Vorwort

Jahreshauptversammlung 2012

We are doing things the smurfy way!

Sasan - St.Pauli Fan aus Teheran

Einwurf

Neues von den Alten



Sasan

Der Iraner Sasan ist wahrscheinlich Teherans, wenn nicht Irans einziger bekennender St.Pauli-Fan. Wie es dazu kam erzählte er mir während seines, nur durch einen glücklichen Umstand möglichen Aufenthaltes in Deutschland.

In den frühen der 80er Jahre, noch vor der Revolution, kam er als Zwanzigjähriger nach Deutschland. Damals, kaum in Berlin angekommen, spielte er bereits mit einem gefakten türkischen Spielerpass für einen kleinen Club. Ziemlich bald verschlug es ihn nach Oldenburg, wo er ein Studium anfing, in der Kreisliga Fußball spielte und später die Damenmannschaft des Post-Sportvereins Oldenburg trainierte.

Damals war er regelmäßig Zuschauer bei Heimspielen des VfB Oldenburg. Bei einem Spiel gegen Rot-Weiß Essen wurde er von gegnerischen Fans, es waren Skinheads, bedroht. Da er an der Uni selber aktiv gegen rechts arbeitete, haben ihn ab da politisch linke Strukturen auch im Fußball besonders interessiert.
Als St. Pauli in der Oberliga als Gegner des VFB nach Oldenburg kam, kam er erstmals in Kontakt mit dessen Anhängern. Die ihm natürlich auf Anhieb sympathisch waren, besonders wegen der Aufkleber und Embleme „St. Pauli Fans gegen Rechts“, mit der Faust, die das Hakenkreuz zerschlägt.

„Ich habe viele Fußballstadien besucht, aber nur im St. Pauli Stadion hatte ich als Ausländer nie Angst.“ und so war aus Sasan, dem eingefleischten Fußballer, ein eingefleischter St. Pauli-Fan geworden, der damit nicht nur eine spielerische, sondern politische Heimat für seine Leidenschaft gefunden hatte.

Nach Jahren sorglosen Studentenlebens eröffnete er in Oldenburg eine Kneipe, bis er 1996 aus familiären Gründen zurück in den Iran ging, nicht ohne sich vorher mit St. Pauli Emblemen und Klamotten einzudecken.

Alle paar Jahre kommen ihn deutsche Freunde im Iran besuchen und bringen St. Pauli Shirts mit. „So habe ich auch das 'Wir sind Bokal'-Shirt bekommen. Auf dem Rücken stand 'Noch ein B bitte!' Das fand ich total witzig. Damit bin immer durch Teheran gelaufen. Leider konnte kaum jemand etwas damit anfangen.“

Während bei diesem T-Shirt Sasan nur mit Ratlosigkeit rechnen muss, hat er mit Totenköpfen auf Kapuzenpullis und Shirts ein handfestes Problem. Totenköpfe werden in seinem Land nicht gern gesehen und häufig ist Schikane die Folge. So muss er mit einem Verweis oder kleineren Geldstrafen rechnen und schriftlich eidesstattlich versichern, dass er das Kleidungsstück nicht mehr auf der Straße tragen wird. Freilich sehen die Ordnungshüter keinen Zusammenhang zum Fußball, sondern vermuten einen Totenkult, wie sie z.B. auch Heavy-Metal-Anhänger dort gemeinhin als Satanisten einstufen.
Der Perser an sich ist vollkommen fußballverrückt. Merkwürdigerweise wird das im iranischen Fernsehen nicht sonderlich berücksichtigt. Zwar werden Fußballspiele übertragen, jedoch ganz ohne Vorberichterstattung oder anschließende Analyse. (O-Ton Sasan: »Im deutschen Fernsehen werden dir vor dem Spiel alle Details erzählt, bis zum Uropa vom Paul Breitner und nach dem Spiel wird jeder einzelne Grashalm vom Spielfeld gefragt, wie er die Partie bewertet.«) Der Kommentator im Iran hingegen berichtet emotionslos und in der Halbzeitpause wird das Bild einer Moschee eingeblendet und verspätet zum Spiel zurück geschaltet. Außerdem werden alle Livespiele mit 7 Sekunden Verzögerung gesendet, um spontan zensieren zu können.

Bundeligaspiele hat Sasan im Iran zu Anfang per Kurzwelle im Radio verfolgt, später per Satellitenfernsehen, was in seiner Heimat illegal ist, weniger wegen der westlichen, sondern aufgrund der exil-iranischen Sender. Also heißt es die Satelliten-Schüsseln und Antennen so anzubringen, dass sie von der Straße aus nicht einsehbar sind. Manchmal allerdings werden Razzien durchgeführt und an ganzen Straßenzügen als erzieherische Maßnahmen Antennen und Schüsseln beschlagnahmt und abmontiert. Die Bewohner finden aber Mittel und Wege, dass bereits am gleichen Abend wieder überall Empfang herrscht.

Als einmal der HSV ein Freundschaftsspiel in Teheran bestritt sind Sasan und ein Kumpel in größtmöglicher St.Pauli-Montur zum Spiel in die erste Reihe und haben jeden HSVer mit 'SANKT PAULI!'-Rufen angebrüllt, der in ihre Nähe kam. Das hat die Spieler ordentlich verwirrt.

Viele iranische Spieler spielten und spielen in der deutschen Bundesliga, was es um so spannender macht, die BL zu verfolgen. Allerdings gibt es Unterschiede. Zum Beispiel mochte Sasan ausgerechnet St.Paulis Iraner Ali Reza Mansourian nicht, denn der kam ursprünglich vom Fußballclub Esteghlal Teheran. Böser Club! Ehemaliger Schah-Club und späterer Militär-Club, obwohl der Name übersetzt 'Unabhängigkeit' bedeutet. Der 'gute' Club ist der beim Volk unglaublich beliebte Teheraner Verein Persepolis, bei dem z.B. Spieler wie Mehdi Mahdavikia und Ali Daei ihre Karriere starteten. Mahdavikia war einer der sechs Spieler, die bei der WM-Quali gg Südkorea im Jahr 2009 aus Protest gegen die Wahlen die grüne Armbinde trug. Grün war die Farbe des iranischen Oppositionsführers Hossein Mussawi, dessen Anhänger eine Wiederholung der Präsidentschaftswahl erreichen wollten.

Spiele des FC St. Pauli versucht Sasan natürlich so oft es irgend möglich ist zu verfolgen. Tatsächlich kommen ihm da ausgerechnet die Montagsspiele gut zupass, weil diese über Satellit unproblematisch zu empfangen sind. Spiele über den Bezahlsender SKY kann er sehr viel schwieriger sehen. Also beim nächsten Mal Sport1 und Montagsspiele verfluchen daran denken, dass mindestens einer in der Diaspora darüber glücklich ist. Durch das Internet hat Sasan seit zwei Jahren direkten Zugang zu St. Pauli Fanseiten und bekommt quasi alles mit, doch hat das iranische Regime das Internet absichtlich so verlangsamt, dass Livestreams nicht hochzuladen oder Spiele über die Flimmerkiste anzusehen sind. Das Internet ist deswegen so langsam, damit keine Handyvideos o.ä. mehr auf youtube hochgeladen oder angeschaut werden können. Die Machthaber haben dazu gelernt. Auch bestimmte Internetseiten wie z.b. Facebook existieren offiziell nicht im Iran, werden aber dennoch eifrig genutzt. Dazu werden Codes auf dem Schwarzmarkt gekauft, mit denen man sich über Drittländer einwählen kann.

Wie ich Sasan so zuhörte, fühlte ich mich immer häufiger an Erzählungen aus der DDR erinnert, wo Überwachung, Gängelung und Schikane das tägliche Leben beeinträchtigten, die Bürger aber immer Mittel und Wege fanden dies zu umgehen, meist mit dem Wissen der Obrigkeit.

Durch glückliche Umstände kam Sasan jetzt nach 16 Jahren zum ersten Mal wieder zu Besuch nach Deutschland und hat sich riesig gefreut das Spiel gegen Dresden in einem für ihn völlig veränderten Stadion sehen zu können. Vollbepackt mit neuen St.Pauli Sachen ist er nach Teheran zurück und ich wünsche dem unglaublich sympathischen und wahrscheinlich einzigen Teheraner St. Pauli-Fan von hier aus alles erdenklich Gute!

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