Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Was ist guter Support?

Interview mit Daniela Wurbs

Frauen bewegen

Timbos kleine Taktikschule

Neues von den Alten



Was ist guter Support

"Eure Scheiß-Stimmung - da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir!"
(Uli Hoeneß, 2007)

Hände

Pfui, Uli! Einen Riesenkomplex bauen, diesen für Business-Seat-Fußball-Touristen öffnen und sich wundern, dass sich Mitglieder über die fehlende Stimmung in einem seelenlosen Stadion beschweren? Das war doch eine echte Milchmädchenrechnung! War doch klar, dass sowas ein Supportkiller ist.

Support. Was ist das eigentlich? Zunächst einmal ein Anglizismus für Unterstützung. Doch zugegebenermaßen klingt Support besser als „Unterstützung“, meint es auch dasselbe. Ich nehme es vorweg, entscheidet selbst, was Support für euch ist und wo er anfängt. Der kann nämlich lustig, traurig, wütend, fröhlich, laut, leise, chaotisch, bunt, und so viel mehr Adjektive für sich beanspruchen, als man sich vorstellen kann.

Die englische Sprache ist aber ein Hinweis für das, was jahrelang Vorbild für die hiesige Kurvenkultur war; die britische Fankultur. Ein Anhaltspunkt auf der Suche nach der Herkunft: Der Support auf der Insel. Was wurde nicht neidisch in den 60er- und 70er-Jahren nach Großbritannien geschielt. Ganze Kurven, die singen, ganze Lieder sogar. Donnerwetter. Über das bisschen Wasser in der Nordsee schwappte das irgendwie rüber und zack: lauter und sichtbarer Support.

Wo das alles anfing, kann allerdings nur gemutmaßt werden. Ein Teil von Support ist definitiv der Fangesang, welchen die 11Freunde bereits als „den letzten authentischen Rülpser in einer immer sterileren Fußballwelt“ betitelt hat. Auf der Suche nach dem Ursprung landet man dann wieder auf der Insel, in Liverpool. In den 60er-Jahren (so genau weiß das natürlich keiner mehr) wurde neben Beatles-Gassenhauern angeblich auch hier das erste Mal „You‘ll never walk alone“ gesungen. Ob nun vorher woanders auch schon ganze Lieder intoniert wurden oder nicht, bleibt unklar, aber die Legende passt ins Bild.

Support kann bei uns am Millerntor verschiedenste Formen annehmen. Sichtbar mit Bannern, Fahnen, Konfetti, hörbar mit Trommeln, klatschenden Händen oder heiseren Kehlen. Außerhalb des Stadions (und in keiner Weise örtlich oder zeitlich gebunden) wird genauso intensiv unterstützt. In Kneipen, Wohnzimmern, an Arbeitsplätzen, vor Radios, Computerbildschirmen und quälend langsam aktualisierenden Live-Tickern auf Smartphones. Dabei ist die Intensität der Unterstützung mindestens genauso stark. Wenn ich bedenke, wie idiotisch ich (als vermeintlich gemäßigter Fan) vereinzelt klatschend und singend vor dem Fernseher bei Spielen stehe/sitze, will ich mir gar nicht vorstellen, wie das bei anderen aussieht. Wer, unterwegs in der Öffentlichkeit, über Kopfhörer gebannt und fiebernd die Maschinengewehr-Wortketten des AFM-Radios verfolgt und, für Umstehende verwirrend und schockierend zugleich, explosionsartig Anfeuerungsrufe in die Peripherie schleudert, leistet definitiv genauso viel leidenschaftlichen Support wie alle im Stadion Anwesenden.

by Arigrafie

Support fängt dabei nicht erst am Spieltag an. Allein das Tragen von Merchandise kann als Support (mitunter auch als Statement der politischen Haltung) beschrieben werden. Wenn also in Urlauben weltweit Klamotten vom Herzensverein zur Schau gestellt und Sticker verklebt werden, dann ist auch das eine Form von Support. Das fängt schon bei der Kommunikation an. Ein Beispiel ist das freundliche „Hail! Hail!“ in Glasgow als Begrüßung von Gleichgesinnten. Das nicht so freundliche „Scheiß St. Pauli!“ von schlimmen Atzen am Bahnhof unterstützt zwar nicht direkt einen Verein, aber bestimmt nicht den anderen Verein und wäre als Gegenbeispiel zu nennen.

Der vorliegende Übersteiger versucht herauszufinden, was guten Support ausmacht und wie dieser aussehen sollte. Auf der Suche danach landet man unweigerlich bei Gesängen im Stadion.

Der gemeine Fangesang bei uns kann mitunter verschiedenste Formen annehmen. Eine erschöpfende Aufzählung ist schier unmöglich, aber ein paar Rubriken lassen sich definieren. Es gibt die eingängigen und bis zur Ekstase lauter werdenden Gesänge, bis Teilnehmenden die Hirnschlagader zu platzen droht. Viel kritisiert werden die einlullenden, gefühlt zwanzigminütigen monotonen Gesänge, welche am besten zu tristem sonntäglichen Zweitligapartien passen – komischerweise sind es genau diese Gesänge, welche bei mir im Kopf bleiben und mich noch Tage danach verfolgen. Die liebevolle Härte der gekreischten Worte (auch am Millerntor anzutreffen), welche motivieren oder auf vermeintliche Fehler hinweisen sollen, kann ebenfalls als Support beschrieben werden; wobei sich mir nie erschlossen hat, in welcher Art und Weise hier eine Unterstützung stattfindet. Exotisch und schwer als solcher zu entdecken, weil selten und nahezu unauffällig: der stille Support. Dieser kann mitfühlend gemeint sein oder ist als Liebesentzug zu bewerten. Am meisten Energie aber haben die spielabhängigen Anfeuerungen von den Rängen. Jedes „Aux Armes“ kann noch so laut und gut sein; wenn nach einer Aktion auf dem Platz der Roar von den Rängen gefeuert wird, dann knistert die Luft.

Den Zusammenhang zwischen der Leistung auf dem Platz und der auf den Tribünen muss man nicht lange suchen. Jedes Vorhaben, mit der entsprechenden Durchführung auf den Rängen alles zu geben, wird von dem Funken, den ein mitreißendes Spiel spendiert, in den Schatten gestellt. Die Truppe auf dem Platz ist mitverantwortlich für die eigene Unterstützung. Zwar gibt es in seltenen Fällen bei Krisenzeiten (Abstiegsjahre oder schlicht schlechten Phasen) eine Stimmung à la „auf jeder Beerdigung gibt es einen guten Lacher“, aber den richtigen Roar, den gibt es nur bei besonderen Spielen (oder Spielaktionen), vor allem in Jahren des sportlichen Erfolgs.

Da man Support ja sowieso schon schwer genug fassen kann, ist dieser auch noch einem ständigen Wandel unterzogen. Auf der Insel wird dieser seit Jahren immer weiter durch „Eventisierung“ zurückgedrängt. Auch hierzulande ist es für manche Stadionbesucher schwierig zu verstehen, dass der Eventfaktor von Fußballspielen von einem selbst abhängt. Womit wir wieder beim zitierten Uli wären. Leuten das Geld für teure Business-Seats aus der Tasche ziehen, klappt nur dann lange gut, wenn denen auch etwas geboten wird. Der Support im Stadion ist Teil dieses Deals. Von schlechter Stimmung sind wir glücklicherweise weit entfernt am Millerntor, doch es gibt eindeutig noch Potenzial nach oben. Schwankungen in der Intensität von Support gab es schon immer. Kurz vor der Singing Area und kurz vor USP waren wir schon näher dran an der „Scheiß-Stimmung“, allerdings sollte beachtet werden, in was für fußballerischen Seuchenjahren vermehrt die fehlende Stimmung am Millerntor kritisiert wurde. Support hängt vom Umfeld ab, kann alles sein und sich ständig wandeln, angleichen, abgrenzen und neu erfinden.

Und wann ist Support nun gut oder schlecht? Entscheidet selbst! Ich persönlich habe die Chance, dem hilflosen Leser hier nun völlig ungefragt meine unbedeutende Meinung dazu mitzuteilen. Support ist immer dann gut, wenn er wirklich vom Herzen kommt. Fans, die meilenweit fahren, um sich bittere, wie zu erwartende Niederlagen im Schneeregen reinzuziehen, müssen nicht besonders laut sein, um guten Support zu leisten. Die Grundvoraussetzung dafür ist in dem Fall und hier bei uns nämlich schon längst vorhanden. Überlegt nur mal, in wie vielen Liedern wir davon singen, diesen Verein zu lieben…

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