Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Was ist guter Support?

Interview mit Daniela Wurbs

Frauen bewegen

Timbos kleine Taktikschule

Neues von den Alten



Was ist guter Support

Eine Interviwe mit Daniela Wurbs

Die Sozialpädagogin Daniela Wurbs (bald 40), von 2005 bis 2007 Mitarbeiterin des Fanladens, hat bis 2016 als Geschäftsführerin für Football Supporters Europe (FSE), ein Netzwerk europäischer Fußballfans aus 37 Ländern, von Hamburg aus die internationale Fanarbeit koordiniert und war stellvertretende AFM-Vorsitzende. Mit dem Übersteiger spricht sie über die Entwicklung der Ultra-Bewegung, den zunehmenden Rassismus in europäischen Fanblöcken und ihre momentan ämterlose Zeit.

ÜS: Wie hat sich die Ultra-Bewegung in den letzten 10 Jahren entwickelt?
Daniela Wurbs (DW): Schwer, das verallgemeinernd zu sagen, kommt natürlich darauf an, über welche Region in Europa wir reden. In England ist die Ultrakultur beispielsweise noch eher im Aufwind, während sie sich in Südeuropa eher rückläufig entwickelt. In Deutschland hat sich Ultra von einer anfangs an Italien orientierten Bewegung gewandelt zu einem Netzwerk engagierter Gruppen, welche nicht nur durch bunte Choreos aufgefallen sind, sondern auch fanpolitisch auf nationaler Ebene zusammenarbeiten und vielfach Akzente gesetzt haben, beispielsweise beim Thema Kennzeichnungspflicht für Polizei, im Rahmen der Sicherheitsdebatte 2012 oder der Kampagne zur Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion. In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Gruppen in anderen Ländern deshalb auch die deutsche Ultraszene zum Vorbild genommen, wenn es darum ging, über Rivalitäten hinaus zusammen und konstruktiv für die gemeinsame Sache zu arbeiten, beispielsweise in Frankreich oder Schweden. Trotzdem gibt es derzeit in Deutschland auch gegenläufige Tendenzen und eine wachsende Anzahl von Gruppen, die sich trotz zahlreicher gemeinsamer Probleme im Fußball bestenfalls noch auf die Vereinsarbeit zurückziehen.

ÜS: Welche dieser Entwicklungen sind als positiv, welche als negativ zu beurteilen?
DW: Positiv ist sicher die Tatsache, dass die absolute Mehrheit von Ultragruppen hierzulande einen antirassistischen Grundkonsens hat und nach wie vor nicht nur in der Kurve, sondern auch vereinspolitisch sehr konstruktiv engagiert ist. Das ist europaweit betrachtet überhaupt nicht selbstverständlich. Allerdings findet zeitgleich eine Polarisierung statt und es finden sich immer mehr Gruppen oder Einzelpersonen in den Stadien, die sich mindestens als Ultra-nah definieren, für die aber Rivalitäten und Territorialdenken deutlich in den Vordergrund gerückt sind. Kritische Stimmen moderater Ultras werden zeitgleich geschwächt. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Fußballinstitutionen kritisches Fanengagement in der Vergangenheit eher nur oberflächlich ernstgenommen haben. Angesichts steigender Repression und sich immer weiter zuspitzender Kommerzialisierungs- und Verdrängungsprozesse im Fußball ist diese Entwicklung gefährlich und kontraproduktiv. Gerade jetzt wäre ein sinnvolles überregionales Fanengagement für gemeinsame Themen wichtiger denn je – und Fußballverbände, die auf die Stimme der engagiertesten Fanaktivist*innen hören. Und unter ihnen sind Ultras nach wie vor die größte und aktivste Gruppe.

ÜS: Verglichen zum Beispiel mit Griechenland, wo momentan nur sporadisch Fußball gespielt wird, ist die Situation für Fußballfans in Deutschland anscheinend recht gut.
DW: Das schon, aber das ist sie ja auch deshalb, WEIL sich die Fans hierzulande – anders als in Griechenland - seit den 1990er-Jahren gemeinsam organisiert, die Entwicklung des Fußballs kritisch begleitet und ihre Interessen auch in Richtung DFB und DFL lautstark und nachdrücklich vertreten haben. Dadurch konnten viele Negativentwicklungen, die in anderen Ländern zur Normalität gehören, wie reine Sitzplatzstadien, Alkoholverbot, sogenannte Kombitickets oder Fanausweise zumindest aufgehalten werden. Auch deshalb ist die Bundesliga in Zahlen nach wie vor die zuschauerstärkste Liga der Welt.


ÜS: Worin unterscheiden sich die Situationen der Fans in verschiedenen Ländern?
DW: Ich wollte hier eigentlich nix fürs Phrasenschwein dreschen, aber jetzt muss ich doch: Fanszenen sind doch immer ein Mikrokosmos einer Gesellschaft. Die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der Situation für die Fans lassen sich wohl vor allem an Themen wie Mitbestimmung, Sicherheitsfragen und Landesgröße festmachen. Fans, die in demokratischen Vereinsstrukturen mitbestimmen können, wie in Deutschland, haben deutlich größere Handlungsspielräume zur Vertretung ihrer Interessen als beispielsweise Fans in England oder Russland. Fans in kleinen Fußballländern haben oft weitaus größere Probleme mit alltäglicher Spielmanipulation, Korruption oder maroder Stadioninfrastruktur und (damit einhergehend) leeren Rängen. Sicherheitsmaßnahmen im Fußball hängen von Land zu Land davon ab, wie sehr Polizei im Einsatz zwischen verschiedenen (Fan-)Gruppen differenziert und generell auf Deeskalation und Dialog setzt. In den Niederlanden oder Belgien können Fans in der Regel ihre Anreise zum Spiel nicht frei bestimmen, sondern müssen vorgesehene Reisewege und nur offizielle Fanbusse nutzen. In Frankreich gab es seit den Anschlägen weit über 300 Auswärtsfahrverbote für Gästefans. In der Türkei beispielsweise kommt man nur noch mit einem speziellen Fanausweis ins Stadion. In der Schweiz ist der Einsatz von Tränengas oder auch von Gummigeschossen im Fußball durchaus üblich. Dialog oder Deeskalation seitens der Polizei gibt es hingegen jeweils weniger oder so gut wie gar nicht.
Die Fankulturen selbst haben vielfach große Ähnlichkeiten, wenngleich unterschiedliche Ausprägungen hinsichtlich ihrer Zusammensetzung und Gruppenstruktur und ihrer Probleme, zum Beispiel in Bezug auf Rassismus und Gewalt.


ÜS: In einigen osteuropäischen Ländern wird offen Rassismus in Fanblocks gezeigt. Wie beurteilst du die Entwicklung der europäischen Fanszene in Bezug auf Rassismus?
DW: Na ja, offenen Rassismus in Fanblocks gibt es nicht nur in Osteuropa, sondern beispielsweise auch in anderen europäischen Regionen wie Belgien, Deutschland oder auch in Spanien oder Schweden. Und grundsätzlich ist es so, dass der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck auch an den Stadiontoren nicht halt macht. Allerdings bin ich positiv überrascht davon, wie viele Fangruppen sich in Deutschland oder anderswo auch rechten Tendenzen im Stadion aktiv entgegenstellen. Das wird in den nächsten Jahren immer wichtiger werden.

ÜS: Zuletzt wurde eine teilweise Rückkehr von Hooligan-Gruppierungen in deutsche Fanblocks beobachtet. Warum ist das so?
DW: Das hängt einerseits mit dem Rechtsruck zusammen, da die traditionellen Hooligan-Gruppen in Deutschland oftmals mindestens rechtsoffen waren. Diese Gruppen waren durch das Aufkommen der zumeist antirassistischen Ultrakultur viele Jahre marginalisiert, trauen sich nun aber wieder aus „ihren Löchern“. Zudem haben sich die sicherheitspolitischen, repressiven Maßnahmen der letzten zehn Jahre im Fußball vor allem auf die Ultragruppen konzentriert und diese damit durchaus auch geschwächt. Das haben nun mancherorts die alten Hoolgruppen für sich zu nutzen gewusst und machen sich seither wieder im Stadion breit, etablieren eine Angstkultur und rekrutieren unter den jungen Fans.

ÜS: Wie gefällt dir die ämterlose Zeit (keine AfM, FSE)? Was machst du jetzt?
DW: Ich find’s super! Ich habe mir erst mal eine Auszeit genommen und genieße es, im Fußball einfach nur Fan zu sein und mir völlig frei aussuchen zu können, wie ich meinen Tag und auch mein Fansein gestalte. Stillsitzen und gar nix machen ist aber auch nicht meins. Deshalb engagiere ich mich unter anderem ehrenamtlich in der Braun-weißen Hilfe der St.-Pauli-Fanszene und nebenbei noch in zwei europäischen Projekten: Zum einen bin ich in der Projektleitung für eine europäische Wanderausstellung über weibliche Fankultur als einfaches Mitglied von FSE – unter anderem mit Unterstützung des Aktionsbündnisses und des Fanladen St. Pauli. Zum anderen habe ich ganz außerhalb des Fußballs gerade gemeinsam mit Freund*innen einen europäischen Verein mit Namen RISE gegründet. RISE hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die größte Bibliothek zur Sozialforschung und Geschichte sozialer Bewegungen in Europa zu retten und nächstes Jahr in Hamburg wiederaufzubauen.

ÜS: Na, dann bleibt ja noch Zeit, uns beim Übersteiger zu unterstützen…

//hog
< nach oben >