Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Von den British Ladies zu den St. Pauli Girls

Meisterinnen, Aufsteigerinnen, Derbysiegerinnen

Kommt doch einfach mal gucken!

Gemeinsam finden wir den Weg aus dunklen Zeiten

Neues von den Alten



Meisterinnen, Aufsteigerinnen, Derbysiegerinnen

Die utopische Realität der Frauenfußballabteilung

Den größten sportlichen Erfolg ihrer Abteilungsgeschichte erlebten sie am Spielfeldrand als Zuschauerinnen. Durch den Modus der Aufstiegsrunde waren sie zum Zuschauen verdammt. Zum Auftakt der Dreierrunde hatten die St. Paulianerinnen das Heimspiel gegen Meldorf 1:1 gespielt, anschließend 4:0 bei den Bremer Vertreterinnen in Schwachhausen gewonnen. Nun lag es nicht mehr in ihren eigenen Händen. Etwa 50 Spielerinnen, Abteilungsmitglieder und Fans fuhren zum entscheidenden Spiel nach Dithmarschen, um Schwachhausen in Meldorf anzufeuern.

Schon zur Pause führten die Meldorferinnen mit 3:0, ein 5:0 hätte ihnen zum Aufstieg gereicht. Aber auch Dank der großen braun-weißen Unterstützung gab Schwachhausen, für die es um nichts mehr ging, alles und ließ keinen weiteren Treffen mehr zu. Die Frauen des FC St. Pauli waren erstmals in der Abteilungsgeschichte in die Regionalliga aufgestiegen.

Meisterinnen

„Das waren drei der intensivsten Spiele in all den Jahren, obwohl wir nur zwei gespielt haben“, sagt Kai, der die Frauen seit zwölf Jahren trainiert.
Vor dem Erreichen dieser Aufstiegsrunde waren die Frauen recht souverän durch die Verbandsliga marschiert und hatten die Hamburger Meisterschaft gefeiert. Als Bonus gab es die Spiele im Oddset-Pokal. Die Auslosung hatte im Halbfinale das Derby vorgesehen. Vor 400 Zuschauerinnen und Zuschauern wurde der hsv in der Feldarena mit 4:1 besiegt. Eine Art „Wachablösung“, denn Anfang des Jahrtausends triumphierte der hsv im Derby noch mit 23:1.

Im Endspiel erwies sich das Regionalliga-Spitzenteam von Bergedorf 85 dann doch als zu stark. Zwar ging St. Pauli mit 1:0 in Führung, doch den Pokal holten sich letztlich die Elstern mit einem 3:1-Sieg. Unvergessen bleibt dieses Endspiel dennoch. 1122 ZuschauerInnen sorgten an der Hagenbeckstraße für eine Atmosphäre wie sie im Hamburger Frauenfußball bislang nicht gekannt wurde.

Basis-Entscheidungen statt Vorstands-Diktat

„Das ist eine Utopie die verwirklicht wurde“, fasst Sonja, die stellvertretende Abteilungsleiterin, das sportliche Märchen in Worte. „Das hätte sich vor 10-15 Jahren niemand vorstellen können.“

Vor 10-15 Jahren. Damals bestand St. Paulis Frauenfußball-Abteilung aus einem Frauenteam und einem B-Mädchen-Team. Es war auch die Zeit als die Entscheidung fiel, ein Leistungsteam und ein Breitensportteam aufzustellen. Nicht, um des unbedingten sportlichen Erfolgs Willen, sondern um den Mädchen, die in die Frauen nachrückten, eine sportliche Perspektive im eigenen Verein bieten zu können. Die Abteilungsleiterin Suzann erinnert sich: „Wir nutzten damals einen Bauwagen auf dem Heiligengeistfeld als Umkleidekabine. Darin hing eine Liste, in die jede Spielerin eintragen konnte, ob sie im Leistungs- oder im Breitensportteam spielen wollte.“

Entscheidungen, die von der Basis, den Spielerinnen und ihren Teams gefällt werden: Das ist bis heute ein wichtiges Prinzip der Abteilung. Die Abteilungsleitung wird den Teams nichts aufzwängen, auch bei Trainer*innenverpflichtungen werden die Spielerinnen bei der Entscheidungsfindung mitgenommen.

Eine weitere Säule der erfolgreichen Abteilungsarbeit der letzten Dekade ist die kontinuierliche aber mäßige Entwicklung. Zu den B-Mädchen kam ein C-Mädchen-Team, später ein D-Mädchen-Team und seit dieser Saison gibt es auch E-Mädchen. Ab 9 Jahren aufwärts sind also alle Altersklassen abgedeckt. Eine Entwicklung, die auch Dank der finanziellen Förderung durch die AFM so möglich wurde. Trainer*innen und Betreuer*innen rekrutieren sich übrigens, was selten im Jugendfußball ist, nicht aus den Eltern der Spielerinnen, dies ist wegen möglicher Interessenskonflikte nicht gewünscht. Hinzu kommt, dass Identifikation und Wertevermittlung besser funktionieren, wenn Spielerinnen der eigenen Frauenteams in die Rolle der Trainerin schlüpfen. Besuche in den Fanräumen oder im Fanladen stehen so ebenfalls mal auf dem Programm.

Dass die Vermittlung St.-Pauli-typischer Werte einen so hohen Stellenwert einnimmt, macht es natürlich nicht einfacher, Trainerinnen, Trainer, Betreuerinnen und Betreuer zu finden. Und so ist die Abteilung auch jetzt wieder auf der Suche (Aufruf s. u.). Das interne Ausbildungskonzept sieht vor, dass jedes Trainer*innen/Betreuer*innen-Team möglichst aus drei Leuten besteht, damit auch individuelles Training stattfinden kann. Denn die Möglichkeit beim FC St. Pauli Fußball zu spielen, soll jeder Frau und jedem Mädchen offen stehen. „Unbeeinflusst vom fußballerischen Wissens- und Könnensstand der Interessentin“, wie es in der Selbstverständniserklärung der Abteilung heißt. Vor allem die Vermittlung der dort ebenfalls aufgeführten Werte ist den Frauen sehr wichtig, wie auch Sonja immer wieder betont und hinzufügt: „Heute möchte eine 10jährige den Begriff Feminismus nicht mehr erklärt bekommen“. Dafür geht es um Respekt und Grundsätze gegen diskriminierende Benachteiligungen.

Idealismus statt Prämien

Neben den vier Jugendteams gibt es in der Abteilung auch noch vier Frauenteams. Darunter ein Ü30- und ein U21-Team. Die U21 wurde bewusst gegründet, um die Lücke zwischen U17 (B-Mädchen) und Frauen zu schließen und eigene Jugendspielerinnen mittelfristig auch ans 1. Frauenteam heranzuführen.

Im Hamburger Verband gibt es kein 11er Team weibliche U19 (A-Jugend). Ein Konzept, das aus Zeiten kommt, in denen wenig Mädchen Fußball gespielt haben und die wenigen Talente schnell in Frauenteams höherklassige Spielpraxis erhalten sollten. Heute, da der Frauenfußball physisch, athletisch und auch taktisch viel weiter entwickelt ist, wäre eine U19-Liga sehr wünschenswert, da der Sprung für 17jährige zu den Frauen doch recht groß ist. Bei uns also soll dieser Sprung durch die U21 geringer gehalten werden, nur leider spielt die U21 ja nicht gegen andere U21-Teams, sondern gegen Gegnerinnen die durchaus auch mal robuster sein können.

Die großartige Frauenfußball-Abteilung funktioniert durch unglaublich hohes Engagement vieler. So trifft sich die Abteilungsleitung mindestens einmal wöchentlich, dazu kommen Sprechstunden im neuen Abteilungsbüro im Baucontainer vor der Süd. Außerdem monatliche Treffen mit allen Trainer*innen. Diese bekommen übrigens alle die gleiche Aufwandsentschädigung. Von der E-Jugend-Trainerin bis zum Regionalliga-Trainer gibt es 50 Euro im Monat. Hier ist wirklich eine große Portion Idealismus gefragt.

Bei so viel Idealismus dürfen an dieser Stelle auch mal die Namen derjenigen genannt werden, die als Betreuerinnen, Trainer*innen und Abteilungsleitung viel Zeit und Arbeit investieren: Sanna, Marion, Helen, Jean-Michel, Carina, Glenn, Alex V., Nadine, Tanja, Oliver, Schnackel, Daniel, Kai, Fabian, Wibke, Jörn, Alex G., Jessi, Anita, Sonja, Suzann.

Diese Menschen und noch viele andere helfen, dass die Abteilung ein „lebendiges Organ“ ist, wie Suzann es ausdrückt. „Und wir sind froh“, fügt die Abteilungsleiterin hinzu, „dass wir eine eigene Abteilung sind.“ Eine Abteilung, die sich auch immer wieder Verteidigungskämpfen gegenüber sieht. Klar, je höher ein Team spielt, desto mehr „Ratgeber“ kommen, die angeblich wissen, wie es besser geht. Andere Vereine haben eben häufig ein Leistungsteam, während der Rest der Abteilung eher ein Schattendasein führt. Ein Regionalligateam haben wir nun auch beim FC St. Pauli, nur dass es das so nur gibt, weil es ein Teil einer großen gemeinsamen Abteilung ist.

Doch auch vereinsintern mussten sich die Fußballfrauen ihren Platz immer wieder neu erkämpfen. Und sei es beim Platzwart. Anfang der 90er, zur Abteilungsgründung grantelte Bubu noch in seiner typischen Art: „Alles nehmen uns die Frauen weg, jetzt auch noch den Fußball.“ Inzwischen sieht auch Bubu die Bereicherung, nahm beim Pokalendspiel auf der Trainer*innenbank Platz und fuhr sogar mit nach Meldorf, um den Aufstieg zu feiern.

Apropos Aufstieg: Wie sehen denn die Saisonziele aus? „Zu den Top-Teams der Regionalliga wird uns was fehlen“, sagt der Trainer Kai, „realistisch sind wir froh, wenn wir die Klasse halten, es gibt keinen Druck.“ Um hinzuzufügen: „Wenn die Entwicklung jetzt erstmals seit langem nicht steil nach oben geht, wird sich zeigen, wie gefestigt alles ist. Das wird eine spannende Saison.“

Froh sind die 1. Frauen, dass sie per Bus zu den meisten Auswärtsspielen fahren können und nicht auf Privat-PKW zurückgreifen müssen. Und das, obwohl es auf Beschluss der Abteilungsversammlung keine Sponsoren gibt. „Wir haben einen guten Namen und genug Geld, um den Etat zu decken“, sagt Suzann, „es ist schon eine Luxussituation, dass man auf einer Abteilungsversammlung beschließen kann, auf Sponsoren zu verzichten.“

Nicht verzichten müssen die Frauen darauf, ihre Heimspiele in der Feldarena auszutragen. Der Norddeutsche Fußballverband hat zunächst für ein Jahr eine Ausnahmegenehmigung für den Kunstrasen erteilt. Problematisch könnte es nur werden, wenn ein Profi-Heimspiel auf einen Frauen-Regionalliga-Heimspiel-Sonntag terminiert wird. Dann darf an der Feldstraße nicht gekickt werden, weil die Plätze für Einsatzfahrzeuge und als Fluchtwege freigehalten werden müssen. Eine kurzfristige Spielverlegung sehen die Statuten der Frauen-Regionalliga aber auch nicht vor. Möglicherweise muss dann doch noch eine Ersatz-Heimspielstätte gesucht werden.

Kontakt zur Abteilung und Links:

Website: www.fcstpauli-frauenfussball.de
(hier auch die Trainingszeiten der Teams)
E- Mail: frauenfussball (at) fcstpauli (pkt) com

Spielerinnen und Trainer*nnen gesucht! 

Du möchtest Kiezkickerin werden, dann bewirb dich jetzt. Wir sind auf der Suche nach Spielerinnen im Mädchen- und Frauenbereich. Du hast bei uns die Möglichkeit, dich im Frauenbereich leistungsorientiert oder breitensportorientiert einem Team anzuschließen. Im Mädchenbereich sind wir ebenfalls auf der Suche nach Spielerinnen und Trainer*nnen. Solltest du Interesse haben, ein Teil der braun-weißen Familie zu werden, melde dich zu einem Probetraining per E-Mail an:

probetraining (at) fcstpauli-frauenfussball (pkt) de

//MarronBlanco
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