Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!?

"Im Moment gibt es wenig Anlass, öffentlich zu protestieren."

Ein Sonnabend im Oktober - Szenen einer VerAbschieBung

Timbos Kleine Taktikschule

Neues von den Alten



"Im Moment gibt es wenig Anlass, öffentlich zu protestieren."

Kollege Flippa hat es im Leitartikel angesprochen: Die Marke FC St. Pauli ist Fluch und Segen zugleich. Wir müssen hart daran arbeiten, dass sie weiter für eine kritische Fanszene steht, die die Entwicklung des Vereins und seines Images begleitet und sich wehrt, wenn Marketing wichtiger zu werden droht als Authentizität.

Jemand, der von jeher für diese Ehrlichkeit steht, ist Sozialromantiker und FCSR-Mitglied Tilman M. Brauns. Wie fühlt er sich eigentlich momentan als Teil der St. Pauli-Familie? Wir haben uns vor dem Kaiserslautern-Spiel mit ihm unterhalten.

FCSR

ÜS: Die Jahresmitgliederversammlung war zumindest gefühlt die kürzeste und kuscheligste, die ich in 16 Jahren Mitgliedschaft erlebt habe. Der einzige Antrag, der Spannungspotenzial bot (Fair-Trade im Fanshop), wurde im Vorwege abgeändert, so dass das Präsidium dann voll dahinter stand. Das FC St. Pauli als Rundum-Wohlfühl-Paket?

Scheinbar ist es so. Gemessen an der engen sportlichen Situation war das ganze geprägt von den guten Bilanzzahlen und der Feststellung, dass unser Club in allen Bereichen, außer dem sportlichen der ersten Mannschaft Fußball, deutlich an Qualität und Kommunikationseffektivität zugenommen hat. Man möchte meinen, dass die anwesenden Mitglieder damit zunächst zufrieden sind. Sonst wäre ja eine Debatte entstanden, denn den Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ gab es ja. Die, die zu Hause blieben, hatten vermutlich auch nichts zu sagen … Die Änderung des Antrags fand ich vernünftig, um den entsprechenden Vorlauf zur Umsetzung des Antrags zu erhalten. Der Wechsel ist längst überfällig und ich bin nun sehr gespannt, ob die Fans als Verbraucher den Mehraufwand tragen werden oder ob sich upsolut/Verein und Verbraucher die Investition in ein besseres Label mindestens teilen.

ÜS: Auf der Fanclub-Delegierten-Versammlung war es ähnlich. Alles ging glatt durch, die gute Kommunikation im Verein wurde gelobt, kritische Punkte kamen weder aus dem Plenum noch aus dem FCSR. Das hat mich ein wenig gewundert, gab es doch durchaus in letzter Zeit Strittiges in der Fanszene, z. B. den Angriff auf den Zivi nach dem Nürnberg-Spiel. War das denn überhaupt kein Thema?

Tatsächlich muss man konstatieren, dass die Arbeit des FCSR viel umfangreicher geworden ist, als sie es vor Jahren war, eben auch, weil man persönlicher, zuverlässiger und durchaus different mit anderen Verantwortungsebenen oder Abteilungen der Geschäftsstelle umgeht. Das hat zur Folge, dass es im Moment wenig öffentlich zu „protestieren“ gibt. Im Grundsatz doch eine gute Voraussetzung, den Club mitzugestalten. Durch unser „Verwaltungssystem“ mit den Regionalverantwortlichen werden auch viele Dinge mit den Fanclubs im Laufe der Saison besprochen, gelöst, angestoßen oder eben auch angemahnt, ohne dass es Bedarf gibt, Einzelfälle noch einmal im großen Kreis zu besprechen.
Dein Beispiel mit dem Angriff auf den Zivi ist sicher berechtigt, wurde aber im Plenum nicht als Punkt gefordert. Der ganze Bereich „Gewalt im Viertel“ hat sich ja durchaus verändert. Wir finden dass auch sehr bedenklich, verlassen uns da aber sicher auf die Arbeit des Fanladens. Die kennen die Gruppen und Personen, arbeiten mit dem Verein und dem OL zusammen an Lösungen und haben vor allem die pädagogische Ausbildung, damit umzugehen. Das ist also nicht direkt nur ein „Fanclubproblem“. Wenn die Fanclubs mehr gegen die Entwicklung tun wollen, dann erwarte ich persönlich auch mehr Engagement gegen Gewalt.
Vor allem im Bereich der verbalen Gewalt und Äußerung von sexistischen und homophoben Sprüche nutzen Flyer nun schon länger nix mehr. Da heißt es in der Kurve etwas gegen Gleichgültigkeit und Duldung zu unternehmen.

ÜS: Allgemein wird ja intern wie extern gelobt, dass Streitigkeiten beim FC St. Pauli immer intern geklärt werden und nicht in den Medien ausgetragen werden. Der Verein bemüht sich anscheinend sehr darum, nach außen harmonisch rüberzukommen und wenig Angriffsfläche zu bieten. Wie geht es dir damit?

Lustige Frage, mit der ich mich schon lange beschäftige und die ich selbst auch in Gesprächen immer wieder gestellt habe. Was ist denn Angriffsfläche, was ist Reibungsqualität und wie soll der Verein sein kritisches, lautes Image denn in vielen Jahren „vermarkten“ wenn wir nur noch Flüsterpost spielen. Wir müssen uns also klar werden, wieviel öffentliches Zeigefingerheben und welche Stärke an Kritik wir miteinander auszuhalten bereit sind, um der wichtigen Meinung der Fanszene Gehör zu geben. Die Konstellation mit dem jetzigen Präsidium und Aufsichtsrat ist ja nicht per se ein „Kuschelkurs“, nur weil wir keine roten Fähnchen basteln.

ÜS: Ich vermisse in der letzten Zeit ein wenig den Mut zur offenen Debatte, z. B. auch darüber, wie wir Fans eigentlich sein wollen, jetzt wo wir vom Wohnzimmer zur gehobenen Party-Location Millerntor gewachsen sind und aus Welcome to the Hell of St. Pauli irgendwie Welcome Hell geworden ist. Kommt bei dir nicht manchmal auch wieder der alte Sozialromantiker hoch?

Ich glaube sogar, dass die Kritikpunkte, die der FCSR ja auch in Teilen öffentlich angeprangert hat, sehr deutlich und mit viel Wut vertreten werden, tatsächlich aber in vielen Aspekten zunächst nach innen. Vielleicht sind wir als FCSR deswegen gerade verlässlicher Pol sowohl der Fanclubs mit Meinung als auch für die Clubführung und Geschäftstellenmitarbeiter. Auch der StFa (Ständiger Fanausschuss) ist hier ja als Mitdenker unterwegs. Und ja, manchmal denk' ich schon daran, aus der mitunter anstrengenden Diplomatie zu fliehen. Man ertappt sich, wenn man ehrlich ist, doch auch dabei, Kompromisse zu schließen die man vor Jahren nicht eingegangen wäre. Altersgerecht? Vielleicht. Weiser? Nicht unbedingt. Mein Ziel ist in erster Linie ein Vereinsfrieden bei maximaler Schnittmenge für eine Idee. In der Heterogenität unserer Mitglieder und Fans nicht einfach. Petitionen zu formulieren ist im Vergleich Kinderflöte.
Sozialromantische Aktivität war nun aber in den letzten beiden Jahren scheinbar noch nicht gefragt, die Kräfte sind aber ,wenn es drauf ankäme, sicher noch in jeder einzelnen Kurve vorhanden, auch wenn das Marketing mittlerweile die Jolly-Rouge-Färbung für sich entdeckt hat. Wenn's drauf ankommt, schafft irgendwer, irgendwo, irgendwann zum nötigen Zeitpunkt eben eine neue Symbolik, ob das dann auch meine ist? Wer weiß…

ÜS: Vielen Dank für diese spannenden Einblicke!

Die Fragen stellte

//kurzpass
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