Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Keep your mind wide open!

"Hemmungsloser miteinander umgehen"

Machen statt Hören - der Deaf-Fanclub FC St. Pauli

"Ist eben nicht so leicht machbar mit nem Rolli auf der Süd"

Timbos kleine Taktikschule



"Ist eben nicht so leicht machbar mit nem Rolli auf der Süd"

Jörn Weidlich ist Behindertenfanbeauftragter beim FC St. Pauli, Vater von Basti (25), Rollifahrer, und St. Pauli-Fan seit 1997. Er arbeitet seit über 30 Jahren als Servicetechniker bei der Post im Schichtdienst und lebt mit Sohn und seiner inzwischen auch auf den Rollstuhl angewiesenen Ehefrau in Pinneberg. Im Millerntorstadion sorgt er dafür, dass Rollifahrer und mehrfach geistig behinderte St. Pauli-Fans und Gehörlose ihren Verein supporten können; er ist Infobörse und Ticketbeschaffer.

Jörn sagt ...

... zu Inklusion im Fußballstadion:
Damit ist es gar nicht so einfach. Viele Rollifahrer und „Läufer“ (behinderte Menschen, die mit ihren Betreuern auch im Rollibereich sitzen) sind mit ihren Plätzen zufrieden, aber wenn jemand bei seinem Fanclub auf der Süd/Nord/Gegengrade stehen möchte, ist das problematisch. So ist das Stadion eben nicht gebaut. Aber es gibt natürlich auch viele behinderte Fans, die wie alle anderen Fans auch ihre Karte (ermäßigt mit Schwerbehindertenausweis) kaufen und zu St. Pauli gehen.

... zu seiner Funktion:
Der Behindertenfanbeauftragte (das ist er offiziell seit 2015, zuvor war er Stellvertreter der 2016 verstorbenen Dagmar Oden, die sich seit Mitte der 90er um die Belange behinderter Fans gekümmert hatte) und sein Team machen das ehrenamtlich und direkt für den Verein. Also anders als der Fanladen und seine Mitarbeiter, die beim Trägerverein Jugend und Sport e.V. angestellt sind. Ich versuche, mich regelmäßig im Fanladen sehen zu lassen. Aber ich habe eben auch noch Job, Familie, Haus, Haushalt und immer viel auf dem Zettel. Die BBAG ( BundesBehindertenfan-Arbeitsgemeinschaft e.V.) und auch der DFB möchten gerne hauptamtliche Inklusionsbeauftragte für die Vereine der Bundesliga.

... zu den aktuell vorhandenen Plätzen für Fans mit Einschränkungen:
Am Millerntor ist die Situation für behinderte Fans aus meiner Sicht ganz gut. Es gibt ca. 68 Rolli-Plätze, 17 Plätze für „Läufer“ und vier Hörplätze auf der Gegengrade (jeweils plus Plätze für die Begleitperson; Kopfhörer können im ganzen Stadion benutzt werden) und davon sind 38 Dauerkarten – nicht, dass es nicht noch besser sein könnte: Wir würden den Rolli-Bereich gerne auf 90 Plätze erweitern, denn die Anfragen übersteigen natürlich das Angebot. Wir kümmern uns am Spieltag um alles, was geht. Die Beeinträchtigungen der Fans sind ja ganz unterschiedlich - vom riesengroßen E-Rolli bis zum Fan mit panischer Platzangst muss vieles bedacht werden, auch für die auswärtigen Fans. Aber das machen wir, denke ich, ganz gut.

... zu Auswärtsfahrten:
Auswärts ist die Situation für behinderte Fans ganz unterschiedlich und die Betreuung ebenso unterschiedlich organisiert - beim FC Bayern z. B. über den Fanclub „Die Rollwagerl“, die 800 Mitglieder haben. Da ist der Fanclubvorsitzende der Behindertenfanbeauftragte. Auch das Platzangebot ist total unterschiedlich, von zwei Karten an aufwärts. Ich kümmere mich ja auch um die Auswärtstickets und fahre mit meiner Familie ja fast zu jedem Auswärtsspiel. Außer in Heidenheim - da hatte ich Schicht - waren wir diese Saison auswärts immer dabei.

... zur Teilhabe am (Fußball-)Leben:
Ich bin kein Inklusionsexperte, aber ich habe ja auch persönlich viel Erfahrung mit dem Thema. Man muss schon sagen, es entwickelt sich was. Aber bis die sogenannte Teilhabe an allen Sachen, die nicht behinderte Menschen so machen können, da ist, das dauert wohl noch. Ist eben auch nicht so leicht machbar, wenn ein Rollifahrer gerne bei den Ultras auf der Süd stehen möchte.

// tati
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