Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Frodos Tagebuch

Raumgewinn

Aufstieg und Fall - and the winner ist (not)...



Raumgewinn

Der Vorstand von Fanräume e.V. plaudert mit dem Übersteiger über das was ist, das was kommen soll und das, was war.

Zwei Tage nach Tschaunis Kopfballtor treffe ich zwei Vorstandsmitglieder von Fanräume e.V. im Clubheim, um über Chancen, Hoffnungen und Gefahren des Projektes zu sprechen. Monika Lüttjohann (ML), seit rd. elf Jahren mit Dauerkarte beim FCSP fand das Projekt Fanräume nach der Initialisierung 2008 durch Norbert Harz und Heiko Schlesselmann spannend und nachdem diese beiden sich aus der Leitung zurückzogen, war sie plötzlich “irgendwie” im Vorstand. Jens Holtorff (JH) ist seit “ziemlich genau 16 Jahren” FC St.Pauli-Anhänger, nachdem er - wie bei so vielen von uns - mal ein Spiel sah und das Erlebnis wiederholen wollte. Zu Fanräume stieß er ganz am Anfang und in dem kleinen e.V. (19 Mitglieder) wollte er gerne Verantwortung übernehmen und tat dies ebenso wie Monika durch Engagement in deren Vorstand.

Nachdem Tschaunis Tor und die darauf folgende Reaktionen aus allen Perspektiven intensivst beleuchtet wurden, wenden wir uns der Arbeit zu.

In die Tiefe des Raumes

ÜS: Wie geht’s mit dem Projekt Fanräume weiter? Wie ist der Stand? Was kommt?

ML: Vorbehaltlich noch einiger Unsicherheiten wegen baulicher Verzögerungen wird am 01. Juni 2013 der Fanladen die Fanräume beziehen. Das ist so ne ganz schicke Geschichte, die sich da einige Fans ausgedacht haben. Am selben Tag findet das Fanclubturnier und Sommerfest statt. Die Turnierteilnehmer machen da so eine Art Marathon zum Fanladen, dann Kiste untern Arm geklemmt und ab zur neuen Unterkunft und der Fanladen zieht so auf die Art und Weise um.

ÜS: Was wird uns denn in Fanräume überhaupt erwarten. Welche Räume finden wir denn da vor? Welche Institutionen ziehen da ein? Was passiert da für mich als Fan?

JH: Zum einen zieht natürlich der Fanladen ein um halt im Stadion zu sein. Die AFM zieht mit ein und als großen Veranstaltungsraum gibt es dann noch einen Saal, den man dann für diverse Dinge nutzen kann.

ÜS: Kann man den mieten und da Parties feiern?

JH: Es wird dort nicht die klassische Geburtstagsparty geben können. Wir wollen ja auch keine Konkurrenz zum Clubheim werden. Wenn aber ein Fanclub sein Jubiläum feiern möchte, dann ist das dort möglich. Kurz gesagt: Ein Fanclub kann dort sein Jubi feiern, der Fanclub-Präsi möchte sich aber für seinen Geburtstag bitte an das Clubheim wenden.

Fanräume ist eben keine Kneipe. Es sollen dort ausschließlich Veranstaltungen stattfinden, die Bezug auf den Verein nehmen und keine Privatparties.

ÜS: Man munkelt auch was von einem Biergarten?

ML: Vor und nach dem Spiel werden sicherlich Bierbänke aufgebaut, da dann immer die AFM den Saal mit Bierausschank betreiben wird. Der ursprüngliche Plan eines Biergartens an der Ecke zur Süd wurde durch den Umzug von Fanräume in die Mitte der Gegengrade verworfen, aber es gibt eine schöne überdachte Fläche mit Blick aufs Heiligengeistfeld. Ein klassischer Biergarten als Dauerinstitution ist es jedoch nicht.

ÜS: Also nur zu Spieltagen und besonderen Anlässen?

ML: Es gibt für Fanräume folgende Aufgaben: Die AFM hat unter anderem ihre Mitgliederverwaltung, der Fanladen hat sein alltägliches Geschäft und Fanräume e.V. hat satzungsbedingt mehrere Aufgaben: Nämlich die Verwaltung der Räumlichkeiten, allen voran aber tatsächlich Jugendarbeit und Jugendförderung im Viertel, eben gemeinnützige Arbeit. Letztlich Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Und zu guter Letzt: Fussballkultur.
Wenn also Veranstaltungen stattfinden, dann müssen sie mit diesen satzungsgemäßen Zielen übereinstimmen. Das kann dann auch mal ein Abend mit Fussball- aber ohne FC St.Pauli-Bezug sein. Wobei ich nicht glaube, dass viele hsv-Institutionen bei uns anfragen werden. Aber es gibt ja genug Themen wie Lesungen, Vorträge, Tagungen und aktuelle Diskussionen. So kann so etwas wie die Wunderkerzen von vorgestern Abend einen wunderschönen Diskussionsabend nach sich ziehen.

Es gibt auch einen Konferenzraum, der vollständig ausgestattet ist mit Projektionstechnik und 16 Plätzen, der ist für jeden nach Absprache themenbezogen nutzbar.

Alles unter dem Stichwort: Mehr Raum für Fans und das möglichst kostengünstig.

Und, ganz ehrlich….Natürlich wird man dort auch sein Bier trinken können, aber es ist eben keine Kneipe.

Und schließlich haben wir noch das Archiv. Aus meiner Sicht weltweit einmalig, dass im Vereinsumfeld eines Profivereins ein Archiv mit Fanzines, Büchern etc nur zum Thema Fussball entsteht.

ÜS: …nicht nur zum FC St.Pauli?

ML: Nein, Fussball allgemein. Da gibt’s dann Schnittmengen mit den Kollegen vom Museum. Wir haben uns mit denen ausgetauscht und versuchen da die Trennlinien zu schärfen und gleichzeitig das Gemeinsame zu betonen. Wir haben jetzt gerade z.B. von einem Fan aus England eine Bücherspende erhalten, die er extra im Flieger mit nach Hamburg gebracht hat. Der kam bei uns vorbei und hat uns ne Tüte Bücher über englischen Fußball in die Hand gedrückt. So was kann man sich dann vor Ort anschauen oder ausleihen.

ÜS: …wie ne Bücherei?

ML: Nein, Archiv triffts besser. Da gibt’s dann auch einen Arbeitsplatz und man kann dort wissenschaftlich arbeiten. Wir werden nach und nach versuchen, sämtliche Fanzines zu digitalisieren um raumsparend zu bleiben.

ÜS: A propos Museum. Hier gibt es vermutlich einige Wissenslücken. Was habt ihr mit dem Museum zu tun?

ML: Im Prinzip erst mal nichts. Weder räumlich noch institutionell. Auf den zweiten Blick haben beide natürlich ne ganze Menge miteinander zu tun, weil sie sich ganz wunderbar ergänzen. Wenn das Museum dann wirklich da gebaut wird, wo es alle gerne hätten, gibt es einen wunderbaren Tag, den man auf St.Pauli verbringen kann: Erst geht man ins Museum, dann wird man das Gesehene in den Fanräumen besprechen, dann ne Stadionführung und am Ende des Tages ins Clubheim auf ein Bier. Und dann am besten n Flutlichtspiel und dann ein Kiezbummel. Welcher Verein hat so was schon zu bieten? In der zentralen Lage! Im Volkspark gehste ausm Stadion raus und bist aufm Friedhof!

Das ganze Stadion

ÜS: Wem gehören die Fanräume?

ML: Die Fanräume gehören der Millerntorstadion-Betriebsgesellschaft (MSB), der auch das ganze Stadion gehört. Die Fanräume sind in Form eines Baukostenzuschuss fest für 20 Jahre angemietet und im Voraus bezahlt. An diesen 400.000,- EUR trägt die AFM einen Teil von 100.000,- EUR ihrer Miete für 20 Jahre. Der Fanladen ist mietfrei und wird durch Fanräume e.V. subventioniert, um den immer klammen Fanladen von Fixkosten zu entlasten.

Und jetzt kommt etwas gaaaanz Einmaliges….unserer Recherche nach sogar weltweit. Mit der Unterschrift unter den Mietvertrag hat Fanräume e.V. dem Verein FC St. Pauli ein Prozent der MSB abgekauft und ist gleichzeitig Kommanditist in der MSB.

ÜS: Ich bin ganz aufgeregt. Äh,was bedeutet das?

Was das bedeutet? Wir sind zwar Mieter der Fanräume aber gleichzeitig gehört Fanräume e.V. diese ganze Kiste hier (zeigt aufs Stadion), in der wir gerade sitzen. Nochmal langsam zum mitschreiben: Das Stadion gehört somit juristisch auch den Fans! Das gibt’s in ganz Deutschland nur hier. Vielleicht sogar weltweit.

ÜS: Wie ist denn Euer Verhältnis zum Verein FC St. Pauli?

JH: Es gab sicherlich auch mal Meinungsverschiedenheiten, die man dann ausdiskutieren musste. Aber eigentlich läuft es sehr gut. Der Verein hat Fanräume nie in Frage gestellt. Eher sogar unterstützt.

ML: Gerade seit dem Päsidiumswechsel zum aktuellen Präsidium ist die Zusammenarbeit hervorragend. Stefan Orth ist ein großer Unterstützer. Er ist sehr engagiert und sitzt auch im fünfköpfigen Beirat von Fanräume. Der hat neulich sogar angerufen und uns seinen Wagen für den Umzug angeboten.

We just can’t get enough!

ÜS: Fanräume kommt jetzt in die heiße Phase. Kann man sich nun anderen Dingen zuwenden, weil Ihr ja “fertig” seid?

ML: Die 400.000,- EUR Miete haben wir zusammengesammelt und uns damit die Räume geschaffen. Aber wir haben laufende Kosten und wir haben das Problem, dass die satzungsgemäße Umsetzung nicht ehrenamtlich geschehen kann. Der Vorstand kann als Ehrenamtsgremium der Umsetzung der Satzungsziele nicht im Sinne der Räume und im Sinne des Vereins gerecht werden.

Wir haben viele Projekte für Kinder- und Jugendlichenförderung. Zum Beispiel soll ein internationales Kinderfussballturnier organisiert werden, wo auch der Verein FC St. Pauli sich finanziell und organisatorisch beteiligen wird und auch die Infrastruktur stellt.

Um Personal- und Projektkosten decken zu können haben wir aus diesen Gründen einen Bedarf von 40-50.000,- EUR im Jahr.

Wenn Ihr Übersteiger-Leser uns helfen wollt, könnte Ihr z.B. Fördermitglied werden um das Projekt über die Startphase hinaus am Leben zu halten.

Dazu am besten auf www.fanraeume.de unter “Fördermitgliedschaft” gucken, unterschreiben und ab zu uns. Das kostet minimal 5,- EUR im Monat und nach oben gibt’s keine Grenzen. Gerne auch noch vier Nullen dran hängen….

Wir haben auch gerade mal bummelich 30 Fördermitglieder. Da geht also noch was.

Übrigens können auch Fanclubs oder Vereinsabteilungen Fördermitglied werden. Die Triathleten sind da seit Dezember ein gutes Vorbild als erstes Fördermitglied von Fanräume.

ÜS:…und wenn ich keine Kohle habe. Kann man sonst helfen?

ML: Ja, für Projekte, Aktionen, Orga. Von Tresenschichten bis hin zu Helfer bei Turnieren geht alles. Wer da grundsätzlich Bereitschaft hat, kann uns einfach anmailen.

Sachspenden helfen übrigens auch. Wir suchen aktuell zwei Computer, einen als Arbeitsplatz fürs Archiv, einen für das Fanräume-Büro. Wer da was hat, kann das für einen tollen Zweck bei uns loswerden.

Out of the Middle of the Viddel

ÜS: Der Fanladen wird nun das Viertel verlassen und ins Stadion ziehen. Ist das nur Chance oder auch Risiko?

JH: Der Vorteil der Zentralisierung überwiegt aus unserer Sicht. Wir haben es aber natürlich diskutiert. Vieles wird einfacher. Man kann mal eben vor oder nach dem Spiel seine Auswärtsfahrt organisieren. Und die Verwechslungen von Fanshop und Fanladen dürften dann auch aufhören.

Zudem darf man nicht vergessen, dass der Fanladen demnächst mietfrei ist. Mehr Geld für die eigentliche Arbeit. Und die derzeitige Miete ist hoch!

ML: Ich kann den Einwand verstehen. Ich bin so häufig im Fanladen. Ich bin immer so gerne genau in diesen Fanladen in der Brigittenstraße gegangen. Und ein wenig wehmütig werde ich schon, wenn ich an den Flair denke. Andererseits sind die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter da unten in diesem Keller eine Katastrophe. Als Besucher ist das ganze ziemlich romantisch, wenn Du da jeden Tag ohne Tageslicht und Sauerstoff arbeiten sollst, hat sich das mit der Romantik ganz fix erledigt. Aber natürlich wird die Umgewöhnung ein wenig dauern. Die Fans und Fanclubs müssen kommen. Die müssen den Laden in Beschlag nehmen.

Aber es ist alles doch eine riesige Chance. Viele, die bislang den Fanladen gar nicht kannten, werden ihn zum ersten mal sehen. Fanclubs von Außerhalb werden um Heimspiele herum öfter mal vorbeischauen können.

Wenn ich alleine an die tolle Küche denke, die im Fanladen eingerichtet wird. Die Suppenabende nach Heimspielen bisher waren immer ein irrer Aufwand mit zu Hause kochen und mitbringen und warm halten etc. Jetzt kann ein Fanclub in die Fanladenküche gehen und für alle Kochen.

Ist das noch mein St. Pauli?

ÜS: Dass Altes sich verändert betrifft ja nicht nur den Fanladen, sondern seit einigen Jahren den gesamten Verein FC St. Pauli. Wir haben ein fast fertiges neues Stadion, sind wirtschaftlich solide, alles ist effektiv, professionell und vernünftig. Verliert es auch seine Identität und seinen Charme?

ML: Ich fang mal einfach an: Die Klos sind jetzt einfach besser!
Aber wenn beim Flutlichtspiel die Abendsonne durch die Bretter der alten Gegengrade schien, das werde ich nie vergessen. Das sind Momente, die ich immer vermissen werde. Sowas werde ich in der neuen Gegengrade niemals wieder haben. Das ist eben weg.

Aber es sind die Menschen, die die Atmosphäre machen. Und wenn der Verein bei den Menschen und Fanclubs bleibt und die nicht verliert und ihnen die Chance lässt, sich in Ihren Gruppen und Clubs zu verwirklichen und zu gestalten, dann ist das Gebäude egal.

JH: Die alte Gegengrade als romantische Perle des deutschen Fussballs wurde abgerissen. Aber durch Fanräume besteht die einzigartige Chance für alle Fans und Fanclubs, sich das ganze neu zu erobern und neu zu ergründen. Die alten Momente mag es nicht wieder geben, dafür kommen neue. Denk an Tschaunis Tor vorgestern, wo mir die Ohren geplatzt sind. Ich habe es in einem Stadion noch nie so laut erlebt.

Die Entwicklung des Vereins ist Gefahr und Chance und wir als Fans müssen es gestalten und Fanräume ist ein Werkzeug dafür.

Wenn das alles angenommen wird und klappt und die Fans und die Clubs kommen und das Stadion beleben, dann wird es einzigartig und dann wird es etwas, um das uns Fussballdeutschland beneiden wird.

Die alte Zeit war schön und sie ist abgeschlossen, aber viele bekommen wohl gerade erst eine Ahnung davon, dass das was jetzt kommt anders geil wird. Und wenn wir unserer Räume haben dann erst Recht. Wie sagte ein Fan in unserem Teaser-Film? “Schön müssen sie werden, groß, bunt, laut und es müssen unsere Räume werden”.

Interview: Mirco
< nach oben >