Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Walter Frosch

Sky säuft Kneipen leer

Zwischen Fußball und Grabenkämpfen

Hauptsache rumhupen

Neues von den Alten


sky säuft Kneipen leer –
und viele kaufen keine Abos mehr

Ein Samstag in der Saison 2013/14, an ausschlafen ist nicht zu denken. Noch schnell die Wohnung sauber machen, einkaufen, um 13 Uhr will ich in meiner Stammkneipe das Auswärtsspiel von St.Pauli gucken. Es ist ein schöner Herbsttag, die Sonne scheint und eigentlich könnte man an die Elbe oder ans Meer fahren. Aber ich bin so St. Pauli verrückt, dass ich mir gern die Auswärtsspiele gegen Bochum, Union oder Fürth ansehe, auch wenn es denn manchmal ein nicht so reizvoller Kick wird.

Ist sowieso eine unmögliche Zeit, Fußball zu gucken, so um 13 Uhr. Da soll ich schon Würstchen und Bier zu mir nehmen, im Wert von 20 Euro? Selten, denn dann ist der Tag gelaufen. Ja, zweite Liga ist eben die Sky-Straf-Liga. Um möglichst viel abschöpfen zu können, wird dann eben um 13 Uhr angepfiffen. Gibt ja auch Geld an die Vereine und nicht zu wenig, wie immer betont wird.

Als Auswärtsfahrer bin ich zu alt, zu sehr beschäftigt oder zu bequem. Kostet ja auch ‘ne Menge Geld, so ein Tag in der Ferne.
Vor ein paar Wochen suchte ich händeringend nach einer Sky-Kneipe in Pinneberg. Schwarz-weiße sky-Schilder gab es genug, aber in der ersten, zweiten und dritten Location war Sky schon abgemeldet, da die Gebührenverdoppelung diese Gastronomen nicht mehr mitgehen können oder wollen.

Dann fand ich doch noch drei St. Pauli-Fans im Keller des griechischen Restaurants Korfu Ecke Elmshorner / Bismarckstraße (korfu-pinneberg.de). Ein Glück, das Spiel gegen Ingolstadt endete bekanntlich ja 1:2 und die Suche hatte sich gelohnt, das Essen war auch ok, Wert: 13,20 Euro.

Auswärtsspiele in meiner Stamm-Sky-Kneipe sind immer sehr gemütlich. 30 bis 50 St. Paulianerinnen sitzen zusammen, man kennt sich, manchmal auch schon länger und fachsimpelt, spielt mit den Kindern, oder isst eine Kleinigkeit dazu. Heute liegt ein Schreiben von der Wirtin auf dem Tisch. Die Sky-Gebühren haben sich verdoppelt, sie könne das nicht mehr bezahlen, Fußball-Fernseh-Angebote von Sky würden sich für den Laden nicht mehr lohnen. Aus und vorbei.

Wir alle waren sehr entsetzt und überlegten was wir machen können. Eintritt nehmen, Spendenaufruf bei jedem Spiel, Vereinsgründung der Sky-Hasser? Oder was? Ich hörte mich um und fand heraus, dass auch das Backbord und die Domschänke überlegten, Sky nicht mehr anzubieten. Die »Domschänke« existiert ca. 60 Jahre und ist noch immer im Familienbesitz. Sie liegt in der Einflugschneise zur Reeperbahn, direkt gegenüber dem Millerntor. Das Konzept heißt niedrige Preise und Gemütlichkeit, eben so etwas, was ein alter Laden hat. Hier wird St.Pauli noch gelebt.

»Le Kaschemme« existiert seit April 2008. Das ist zum einen ein Restaurant, zum anderen eine St. Pauli Kneipe. In der Le Kaschemme vereinigen sich Gegensätze, angefangen beim Namen, zweitens über das Speiseangebot (mal Bratkartoffeln mit Spiegelei, mal Boeuf Bourguignon) und die Preisstruktur, sowie drittens über die Gästestruktur (Nachbarn, Familien, Touristen, Geschäftsleute, Punks, St. Pauli Fans, jung/alt, dick/dünn – eben all die Gegensätze, die St. Pauli zu bieten hat).

Tina von der Le Kaschemme und Joachim von der Domschänke waren so freundlich, mir ein paar Fragen zu beantworten.

ÜS: Wie lange bietest du Sky an?
Joachim: Sky müssten wir 3 Jahre haben. Interesse besteht, wenn St.Pauli auswärts spielt, so etwa 15 Leute kommen dann. Wir haben auch einen Schalke Fanclub, der natürlich jede Woche kommt. Das sind dann so 20-40 Leute, kommt auf den Gegner an. Sonst besteht wenig Interesse bei anderen Spielen.
Tina: Von August 2008 bis August 2013, also fünf Jahre. Sonntag und Montag habe ich Ruhetag, außer bei St. Pauli-Spielen. Bei St. Pauli-Auswärtsspielen ist der Laden voll, bei Heimspielen erst danach, erste Bundesliga interessiert keinen Menschen. Aber es ist sehr traurig nach Heimspielen keinen Fußball mehr zeigen zu können. Da fehlt etwas. Zum Glück habe ich auch Stammpublikum, das wegen meines Essens hier ist.

ÜS: Wie waren die Anfangspreise bei Sky und wie haben die sich verändert?
Joachim: Bei den Preisen weiß ich nicht mehr so genau den Betrag. Angefangen haben wir mit ca. 1700 Euro mittlere Kategorie, das gilt für Schankräume bis 65-70 Quadratmeter und zum Schluß musste ich 2.232 Euro zuzüglich MwSt bezahlen. Das Neue und letzte Angebot waren dann 4.788 Euro plus Steuer. Da habe ich Sky kündigen müssen, weil ich nur noch draufgezahlt hätte.
Tina: In den ersten Jahren war Sky überlebenswichtig und besonders im Erstligajahr war der Umsatz super. Mittlerweile ist mein Umsatz an normalen Tagen besser. Die Freitagsspiele sind gut besucht, Samstag und Sonntag nicht so gut. Bei den frühen Anstoßzeiten ist der Bierdurst nicht so groß.

ÜS: Hast du schon Kontrolleure von Sky gehabt?
Joachim: Vorm Abo war mal ein Kontrolleur da, jetzt weiß ich es nicht, aber bestimmt. Die wollen doch sehen ob wir schwarz die Spiele ansehen. Wir haben Sky gekündigt. Unsere Gäste sind auch ein bisschen traurig, aber 114% Aufschlag von einer zur nächsten Saison ist schon ganz schön frech. Wir können unsere Preise auch nicht um 100% erhöhen. Bei 4.788 Euro bleibt es ja nicht, da ist die Beamerlampe, Strom, WC (Wasser), Ware und Umsatzsteuer. Wir haben zwar mit einer Erhöhung gerechnet und wohl auch akzeptiert aber so hoch? Sky hat ja eine Studie gemacht, dass jeder Gast angeblich 18,60 Euro umsetzt. Wo Sky die Zahlen her hat würde mich interessieren.
Tina: Ich glaube nicht. Im ersten Jahr habe ich 164,15 Euro brutto pro Monat bezahlt. Danach hatte ich einen 2-Jahres-Vertrag, monatlich € 197,94 (€ 2.375,28 / Jahr), dann waren es € 224,91. Bis August 2013 zahlte ich dann € 260,61 und Ende August sollte ich für die neue Saison € 353,43 (€ 4.241,16 / Jahr) bezahlen. Da konnte ich nur noch die Kündigung abgeben.

ÜS: Hat Sky eine Begründung geliefert, warum die Gebühren so drastisch erhöht wurden? Sollen die Vereine noch mehr Geld aus dem Topf erhalten, oder geht das Geld etwa in die Fanbetreuung?
Joachim: Sky begründete das mit der Bevölkerungsdichte in Hamburg und das wir zwei Profivereine hier haben. Außerdem das tolle HD Format und neu im Programm, Beachvolleyball, was mich nun wirklich nicht interessiert.
Tina: Sky begründete es so: „Im Rahmen der Veränderungen und Verbesserungen, alles in HD, mehr erstklassigen Sport – Beachvolleyball –, Zweitreciever gratis etc. haben wir uns dazu entschieden, eine neue, ausgewogenere Angebots- und Preisstruktur einzuführen. Erstmals konnten wir hier weitere Aspekte, wie etwa die Bevölkerungsdichte, die Kaufkraft und die Sportaffinität in der Region berücksichtigen, was zu insgesamt transparenteren Preisen führt“. Lustig!!!

ÜS: Hast du erwähnenswerte Mieterhöhungen in den letzten Jahren gehabt?
Joachim: Mieterhöhung nein, ist ja mein Eigentum.
Tina: Nein.

ÜS: Hast du Angst um deine Existenz, bzw. die der Domschänke?
Joachim: Existenzangst haben wir nicht, das Leben geht weiter.
Tina: Nein.

ÜS: Danke ihr zwei.

Die Befragungen sind nun schon ein paar Tage alt und zumindest die Fangemeinde in der Kaschemme hat viele gute Ideen gesammelt, um nun doch zumindest weiter die Auswärtsspiele gucken zu können. So ist angedacht im nächsten Jahr einen Verein zu gründen, der sammelt und so das Public Viewing wieder möglich zu machen. Spontane Sammelaktionen haben auch schon stattgefunden.
Aber auch auch viele Privatpersonen beabsichtigen zu kündigen oder haben ihr sky-Abo schon gekündigt, da sie den drastischen Anstieg der Gebühren nicht mehr zahlen wollen oder können. Ich glaube, die Grenze ist überschritten und sky schneidet sich gerade den Geldhahn ab.
Wie seht ihr das? Schreibt doch mal Leserbriefe an den Übersteiger oder an sky direkt, was ihr von der Erhöhung haltet. Bleiben es weiterhin 3,5 Millionen Abonnenten, oder springen immer mehr Menschen ab, die nicht mehr ausgequetscht werden wollen?

Wenn ihr aber eine gute Kneipe oder ein gemütliches Restaurant kennenlernen wollt, hier zwei Tipps
- Le-Kaschemme.de
- facebook/Domschaenke

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