Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Endlich wieder sicher ins Stadion?

YSP-Non-established since Friday 13th!

Neues von den Alten



Endlich wieder sicher ins Stadion?

Die Aufregung rund um das im letzten Quartal 2012 von der DFL/ DFB erarbeitete „Papier für ein sicheres Stadionerlebnis“ war groß. Auch ein Vertreter unseres Vereins mischte anfangs mit. Auf Druck der Innenminister (und nach Aussage der Vertreter der DFL war das der entscheidende auslösende Faktor) wurde in kürzester Zeit ein Repressionspapier gestrickt, welches sich selbstredend den Unmut der aktiven Fanszenen zuzog.

Die Innenminister des Landes haben ein Problem. Gerne würden sie alles und jeden in diesem Lande kontrollieren. Was in der Regel durch unseren heutzutage weichgespülten, gleichgeschalteten und überwiegend protestlosen Bevölkerungsanteil ganz gut funktioniert, klappt beim Fußball so mal gar nicht. Mit den Ultras und deren Umfeld hat sich in den letzten Jahren doch eine ziemlich unangepasste Szene junger Leute entwickelt, die neben einen großen Zulauf auch noch eine im Ernstfall gute Vernetzung zu verzeichnen hat. Im Gegensatz zu unorganisierten Fanszenen früherer Zeiten sind diese Gruppierungen nicht nur in den Stadien omipräsent, sondern entwickeln auch außerhalb der Spiele ein enormes Aktivitätspotential. Sie betätigen sich politisch und sozial durch Teilnahmen an Demos, durch Öffentlichkeitsarbeit, in sozialen Netzwerken und organisieren finanzielle und tatkräftige Hilfestellungen. Ein voll umfassendes und sachlich gutes Bild vermittelt das Buch „Ultras im Abseits“, welches ich jedem als seriöse Informationsquelle empfehle.

Hier nur ganz kurz die Frage:Wo liegt dann eigentlich das Problem? Gegenüber vergangenen Zeiten, das weiß jeder aktive und reisende Fußballfan, ist das allgemeine Gewaltproblem (Ausnahmen wird es natürlich immer wieder geben), der Rassismus und die Diskriminierung in den Stadien erheblich zurückgegangen.Die Stimmung (optisch wie akustisch) hat sich mitunter verbessert. Auch wenn einige gelegentlich meinen, dass früher alles besser war- vielleicht anders, aber nicht unbedingt besser. In unzähligen Reportagen, Berichten und Interviews wurde zwar von bestimmter Seite (z.B. Polizeigewerkschaft, DFL, Politikern) immer wieder ein Bild der Gewalt gezeichnet, aber Belege dafür fehlten gänzlich. Letztendlich reduzierten sich alle Kommentare und dazugehörige bewegte Bilder mehr oder weniger auf den Einsatz von Pyrotechnik. Immerhin haben einige Medien erkannt, dass eine ausschließlich reißerische und verzerrte Darstellung der Problematik im Sinn der Polizei und DFL nicht zielführend ist. Vertreter der aktiven Fanszenen und Bündnisse positionieren sich in der Öffentlichkeit zunehmend sachlich und eloquent. Sie und Experten wie Prof. Feltes von der Ruhr Universität Bochum korrigieren die zunehmend unsachlichen Beiträge mit Fakten und Zahlen (z.B. durch die Analyse von undurchsichtigen Polizeistatistiken) und finden Gehör.


Der Vater kann also nicht mehr
mit seinem Kind ohne Angst
ins Stadion gehen?

So gibt es pro Spieltag z.B. im Schnitt nur 1,37 Verletzte. Bei rund einer halben Millionen Zuschauern in Liga 1 und 2. In der Statistik erfasst werden überdies auch Verletzte durch den Einsatz von Pfefferspray der Polizei sowie auch solche, die nur „ausgerutscht“ sind. Das die Quote weit unter jeder anderen Großveranstaltung wie dem Hamburger Hafengeburtstag oder dem Münchener Oktoberfest angesiedelt ist, liegt auf der Hand. Der Vater kann also nicht mehr mit seinem Kind ohne Angst ins Stadion gehen? Lächerlich und absurd. Ehrlich! Fakt ist doch: So sicher, wie in der heutigen Zeit ist der Weg zum und vom Stadion und die Situation im Stadion seit rund 25 Jahren nicht mehr. So lange jemand nicht gerade den Streit und die Gefahr sucht, bleibt er im Normalfall völlig unbehelligt. So mal stark vereinfacht zusammengefasst. Was bleibt ist die Diskussion über die Anwendung der Pyrotechnik.

Das spaltet die Fans. Denn der völlige Normalo oder Gelegenheitsfan, interessiert die Fankultur im allgemeinen herzlich wenig (auch, wenn er die ein oder andere Choreo supi findet) und lässt sich dadurch (manipuliert durch einseitige Meinungsmache) von den Vereinen und der DFL vor den Karren spannen. Auch, wenn er noch nie in einem Fanblock gestanden und meistens rund 50- 100 Meter vom Geschehen entfernt sein Fan da sein frönt. Anmerkung: Ich rede hier jetzt selbstverständlich von einem halbwegs sachgemäßen Umgang mit Pyro. Das Werfen, der Einsatz von Böllern oder Abschießen von Raketen usw. gehört aus meiner Sicht nicht dazu! Es war ganz offensichtlich, dass mit den Diskussionen und dem dazugehörigen Fokus auf die Pyrotechnik (= Gewalt) und der medialen Verbreitung rund um das Sicherheitspapier ein Keil zwischen den aktiven Fanszenen und der, sagen wir mal, anderen Kundschaft getrieben werden sollte. Wie wir jetzt wissen, ist wenigstens dieses nicht gelungen. Zumindest nur in Einzelfällen.

Das Papier

Das Sicherheitspapier an sich besitzt also nur eine einzige Zielgruppe: Die Ultras und als kollektive Nebenwirkung all diejenigen, die in den Kurven zu Hause und insbesondere Auswärts dabei sind. Die wichtigsten Punkte aus diesem Papier sind neben zahlreichen organisatorischen Maßnahmen, wie verstärkter Videoüberwachung, „verbesserte“ Ordnerdienste oder intensivere Vorbereitungen mit den Verantwortlichen hauptsächlich: die Möglichkeit von Körpervollkontrollen oder von einer normalen Kontrolle abweichenden Umfang, insbesondere bei Risikospielen. Die Entscheidung darüber liegt zwar bei den Vereinen selbst. Das Thema wird aber durch das Sicherheitspapier präsenter und legitimierter gemacht. Angewandt wurden derartige Kontrollen auch schon in der Vergangenheit des Öfteren.
Die Begrenzung der Anzahl von Steh- und Sitzplatzkontingenten bei so genannten Risikospielen (ein wesentlicher, wenn nicht gar der Punkt überhaupt), Verbot des Mitführens von Gegenständen, die dazu bestimmt sind, die Feststellung der Identität einer Person zu verhindern. In der Begründung wird zwar aufgeführt, dass es sich um Sturmhauben und ähnliche Dinge handelt. Im Richtlinientext finden sich aber keine Hinweise, welche Dinge denn nun konkret gemeint sind. Das können dann auch im Zweifelsfall Schals, Mützen und Fahnen sein.

Es gibt zum verabschiedeten Stand des Sicherheitspapiers zu fast allen Punkten Protokollerklärungen, die das Ganze ziemlich unübersichtlich gestalten. Wer Lust hat, kann sich das Papier bei Bundesliga.de ergooglen und gern mal durcharbeiten.

Insbesondere das ziemlich willkürliche erklären von Begegnungen zu Risikospielen und damit zu entsprechenden fanfeindlichen Maßnahmen ist unabhängig vom aktuellen Sicherheitspapier ein Thema, welches nicht aus den Augen verloren werden darf.

Gestrichen wurde der Passus über die Einführung eines Fankodex. Sowieso unabhängig von allem verboten bleibt der Einsatz von Pyrotechnik. Da viele Formulierungen bewusst schwammig formuliert wurden, gibt es einen (bewussten) Spielraum allein schon beim Verständnis der einzelnen Punkte bzw. wird die Umsetzung zur Auslegungssache. Zusätzlich werden weite Teile der Verantwortung in die Hände der Vereine gelegt. Damit ist nichts klar geregelt. Kann gut, aber auch schlecht für uns Fans sein. Immerhin besteht so die Möglichkeit sich mit dem eigenen Verein oder gezielt dem Gastverein anzulegen.

Interessant zu Beobachten war auch, welcher Verein welche Schlüsse aus dem Papier gezogen hat. Wo die Fanbeauftragten Angestellte des Vereins sind (z.B. in Dortmund) oder die Fanvertretungen verdammt vereinsnah organisiert sind (z.B. auf Schalke) fanden die Fanvertretungen die Inhalte gar nicht so schlimm, die Vereinsverantwortlichen sowieso gut oder gab es außerhalb der Ultraszene schlicht keine Kommentare. Das war aber bei vielen anderen Vereinen, z.B. bei unserem Nachbarn hsv (sowieso eine treibende Kraft in den Fanvereinigungen) oder bei uns gottlob anders.

Es gibt auch diverse Stellungnahmen oder Erklärungen von den Vereinen dazu. U.a. haben die Fanbeauftragten von Borussia Dortmund einen umfänglichen Kommentar erarbeitet, der auch von unserem Sicherheitsbeauftragten Sven Brux gelobt wurde. Bei der persönlichen Meinungsbildung sollte man allerdings darauf achten, dass die beiden Angestellte des Vereins sind und somit natürlich eine ggf. eigenwillige Auslegung der Auswirkungen auf den Fan vorgenommen haben.

Die Fanproteste

Vor der entscheidenden Sitzung der DFL im Dezember organisierten die aktiven Fanszenen einen Vereins übergreifenden Protest. Die so genannten 12:12 Aktionen: 12 Minuten schweigen. Das Online Fanmagazin schwatzgelb schreibt dazu:

Die bundesweiten 12:12-Aktionen waren in vielerlei Hinsicht ein Erfolg. Fußballfans aus ganz Deutschland und von unterschiedlichster Coleur haben es geschafft, zusammen für die eigenen Interessen einzustehen. Sie haben sich der breiten Öffentlichkeit als eine kritische und mündige Gruppe präsentiert, deren Belange es zu berücksichtigen gilt. Nie war das Bild von Fußballanhängern in den Medien positiver besetzt als in diesen Tagen. Auch weil die persönlichen Differenzen unter den Gruppen dem gemeinsamen Ziel untergeordnet wurden. Der Protest war so stark, dass die DFL mit dem verbindlichen Fankodex „von oben" (inklusive Kollektivstrafen für Fanlcubs), der Erhöhung der maximalen Stadionverbotsdauer auf zehn Jahre und der Weitergabe polizeilicher Ermittlungen an die Vereine bereits im Vorfeld ihrer Mitgliederversammlung einige kritische Punkte entfernt hat. Ohne 12:12 wäre am Mittwoch wahrscheinlich der erste Entwurf des „Sicheren Stadionerlebnisses" von den Vereinen verabschiedet worden – nicht auszudenken!

Richtiger Protest sieht zwar aus meiner Sicht etwas anders aus, aber immerhin war es in fast allen Arenen Deutschlands bis hinunter in die 4. oder 5. Liga 12 Minuten lang (erstaunlich) gespenstisch leise. Mehr ist wohl aus zweierlei Gründen auch nicht drin: 1. Die Ultras feiern sich zu gerne alleine und halten länger als 12 Minuten selbst nicht durch und 2. wäre vor allen Dingen der Rest der Besucher kaum mehr als 12 Minuten unter Kontrolle zu bekommen gewesen. Trotzdem war die Stille dermaßen beeindruckt (man bekomme erst einmal 80.00 Zuschauer wie in Dortmund zum Schweigen!), dass vor allen Dingen über die Medien Bewegung in Sachen Kommunikation entstand. Die besseren Argumente lagen dabei oft auf Seiten der Fanvertreter, teilweise unterstützt von dem ein oder anderen Pressevertreter und natürlich Prof. Feltes, der übrigens einen klaren Punktsieg gegen seinen Kollegen Prof. Pilz landen konnte.

Jetzt werden also gemeinsame Gespräche geführt. Die Verantwortlichen für die Ware Fußball teilt wohl doch die Erkenntnis, dass sich eine leise und nicht bunte Kurve mehr schlecht als recht vermarkten lässt. Man fragt sich zwar, warum erst jetzt? Aber auch das ist klar: Gespräche auf Augenhöhe möchte man nicht. Dann hätte die DFL mit den Fanorganisationen gleich gemeinsame Sache machen können. Da wurde lieber erst einmal ein Papier mit überzogenen Forderungen verabschiedet und Ressentiments („Verbot von Pyro ist nicht verhandelbar“) gesetzt. Eigentlich ein Grund unbefristet und stärker weiter zu streiken, aber… siehe oben. So finden nun Verhandlungen auf ungleichen Ebenen statt. Auch, weil sich die verschiedenen Ultragruppierungen (z.B. aufgrund der politischen Grundeinstellung) bzw. Fanvereinigungen (Unsere Kurve, Pro Fans, BAFF usw.) nicht in allen Dingen einig sind. Man darf auf die (ich schätze weichgespülten) Ergebnisse gespannt sein.

Die Auswirkungen

Fakt ist aber auch, viele Ultragruppen werden entsprechend ihrer Unabhängigkeit und Eigenständigkeit (das ist schließlich ein Manifest der Ultras) eigene Protestformen zum Ausdruck bringen. War es vor der Einführung des Sicherheitspapiers aufgrund der einseitig abgebrochenen Gespräche über die Legalisierung der Pyrotechnik ein vermehrter Einsatz dieser, ist nun ein Anstieg von gewalttätigen Auseinandersetzungen außerhalb der Stadien zu verzeichnen. Oder, wie jüngst in Frankfurt, eine resolute Räumung des ganzen Fanblockes durch die Nürnberger wegen des Verbots von Bannern. Da wäre die, wie auch immer geartete, Lösung über eine (Teil-) Legalisierung der Pyrotechnik aus Sicht der Sicherheitsfanatiker vermutlich das kleinere Übel.

Was auch immer dabei jetzt herauskommt, es wird sich etwas verändern. Haben sich die verschiedenen Fankulturen sowieso nach rund 10 Jahren immer gewandelt (die Dekade der Ultras dürfte demnach nicht unbedingt enden, aber sich ändern), hat der junge Nachwuchs wieder andere Flausen im Kopf. Dazu hält sich mehr und mehr das Gerücht, dass sich auch eher Altgediente oder eher gewaltbereite Fans ein Stück an die Ultras verlorene Fankultur wieder zurück erobern möchten. Was da also auf uns zu kommen kann, wenn die Ultras in der heutigen Form vom Sicherheitsapparat bekämpft und von dem Rest der Zuschauer verdrängt werden, vermag ich nicht zu sagen, kann aber ganz schön Scheiße sein. Von Gewalt (auch außerhalb der Stadien) bis hin zum rechten Gedankengut kann alles wieder dabei sein. Und genau das wäre für die Liga und für den „Normalo Fan“ eine weitaus schlechtere Situation als im Moment. Die Herrn „da oben“ sollten sich ihre Vorgehensweise also gut überlegen.

Wer oder was bewegte sich bei unserem FC St. Pauli in den vergangenen Wochen zu diesem Thema? Zunächst einmal Vizepräsident Gernot Stenger. Ausgerechnet jemand aus unserem Verein stellte sich freiwillig und ohne Rücksprache mit den Fanvertretungen von Anfang an für das Gremium „Sicherheitspapier“ zur Verfügung. Unglaublich! Angeblich um Schlimmeres zu verhindern. Keine gute Ausrede! Aber wer weiß, vielleicht wollte er auch nur der DFL und/oder dem DFB als ein von Strafen gebeutelter Verein in den Hintern kriechen… Immerhin ist er nach entsprechenden Protesten sofort aus dem Gremium ausgetreten. Allerdings nicht ohne in der Presseerklärung darauf hinzuweisen, dass er das auf Forderung der Fanszene tue. Also nicht aus eigener Überzeugung und abweichend von der mit der Fanvertretung getroffenen Vereinbarung eine gemeinsame Erklärung zu formulieren. Wir hätten ihn auf der Mitgliederversammlung abwählen sollen. Das Mehrheitspotential war durchaus gegeben. Auch, um mal ein eindeutiges Zeichen zu setzen. Da er aber außerhalb von Fanthemen sonst keine schlechte Figur als Vorstand abgibt und deswegen dann doch in Amt und Würden bleiben durfte, hat er also nun die Chance, mit uns Fans das Handeln unseres Vereins zum Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ abzustimmen. Hierfür hat sich aus verschiedenen Fangruppierungen eine Arbeitsgruppe gebildet, die einen Vorschlag für eine gemeinsame Presseerklärung (Vorstand und Fans) zum Papier an sich (auch mit Änderungsvorschlägen) und zum generellen Standpunkt des FC St. Pauli erarbeitet.

Wir Fans vom FCSP unterstützten den 12:12 Protest zwar und blieben still, gleichwohl Ultra St. Pauli aufgrund verständlicher Differenzen gegenüber einigen anderen politisch nach rechts offenen Ultra Gruppen sich nicht aktiv an der Vernetzung und Organisation der Kampagne beteiligte. Mal sehen, wie es weiter geht!

// CF
< nach oben >