Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Walter Frosch

Sky säuft Kneipen leer

Zwischen Fußball und Grabenkämpfen

Hauptsache rumhupen

Neues von den Alten


Walter Frosch

Nun hat er ihn also doch verloren, seinen letzten großen Kampf.

Absehbar sicherlich, denn seit 1996 musste sich Walter Frosch immer wieder Krebsoperationen unterziehen, schon 2008 sah es so aus, als würde es zu Ende gehen. Akutes Organver- sagen, Sepsis, Intensivstation. Danach musste er Gehen und Sprechen wieder ganz neu erlernen. Was ihm gelang, denn ein Kämpfer war „Froschi“ immer schon gewesen. Ein typi- scher Abwehrrecke der 70er Jahre und als Libero geradezu ein Gegenentwurf zum filigranen Franz Beckenbauer.
So verkörperte er lange Zeit die Ideale des FC St. Pauli, nicht Kunst bis zum Abwinken, sondern Kampf bis zum Abpfiff. Hätte auch anders kommen können: Bereits mit 16 Jahren durfte er mit Ausnahmegenehmigung für Arminia Lud- wigshafen im Herrenbereich spielen.

1969 kam der gelernte Schornsteinfeger in die Regionalliga Südwest zum SV Alsenborn, dem damals bekanntesten Dorfverein Deutschlands. Dem sportlich qualifizierten Ver- ein verweigerte der DFB jedoch 1974 die Lizenz für die neu geschaffene 2. Bundesliga und so wechselte Frosch in der Winterpause zum Lokalrivalen an den Betzenberg. Dabei kam es kurzfristig zu Querelen mit dem FC Bayern, die reklamierten, er habe ebenfalls bei ihnen einen Vertrag unterschrieben. Walter machte erst mal Urlaub auf Mallorca, der DFB entschied, dass er seinen Vertrag in Kaiserslautern zu erfüllen habe und sperrte ihn zudem für vier Monate. So wurden Katsche Schwarzenbeck und Bulle Roth Europapokalsieger und Walter Frosch nur DFB Pokalfinalist. 1976 musste er die Pfalz verlassen, angeblich wegen seines unsoliden Lebenswandels und kam ans Millerntor, abge- sehen von den Pokalerfolgen mit Lautern im Jahr zuvor das vielleicht beste Jahr in seiner Karriere und jenes Jahr, das seinen Ruhm und den Mythos Walter Frosch begründen sollte. Als einer der defensiven Eckpfeiler führte er St. Pauli mit einer Serie von 27 Spielen ohne Niederlage zum Aufstieg in die erste Bundesliga. In jenem Jahr wollte Jupp Derwall ihn auch in die damals noch existierende B-Nationalmannschaft berufen, was Frosch mit der Aussage „ein Wal- ter Frosch spielt nur in der A-Nationalmannschaft oder in der Weltauswahl“ dankend ablehnte. So blieb ihm die internationale Karriere denn leider auch versagt. Zur Legende wurde jedoch seine Angewohnheit, sich nahezu in jedem zweiten Spiel eine gelbe Karte abzuholen – wesentlich mehr wegen Meckerns denn wegen groben Foulspiels im Übrigen. 27 sollen es 1976/77 gewesen sein, keiner weiß mehr, woher diese Zahl stammt und keiner weiß mehr, wie viele es wirklich waren. „Gegen Solingen und gegen Wacker Berlin hole ich mir noch jeweils eine, dann komme ich auf 20, das ist doch eine runde Sache“ wird Frosch zitiert. Dazu kam es nicht und so sind es wohl nur „18“ gewesen. Immer noch ein Rekord für die Ewigkeit und angeblich einer der Gründe, weswegen der DFB die Gelbsperre einführte. Eine rote Karte erhielt Walter Frosch in seinen drei Bundesligajahren (17 Gelbe insgesamt) jedoch nie.

Dass er zu Beginn der Saison 77/78 (neben anderen) verletzt war und nur auf 18 Pflichtspiele kam, war sicher mit einer der Gründe, weswegen St. Pauli nach nur einem Jahr wieder absteigen musste. Auch in der 2. Liga und nach dem Lizenzentzug in der Oberliga hielt Walter unserem Verein die Treue und bewährte sich als Fels in der Brandung während des Neuaufbaus der Mannschaft. Doch der Erfolg des Wiederaufstiegs in den Profifußball blieb ihm leider versagt. 1981 kam ihm die Ligenreform dazwischen, 1982 wurde er von Trainer Lorkowski im Zuge einer weiteren Verjüngung der Mannschaft aussortiert. 178 Pflichtspiele hatte Frosch bis dato für den FC St. Pauli absolviert und 23 Tore erzielt.

Er wechselte zu Altona 93, stieg mit denen 1984 in die Oberliga Nord auf, stand bei allen sechs Spielen der Aufstiegsrunde in der Startelf und sicherte mit seinen Leistungen den Altonaern in der Folgesaison den Klassenerhalt. Danach beendete er sein aktive Laufbahn und erlangte vor allem Bekanntheit als Wirt der Gaststätte Antikes in Lokstedt, als Pächter der Stadiongaststätte von Vicky, wo noch heute zahlreiche Devotionalien von ihm hängen und als „Rebell wider die Gesundheit“ (11 Freunde). Er pflegte sein Image als Kettenraucher auch nach Bekanntwerden seiner Krebserkrankung, lief 2001 beim Abschiedsspiel für Klaus Thomforde mit Kippe auf dem Platz auf und 2007 beim Tag der Legenden mit einer Schachtel Zigaretten im Stutzen. Ein wirklicher Rebell ist er vielleicht nie gewesen, sondern ein typischer Typ der Endsechziger, ein liebenswerter Kerl mit vielen Ecken und Kanten und mit Fug und Recht seit 2010 in der Abendblatt-Jahrhundertelf des FC St. Pauli. Mit Walter Frosch verliert diese Jahrhundertelf nun ihr drittes Mitglied und der Verein einen weiteren großartigen Ehemaligen.

// Fuisligo


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