Aus dieser Ausgabe:

Uwe

Vorwort

"Und warum dafür 5 Seiten?" Interview mit Sven Brux

Warum fürht der Repressionsapparat seine Übungen eigentlich an Fußballfans durch?

„Ich wurde ins kalte Wasser geworfen“ Rainer Wulff zur Veröffentlichung des Hörbuchs „Vom Runden ins Eckige“

St. Pauli at its best!

Neues von den Alten



„Ich wurde ins kalte Wasser geworfen“

Anlässlich der Veröffentlichung des Hörbuchs „Vom Runden ins Eckige“, dessen Verkaufserlös komplett in die Finanzierung unseres Vereinsmuseums gesteckt wird, sprachen wir mit unserem scheinbar ewig jungen Stadionsprecher Rainer Wulff (71) über seine Klubsozialisation, wie er zum Millerntor-Conférencier avancierte, die geplanten Vereinsschauräume und einiges mehr...

ÜS: Rainer, du bist seit dem 22. September 1986 (5:1-Heimsieg vor 4.500 Zuschauern gegen RWO) Stadionsprecher beim FC St. Pauli. Lass unsere Leserinnen und Leser doch bitte daran teilhaben, wie du das geworden bist und wie dein erster Arbeitstag am Millerntor ausgesehen hat...
Rainer Wulff: Bei einer Premierenfeier im damaligen Macadam-Theater lernte ich 1986 Otto Paulick kennen, der in der Deichstraße zwei Kleinkunstbühnen betrieb. Er war ja viele Jahre auch Präsident unseres FC St. Pauli. Als ich mich als Fan outete, fragte er, ob ich nicht mal den Stadionsprecher spielen könnte. Er würde dort gerne bei einigen Spielen einen NDR-Profi am Mikro haben (Ich war damals Leiter der Magazinredaktion von NDR 2 und beschallte schon seit zwei Jahrzehnten das Radiopublikum). Eine Woche später sollte ich bei einem Heimspiel nur mal zugucken, um die Abläufe kennen zu lernen. Aber mein Vorgänger war wenig begeistert von der Idee, den Arbeitsplatz teilen zu müssen, zumal man ihn vorab auch gar nicht über meinen Besuch informiert hatte – recht unsensibel. Er stand auf und ging, wobei er mir das Mikrofon und eine Musikkassette hinterließ. Ich wurde also ins kalte Wasser geworfen. Aber die Abläufe waren damals ja weit weniger komplex als heute im Zeitalter von Stadion-Ritualen – die fast schon an kirchliche Liturgie erinnern – und Videowandeinspielungen und Werbeorgien.

Bereits seit Beginn der 1980er Jahre warst du regelmäßiger Besucher der Heimspiele am Millerntor. Wie ist eigentlich diese Liebesbeziehung entstanden?
Ich antworte auf diese Frage mal mit einem Zitat aus einer im Hörbuch veröffentlichten Geschichte: „Ende 1977 war ich von Kiel nach Hamburg gezogen und (ich gestehe!) zunächst hin und wieder Gast auf einer Sportanlage weit draußen vor den Toren der Stadt im fernen und unwirtlichen Volkspark. Als sich jener Verein 1983 die Meisterschale holte, moderierte ich am Abend sogar die große Jubelfeier auf der Moorweide vor weit über hunderttausend Menschen. Aber immer häufiger zog es mich schon bald ans Millerntor. Das Spielgeschehen hautnah. Alles recht familiär und übersichtlich. Leider auch eine Anzahl braun-weißer Fans, die wir heute als Asis oder Spacken bezeichnen würden. Die inzwischen gültige Stadionordnung gab es noch nicht. Ich empfahl ihnen den Club mit der Raute!“

Drei Jahrzehnte beim FC St. Pauli bedeuten für dich sicherlich auch dutzende skurrile, witzige und dramatische Anekdoten. Passten die wichtigsten denn überhaupt alle auf eure Dreier-CD? Oder war das gar nicht euer Anspruch?
Es ist keineswegs ein reines Fußball- bzw. FC St. Pauli-Hörbuch geworden, weil ich bei Lesungen ein ganz gemischtes Publikum habe, manchmal übrigens auch HSV-Fans, die dann einiges erdulden müssen. Die Texte stammen aus dem Spielfeld meines langen Lebens, sehr bunt, immer mit überraschenden Wendungen, selbstironisch (ganz wichtig!) und hoffentlich amüsant.

Welche erlebten Storys rund um den FC St. Pauli erzählst du am liebsten? Und sind die auch auf dem CD-Paket zu finden?
Ich werde natürlich immer wieder nach dem legendären 5:0 gegen den FC Homburg mit verfrühtem Platzsturm der Fans gefragt, so oft, dass die Geschichte es nicht ins Hörbuch geschafft hat. Ein Lacher ist aber z.B. immer ein Text über ein Heizöfchen in der alten Sprecherkabine, das nach Abpfiff nicht ausgestellt worden war und eine lange Winterpause nutzte, um die Kabine zu „Daeth-Valley“-Temperaturen aufzuheizen. Nichts konnten wir in der glühend heißen Kabine anfassen, nachdem Schnee und Eis endlich geschmolzen waren, so heiß waren Türgriff, Mikro, Stühle und die Holzwände. Man sieht: Mit etwas Glück wären wir schon viel früher zu einem neuen Stadion gekommen!

Du hast drei Co-Leser: Christoph Nagel kennen wir alle, aber wie bist du auf deine anderen beiden Mitsprecher Liefka Würdemann und Thomas Nast gekommen?
Thomas und Liefka, Gründer der Hamburger Lesebühne LÄNGS, hatten mich 2013 zu einer Lesung eingeladen. Ich hatte aber seit meiner Pensionierung keine Satiren oder Glossen mehr geschrieben. Also habe ich mich an die Arbeit gemacht. Beiden verdanke ich also mein „Comeback“, wenn man so will, und damit auch dieses Hörbuch. Vor allem aber schätze ich sie als pointenreiche Erzähler. Beim Schnitt habe ich jede Geschichte naturgemäß mehrfach hören müssen und konnte jedes Mal wieder lachen. Gleich drei amüsante Gastautoren, die das Hörbuch noch abwechslungsreicher machen! So sind wir zusammen ein satirisches Quartett, stilistisch recht unterschiedlich. Ich habe wirklich Glück gehabt, etwa so wie auch schon mit der Zusammensetzung unserer Stadionsprechercrew! Das passt!

Das Ganze wurde zugunsten unseres geplanten Vereinsmuseums aufgenommen. Bist du dort auch Vereinsmitglied?
Von Anfang an! Nur dadurch kann ich doch aktiv verhindern, nach so vielen Jahrzehnten als Stadionsprecher dort eines Tages mumifiziert selbst ausgestellt zu werden. Es gibt genug geeignetere Fossile!

Welches Exponat müsste für dich auf jeden Fall im Museum zu sehen sein?
Ich weiß nicht, welche Schätze in den kleinen Sammlungen der Fans noch verborgen sind. Ich hoffe auf die Einsicht der Besitzer, dass so manche „Reliquie“ in unserem Museum besser zur Geltung kommt, als auf dem eigenen Boden.

Einfaches Vereinsmitglied bist du seit wann?
1987, als ich schon gut ein Jahr lang Stadionsprecher war, fiel mir auf, dass ich noch nicht Vereinsmitglied war. Das habe ich dann aber nachgeholt.

Die aktuellen Aufsichtsrats- und Präsidiumswahlen sind ja bekanntlich gerade gelaufen: Hast du jemals selbst mit dem Gedanken gespielt, dich für ein Amt wie im AR oder im Präsidium zu bewerben? Bzw. wurdest du diesbezüglich schon einmal gefragt?
Gefragt ja, aber ich habe es nie ernsthaft erwogen, weil ich weiß, dass man im Präsidium, aber natürlich auch im Aufsichtsrat eines Vereins, der auch im Profifußball aktiv ist, fundierte Kenntnisse und Erfahrungen im Bereich Wirtschaft & Finanzen haben muss. Ich lese in Zeitungen sehr intensiv die Politik-, Kultur- und Sportseiten. Die Wirtschaftsseiten überfliege ich nur. Deshalb würde ich mich nicht mal selbst wählen.

Einmal angenommen, du würdest – was sich momentan wohl noch kaum jemand vorstellen kann – irgendwann das Stadionmikrofon für immer bei Seite legen: Ginge es für dich dann gelegentlich wieder in die Schauspielerei, wie bei deinem Auftritt als "Don Juan" bei den Eutiner Festspielen? Oder womit würdest du uns stattdessen lieber überraschen wollen?
Während meiner NDR-Zeit habe ich mich jeden Tag auf meine Arbeit gefreut und immer wieder Neues ausprobiert: erst Politik und Zeitgeschehen, später Unterhaltung, am Ende Klassik und Kultur. Als Pensionär bin ich noch freier, arbeite wie auch im Stadion häufig ehrenamtlich, suche mir aber nur Jobs aus, die mich wirklich reizen. Das waren und sind noch Festspielauftritte, vor allem aber auch ein internationaler Opern-Gesangswettbewerb, den ich seit 2000 organisiere, inzwischen auch als Chef der Jury, in diesem Jahr wieder mit Teilnehmern aus rund 20 Nationen. Und immer kommt Neues hinzu, wie das Projekt „Lesungen & Hörbuch“. Vor weiteren Überraschungen ist niemand gefeit, nicht mal ich selbst!

Letzte Jokerfrage: Was würdest du als Stadionsprecher-Novize heute völlig anders machen, als es Rainer Wulff in der Vergangenheit getan hat?
Möglicherweise würde ich dann wie meine jüngeren Kollegen als Maskottchen verkleidet verbal La-Ola-Wellen anschieben, nach Toren „eins“ und „nuuuuull“ schreien, „Bitte“ und „Danke“ rufen und damit zumindest als extrem höflicher St. Paulianer in die Vereinsgeschichte eingehen – der aber vermutlich nur ein einziges Heimspiel im Amt überstehen würde! Mit Recht!

// Ronny
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