Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Keep your mind wide open!

"Hemmungsloser miteinander umgehen"

Machen statt Hören - der Deaf-Fanclub FC St. Pauli

"Ist eben nicht so leicht machbar mit nem Rolli auf der Süd"

Timbos kleine Taktikschule



Keep your mind wide open!


Inklusion ist gerade in aller Munde. Die Volksinitiative "Gute Inklusion" setzt sich für bessere Bedingungen für inklusive Bildung an den Schulen ein. Doch Inklusion ist nicht auf den Zugang zu Bildung beschränkt. Die Aktion Mensch definiert: "Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit, also das Gegenteil von Ausgrenzung. Wenn jeder Mensch – mit oder ohne Behinderung – überall teilnehmen kann, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit, dann ist das gelungene Inklusion."

Vorreiter FC St. Pauli

Im Jahr 2004 fand erstmals ein Fußballspiel am Millerntor statt, zu dem blinde und sehbehinderte Fans auf eigens dafür eingerichteten Hörplätzen per Funkkopfhörer eine Spielbeschreibung hören konnten. Aus diesem Audiokommentar wurde später das AFM-Radio, das Fans überall auf der Welt ermöglicht, per Internet oder Telefon die Spiele unseres FCSP zu verfolgen. Herz und Motor des AFM-Radios ist Wolf Schmidt, der auch der Trainer der Blindenfußballer*innen ist. Die Abteilung wurde im Juni 2006 unter dem Dach der Herrenfußballabteilung gegründet, nachdem Anfang 2005 schon die Torball-Abteilung ins Leben gerufen worden war. Engagierte blinde Sportler, die gerne in einer Mannschaft als Teil eines Vereins spielen wollten, hatten bei verschiedenen Hamburger Vereinen angefragt. Einzig unser FCSP hatte Interesse gezeigt und die Gründung möglich gemacht. Mittlerweile wird in der Abteilung auch Goalball gespielt.

Rolliplätze

Im alten Stadion mit Kuchenblock und Dauerprovisorium Gegengerade durften die Rollifahrer*innen und andere Menschen mit Einschränkungen seinerzeit mit Begleitung im Innenraum stehen/sitzen. Alles war familiär und unkompliziert. Das änderte sich mit dem Neubau des Stadions. Die Rolliplätze wurden auf die Haupttribüne verlegt. Statt mittendrin waren die Betroffenen nun nur noch dabei. Für den Cousin meiner besten Freundin mit Down-Syndrom war dort gar kein Platz mehr. Er musste von nun an einen teuren Sitzplatz auf der Haupttribüne einnehmen und trauert heute noch den Zeiten im Innenraum nach. Die knapp bemessene Anzahl der geplanten Rolliplätze im neuen Stadion rief damals das Aktionsbündnis §6(2)a auf den Plan. Ein Antrag zur Jahreshaupt-versammlung 2012, der im Vorwege heiß diskutiert wurde, forderte 180 Rolliplätze (inkl. Begleitplätzen), im Stadion waren aber nur rund 100 vorgesehen. Am Ende einigte man sich auf eine Gummiformulierung. Ein schaler Nachgeschmack blieb.

AG Inklusion

Während also in den Sport treibenden Abteilungen Inklusion schon vielfältig gelebt wird, tut sich der Verein eher schwer, wenn es darum geht, Menschen mit Einschränkungen den Zugang zum Stadion und zu Dienstleistungen des Vereins zu ermöglichen. Fahrstühle haben nur Mindestmaß, die Homepage hat keine Audiofunktion, die Gehörlosen bräuchten beispielsweise Untertitel zu Videos. In vielen Bereichen fehlt einfach eine Ansprechperson. Das fiel auch dem langjährigen Aufsichtsrat Roger Hasenbein auf, der daraufhin Anfang 2015 gemeinsam mit Sandra Woitschig vom Fanclub-Sprecherrat (und Aktionsbündnis) die AG Inklusion ins Leben rief. Sie bestand damals neben den beiden aus Tom Happe (Präsidium), Jörn Weidlich (Behindertenbeauftragter), Wolf Schmidt, Anni (Rugby-Abteilung, damals Praktikantin), Joni (USP), René (AFM) und Alleen (Fanladen). Später kam auch St. Depri dazu. Zunächst verging viel Zeit damit, überhaupt den Begriff Inklusion zu klären. Dann sah der Plan vor, alle Abteilungen zu besuchen und zu schauen, wo schon Inklusion gelebt wurde. Eine Umfrage auf Basis des Index Inklusion des DFB fraß viel Zeit und brachte leider nur wenig nützliche Ergebnisse. Schnell wurde das eigentliche Problem klar: Ehrenamtlich lässt sich ein solch komplexes Themenfeld wie Inklusion nicht wuppen. Selbst mit einer großen AG, wo allerdings alle Mitglieder auch noch in anderen Gremien oder Tätigkeitsbereichen unterwegs sind, kann man die Fäden nicht zusammen führen. Es braucht eine hauptamtliche Stelle.

Festgefahren

An der Stellenbeschreibung eines/r Inklusionsbeauftragten, die die AG dann bis Mitte 2016 entwickelte, lässt sich gut erkennen, wie notwendig es wäre, die Stelle einzurichten. Die Person wäre Ansprechpartner*in nach innen und außen, müsste den Arbeitsbereich aufbauen und professionalisieren, die bisher bestehenden Maßnahmen zusammenführen und vernetzen. Eine 20-Stunden-Stelle war dafür ursprünglich vorgesehen, immerhin. Allerdings war zunächst geplant, eine bestehende Stelle teilweise umzuwidmen, was auch ansatzweise realisiert wurde. Doch dann übernahm die betreffende Person andere Aufgaben im Verein und... ihr wisst schon, die sportliche Situation wurde zunehmend angespannter, langfristige Festlegungen damit schwierig. 15.000 Euro gab es aus dem laufenden Budget, doch mit einem einmaligen Betrag lässt sich nur kurzfristig arbeiten, was der Sache weder dienlich ist noch ihr gerecht wird. So beschloss die AG zuletzt schweren Herzens, die laufende Saison abzuwarten. Für die kommende Spielzeit gibt es von Präsidium und Geschäftsführung eine Zusage für die Stelle, sollte der FCSP die Klasse halten. In der 3. Liga stünden die Chancen schlecht. Grundsätzlich ließe sich natürlich auch eine bestehende Stelle teilweise umwidmen. Dies widerspräche allerdings der Stellenbeschreibung, die ausdrücklich Erfahrung und Kenntnisse im Bereich Inklusion voraussetzt.

Der Dino ist schon weiter

Wenn oben noch vom Vorreiter FC St. Pauli die Rede war, so ist es nach einer Umfrage des Parentsmagazin Hamburg aktuell eher die Konkurrenz in Stellingen, die ein ganzes Bündel an inklusiven Maßnahmen zu bieten hat. Dort ist die hauptamtliche Inklusionsbeauftragte allerdings Teil der Fanbetreuung. Das erscheint natürlich als elegante Lösung, da sie gleichzeitig auch andere Aufgaben der Fanbetreuung wahrnehmen kann. Andererseits wird so Inklusion auf die Fanbelange reduziert. Es besteht die Gefahr, dass die Vernetzung mit den Sport treibenden Abteilungen und dem Verein als Arbeitgeber ausbleibt. Für den FCSP wäre es daher wünschenswert, dass der/die zukünftige Inklusionsbeauftragte als Stabsstelle direkt an das Präsidium bzw. die Geschäftsführung berichtet und so für die gesamte Koordination zuständig ist. Sollte wider Erwarten doch der Gang in Liga 3 anstehen, so entwickeln sich bereits Ideen, wie die Stelle trotzdem zu finanzieren wäre, etwa teilweise über die AFM (deren Satzung das hergibt) und eine*n passende*n Sponsor*in aus dem Vereinsumfeld.

Der Übersteiger drückt die Daumen für den Nichtabstieg, der neben vielen anderen Vorteilen nun wirklich einen Sinn hätte. Einstweilen zeigen wir im Folgenden aus verschiedenen Perspektiven, wo Inklusion beim FCSP gelebt wird, und blicken natürlich auch über den Tellerrand hinaus.

// kurzpass
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