Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Museumsreif

Kein Millerntor dem DFB

St. Paulis U23: Ausblick und Rückblick

Neues von den Alten



Kein Millerntor dem DFB

Für erhebliche Aufregung in der Sommerpause sorgte der DFB, als er seine Nationalmannschaft zum Trainieren ans Millerntor schickte und aufgrund werberechtlicher Bestimmungen das Stadion „neutralisierte“. Dem fiel dann nicht nur die Werbung zum Opfer, sondern auch der hintere Teil des „Kein Fussball den Faschisten“-Schriftzugs auf der Gegengerade. Dumme Tat, mit einem Happy End!

Als am Montag nach dem 34.Spieltag durchsickerte, dass die Nationalmannschaft am Millerntor trainieren würde, zuckte ich noch mit den Schultern. Der hsv hatte den direkten Abstieg knapp versäumt und für das Relegationsspiel war der Rasen im Volkspark dringend zu schonen. Rasen, Volkspark – wir kennen das, ein Quell steter Freude.

Da das erst sehr kurzfristig feststand, rotierte der Verband wohl am späten Samstagabend, um noch schnell einen Ausweichplatz zum Trainieren zu finden und fand diesen eben am Millerntor. Die Standard-Verträge dafür wurden schnell unterzeichnet, in diesem findet sich auch der Passus zur „Neutralisierung“ des Stadions, welches auch bei früheren Gelegenheiten nie wirklich ein Thema war. Die vorhandenen Werbeflächen werden abgebaut oder überklebt, der DFB stellt Banden seiner Werbepartner auf, fertig.

So weit, so unkritisch. Aber: Auch der große Spruch, der die neue Gegengerade nun schon länger ziert, gemalt von Fans in Eigenregie, unterstützt vom Verein, war teilweise abgehangen. Statt “Kein Fussball den Faschisten!” stand dort nur noch: “Kein Fussball”. Ein paar übereifrige Helfer waren der Meinung, dieses Statement falle ebenfalls unter das Neutralisierungsgebot. Warum sie dies dann so halbherzig taten und damit unfreiwillig erst recht Hohn und Spott heraufbeschworen, bleibt Ihr Geheimnis.

Auf Facebook und Twitter wurde das DFB-Team mit “höflichem Unverständnis” übergossen, Vereinsübergreifend, völlig zu Recht. Den Vogel schoss dann der Twitter-Account der Nationalelf ab, der auf eine Nachfrage mit „Das Millerntor wurde neutralisiert. […]“ antwortet, klingt ein bisschen nach den Borg aus StarTrek.

Wie das ganze mit “Zeig Rassismus die Rote Karte!” oder ähnlichem vereinbar ist, ob die UEFA künftig auch nur noch “Say no” statt “Say no to racism!” sagen wird, all dies fragte sich nicht nur Ralph Gunesch auf Twitter, sowie zahlreiche andere:  

Wenige Tage zuvor war in Spanien eine Banane aufs Feld geworfen worden, als rassistisch gemeinter Hinweis auf farbige Spieler. Der Spieler hob und aß sie auf, eine Solidaritätswelle ohne Gleichen schwappt durch Europa („We are all monkeys“), überall lassen sich Fußballer mit Bananen fotografieren… und der DFB klebt eine Aussage ab, als Deutscher Sportverband, die sich von Faschismus distanziert. Manche Geschichten kann man sich tatsächlich nicht ausdenken.

Den Verein traf das Vorgehen recht unerwartet, mit einem Abkleben des Statements hatte niemand gerechnet und immerhin war es am nächsten Morgen dann auch wieder lesbar. Der DFB mag von dem heftigen Gegenwind in seinem Wolkenkuckucksheim etwas überrascht worden sein, unserem Verein wäre dies sicher bewusst gewesen, wenn man davon bereits vorab gewusst hätte.

Es gibt so Dinge, die sind so bescheuert, die wird man kaum vorab besprechen bzw. vertraglich festhalten. Einige Dinge verbietet der gesunde Menschenverstand.

Immerhin entschuldigte sich Wolfgang Niersbach als DFB-Präsident später beim Verein, der diese Entschuldigung dann auch öffentlich machte. Der DFB selber beließ es bei der internen Kommunikation und hängte die Entschuldigung nicht an die große Glocke. Trotzdem ist zumindest mir kein anderer Fall bekannt, bei dem der DFB sich schon mal bei einem Verein entschuldigt hätte.

Und schlussendlich kann man sich beim DFB sogar bedanken, denn diese Vorlage wurde per Fallrückzieher verwandelt. Pinkmacabre war am Schnellsten und druckte T-Shirts mit „Kein Fussball den Faschisten“, von deren Erlös antifaschistische Projekte aus der Fanszene unterstützt wurden. Nach einem kleinen Anschubser von Klaas Reese (fokus-fussball.de) wurden auch wir aktiv und ließen 300 schwarze Shirts herstellen, auf denen vorne „Kein Fussball…“ und hinten „…den Faschisten!“ stand, insbesondere vor den vielen öffentlichen WM-Rudelguck-Terminen ein gut gewähltes Kleidungsstück.

Diese Shirts wurden für 15,-€ beim Fanclub- und dem Antira-Turnier verkauft und sind inzwischen fast vollständig vergriffen, evtl. findet Ihr noch ein paar Restexemplare im Fanladen. Der Erlös wurde bereits vollständig gespendet, AnDOCken, Café Exil und USP Antirazzista wurden mit jeweils Euro 750,- unterstützt.

Auch Jens Grittner vom DFB bekam ein Shirt, außer der Meldung seiner Kollegin, dass das Shirt eingetroffen sei haben wir aber leider bis heute nichts mehr gehört.

// Frodo
< nach oben >