Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Keep your mind wide open!

"Hemmungsloser miteinander umgehen"

Machen statt Hören - der Deaf-Fanclub FC St. Pauli

"Ist eben nicht so leicht machbar mit nem Rolli auf der Süd"

Timbos kleine Taktikschule



"Hemmungsloser miteinander umgehen"

- Inklusion erfordert Gegenseitigkeit -

Was bedeutet eigentlich Inklusion? Um einer Antwort auf diese Frage etwas näher zu kommen, haben wir uns mit Katja und Michael Löffler getroffen. Das Ehepaar hat vor zehn Jahren die Blindenfußballabteilung des FC St. Pauli gegründet. Katja und Michael sind beide blind. Wir wollten von ihnen wissen, was für Sie Inklusion bedeutet.

Michael Löffler (ML): Ich glaube, dass bei der Inklusion das ganz große Ziel ist, dass am Ende alle gemeinsam im öffentlichen Raum leben und zurechtkommen und auch behinderte Menschen selbstständig und unabhängig klarkommen können, am besten ohne die Hilfe von Spezialeinrichtungen. So müsste man, wenn man Inklusion perfekt machen will, die Bedingungen schaffen, dass jeder, unabhängig vom anderen, zurechtkäme. Damit keine Situation entsteht, in der einer immer der Abhängige ist und Bitten stellen muss. Inklusion besagt ja, dass jeder von jedem lernt. Der Blinde lernt vom Sehenden, der Sehende vom Blinden.

Katja Löffler (KL): Sich gegenseitig etwas geben, das ist das was Inklusion ausmacht. Es geht nicht darum, dass die Nichtbehinderten die Behinderten mitnehmen. Dann hätten wir die Integration, die wir vorher hatten. Die wollen wir jetzt ja nicht mehr, weil es nicht mehr so toll klingt, jetzt heißt es Inklusion.

Ein Beispiel: Zu mir kommen häufig Leute mit Computerproblemen. Ich kenne mich damit ganz gut aus und kann oft helfen. Aber fast alle sind dann erstaunt, wenn ich ihr Problem lösen konnte, obwohl ich blind bin. Sie trauen es mir vorab einfach nicht zu. Wenn wir Inklusion wollen, muss für alle klar sein, dass jeder jedem etwas geben kann.

ML: Ich fühle mich teilweise wie in einem 100-m-Lauf, bei dem alle Sehenden auf der Startlinie stehen. Ich stehe noch 10 m dahinter, weil ich die Linie nicht sehe. Damit ich mit den anderen auf einem Level bin, bin ich also schon 10 m gesprintet. Das ist beim 100-m-Lauf schon ganz schön viel.

Und bei der Inklusion ist es eben auch schon sehr viel, was von behinderten Menschen gefordert wird. Du bist immer erstmal derjenige, der hintendran ist, der erstmal irgendwie kommen und sich erklären muss. Der erklären muss, warum das so ist. Und auch der, der erstmal den Weg lernen muss.

Nehmen wir das Beispiel eines Bewerbungsgesprächs, wo jeder Mensch vorher aufgeregt ist. Ich muss erstmal Stunden damit verbringen, wie ich da überhaupt hinkomme, weil ich nicht einfach mein Handy und Google Maps nehmen kann und losgehe.

KL: Du kannst aber auch nicht sagen, wir stecken jetzt alle zusammen, weil alle voneinander lernen können. Es ist immer gut, wenn man viel fragt, aber die Antworten liegen auch immer in der Persönlichkeit des einzelnen. Man kann keinen Eintopf draus machen.

ÜS: Gibt es denn da Lösungsansätze?

KL: Der Tonangebende ist immer derjenige, der sagt: „Wir machen jetzt Inklusion und wir binden euch mit ein.“ Die Blista in Marburg (Blindenstudienanstalt) hat sich im Zuge der Inklusion jetzt für alle geöffnet. Die sagen, wir machen Inklusion jetzt mal anders herum. Wir nehmen auch Schüler ohne visuelles Problem. Kommt zu uns und lernt mit Behinderungen, mit Blindheit oder was auch immer umzugehen.

Ich finde, das ist eine spannende Herangehensweise, weil man nicht sagt: „Wir bieten euch Behinderten etwas und ihr müsst euch anpassen“, sondern umgekehrt: „Wir Behinderten bieten euch etwas und ihr passt euch unseren Gegebenheiten an. Kommt mal zu uns und schaut euch das an.“ So kann es funktionieren. Wenn beide Seiten, ich sag jetzt mal Inklusionsmacher und Inklusionsempfänger, so etwas machen. Und soweit ich weiß können die sich in Marburg vor Anmeldungen von Nichtbehinderten kaum retten.

ML: Das ist eine Privatschule zum Nulltarif. Mit allerbester Ausstattung.

KL: Eine Eliteschule, wenn Du so willst.

ML: Da würde ich meine Kinder auch sofort hinschicken. Ob ich sie zur Blindenschule am Borgweg schicken würde, müsste ich erstmal genau überlegen.

ÜS: Wo Du gerade von blinden Kindern sprichst. Wie funktioniert denn inklusiver Umgang unter Kindern und Jugendlichen?

ML: Erstmal finde ich es wichtig, dass es die Möglichkeit gibt, inklusiven Sport zu machen. Zum Beispiel Blindenfußball. Da werden Probleme verstanden. Und damit meine ich nicht Probleme, die ein Jugendlicher hat, weil er in der Pubertät ist, sondern die er zusätzlich hat, weil er blind ist. Da können wir z. B. sagen: Wir verstehen, dass du nicht mit Messer und Gabel essen kannst, das ging uns in deinem Alter allen so. Aber du kannst es jetzt lernen und das solltest du, denn du wirst langsam erwachsen. Auf der Klassenfahrt geht keiner zu ihm und sagt: Messer und Gabel ist Standard und Selbermachen ist Trumpf, die machen das dann für ihn. Vielleicht auch, weil sie denken, er könne es gar nicht.

KL: Aber wenn der blinde Jugendliche nicht dumm ist, merkt er, dass alle anderen es anders machen und er Außenseiter ist. Auch wenn die anderen nichts dazu sagen, merkt er, dass er irgendwie anders ist.

ÜS: Also sagt man dem Jugendlichen: „Schneide dein Schnitzel allein“?

ML: Ja, oder auch: „Ich komme mal einen Nachmittag vorbei und wir essen zusammen Schnitzel bis wir kotzen aber danach kannst du es allein schneiden.“

Auf der anderen Seite muss man dann als Blinder auch sagen können: „Kannst du mir helfen, dieses Kotelett mit dem Knochen zu schneiden? Könnte ich auch allein, aber dann ist es kalt, bis ich es essen kann.“

Wenn der Sehende dann schnallt: „Ah, mit Knochen dauert länger, da ist Hilfe angebracht, aber nächstes Mal beim Hähnchenschnitzel nicht, dann sind wir auf einem guten Weg. So kann Inklusion funktionieren.

KL: Aber am Buffet kann er sich vielleicht doch nicht selbst versorgen, weil er dann in jedem Topf rumwühlen müsste. Das würde sicher auch nicht für den Gedanken sorgen: „Wir machen hier Inklusion, dann kann er auch mal in jedem Müsli rumfingern.“

Du musst schon überlegen: Wen hast du vor dir und wie fit ist er. Von was kannst du wirklich ausgehen?

ML: Manchmal hat man ja auch einfach nur schlechte Laune. Wenn du böse guckst, ist die Wahrscheinlichkeit, nicht angesprochen zu werden, schon recht groß. Ich hab hingegen immer das Gefühl, dass von mir Dankbarkeit erwartet wird. Einfach nur mal schlechte Laune wird als undankbar aufgenommen.

KL: Ich glaube, dass Inklusion auch finanzielle Unterstützung braucht, auch ausgebildete Leute, aber vor allem muss es in den Köpfen der Menschen passieren. Solange das nicht passiert, haben wir keine Inklusion.

ML: Wir müssen halt irgendwo anfangen. Vor 150 Jahren wurde ja mal damit angefangen zu sagen: „Behinderte Menschen müssen nicht zuhause sitzen, sondern können allein in die Welt gehen und Berufe erlernen.“ Das ist gut, das ist ein Prozess, der immer weiter geht. Aber was heute passiert, nenne ich auch gern „Inklusion von oben“. Einer sitzt da, drückt einen Knopf und sagt: „Nun machen wir Inklusion und verstehen uns alle ganz toll.“

Es funktioniert aber nicht durch irgendwelche Kampagnen, sondern der ganz normale Umgang miteinander muss einfach selbstverständlich werden. Wichtig ist, dass wir alle hemmungsloser miteinander umgehen, mehr miteinander reden.

ÜS: Vielen Dank für das Gespräch, Katja und Michael.
Mit Katja und Michael sprach MarronBlanco
Katja bloggt übrigens unter www.hoerfutter.com

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