Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Keep your mind wide open!

"Hemmungsloser miteinander umgehen"

Machen statt Hören - der Deaf-Fanclub FC St. Pauli

"Ist eben nicht so leicht machbar mit nem Rolli auf der Süd"

Timbos kleine Taktikschule



Machen statt Hören
der Deaf-Fanclub FC St. Pauli

Gehörlose werden oft übersehen und überhört. Dagegen hilft nur Selbsthilfe: Im Juni 2011 wurde der Deaf-Fanclub FC St. Pauli gegründet. Er hat heute ca. 40 Mitglieder – Gehörlose, Schwerhörige und einige Hörende. Sie kommen aus Hamburg, Bremen, Oldenburg, Schleswig, Nürnberg oder sogar Wien. Sie sprechen meist Gebärdensprache miteinander (siehe Kasten unten). Die DGS ist für mich leider eine Fremdsprache. Im Gespräch mit Thomas, Michael und Sabine hat Vanessa für uns gedolmetscht.

Der Deaf-Fanclub hat seine Anfänge im Jahr 2003. Thomas besuchte damals das erste Mal ein Spiel des FC St. Pauli. Es gefiel ihm besser als beim HSV und er kam wieder. Er wurde eines Tages von einem anderen Gehörlosen im Stadion angesprochen. Seitdem gingen beide zusammen zum Spiel. Sie sind heute im Vorstand vom Fanclub. Die Gruppe wuchs schnell. Gehörlose sind gut vernetzt – viele kannten sich vom H.G.S.V., dem Hamburger Gehörlosen Sportverein. Zur Gründungsversammlung vom Fanclub kamen bereits zwanzig Menschen ins Clubheim.

Der Fanclub ist sehr aktiv. Die Mitglieder machen viel miteinander. Sie begrüßen oft Gäste von außerhalb. Im Sommer wird gegrillt. Das Deaf-Team spielt regelmäßig bei den Fanclub-Turnieren mit. Im April gab es eine Stadionführung mit anschließender Barkassenfahrt. Die Feiern im Rahmen des fünfjährigen Jubiläums gehen bis zum Sommer weiter... Bilder von den vielen Aktivitäten des Deaf-Fanclubs findet ihr auf der Website (siehe Link unten).

Vertreter vom Deaf-Fanclub gehen zur Delegiertenversammlung der FC St. Pauli-Fanclubs. Die Bedürfnisse gehörloser Fans gehen leider auch dort schnell unter. Das kann verbessert werden. Der Fanclub arbeitet außerdem im DDDF mit, dem Dachverband deutscher DEAF Fanclubs e.V. Die letzte Bundesversammlung vom DDDF war Ende März 2017 in Witten. Mit anderen DEAF-Fanclubs sprach man über die Situation und Probleme Gehörloser im Stadion (siehe Link unten).

Die Bedingungen sind bei Red Bull Leipzig besonders gut. Die Gehörlosen haben dort einen eigenen Sitzplatzblock für 60 Personen. Sechs Plätze sind für Gästefans. Die Sicht auf das Spielfeld ist super. Die Karten kosten nur 10 €. Begleitpersonen kommen umsonst ins Stadion. Betreuer helfen bei der Kommunikation. Speisekarten und Getränkekarten erleichtern Bestellungen. Dolmetscher übersetzen Moderationen, Interviews und Sicherheitsansagen. Bayern München hat gerade eine neue Technik vorgestellt: Eine Brille zeigt alle Ansagen als Untertitel an.

Beim FC St. Pauli sind Verbesserungen möglich. Der Deaf-Fanclub arbeitet daran. Die Kommunikation mit dem Verein war am Anfang schwierig. Keiner fühlte sich richtig verantwortlich. Die Sprach-Barriere war ein Problem. Karten holte man am Kartencenter. Dort musste man alles aufschreiben. Veränderungen brauchten Zeit und viele Nachfragen. Der Deaf-Fanclub arbeitete geduldig auf Verbesserungen hin.

Die Mitglieder wechselten mehrfach den Platz im Stadion. Sie standen einige Jahre auf der Gegengerade. Der Kontakt zu anderen Fans war gut. Gemeinsam jubeln und feiern verbindet. Dolmetschen war dort aber unmöglich. Die Anzeigentafel war oft schlecht zu sehen. Viele interessante, wichtige Informationen kamen bei den gehörlosen Fans nicht an.

Die Situation hat sich inzwischen verbessert. Der Deaf-Fanclub sitzt jetzt im Rolli-Bereich. Vanessa übersetzt dort seit November 2016 die Ansagen. Sie ist die Tochter von Thomas und arbeitet ehrenamtlich als Betreuerin. Die Karten kommen nun über Jörn Weidlich, den Behindertenfanbeauftragten. Die Ordner am Einlass wissen Bescheid. Man kennt sich. Vieles funktioniert jetzt sehr gut. Der Fanclub kann für den Rolli-Bereich aber nur acht Karten bekommen. Bei Bedarf gibt es weitere Karten für andere Tribünen. Dort fehlt aber eine Betreuung.

Für Gehörlose ist gute Sicht wichtig für das Stadionerlebnis. Im Zentrum steht das Geschehen auf dem Rasen. Natürlich schreit und feiert man selbst mit. Die Choreo ist aber auch wichtig. Die Bewegung auf den Tribünen vermittelt ein Gefühl für die Stimmung. Fahnen, Transparente, Aufregung, Geschrei, wilder Jubel – man kann den „Roar“ auch sehen. Ein Sitzblock für Gehörlose weiter oben im Stadion wäre die Lösung. Mit freier Sicht auf Spielfeld und Dolmetscher und Platz für Gästefans. Denn das Verhältnis zu den Fans anderer Vereine ist besser als bei den Hörenden. Man unterhält sich gern miteinander.

Ein Sitzplatzblock für Gehörlose scheint aktuell nicht machbar. Ich fände ja, ein Teil der Business-Seats könnte dafür umgewandelt werden. Im Vereinsvorstand fehlt aber scheinbar noch immer ein geeigneter Ansprechpartner. Und der Deaf-Fanclub setzt eher auf kleine Verbesserungen.

Etwas mehr Bewusstsein würde oft reichen. Gelebte Inklusion fängt in den Köpfen an. Das Deaf-Team bekommt z. B. bei Fanclub-Turnieren die Ansagen über Lautsprecher schlecht mit. Das eigene Spiel will man aber natürlich nicht verpassen. Eine persönliche Information oder ein visuelles Signal würden helfen. Das wäre nicht viel Aufwand.

Im Gespräch bei Siegerehrungen oder ähnlichen Anlässen gilt dasselbe. FCSR und Vereinsvertreter müssen nur wenig anders machen: Langsam und deutlich sprechen und ihre gehörlosen Gesprächspartner bewusst ansehen. Dann sind sie besser zu verstehen und das Gespräch wird leichter. Die Mitglieder vom Deaf-Fanclub sind nämlich sehr kommunikativ ... ;-)

// Slarti

Website: www.deaf-fcstpauli.jimdo.com

Forderungen des Dachverbands deutscher DEAF-Fanclubs: www.dddf.eu/massnahmenkatalog/

Gebärdensprache und „Barrierefreiheit“

Bei „Barrierefreiheit“ denken viele Menschen zuerst an Rampen für Rollis. Gehörlose kämpfen aber mit einer Sprach-Barriere. Für sie ist das Deutsch der Hörenden eine Fremdsprache. Denn die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine eigenständige Sprache. Sie hat eigene Regeln, eine eigene Grammatik und Syntax. Das wirkt sich auch aufs Schreiben aus: Gehörlose schreiben oft nach den Regeln der DGS. Das irritiert manche Hörende. Umgekehrt sind Texte von Hörenden für Gehörlose oft ungewohnt und schwer zu lesen. Darum lehnt sich dieser Artikel an die Vorgaben der „Einfachen Sprache“ an. Viele Grüße an die Bildungsbürger vom Abendblatt … (von wegen Wahlzettel zur Wahl in Schleswig-Holstein).

< nach oben >