Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!?

"Im Moment gibt es wenig Anlass, öffentlich zu protestieren."

Ein Sonnabend im Oktober - Szenen einer VerAbschieBung

Timbos Kleine Taktikschule

Neues von den Alten



Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!?

Fußballfans sind ein eigenes Völkchen, dem man es eigentlich nie wirklich recht machen kann. Das fängt bei den jährlichen Trikotvorstellungen an („Das sind die hässlichsten/schönsten Trikots aller Zeiten!“), geht weiter mit der Position zu Pyrotechnik („Die sollten eingesperrt/in Frieden gelassen werden!“) und macht natürlich auch nicht vor der Vereinspolitik Halt. Manche tun lauter und manche leiser ihre Meinung kund, doch gerade bei unserem Herzensverein zeichnet sich die Fanszene durch aktiven und häufig sichtbaren Protest bei Differenzen mit Entscheidungen der Vereinsoberen aus.

Das jahrzehntelange Protestieren und Einmischen hat sich ausgezahlt. Entgegen der Standards vielerorts im Profifußball spielen wir immer noch in einem Stadion ohne Sponsorentitel und werden bei den Spielen nicht durchgehend über die Lautsprecher mit Werbung zugeballert. Darüber hinaus vertritt der FC St. Pauli seit Jahren auch nach außen entschieden und konsequent die politisch linke Einstellung, die (zumindest der Großteil) der Fanszene lebt und vom Verein fordert. Spätestens mit dem neuen Präsidium ist die Außendarstellung des Vereins so, wie man sie sich immer gewünscht hat. Beispiele? - Schweinske-Cup, Kein Fußball den Faschisten, #Bildnotwelcome, Fernsehgeldverteilung...

Das sind alles paradiesische Zustände. Zumal dieser Status Quo von der Fanszene hart erarbeitet wurde. Auch die Einbeziehung der aktiven Fans in die Gestaltung und Entwicklung über verschiedene Kanäle (und sei es der bloße Buschfunk – mit entsprechender Reaktion darauf) hat im Umfeld der deutschen Profifußballvereine nicht viel Vergleichbares aufzuweisen.

So oft ich meinen Verein für Aktionen und Vereinspolitik still für mich oder auch stark kommunizierend in letzter Zeit gelobt habe – es gibt auch immer wieder Momente, in denen man den Kopf schüttelt. Liebte man die Vereinsoberen für die professionelle Art und Weise, mit der Kai Dieckmann abserviert und lächerlich gemacht wurde, hatte man für die inszenierte Wiedervereinigung via Twitter nur Stirnrunzeln übrig. Nur weil so vieles richtig läuft, kann und muss man also trotzdem immer wieder unerträglich nerven, wenn etwas falsch angepackt wird. Sonst wird man nämlich dick und träge in diesem Schlaraffenland.

Neue Fans müssen weiterhin immer wieder eingenordet werden. Das kann ermüdend sein. Der FC St. Pauli hat scheinbar so eine Anziehungskraft, dass immer wieder neue Gesichter im Stadion zu sehen sind. Obwohl offensichtlich auch die Attitüde des FC diese Leute angelockt hat, ist das Verhalten nicht immer so, wie es sein sollte. Wenn gegnerische Spieler auf der Gegengerade als Fo*** beschimpft werden, dann liegt viel Arbeit vor uns. Es muss ständig klargemacht werden, welche Werte hier vertreten werden und wie die Fankultur hier gelebt wird. Auch auf administrativer Ebene gibt es Menschen, die noch ein paar Sachen über den Verein lernen müssen. Nur so lässt sich erklären, dass in das Nachwuchsleistungszentrum die Robert-Enke-Stiftung zum Thema Depression im Leistungssport eingeladen wurde und nicht, trotz mehrmaliger Nachfrage, die lieben Menschen von St. Depri.

Die Sponsoren müssen kritischer hinterfragt werden. Der FC St. Pauli ist für Sponsoren eine tolle Marke. Häufig beschleicht einen das Gefühl, dass sich doch sehr mit dem Image dieses Vereins geschmückt wird. Ich erwarte mehr von den Sponsoren als standardmäßige Spenden an die (sehr, sehr tollen) Kiezhelden-Projekte. Sponsoren des FC St. Pauli sollten tatsächlich soziale Verantwortung übernehmen und nicht bloß über Spendenaktionen das Gewissen rein waschen, sich bei Fans einschmeicheln und die Eintrittskarte zur Sponsorentafel erhalten. Auch wenn das nur eine Wunschvorstellung sein wird. Es ist offensichtlich, dass es bereits ungewöhnlich ist, wie viel Sponsoren hier vergleichsweise leisten. Das wäre anderswo wahrscheinlich nicht denkbar. Trotzdem kommt einem bei manchen Aussagen die Galle hoch. „ok.-“ ist laut eigener Aussage ein Sponsor, der zum FC St. Pauli passt, denn gemeinsame Werte würden verbinden. Welche Gemeinsamkeiten hat denn bitte der FC St. Pauli mit einer multinationalen Holding, welche frei nach den Grundsätzen des Kapitalismus immer weitere Unternehmen schluckt und sich vergrößert? „Deezer“ hat als Musikstreamingdienst eine wunderschöne und notwendige Aktion gegen Rechtsrock gestartet. Von einem Sponsor des FC St. Pauli sollte man so eine Aktion allerdings VOR einer Partnerschaft erwarten können und nicht erst, nachdem sich aus St. Pauli-Kreisen die Beschwerden gemehrt haben. Zu "Under Armour“ ist wohl alles gesagt.

Wenn die Marke des FC St. Pauli angeblich so attraktiv für Sponsoren ist, dann kann man schon ein wenig mehr erwarten.

Die Marke St. Pauli kann auch erdrücken. In einem Youtube-Beitrag von Martin Drust (Leitung Marketing&Vertrieb des FC St. Pauli) mit der Überschrift „Mit Phantasie an die Spitze – der FC St. Pauli 2018“, zu der es im Rahmen der Online-Marketing-Konferenz 2016 (OMK) in Lüneburg auch einen Vortrag gab, wird ganz passend erwähnt, dass die „Marke St. Pauli“ sich nicht führen lässt, sondern selbst führt. Das kann einen ganz schön erdrücken. Durch diese selbst geschaffene Marke sind Reaktionen des FC St. Pauli häufig vorherbestimmt. Wenn nun Verantwortliche des FC St. Pauli quer schießen, dann hat die Reaktion häufig einen belächelnden Charakter nach dem Motto „Ach, die kleinen lustigen Querköpfe! Lass die mal reden, machen die immer so.“ Das vormalige Anderssein ist mittlerweile in sehr zu berechenbare Bahnen gedrängt worden. Das schränkt ein. Ist es lohnenswert, diesen Zustand durch exzessives Marketing noch weiter zu verschärfen?

Im Marketing-Magazin W&V (Werben und Verkaufen) erschien Anfang 2016 ein Interview mit Martin Drust, in dem er sagte, dass man, was digitale Reichweiten angeht, auf Erstliga-Niveau mitspielen will. Das tue man teilweise heute schon, aber da hätte man noch ganz viel Potential, um sich dauerhaft in einer Top-5-Liga zu etablieren. Und diese Reichweiten könne man, so Drust, dann wieder kapitalisieren. Da schaudert es einen…

Preise im Stadion und Fanshop. Wer schon einmal vier Bier geholt hat und mit Schrecken feststellte, dass der Zwanziger zur Bezahlung nicht ausreichte, der wird sich sicherlich im Stillen schon darüber beschwert haben. 4€ für einen halben Liter sind schon echt nicht billig, aber wenn man dann noch 1,50€ Pfand für einen Plastikbecher bezahlt, auf dem das Konterfei von Andre Schubert auf verschiedenen Ebenen Abscheu hervorruft, dann stellt sich die Frage: Wann ist das eigentlich passiert? Zu viel Pfand und ein Bierpreis im oberen Drittel verglichen mit allen anderen Bundesligisten, obwohl Astra weltweit untersten Preiskategorie-Status „genießt“. Wenn man dann noch weiter in den Fanshop schaut, wird einem bei manchen Preisen dort ganz schwindelig. Und das ist (noch) keine Fair-Trade-Ware.

Immer wieder fordern und forderten wir als Fans von unserem Verein mehr als das, was anderswo geleistet wird. Und es wird so vieles richtig gemacht hier. Meckern auf hohem Niveau. Die Art und Weise, wie in diesem Verein agiert und entschieden wird, hat so oft Herzen verdient. Wenn dann mal etwas nicht richtig läuft, dann zeichnet es diesen Verein aus, dass so etwas intern geklärt und beim nächsten Mal tatsächlich besser umgesetzt wird. Eine gigantische Stärke, welche dafür sorgt, dass auch unpopuläre Entscheidungen des Vereins zähneknirschend hingenommen werden. Doch müssen wir auch bissig bleiben und uns nicht zufrieden geben. Wir arbeiten mit unserer konstruktiven Kritik stetig daran, dass die "Marke St. Pauli" ein Herz hat und nicht zur leeren Hülle verkommt.

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