Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Keep your mind wide open!

"Hemmungsloser miteinander umgehen"

Machen statt Hören - der Deaf-Fanclub FC St. Pauli

"Ist eben nicht so leicht machbar mit nem Rolli auf der Süd"

Timbos kleine Taktikschule



Timbos kleine Taktikschule

Heute: Konterspiel

Wie sieht der perfekte Konterfußball aus? Perfekt ist ein Konter natürlich immer dann, wenn an dessen Ende ein Torerfolg steht. Wäre Fußball ein Schachspiel, so würde man sich angesichts eines gegnerischen Konters vermutlich genötigt fühlen, seine Niederlage einzugestehen und seinen König umzukippen. Zu ermattend ist die Überzahlsituation auf dem Brett. Aber im Fußball ist es anders.

Ein Konter ist schwieriger zu spielen, als er aussieht. Häufig werden Konter jäh beendet, weil Laufwege und Timing nicht stimmen. Perfekte Voraussetzungen für erfolgreiches Konterspiel sind geschaffen, wenn das gegnerische Team aufgerückt ist und sich idealerweise auch Defensivspieler in den Angriff eingeschaltet haben. Daher sind meist gegnerische Standards der Nährboden für eigene Kontersituationen. Solche Spielsituationen ergeben sich aber auch häufig bei eigener Führung, wenn das gegnerische Team den Offensivdruck noch einmal erhöht. Naturgemäß ist physische Schnelligkeit eine wichtige Komponente für gutes Konterspiel, allerdings ist die Handlungsschnelligkeit noch wichtiger.

Die Verteidiger bleiben auf gleicher Höhe. Es ist kein Schnittstellenpass möglich, dem ballführenden Spieler bietet sich nur ein Pass auf die Außen, der eigene Torschuss oder ein riskantes Dribbling an.

Die Verteidiger bleiben auf gleicher Höhe. Es ist kein Schnittstellenpass möglich, dem ballführenden Spieler bietet sich nur ein Pass auf die Außen, der eigene Torschuss oder ein riskantes Dribbling an.

Um einen Konter zu starten, muss nach einem Ballgewinn die Möglichkeit eines schnellen Umschaltspiels erkannt werden. Ergibt sich aus dem ersten vertikalen Pass keine Raumöffnung, so ist dieser Pass zu risikoreich, da der ballführende Spieler im Anschluss in eine Drucksituation geraten würde und den Ball schnell zu verlieren droht. Der ballführende Spieler, der einen raumöffnenden Pass spielen soll, muss daher innerhalb kürzester Zeit entscheiden, ob ein solcher Pass Sinn ergibt. Dazu muss erkannt werden, ob das gegnerische Team ungeordnet und zu offensiv aufgestellt ist. Zeitgleich mit dem Ballgewinn müssen Spieler des eigenen Teams eine ähnliche Entscheidung treffen und sich in den freien Raum bewegen, um anspielbar zu sein. Den freien Raum so schnell wie möglich zu besetzen, ist aber auch das oberste Ziel des gegnerischen Teams und somit die erste Aktion nach erfolglosem Standard. Eine Kontersituation ergibt sich also nur, wenn die Spieler des einen Teams nach Ballgewinn die Situation richtig und schneller als die des gegnerischen Teams eingeschätzt haben. Daher führt nicht jeder Ballgewinn bei aufgerücktem Gegner zum Konter. Häufig ergibt sich die Situation nicht oder wird abgebrochen, weil die Spieler das Risiko scheuen, welches ein schlecht gefahrener Konter birgt. Ein Ballverlust im Konterspiel bedeutet nämlich meist, dass drei bis vier Spieler des eigenen Teams in die Verteidigungsarbeit des Gegenangriffs nicht eingreifen können. Dies kann zu gegnerischer Überzahl führen. Ein Umstand, der im Fußball zwingend vermieden werden sollte.

Ist jedoch eine Raumöffnung durch einen Pass erfolgt, ergibt sich dem ballführenden Spieler eine Vielzahl an Möglichkeiten. Die Überzahl (als Beispiel dient hier eine 3-gegen-2-Überzahlsituation, welche verhältnismäßig häufig vorkommt) bedeutet zwangsläufig, dass immer ein Spieler des eigenen Teams ungedeckt ist. Diesen Zustand gilt es, bis zum Torabschluss zu bewahren. Von jetzt an muss jede der Aktionen und Entscheidungen des ballführenden Teams in höchstem Tempo ablaufen, da die numerische Überzahl durch nachrückende Gegner wieder ausgeglichen werden kann. Da die verbliebenden Verteidiger sich ebenfalls erst einmal in der Rückwärtsbewegung befinden, ist der erste Rat an Konterspieler: Gas geben und den Ball ins vordere Zentrum tragen, da sich hier mehr Optionen für einen finalen Pass als auf den Außenbahnen bieten. Die Verteidiger versuchen meist, sich bis zum eigenen Strafraum nicht überspielen zu lassen, und ziehen sich in der Mitte zusammen. Das angreifende Team sollte zu Beginn des Konters die ganze Breite des Spielfelds nutzen, um die Verteidiger auseinander und aus dem Zentrum heraus zu ziehen. Erst im letzten Drittel sollen sich die Angreifer gen Strafraum bewegen. Wurden die Verteidiger auseinandergezogen, sind im letzten Drittel Schnittstellenpässe möglich. Für den letzten Pass ist das Timing der Angreifer wichtig: Die mitlaufenden Spieler müssen sich im richtigen Moment in die freien Räume bewegen. Eine mögliche Option in der Verteidigungsarbeit bietet die Abseitsfalle. Diese sollten die Angreifer umgehen, indem sie sich durchgehend bis zum letzten Pass auf gleicher Höhe oder hinter dem ballführenden Spieler aufhalten. Lassen sich die Verteidiger trotz breiter Staffelung des angreifenden Teams nicht aus dem Zentrum ziehen, so kann durch einen frühzeitigen Pass auf den Außenspieler eine andere Kontersituation erschaffen werden. Der ballführende Spieler kann dann meist ohne Gegenwehr über die Außenbahn bis zum Strafraum vorrücken und die anderen Angreifer können sich auf einen Querpass ins Zentrum vorbereiten. Eine weitere Option bietet sich dem angreifenden Team, wenn direkt nach einem oder durch den raumöffnenden Pass eine Spielverlagerung per Diagonalball erfolgt. Hiermit wird die Verteidigungsarbeit des gegnerischen Teams komplett ausgehebelt. Dieses ist zuerst zu einer Horizontalbewegung gezwungen, da der nun ballführende Spieler andernfalls direkt zum Tor ziehen kann. Meist kann in dieser Situation durch einen weiteren Pass ein Spieler in beste Abschlussposition gebracht werden.

Die Verteidiger stehen nicht auf gleicher Höhe. Stimmt das Timing, so kann mit einem Schnittstellenpass eine 1-gegen-1-Situation erschaffen werden.

Die Verteidiger stehen nicht auf gleicher Höhe. Stimmt das Timing, so kann mit einem Schnittstellenpass eine 1-gegen-1-Situation erschaffen werden.

Wenn der Konterangriff über die Außenbahn läuft und die Verteidiger eine gute Rückverteidigung zeigen, dann lässt sich meist der Querpass verhindern. Stimmen zusätzlich noch die Abstände zwischen den Verteidigern, können diese auch einen Schnittstellenpass verhindern. Ein Vorteil des Zurückfallens bis ins eigene Drittel ist die zusätzliche Abwehrarbeit des Torhüters, der Schnittstellenpässe ablaufen kann. Dem angreifenden Team bleiben somit nicht viele Optionen. Entweder versucht sich der ballführende Spieler selbst im Torabschluss oder spielt einen Pass nach außen. Der Zeitverlust dieses Passes bedeutet jedoch häufig, dass sich nachrückende Verteidiger positionieren können - das Ende der Überzahl.

Es ist also gar nicht so simpel, einen Konter erfolgreich zu spielen. Trotz der Überzahl müssen die Laufwege und das Timing stimmen und beides in höchstem Tempo. Um Kontersituationen zu erschaffen, werden in der tiefen Verteidigung meist zwei schnelle Spieler in den Halbräumen positioniert. Diese erfüllen dann sowohl defensive Aufgaben in der Raumdeckung und können bei Ballgewinn als erste Anspielstation dienen. Sofern es sich nicht um einen Standard handelt, kann auch der Stürmer als Prellbock fungieren.

Folgt man den Aussagen von Pep Guardiola, so ist die Bundesliga „eine Konterliga“. Nirgendwo sonst wird so exzessiv das Gegenpressing zelebriert. Einige Teams spielen auch reinen Konterfußball (siehe Valencia Ende der 90er), welches für viele Fußballfans jedoch ein rotes Tuch ist, da er darauf abzielt, das gegnerische Team in eine Falle zu locken und größtenteils aus stoischer Defensivarbeit besteht. Für mich gehört er wegen seiner disziplinierten Abwehrarbeit des gesamten Teams und der mitreißenden offensiven Spielweise zu einer der schönsten Arten des Fußballs.

// timbo
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