Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Frodos Tagebuch

Raumgewinn

Aufstieg und Fall - and the winner ist (not)...



Aufstieg und Fall

And the winner is (not)...?

Aus den dunklen Sümpfen ins Rampenlicht

Was bisher geschah:

Im Spätsommer des vergangenen Jahres entwickelte sich die zugegebenermaßen völlig kranke Idee, als erstes Fanzine der Welt, die unendlichen Weiten des Kosmos zu erobern. Nach einer knappen Analyse der finanziellen und technischen Machbarkeit, ärgerten wir uns mit einem wahnsinnig kleinkarierten Behördenmitarbeiter herum, den wir aber letztendlich aufgrund der herrschenden Gesetzeslage mit süffisanter Ignoranz bedachten.
Und so machte sich unser Käpt’n Klaus im Oktober auf, vom Anstoßpunkt des Millerntorstadions die Stratosphäre zu rocken. Dabei stieg er, nur begleitet von einer Kamera, an einem Wetterballon bis in eine Höhe von ca. 25.000 Metern auf, um anschließend an einem winzigen Fallschirm zurück in den Schoß von Mutter Erde zu gleiten.
In einer wahrhaftig lebensbedrohlichen Rettungsaktion bargen unsere Redakteure Troll sowie der unerschütterliche und todesmutige Jean Eck Picard die Videoaufzeichnung unseres Fluges aus den tiefsten Sümpfen im dunkelsten Ostdeutschland.
Die ganze Geschichte lest ihr im ÜS #109 oder in unserem Blog unter http://blog.uebersteiger.de/2013/03/04/ubersteiger-goes-filmfestival-das-making-of/

Viele von euch werden sich bestimmt an unseren Artikel aus dem ÜS #109 erinnern und wahrscheinlich haben die meisten auch schon unser cineastisches Meisterwerk mit dem Titel „Aufstieg und Fall“ auf YouTube genossen. Wie aber aus mehr als vier Stunden Rohmaterial dieser filmische Brillant heraus geschliffen wurde und mit welchen Unwegsamkeiten wir uns nach der Bergung unserer Kamera herumschlagen mussten und wie viel Fahrt unser Machwerk im Nachhinein noch aufnahm, davon möchte ich euch heute erzählen.

Als ich unser Fluggerät samt Filmaufzeichnung nach schier endlosen drei Wochen endlich wieder in meinen Händen hielt, ging es nun darum, aus dem Rohmaterial einen möglichst geilen Film zu schneiden. Irgendwie - so viel war klar - sollte es eine Art Musikvideo werden. Auch die Idee, einige Fanszenen dazwischen zu schneiden, war hier schon existent.
Also begann ich, verschiedene Musikstücke auf unsere Bilder zu packen. „Fearless“ von Pink Floyd und „Space Oddity“ von Bowie sollten auf jeden Fall dabei sein. Ich habe dann mal zwei, drei Musikverlage angerufen und mich nach den Möglichkeiten erkundigt, wolle man so etwas legal machen. Wie bereits so oft in diesem Projekt fing ich mir zunächst einen herben Dämpfer ein. Pink Floyd gebe niemandem seine Rechte, egal um was für eine Idee es sich handle und bei Bowie sei es Verhandlungssache, je nachdem in welchem Rahmen man das fertige Produkt abschließend vermarkten wolle. Aber mit einer Summe im mittleren fünfstelligen Bereich müsse man trotzdem rechnen – für einen Song wohlgemerkt! Diese lächerliche Budgeterhöhung bekam ich dann beim Übersteiger nicht durch.

Lizenzfreie Klassik oder befreundete Bands?

Mein schlauer Kollege Zwille machte mich darauf aufmerksam, dass es im Internet auch massenhaft lizenzfreie Mucke zum kostenlosen Download gebe. Ohne hier weiter ausholen zu wollen, aber diese sogenannte „Musik“ ist nicht grundlos lizenz- und kostenfrei…
Aber dann hatten wir’s, wir nehmen Klassik! Die Musik von Komponisten, die bereits seit mindestens 70 Jahren den Radieschen von unten beim Wachsen zuschauen, ist nämlich ebenfalls nicht geschützt. Nun kann ich nicht behaupten, in der klassischen Musik wirklich beheimatet zu sein. Und auch den anderen Redaktionsmitgliedern schien es ähnlich zu gehen. Jedenfalls hielten sich die meisten - nein alle - bei den Vorschlägen zur Auswahl der Stücke vornehm zurück. Fündig wurde ich dennoch. Aber leider sind weder Carl Orff noch Maurice Ravel lange genug tot. Richard Wagner passte als bekennender Antisemit irgendwie nicht so recht zu unserem Image, und Richard Strauss hat schon einen legendären Sci-Fi Streifen begleitet. Blieb also nur der gute alte Ludwig van Beethoven und der „Triumphmarsch“ aus Giuseppe Verdis Oper „Aida“.

Also suchten wir nach Alternativen. So machten wir uns daran, befreundete oder zumindest St. Pauli affine Bands abzuklappern und für unser Projekt zu begeistern. Als bald hatten wir mit Stücken von LAK, Sibbe, den Ärzten und Kettcar einen hammergeilen Soundtrack beisammen. Im Nachhinein muss ich sagen: „Scheiß auf Pink Floyd, Bowie & Co!“

Seid nicht böse, wenn ich hier nicht im Detail ausbreite, wie unsere Deals mit den einzelnen Musikern und auch den Machern vom Film „Das ganze Stadion“ aussahen. Nur so viel: Alle haben sich super fair und unbürokratisch verhalten. Dafür nochmals unseren aller herzlichsten Dank!

Jetzt also hatten wir alles beisammen und ich knallte meiner Freundin Melanie, die unseren Film schneiden sollte, die Bilder des Fluges, diverse Schnipsel aus verschiedenen Handykameras mitsamt einer DVD von „Das ganze Stadion“ mit den Worten ‚Mach ma!‘ auf den Tisch. Tja, und jetzt wurde ich pedantisch. Denn als ich die erste Schnittversion gesehen hatte, fand ich das Ding so unglaublich geil, dass ich das jetzt auch perfekt haben wollte. Und so kam es zu endlosen kleinen Änderungswünschen.

„Mach das mal so und jenes so. Hier eine andere Sequenz aus diesem Song und dort eine andere Blende. Ach nee, vorher war doch besser“, und so weiter und so fort. Die Hingabe, mit der Melanie jedes noch so kleine Detail auf dem Weg zur Perfektion einarbeitete war schier unfassbar. Mitte Januar waren wir dann soweit, als jemand gehört hatte, dass es in Berlin ein Filmfestival nur für Fußballfilme gäbe. Nach kurzer Internetrecherche stellte ich fest, dass wir noch zwei Tage Zeit hatten, um unseren Film beim 10. internationalen Filmfestival 11mm einzureichen. Ein paar Tage später war das Undenkbare Wirklichkeit. Aus mehr als 80. Einsendungen hatten uns die Festivalmacher als einen der sechs Finalisten auserkoren.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

So saßen wir nun an diesem Montag im März bei katastrophalen Wetter- und Straßenverhältnissen zu viert im Auto und folgten der Einladung zum Finale des Fußballfilmfestivals 11mm. Uns war klar, dass wir etwas gänzlich anderes gemacht hatten, als die fünf weiteren Finalisten. Die klassischen Anforderungen an einen Film gab es bei uns nicht. Weder einen Regisseur noch Schauspieler oder gar ein Drehbuch im herkömmlichen Sinne hatten wir anzubieten. Vielmehr war es „mehr Performance als Film“, wie es die Berliner Morgenpost so treffend formulierte. Somit gab es eigentlich nur Hopp oder Topp. Entweder rocken wir das Festival und holen den Pokal ans Millerntor oder wir landen abgeschlagen unter ferner liefen. Euphorisiert von den durchweg positiven Kritiken im Freundeskreis ging ich selbstredend von ersterem Szenario aus. Folglich bastelte ich in meinem Kopf schon fleißig an meiner Siegesrede. Allerdings gebe ich unumwunden zu, außer Acht gelassen zu haben, dass wir in Sachen St. Pauli unterwegs waren. Da fährt man nun mal nicht so einfach zu einem Finale und holt sich die Trophäe ab. Da ist erst einmal Leiden und Enttäuschung angesagt, ehe schlussendlich doch noch alles gut wird.

Es war eine Sekundenentscheidung, als vor uns eine schwarze Rauchsäule empor stieg.

Ich am Steuer: „Was ist das da vorne?“
Stimme von der Rückbank: „Da brennt es.“
Ich am Steuer: „Soll ich runter von der Bahn?“
Stimme von der Rückbank: „Nee, da kommen wir noch irgendwie rechts dran vorbei.“

Klassische Fehleinschätzung nennt man sowas wohl. Vor uns hatte sich dank der glatten Autobahn ein Gefahrguttransporter um einen Brückenpfeiler gewickelt und stand nun in Flammen. Vollsperrung vor uns, Vollsperrung hinter uns. Nun war unser Zeitpolster aber nicht so großzügig bemessen, als das ich wirklich locker hätte bleiben können. Also überlegten wir, ob wir nicht ein Franzbrötchen als Blaulichtimitat auf das Dach legen sollten, um dann perfekt als Zivibullen getarnt, rückwärts durch die Rettungsgasse zur Ausfahrt zurückzufahren. Da aber Ute zu diesem Zeitpunkt schon sämtliche Brötchen weggespachtelt hatte, blieb uns nichts als zu warten. Und nach einer knappen Stunde löste die Polizei dann tatsächlich den Stau von hinten(!) auf.

Irgendwie haben wir es dann doch noch geschafft und standen pünktlich um halb sieben im VIP-Bereich des Babylon-Kinos in Berlin-Mitte, wo wir bei Schnittchen und Champagner mit allerhand wichtigen Leuten bekannt gemacht und uns der Ablauf des Abends nahe gebracht wurde. Man kann vereinfacht sagen, uns wurde reichlich Puderzucker in den Arsch geblasen.

Ein Sternchen von Nick Howard

Dann ging es los. „Aufstieg und Fall“ lief im ersten von zwei Blöcken. Neben mir saß der Film- und Medienwissenschaftler Jan Tilman Schwab, der ein einzigartiges Archiv für Fußballfilme aufgebaut hat. Noch während der Vorstellung gratulierte er mir zu unserem „großartigen“ Machwerk.
Alsdann kam es zur Jurywertung. Zuerst waren die beiden langweiligen wie austauschbaren Berliner Profis Fabian Lustenberger (Hertha) und Michael Parensen (Union) an der Reihe. 0 Punkte! Dann kamen Elke Ritt (British Council) und Nick Howard (Teenieschwarm & Gewinner von „The Voice of Germany“) auf die Bühne. Jawoll, Nick dekorierte uns mit einem Sternchen! Ausgerechnet Nick Howard, über den wir im Vorfeld doch hier und da ein wenig gewitzelt hatten. Und so stolperten wir über unsere eigenen Vorurteile. Nick war begeistert und hegte sofort den Plan, beizeiten das Wappen seines Lieblingsclubs Crystal Palace ins All zu schicken. Alles hing jetzt am letzten Jurorenpaar. Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai (Qualifikation: „Ich habe auch schon mal ein Spiel im Fernsehen gesehen“) und Thees Uhlmann (Teenieschwarm & ÜS-Kolumnist) schritten auf das Podest. Tilman neben mir rechnete eifrig mit. „Wenn ihr jetzt zwei Punkte von Jasmin bekommt und abschließend drei von Thees, seid ihr Zweiter und somit in der Publikumsabstimmung.“
Nun, wir erhielten keine zwei Punkte von Jasmin, geschweige denn eine Wertung von Thees…

Thees rechtfertigte sich anschließend, er könne keinen Film nach vorne wählen, in dessen Abspann ihm explizit gedankt wird. Kann ich verstehen. Mit einigem Abstand betrachtet, teile ich indes seine Meinung nicht, die Konkurrenz sei zu stark gewesen. Unser Film war mindestens so gut wie die anderen. Bloß bildete ein Filmfestival augenscheinlich nicht den richtigen Rahmen. Das beweisen die über 3.000 YouTube-Aufrufe binnen 24 Stunden, sowie all die Superlative, mit denen ihr uns in den sozialen Netzwerken überschüttet. Unser Film ist einfach anders, wie eben auch der FC St. Pauli anders als andere Vereine ist. Trotzdem hat er fast alles, was auch ein klassischer Film braucht – emotionale Momente, eine Prise Humor, überwältigende Landschaftsaufnahmen, einen klasse Soundtrack und einen fantastischen Schnitt. Das einzige, was eventuell fehlt ist die weibliche Hauptrolle. Aber offensichtlich war weder diese Jury noch das Berliner Publikum an diesem Abend bereit für diesen Film. Somit teilen wir uns die Ränge vier bis sechs mit „Die Sprache des Rasens“ (DEU 2012), und „Halfline“(KOR 2012).

Amüsiert haben wir uns trotzdem königlich und streben jetzt eine Fanfreundschaft mit den Fans von Nick Howard an. Und einen Erfolg können wir dann doch noch vermelden: Der Übersteiger ist das erste Fanzine, das ein Kino trocken getrunken hat!

//Troll
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