Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Sexismus und Homophobie am Millerntor

Like Autumn-Leafs the Trainer leaves

Wir segeln nach Utopia

JHV 2014 - Interview mit zwei Kandidatinnen für den AR

Neues von den Alten



Like Autumn-Leafs the Trainer leaves

Es ist wieder Herbst. Die Blätter fallen und die sportliche Leitung ebenso. In mittlerweile steter Regelmäßigkeit wechselt der FC St. Pauli zwischen Spätsommer und Herbst den Cheftrainer der Profis aus. Die Umstände sind seit nunmehr drei Jahre skurril.

In diesem Jahr erwischte es Roland Vrabec. An vielen Stellen der Fanszene wurde die Demission des jungen Trainers erleichtert zur Kenntnis genommen. Nach anfänglicher Sympathie und Zuneigung ob der vermeintlich guten sportlichen Ergebnisse, des nur vermeintlich lustigen Witzes um seine nicht vorhandene Frisur (den nach Monaten tatsächlich immer noch Menschen voll spaßig fanden) und der ebenso vermeintlich lockeren Art wandelte sich das Bild anlässlich von wiederum vermeintlich verkrampften Leistungen auf dem Platz und einiger (nicht vermeintlicher) unglücklicher verbaler Aussetzer zu Skepsis bis hin zu unverhohlener Ablehnung.

Respekt, Digger!

Gerade letztere brach sich in etlichen öffentlichen und unfassbar hasserfüllten Äußerungen in Foren und Social Media derartig bahn, dass man sich streckenweise schämen musste, Fan unseres FCSP zu sein und mit solchem Verhalten in einen Topf geschmissen zu werden. Darf man den Cheftrainer kritisieren? Natürlich! Muss er das abkönnen? Weiß ich nicht, aber er sollte wohl besser. Muss man Sätze wie "der soll sich hier verpissen!" gepaart mit übelsten persönlichen Beleidigungen öffentlich loslassen? Man muss gar nichts, das entscheidet jeder selber. Und wenn ich mich dafür entscheide, Kritik an den Ausübung der beruflichen Tätigkeit eines anderen Menschen öffentlich zu verbalisieren, so kann ich sein Handeln thematisieren und natürlich auch meine Meinung äußern, dass ein Wechsel notwenig sei. That's the Business.

Entscheide ich mich aber dafür, die mir in der Regel überhaupt nicht bekannte Person und die mir ebenso wenig bekannte Motivation seiner Taten zu pauschalisieren, über sie zu spekulieren, dies von mir getätigten Spekulationen zu verurteilen und - um keine Zweifel an meiner Haltung aufkommen zu lassen - dies mit hasserfüllten Beleidigungen zu garnieren, dann bin ich niveau-, respekt- und rücksichtslos. Weißt man die Äußerer auf Ihre sprachlichen Aussetzer hin, erfährt man als Antwort nicht selten ein "ist doch wahr, die Mannschaft spielt so schlecht". Wie weit ist dass von "Das wird man doch noch sagen dürfen..." entfernt?

Es ist ein Unterscheid, ob ich sachlich kritisiere oder hetze. Gerne verweise ich auf den Kommentar "Respekt, Digger!" in unserer letzten Ausgabe #116.

Vrabec raus!

War es an der Zeit? Vermutlich. So läufts halt.

In der Ausgabe #114 haben wir die Trainerbilanz der letzten 10 Jahre dargestellt und verglichen. Ich bin ein Freund von Fakten und nicht von subjektiven Eindrücken, dann hierzu hat jeder seine Geschichte. Fakten sind aber für alle gleich.

Stellen wir nun die Bilanz der Zweitligatrainer der letzten 10 Jahre mit Holger Stanislawski, André Schubert, Michael Frontzeck und Roland Vrabec gegenüber, sehen wir nach wie vor, dass André Schubert die Rangliste anführt. Vrabec Bilanz könnte natürlich besser sein, aber der an vielen Stellen beschworene Untergang des Abendlands ist er qua Fakten nun auch wieder nicht.

Roland Vrabec (40)
Cheftrainer vom 06.11.2013 bis 03.09.2014
PPS = Punkte pro Spiel

Liga
Saison
Spiele
S
U
N
Pkte
PPS
Platz
2. BL
13/14
21
8
5
8
29
1,38
8
2. BL
14/15
4
1
1
2
4
1
-
Gesamt
25
9
6
10
33
1,32

Vergleich aller Spiele nur der 2. BL seit Holger Stanislawski

Liga
Trainer
Spiele
S
U
N
Pkte
PPS
2. BL
Stanislawski
102
45 (44%)
19 (19%)
38 (37%)
154
1,51
2. BL
Schubert
41
19 (46%)
11 (27%)
11 (27%)
64
1,56
2. BL
Frontzeck
38
15 (40%)
10 (26%)
13 (34%)
55
1,45
2. BL
Vrabec
25
9 (36%)
6 (24%)
10 (40%)
33
1,32

Und ein seinerzeit von vielen als Verwaltungsfußballtrainer verfluchter Frontzeck weist auch keine so wirklich schlechte Bilanz auf. Im Nachhinein ist man immer schlauer und man muss wohl konstatieren, dass kein (!) Trainer der letzten Jahre sich derartig mit der Fanszene und dem Wesen des Vereins identifizierte, wie die Zecke (auch ein Stani nicht!). Kontakt zu Fans war für ihn keine auf St. Pauli übliche Pflicht, sondern ein persönliches Bedürfnis, welches auch nach seiner überraschenden Entlassung ein von ihm initiiertes Treffen mit Fanvertretern nach sich zog.

Man konnte im letzten Herbst hoffen, dass der junge Vrabec als Co-Trainer die Social Skills seines Chefs aufgesogen hatte, denn über seinen Fußballsachverstand herrschte - gerade nach den ersten Spielen des neuen Cheftrainers - in Präsidium, Fachpresse und Fanszene eine selten einmütige Übereinstimmung.

Blendete uns alle - durch den nüchternen und etwas altmodischen Frontzeck-Fußball nicht verwöhnt - die vermeintliche Euphorie und Begeisterung? Gab es schon hier Anzeichen, die man hätte sehen können?

Vrabec übernahm am 06. November 2013 das Zepter von Michael Frontzeck. Die sportliche Situation war zu dem Zeitpunkt nicht luxuriös, aber stabil. Der magische FC nahm zu diesem Zeitpunkt Tabellenposition 8 ein und hatte 19 Punkte in 13 Spielen errungen. Vrabec galt als Fachmann mit guter Ausbildung und legte im ersten Spiel gegen Energie Cottbus mit 3:0 los. Vrabecs bevorzugtes System war fortan ein 4-4-2 welches viel Offensive versprach. Im zweiten Spiel auswärts dann ein 1:0 gegen Aalen und der Mythos um den jungen Wilden war geboren. So schnell geht das. Beim nächsten Spiel gegen Kölle gingen wir zwar 0:3 unter, aber…. Hey!... gegen Köln kann das passieren. Zwei weitere erfolgreiche Auswärtsspiele gegen Aue und 1860 festigten seinen Ruf und die Tatsache, dass wir über drei Heimspiele nicht mal ein einziges Tor schossen wurde übersehen oder ignoriert.

Es sollten nur noch vier Siege (davon nur einer zu Hause) folgen. Vrabec setzte ergebnistechnisch die Saison unbeirrt fort. Am Ende blieb Rang 8, auf dem er auch übernahm, und es standen 48 Punkte und 44:49 Tore auf dem Konto. Zieht man die Ergebnisse von Frontzeck bis Spieltag 13 ab, waren es 29 Punkte und 26:30 Tore in 21 Spielen.

Schlecht ist das nun auch nicht!! Entscheidend war wohl häufig nicht das Was, sondern das Wie! Nicht selten wirkte die Mannschaft nach den ersten euphorischen Minuten ratlos, wenn der Gegner es wagte, sich zu wehren oder gar ein Tor erzielte. Gefühlt endlose Reihen von Fehlern, Fehlpässen, halbherzigen Zweikämpfen und unglaublich viel Arbeit setzten ein. Jedes Erfolgserlebnis wurde mit einem Kraftakt sondergleichen errungen. Die Spieler wirkten ein wenig wie unter André Schubert gegen Ende: verängstigt und unfrei. Und vor allem: spaßlos!

Man hoffte noch, dass er zusammen mit Rachid Azzouzi sein persönliches Dreamteam im Sommer zusammenstellen würde und dass er dann zeigt, was in ihm steckt. Aber auch hier tauchten Fragezeichen auf. Den beliebten und sportlich ansprechenden sowie konstant zuverlässigen Hamburger Florian Mohr in die Wüste zu schicken (den der Aufstiegsaspirant Greuther Fürth in der Folge als "Königstransfer" bezeichnete) nur um dann in einem Leih(!)geschäft den Westfalen Lasse Sobiech positionsgetreu zu verpflichten.... und dann noch vom hsv..... warf Fragen auf. Fragen an Vrabec und auch Azzouzi. Wieso müssen wir einen Spieler, der von uns wegwollte und beim Lokalrivalen unter Vertrag steht (und dort spektakulär scheiterte), auf Leihbasis verpflichten, wenn wir einen guten Jung in den eigenen Reihen hatten, der Hamburg nur sehr ungern verlassen wollte? Lasse macht es zwar nach seiner Rückkehr nun wirklich ganz ausgezeichnet, eine langfristige Perspektive hat er ob seiner vertraglichen Konstellation wohl eher ausgerechnet an der MVA....

Und auch wenn es zwischen Mohr und Vrabec nicht gestimmt haben soll, lässt sich dies wirklich nur durch einen Abgang lösen? Ich bin kein Trainer oder Manager, aber seltsam ist das schon...

Stolz und Ehre!

Zudem leistet sich Vrabec mit der Nichtbeachtung von Boll am tabellarisch unwichtigen vorletzten Spieltag einen Kardinalsfehler. Nun hatte er die Fans gegen sich. Und anstatt das Rumoren ernst zu nehmen, wurden Kritiker in der anschließenden PK abgekanzelt. Boller und er sollen sich ja auch nicht gerade geliebt haben, aber Bolls Stellung im Verein sollte ihm geläufig gewesen sein. Wenn ich ihn angehe, dann muss ich das nachvollziehbar begründen, sonst wird man mich angehen. Um das zu wissen, muss ich keine Trainerschule absolviert haben, das reicht gesunder Menschenverstand.

Auch in der Folge faselte Vrabec schon mal von "Stolz und Ehre" für den Verein zu spielen. Idiome, die nicht zu uns passen. Einen Patzer darf sich jeder mal erlauben, aber Vrabec zeigte keine gute Lernkurve. Seine Sicht schien die eines Nerds: rein sportlich. Das Drumherum war - so mutete es an - ihm noch egaler als allen anderen Trainern vor ihm. Und da nun leider auch das Sportliche nicht zu begeistern wusste, kam das, was kommen musste.

Lieber Roland, ich glaube bis heute, dass Du ein guter Fachmann bist. Ich bin mir sicher, dass Du eine erfolgreiche Trainerkarriere hinlegen wirst. Fußball ist aber nicht nur Taktik. Die Spieler sind Menschen und auch die Fans, das Umfeld und die Presse. Eine grummelige Bärbeißigkeit darf man sich als Marotte und Markenzeichen gerne leisten. Ecken und Kanten sind gut! Hilfreich wäre hierzu jedoch durchaus auch eine Kritikfähigkeit und kein "Die-anderen-sind-schuld"-Reflex. Nimm die Erfahrungen mit und analysiere die äußern Einflüsse und jene, die Du hättest beeinflussen können. Wir mochten Dich! Aber Du hast es nicht immer leicht gemacht. Eine bessere Schule als bei uns konnte Dir nicht passieren, denn alles was bei Dir nun kommen wird, dürfte von Fans und Umfeld her deutlich unerbittlicher, aber auch wesentlich unkomplizierter sein. Da musste nur gewinnen, der Rest ist denen egal...

Und nun bin ich gespannt, was Meggle weiterhin reißt. Aus der U23 hört man über seine Sozialkompetenz ausschließlich Gutes! Die ersten Ergebnisse als Cheftrainer sind von den nackten Zahlen her nicht sensationell, aber vielerorts stimmen Einsatz und Idee. Findet sich das alles zu einem Gesamtbild?

Und ich bin zudem gespannt, ob die oben genannten unangenehmen Reflexe der Fanszene auch vor einem Ex-Spieler aus mindestens drei Heldengenerationen bei der nächsten Niederlagenserie nicht halt machen. Hoffen wir auf Lernkurven auch unter den Fans.

//Mirco
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