch daran deutlich, dass hierfür der Ehrenrat hinzugezogen wurde. Auf schöne Worte allein scheint man nicht mehr viel zu geben, dazu waren die Erfahrungen der Vergangenheit wohl zu ernüchternd.

Auch das Zitat, der AR sei „keine biblische Plage“ und „keine satzungskonforme Bestrafung“ für das Präsidium, zeugt deutlich von einem angespannten Innenverhältnis, ebenso wie das Statement gegen ein hauptamtliches Präsidium. Letzteres hatte das aktuelle Präsidium ja durch die Blume zuletzt immer wieder in den Medien andiskutiert.

Und dem berechtigten Lob für das Verhalten des Präsidiums bei der Stellungnahme zum Schweinske Cup und bezüglich der Vergabe von Auswärtstickets an Hansa Rostock, steht die deutliche Kritik an fehlender Einbeziehung von Experten aus AR, AFM und Fanszene im DFL-Sicherheitspapier gegenüber. Ebenso die Stellungnahme zur ersten Ablehnung jenes Papiers, wo doch eine gemeinsame Stellungnahme aller Parteien gewünscht war, das Präsidium diese aber ablehnte um dann eine beleidigte Leberwurst-Version herausgab.

Alles in allem deutliche Worte, die im Applaus-O-Meter der Versammlung aber wohl den allermeisten aus der Seele sprachen.

Auch die AFM wiederholte Gutes wie Negatives aus dem abgelaufenen Geschäftsjahr in der Zusammenarbeit mit dem Präsidium, um am Ende dann auf die „Tonalitätsdebatte“ einzugehen, einem Stilmittel, welchem sich das Präsidium in jüngster Zeit gerne in Gesprächen mit Fangremien bediente. Den Ton als unpassend bezeichnen, sich beleidigt umdrehen und damit einer Diskussion über die kritisierten Inhalte aus dem Wege gehen. Man konnte bei diesen Worte diverse Köpfe von Ständigen Fanausschuss-Mitgliedern heftig nicken sehen. Am Ende gab es zum Sicherheitspapier in Richtung Präsidium den schönen Vergleich mit dem Geisterfahrer, der bei den Verkehrsnachrichten laut schreit: „Einer? Nein, Hunderte!“

Bodo Bodeit: »Visionen muss man haben,
sonst wird man Verwalter von Missständen!«

Das große Thema im Vorfeld der Versammlung, welches es über den Umweg von Tapeten dann ja sogar noch in den BildBlog schaffte (siehe blog.uebersteiger.de), war natürlich der Abwahlantrag gegen Dr.Gernot Stenger.

Die inhaltliche Begründung war seine Rolle beim DFL-Sicherheitspapier sowie die Wahrnehmung, er hätte Fanladen und andere Fangremien im gleichen Thema wissentlich belogen. Bereits bei der mündlichen Antragsbegründung wurde klar formuliert, dass nicht zwingend die Abwahl Ziel des Antrags sei, sondern vielmehr eine offene, konstruktive Diskussion über die Zusammenarbeit des Präsidium mit der mündigen (und damit sicher auch nicht immer einfachen) Fanszene des FC St.Pauli.

Ist das legitim, einen Abwahlantrag zu stellen und damit eine Person an den Pranger zu rufen, wenn man doch „nur“ diskutieren will und die anderen Mitglieder des Präsidiums doch genauso an der Diskussion beteiligen möchte?

Schwierige Frage, zu der es sicherlich viele kontroverse Meinungen gibt und kein simples „Ja“ oder „Nein“ genügt. Ich persönlich habe vor der Versammlung für mich ein „Kommt auf die Begründung an.“ formuliert und muss nach der Versammlung sagen: „Ja, so wie es gelaufen ist, kann man das machen“. In einer perfekten Welt hätte es natürlich auch ein Antrag unter „Verschiedenes“ getan, sinngemäß formuliert mit: „Lasst uns mal darüber reden, ob das alles beim DFL-Papier so richtig gut gelaufen ist.“ Kann man machen… kann man in der realen Welt dann aber auch gleich sein lassen, das hätte rein gar nichts gebracht, weder im Vorfeld der Versammlung noch am Abend selbst.

Ja, ein Abwahlantrag ist ein extrem hartes Mittel und vielleicht hat er mit Stenger nur das „Bauernopfer“ getroffen, weil die anderen Mitglieder im Präsidium sich vorsichtshalber erst mal gar nicht zu heißen Eisen äußern. Oder sie tun es dann doch, wie Spies es jüngst in der SZ tat, wo man der Meinung sein musste, dies kann er unmöglich selbst geschrieben haben, denn es war eine absolut differenzierte Stellungnahme im besten Sinne der Fans, leider nur etwas spät. Alles andere, als solch ein Abwahlantrag, wäre nicht entsprechend ernst genommen worden, es hätte die üblichen Phrasen gegeben. Die kamen jetzt auch, aber auch der AR konnte Stengers kreative Interpretation der Wahrheit bzgl. seiner Nicht-Kenntnis bestimmter Papiere nicht so unwidersprochen stehen lassen und es kam jetzt eben doch sehr viel mehr an ehrlichen Aussagen auf den Tisch, als es in einer allgemeinen Diskussion ohne konkreten Bezug der Fall gewesen wäre.

Was man auch klar sagen muss: Stenger hat sich an diesem Abend zu gemachten Fehlern bekannt, auch wenn er das sehr harte Wort der Lüge natürlich nicht einräumen konnte. Und ich muss gestehen: Ich nehme ihm durchaus ab, dass er selber dies auch tatsächlich so empfindet. Umgekehrt kann ich verstehen, dass seine Aussagen bzgl. jener Nicht-Kenntnis des Papiers als „Lüge“ empfunden wurden. Und damit sind wir auch beim entscheidenden Punkt: Es gab vom AR den Versuch, eine goldene Brücken zu bauen, die das Präsidium nicht annahm und so am Ende sehenden Auges auf die Wand zuraste. Hier hätte es einer besseren Kommunikation seitens des Präsidiums dringend bedurft, zumindest Stenger räumte ja auch hier Versäumnisse ein.

Um obigen Geisterfahrer-Vergleich nochmal aufzunehmen: Bernd-Georg Spies! In einer wirklich größtenteils sehr sachlichen Diskussion, die auf allen Seiten viel Anstrengungen offenbarte, bestehende Gräben zuzuschütten, traute sich Spies dann mit nem Speed-Bulldozer auf die A7 und nagelte mit 100km/h durch die falsche Elbtunnel-Röhre. Eine unfassbar arrogante und herablassende Rede, in der er der gesamten Versammlung vor den Kopf stieß und sich mehrfach sinngemäß darüber beschwerte, dass geheime Präsidiumsprotokolle NICHT an die Öffentlichkeit gelangt waren, sucht in der 102jährigen Vereinsgeschichte sicher ihres Gleichen. Gut, dass der erste Wortbeitrag aus der Versammlung danach sehr ruhig, sachlich und treffend an Spies gerichtet war, ansonsten hätten sich sicherlich einige noch im Ton vergreifen können, wie Spies es selber vorher getan hatte. Wäre es spontan noch möglich gewesen, beim Abwahlantrag eine Namensänderung durchzuführen, so hätte dieser gute Chancen auf eine dreiviertel Mehrheit gehabt. Ernsthaft, Herr Spies, was hatte Sie da geritten? Sollte es Taktik sein, um Stenger aus der Schusslinie zu nehmen? Gelungen, fraglos, aber zu welchem Preis? Und zu jener Nicht-Veröffentlichung: Warum kommt solch ein Text, wie er von ihnen an die SZ ging, nicht in ähnlichen Worten auch mal als Stellungnahme des Präsidiums zur Gewalt-Diskussion auf die Homepage des Vereins und danach über den Presseverteiler? Man hätte sich viel Ärger ersparen können.

Nach der Auszählungsbedingten Pause und ein bißchen Nachdenken ob der vielen Wortbeiträge gegen seine Rede, wäre es spätestens angebracht gewesen, sich zu entschuldigen, aber auch dies blieb aus und hinterließ viele Mitglieder recht sprachlos.

Der Abwahlantrag gegen Stenger wurde schließlich zurückgezogen, auch dies war an diesem Abend aus meiner Sicht die absolut richtige Entscheidung.

Es ist sicherlich nicht alles gut in diesem Verein, aber an diesem Abend wurde aus meiner Sicht einiges wieder etwas besser.

// Frodo
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