Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Seid umschlungen, Milliarden... - Entwicklung und Verteilung der TV-Einnahmen im europäischen Vergleich

Den letzten beißen die Hunde!

„Sollen sie doch Kuchen essen…“ - TV-Gelder in der deutschen und englischen zweite Liga im Vergleich

Kicker treffen Kommerz: Frankreichs „Euro 2016“ hat für viele Vieles zu bieten

Neues von den Alten



„Le Rendez-Vous“

Kicker treffen Kommerz: Frankreichs „Euro 2016“ hat für viele Vieles zu bieten

Der Bundestag tagt wie üblich in Frankfurt am Main. Gewählt wird ein neuer Präsident. Geredet wird an diesem Tag im April auch über Geschäfte. Denn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) will sich für die Europameisterschaft 2024 bewerben. Achtzehn Jahre nach dem „Sommermärchen“ in Deutschland versprechen sich Ligaverband DFL und die großen Profiklubs davon eine Modernisierung ihrer Fußballarenen – finanziert hauptsächlich aus Steuergeldern. Der Umbau der grünen Erlebniswelten wäre vorteilhaft gegenüber der internationalen Konkurrenz, den Ligen in England, Spanien und Italien. Keine Schnapsidee: Dass ein großes Turnier den Wettbewerb tatsächlich verändern kann, zeigt die sportliche Entwicklung Rasenballsports Leipzig. Das WM-Stadion in der ostdeutschen Messestadt wurde zum notwendigen Baustein für den Aufstieg des österreichischen Getränkekonzerns „Red Bull“ in die deutsche Bundesliga.

Für die „UEFA EURO 2016 FRANCE (TM)“ – so der offizielle Markenname („TM“) – wurden in Bordeaux, Lille, Lyon und Nizza vier Fußballstadien neu erbaut. Die Stadien in Lens, Marseille, Paris, Saint-Etienne und Toulouse wurden modernisiert. Die Kosten für die Stadionprojekte der „Euro 2016“ sollen sich laut der Internetseite „Stadionwelt“ auf rund 1,6 Milliarden Euro belaufen.

Zahlen wird das viele Geld vor allem der französische Staat. Auch die kommunalen Stadioneigentümer und Fußballklubs werden zur Kasse gebeten. Durch sogenannte Öffentlich-Private Partnerschaften (ÖPP) werden außerdem private Investoren beteiligt. In Deutschland sind solche halbstaatlichen, halbprivaten Zwitterprojekte politisch umstritten.

Vorbild „Matmut Atlantique“

Auch der Ausbau des Leipziger Zentralstadions zur WM-Arena 2006 war ein solches ÖPP. Bei einer solchen Partnerschaft finanzieren Banken und an der Errichtung beteiligte Konzerne ein an sich öffentliches Infrastrukturprojekt. Dafür erhalten Investoren vom Staat garantierte Gebühren, Mietzahlungen und werden an späteren Gewinnen beteiligt. ÖPP-Projekte laufen häufig über zwanzig oder dreißig Jahre. Danach geht das (renovierungsbedürftige) Stadion in den Besitz beispielsweise der Stadt über.

Der Einsatz dieses speziellen Finanzierungsmodells für die Europameisterschaft in Frankreich dürfte erklären, warum die UEFA unter ihrem inzwischen von der FIFA für sechs Jahre gesperrten französischen Präsidenten Michel Platini bereit war, Miete für die Stadiennutzung im Mai und Juni zu überweisen. Erstmals in der EM-Geschichte.

So wurde in Bordeaux das neue „Matmut Atlantique“, das vom Fußballverein Girondins, aber auch für Rugby genutzt wird, für offiziell 183 Millionen Euro errichtet – und über eine ÖPP finanziert. Das Konzept war in Frankreichs Südwesten durchaus politisch umstritten. Die Regionalpresse schätzt die Gesamtkosten inzwischen auf insgesamt bis zu 375 Millionen Euro. Zu den ÖPP-Partnern gehört neben der Regierung in Paris die Stadt Bordeaux, die Region Aquitanien, der örtliche Baukonzern Fayat sowie das französische Versicherungsunternehmen und Namensgeber Matmut.

Dem französischen Staat bringt die Euro allerdings wenig – ihm beschert das Turnier auf dem Papier ein geschätztes Minus von rund einer halben Milliarde Euro. Den öffentlichen Kosten – unter anderem für den Bau und die Modernisierung der Stadien und Sicherheitsmaßnahmen – stehen für die französische Wirtschaft erwartete Einnahmen in Höhe von gut 1 Milliarde Euro gegenüber. Wovon ein kleinerer Teil als Steuern ins Staatsäckel fließen wird.

Üblicherweise lösen internationale Fußballturniere und Olympische Spiele zusätzlich Investitionen in die Infrastruktur aus. Das ist auch in Frankreich der Fall. Doch fällt der zusätzliche Bedarf im Vergleich beispielsweise zu Brasilien (WM) oder Russland (Winterspiele in Sotschi) klein aus. Straßen, Schienen – selbst die Wasserstraßen – und Datenautobahnen in Frankreich gelten international als hervorragend. Sie sind weit besser ausgebaut als etwa in der Bundesrepublik.

Istanbul Airport fliegt nach Hamburg

Ökonomen halten die direkten „Wohlfahrtseffekte“ großer Sportveranstaltungen allerdings meistens für gering. „Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Städte sehr unterschiedlich profitiert haben“, schreibt das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI).

Während die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona der Stadt einen erheblichen Impuls verliehen hätten, so das HWWI, verzeichnete Atlanta in den USA vier Jahre später sogar einen Imageverlust. Weil die Spiele als zu kommerziell und kalt empfunden wurden. In Barcelona hatten die Spiele hingegen die internationale Aufmerksamkeit deutlich erhöht – was zur Ansiedlung von Firmen führte und einen „produktiven Stolz“ der Bewohner auf ihre Stadt bewirkte. Auch München konnte durch die Spiele 1972 – verstärkt durch das Endspiel der folgenden Fußball-WM – zu einer internationalen Metropole aufsteigen.

Frankreich selbst hat dagegen mit der sportlich mitreißenden WM 1998 und seiner Multikulti-Mannschaft um Zinédine Zidane – nach einem kurzen Push – mittelfristig eher ökonomisch und gesellschaftlich enttäuschende Erfahrungen gemacht.

Ein anderes Spiel spielen die Sponsoren. Der wohl interessanteste „Partner der EM“ ist Turkish Airlines. Hierzulande (noch) kaum bekannt, ist die türkische Fluglinie die wohl am schnellsten wachsende. Weltweit. Bald soll der Bosporus zum Mittelpunkt des fliegenden Globusses werden. In Istanbul wird der dritte Airport gebaut. Er soll ab Anfang 2018 alle bisherigen Dimensionen sprengen – er wird drei Mal so groß werden wie der Flughafen Frankfurt.

Allein Turkish Airlines will zukünftig 100 Millionen Passagiere zu diesem neuen „Hub“ beitragen. Pro Jahr. In Großraumfliegern will man die wachsende Mittelschicht in Asien nach Istanbul transportieren und sie von diesem „Hauptumschlagsplatz“ aus in kleineren Maschinen auf Europa verteilen – und umgekehrt Franzosen, Deutsche und Briten nach Asien transportieren. Fatih Cigal, Marketingchef von Turkish Airlines freute sich im Fußballblatt „Kicker“ auf zwei Seiten über „die richtige Werbeplattform“, das Rendezvous mit der „Euro 2016“.

Während die Türken vornehmlich ihren Bekanntheitsgrad erhöhen wollen, setzen die meisten anderen „Sponsoren“ auf Imagetransfer. Ausrüster der Mannschaften wie Adidas (9 Teams) oder Nike (6) wollen vom prachtvollen Ruf der EM profitieren. Das gilt auch für die Brausemarke Coca-Cola, deren Marketingausgaben weit höher sein sollen als ihre Produktionskosten, oder für den Autokonzern Hyundai/Kia.

Solidarität für die Bayern

Die Kosten des eigentlichen Turniers trägt der Veranstalter, die Vereinigung Europäischer Fußballverbände, kurz UEFA. Im April durchsuchte die Schweizer Bundespolizei wegen der „Panama Papiere“ die UEFA-Zentrale in Nyon. Die Schweiz warb lange um internationale (Sport)-Verbände mit günstigen Steuerregeln.

Organisation der Euro, Unterbringung der Mannschaften, Umrüstung und Pflege der Stadien, Prämien für teilnehmende Länder zahlt die UEFA. Dazu fließt mittelbar ein Großteil der Einnahmen in die „Solidarität“ (Platini): Aus den Gewinnen durch die EM 2012 finanzierte die UEFA den Bau von Trainingsgeländen in Albanien, deckt laufende Kosten des kleinen Verbandes auf den Färöer-Inseln oder bezahlt Reisen des Nachwuchses von Kasachstan.

Solidaritätsgelder fließen aber auch an Profiklubs. Und davon profitieren vor allem die nationalen Größen. So flossen 40 Millionen Euro aus den Einnahmen der letzten EM an jene Klubs, die Spieler für den Qualifikationswettbewerb abgestellt hatten. Weitere 60 Millionen kassierten Klubs, deren Spieler an der Endrunde in Polen und der Ukraine teilnahmen. Unterm Strich kassierten am meisten Bayern, Real, Barcelona und Manchester City.

Insgesamt fließen laut UEFA-Finanzbericht rund 400 Millionen Euro aus den EM-Einnahmen in den Soli-Topf und wurden über die Jahre verteilt. Höher ist nur noch der Betrag, der an die teilnehmenden Verbände als Prämien ausgeschüttet wurde.

Dagegen stehen für die UEFA die Einnahmen aus dem Verkauf von 2,5 Millionen Tickets, der Lizenzen für den Absatz von Bier und Baguette in den Stadien, die Zahlungen der „Sponsoren“ für ihre regionalen, nationalen oder globalen Werberechte. Der dickste Brocken stammt aus der Veräußerung der TV-Rechte in über 100 Ländern.

Die Einnahmen aus der vergangenen EM beziffert die UEFA auf 1,4 Milliarden Euro. Was fast den Einnahmen in einem normalen Geschäftsjahr ohne EM entspricht. Unterm Strich erzielte die UEFA aus der Fußball-Euromeisterschaft 2012 einen Gewinn von über einer halben Milliarden Euro.

„Le Rendez-Vous“ dürfte ihre Vorgängerin finanziell nochmals übertreffen. Was durchaus im Sinne der sogenannten Philosophie der UEFA ist: „Der oberste Zweck des Kapitals ist, mehr Geld zu schaffen, um es in den Dienst der Verbesserung des Fußballs zu stellen.“ Dieses wirtschaftsliberale Motto wandelt ein Zitat des Gründers eines der größten Autokonzerne der Welt ab, Henry Ford.

Hermannus Pfeiffer (hape)
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