Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Sexismus und Homophobie am Millerntor

Like Autumn-Leafs the Trainer leaves

Wir segeln nach Utopia

JHV 2014 - Interview mit zwei Kandidatinnen für den AR

Neues von den Alten



JHV 2014

Bei der kommenden Jahreshauptversammlung wird es nicht nur im Präsidium, sondern auch im Aufsichtrat neue Gesichter geben. Zur Wahl stellen sich diesmal gleich 2 Frauen, was an sich gar nicht erst besondere Erwähnung finden müsste. Jedoch waren und sind weibliche Vereinsverantwortlichem, seien sie Aufsichtsrats-vorsitzende oder Präsidiumsmitglieder bislang – mit Ausnahme von Tatjana Groeteke vor rund 15 Jahren - absolute Mangelware. Grund für uns also, euch Sandra Schwedler und Dagmar Hansen, die sich beide zur Wahl stellen, im Interview vorzustellen.

Dagmar

Dagmar wurde 1963 in Hamburg geboren, kam zum Fußball Ende der 1970er, ans Millerntor Ende der 1980er, als Ton- und Kabelhilfe für Studio Hamburg. 1989 die erste Saison als Fan, 1990 erste DK, Gegengerade. Bei der U23 in 2005 als Sprecherin angefangen, erstes Spiel bei der ersten Mannschaft war, zunächst als Rainer Wulffs Assistentin zu Regionalligazeiten am 2. Dezember 2005

ÜS: Was hat dich veranlasst für den Aufsichtsrat zu kandidieren?
DH: Alleine wäre ich wohl zurzeit nicht auf die Idee gekommen. Ein ehrenamtlicher Amtsträger unseres Vereins, hat mich darauf angesprochen, ob ich nicht bei der JHV kandidieren möchte. Ich habe ein paar Wochen drüber nachgedacht, mit meinem Mann und Freunden darüber gesprochen und dann beschlossen, dass nichts dagegen spricht.

Was erwartest du von der Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied?
Zu den Aufgaben des Aufsichtsrates zählt die Überwachung des Präsidiums in seiner Geschäftsführung und in der Wahrnehmung der Vereinsaufgaben. Ich wünsche mir, dass das Präsidium und der AR als Team zusammen arbeiten, um diese großen Aufgaben gemeinsam im Sinne der Vereinsmitglieder zu bewältigen. Meine persönliche Priorität liegt darin, den Spagat zwischen finanziellen Erfolg und dem Erhalt unserer Werte zu bewältigen. Mir ist es wichtig, neben dem, durch medialen Druck entstandenen Fokus, auf unsere erste Fußball-Herren-Mannschaft, die Sorgen und Nöte der Sporttreibenden Abteilungen und unserer Nachwuchsmannschaften nicht aus den Augen zu verlieren.

Was bringst du an Voraussetzungen mit?
Wichtigste Voraussetzung ist sicherlich meine Liebe zum FC St. Pauli, der konstantesten Größe in meinem bisherigen Leben. Ich bin seit Ende der 1980 er am Millerntor zu Gast, seit 2002 ununterbrochen Mitglied der AFM und mittlerweile seit acht Jahren gemeinsam mit Rainer Wulff Stadionsprecherin.
Als Service-Koordinatorin in der IT-Branche bringe ich einen Blick fürs Wesentliche mit, ohne Details aus den Augen zu verlieren. Ich kann Prioritäten setzen und vorhandene Ressourcen disponieren. Meinen Arbeits-Stil möchte ich als „pingelig“ bezeichnen, Kollegen nannten mich einmal:
„Trüffelschwein bei der Fehlersuche“.

Hättest du auch (theoretisch) bei jedem anderen Präsidium/Präsidenten (z.B. Littmann, Orth, Weisener & Co.) bzw. irgendeiner anderen AR-Konstellation für den AR kandidiert? Oder hat das jetzt auch mit dem neuen Präsidenten-Kandidaten zu tun?
Mein Entschluss zu kandidieren erfolgte vor dem Beschluss des aktuellen AR, das Team um Stefan Orth nicht zur Wiederwahl vorzuschlagen. Insofern kann ich die erste Fragen bejahen und die zweite verneinen. Die beiden Instanzen Präsidium und AR sollten meiner Meinung nach unabhängig voneinander gesehen werden, von Vetternwirtschaft halte ich nichts. Ich muss zugeben für eine Kandidatur in der Weisener-Ära hätten meine Fähigkeiten und Nerven zu dem Zeitpunkt wohl nicht gereicht. Damals war ich so wenig von der Vereinsarbeit überzeugt, dass ich sogar für ein paar Jahre meine Mitgliedschaft gekündigt habe. Erst als die Schlammschlachten beendet wurden und die utopischen Stadion-Neubau-Pläne vom Tisch waren, konnte ich mich davon überzeugen, dass ich den Verein wieder mit einer Mitgliedschaft unterstütze.

Wie ist deine bisherige Erfahrung als Frau in einer für Deutschland selten von Frauen besetzten Position? Außer dir gibt es ja nur noch in Leverkusen eine Stadionsprecherin. Helfen dir diese Erfahrungen dich gewappnet zu fühlen, für andere, von Männern dominierte Posten im Verein?
Ehrlich gesagt, fällt es mir schwer mich auf mein Geschlecht reduzieren zu lassen, ich bin St.Paulianer und wie sehr viele andere, eine Frau. Nicht mehr und nicht weniger. Meine Erfahrungen sind durchweg positiv, in dem Amt, welches ich ausübe. Ich erfahre Kritik, sowohl positive als auch negative. Viele freuen sich, dass ein Mensch, der die Gegengerade als seine Millerntor-Heimat bezeichnet, jetzt Stadionsprecherin auf dem Platz ist. In meiner beruflichen Laufbahn, habe ich oft in von Männern dominierten Branchen gearbeitet, das ist jetzt wohl ganz hilfreich für mich.

Was wäre deine größte Angst?
Angst ist ein ganz schlechter Berater, ich bin vom Typ auch eher furchtlos. Im Fokus zu stehen ist für mich keine Herausforderung. Am Heimspieltag auf dem Rasen zu stehen und die Mannschaftsaufstellung zu machen: Gibt es einen größeren Fokus?

Wie weit meinst du, dass Männer im Fußballkosmos auf eine Frau in unserer heutigen Zeit noch anders reagieren?
Ich finde den Gedanken unerträglich, wenn auf mich und meine Leistungen ein anderer Maßstab angewendet werden würde, als auf einen Mann. Vielleicht sind wir da immer noch etwas weiter, als in anderen Regionen und Vereinen. Im St. Pauli-Kosmos ist ein selbstverständlicher Umgang mit allen Menschen (außer Faschos) egal welcher Hautfarbe, Geschlecht oder Religion üblich und das passt in mein Wertesystem.

Würdest du dir wünschen, dass mehr Frauen kandidieren?
Ich wünsche mir eine große Anzahl an Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, die die Interessen unseres Vereins im Herzen tragen, als Kandidaten. Wenn die Hälfte davon Frauen wären, würde es mich freuen. Die Frage bleibt, warum es so wenig Frauen gibt die sich auf ein verantwortungsvolles Amt bewerben? Ist das immer noch historisch bedingt? Fehlt der Wille in einer gewissen Macht-Position zu sein? Oder gibt es im Alltag noch immer eine antiquierte Aufgabenteilung, die es nicht zulassen, dass Frauen in wichtigen Gremien tätig sind? Ich kann für mich diese Frage nicht abschließend beantworten und nur dazu aufrufen: „Mädels, traut euch!“

Liebe Dagmar, vielen Dank für dieses Gespräch!

Sandra

ÜS: Liebe Sandra, zur Aufsichtsratswahl bei der kommenden Mitglieder-Jahreshauptversammlung am 16. November möchtest du kandidieren. Grund für uns, dich unseren Leserinnen und Lesern vorzustellen. Sag doch einmal kurz etwas über dich:

Sandra: Ich bin Sandra Schwedler, 34 Jahre alt und seit über 20 Jahren im Stadion bei Heimspielen und auswärts dabei. 1997 bin ich in den Verein eingetreten, damals noch als passives Mitglied in der NO1, 1999 wechselte ich als aktives Mitglied in die Handballabteilung, in der ich auch weiterhin für unseren Verein spiele. Zusätzlich bin ich seit der Gründung der AFM auch dort Mitglied.
Beruflich arbeite ich im Account Management einer Digitalagentur, das heißt ich leite Beratungs- und Softwareprojekte.

Was hat dich veranlasst, dich zur Aufsichtsratswahl zu stellen?
Mein Name ist von einigen der aktuellen Aufsichtsräte ins Spiel gebracht worden. Nach vielen Gesprächen mit diesen und auch weiteren Personen im und um den Verein, z.B. über die Aufgaben (Wie stellen sich die satzungsgemäßen Aufgaben in der Praxis dar?) sowie den Zeitaufwand, habe ich mich entschlossen, mich zur Wahl zu stellen.

Was erwartest du von der Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied?
Nach mehr als 20 Jahren mit dem FC St. Pauli ist es eine Herzensangelegenheit von mir, dass dieser Verein jetzt und in Zukunft existiert. Sowohl als Profi-Fußballverein als auch als Verein für den Breitensport. Und zwar ausdrücklich als Verein, in dem die Mitgliederversammlung das oberste Organ ist. In Zeiten der immer noch stärker werdenden Kommerzialisierung wird sich auch unser Verein weiterhin der Herausforderung stellen müssen, wirtschaftlich mitzuhalten, ohne dabei seine eigene Identität zu verlieren. Der Verein muss sich seiner Rolle als Stadtteilverein und seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Sportverein bewusst sein. Des Weiteren sollten wir nie übersehen, dass wir nicht nur eine Profi-Fußballabteilung und deren Unterbau haben, sondern auch eine große Anzahl von Amateursportabteilungen, deren Bedürfnisse leicht in den Hintergrund geraten. Das alles ist Teil von unserem Verein und trägt dazu bei, dass er etwas Besonderes ist. Und dass dieses nicht verloren geht und der Verein dabei trotzdem erfolgreich wirtschaftet – dafür Sorge zu tragen, sehe ich als meine Hauptaufgabe im Aufsichtsrat.

Was bringst du an Voraussetzungen mit?
Ich habe relativ schnell angefangen, nicht nur zu den Heimspielen zu gehen und auswärts zu fahren, sondern auch das „Drumherum“ mitzugestalten. Ich habe seit über 16 Jahren an diversen von Fans und Mitgliedern initiierten Projekten mitgearbeitet oder diese mit entwickelt – lokal bei unserem Verein aber auch bundesweit. Viele dieser Projekte beschäftigten sich mit der aktiven Mitbestimmung durch Fans und/oder Mitglieder. Mehrere Jahre saß ich als Vertreterin der bundesweiten Faninitiative ProFans in der AG Fandialog (nun AG Fanbelange), die offiziell als Kommunikationsstelle von DFB und DFL mit Fanorganisationen eingerichtet wurde. Daher kenne ich mich auch recht gut mit den verbandsrechtlichen Hintergründen sowie den Herausforderungen aus, denen sich ein eher kleiner Verein wie unserer im Ligaverband stellen muss.
Und ich spiele Handball und weiß daher natürlich auch von all den Problemen, mit denen sich eine Amateursportabteilung auseinandersetzen muss.
In meinem Berufsleben habe ich tagtäglich mit Controllingtätigkeiten zu tun, sodass mir weder Zahlen noch die fachlichen Inhalte fremd sind.

Was wäre dein größter Wunsch?
Ein weiterhin souverän im Hintergrund agierender Aufsichtsrat, der die Arbeit des Präsidiums satzungsgemäß kontrolliert und so dazu beiträgt, dass der Verein die wirtschaftlichen, sportlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen auch in Zukunft erfolgreich meistert.

Was wäre deine größte Angst?
Meine größte Angst wäre, dass ich mit sechs Leuten in einem Aufsichtsrat zusammensitze, die mehr daran interessiert sind, sich selber darzustellen, als sich um unseren Verein zu kümmern.

Hättest du auch (theoretisch) bei jedem anderen Präsidium/Präsidenten (z.B. Littmann, Orth, Weisener & Co.) bzw. irgendeiner anderen AR-Konstellation für den AR kandidiert? Oder hat das jetzt auch mit dem neuen Präsidenten-Kandidaten zu tun?
Nein, die Präsidiumsbesetzung hat in keinster Weise mit meiner Entscheidung zu tun.

Würdest du dir wünschen, dass mehr Frauen kandidieren?
Ja, definitiv – es gibt ebenso viele qualifizierte Frauen wie Männer für diesen Job. Das spiegelt sich zum jetzigen Zeitpunkt in der Anzahl der Kandidatinnen nicht wider.

Wie hast du damals die Inthronisierung, die Abwahl und den Rauswurf der Ex-AR-Vorsitzenden Tatjana Groeteke (bis dato erste und einzige Frau im Vereins-AR) erlebt und empfunden?
Turbulente Zeiten damals, für ein Gesamtbild spielten da auch noch weitere Personen und Ereignisse eine Rolle. Die Geschichte liegt ca. zwölf Jahre zurück – viele werden sich nur noch vage daran erinnern, einige das gar nicht miterlebt haben. Und nur weil ich ebenso wie Tatjana eine Frau bin, glaube ich nicht, dass es sinnig ist, da nun einen kleinen Ausschnitt zu liefern ohne den Gesamtkontext – das würde den Vorkommnissen nicht gerecht werden.

Wie schätzt du denn ein, wie Männer heute auf Frauen in der noch immer männerdominierten Fußballvereinswelt reagieren?
Natürlich gibt es Situationen wie z.B. mit einem unserer ehemaligen Cheftrainer, der mich bei seiner ersten Sportlichen Runde als einzige nicht persönlich mit Handschlag begrüßt hat – vielleicht dachte er, ich würde da als einzige Frau in dieser Runde nur zufällig stehen. Aber ich habe bis jetzt überwiegend positive Erfahrungen gesammelt bei Projekten und Initiativen, an denen ich beteiligt war und bin. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich nicht so ernst genommen werde, weil ich eine Frau bin. Ich denk allerdings auch selten darüber nach, ich handle einfach.
Und eines muss ich zum Schluss noch einmal klar stellen: Ich möchte nicht in den Aufsichtsrat gewählt werden, weil ich eine Frau bin, und um damit eine Quote zu erfüllen o.ä. – ich möchte in den Aufsichtsrat gewählt werden, weil ich qualifiziert dafür bin.

Vielen Dank Sandra für das Interview und alles Gute!

// Rakete

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