Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Nichts bleibt, wie es bei Uwe Seeler war

Geld verdienen beim FCSP

Kiezkicker steigen in die Bundesliga auf

Timbos kleine Taktikschule Heute: Nicht denken, sondern machen

Neues von den Alten




Nichts bleibt wie es bei Uwe Seeler war

Fußball wird kapitalistischer – doch nur wenige Ligen in der Welt dürfen mitspielen. Hoffnungsschimmer kommt aus Rot-China

Von Hermannus Pfeiffer

Neymars Transfer "hat alles verändert". Das sagt der deutsche Auswahlspieler Mats Hummels. Seit dem 200-Millionen-Deal des Brasilianers sei nichts mehr ausgeschlossen. Doch Auszuschließen war bereits vorher nichts. Die Geschichte des Fußballs wird seit langem vom Finanzkapital und seinen Interessen mitgeschrieben.

Blicken wir kurz zurück. Anfang der achtziger Jahre. Die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher ist gerade einige Jahre in London im Amt und es gelingt ihr, die britischen Gewerkschaften zu schleifen. In den Vereinigten Staaten wird der Schauspieler und kalte Krieger Ronald Reagan zum Präsidenten gewählt. Die beiden rechts-konservativen Regierungschefs deregulieren und liberalisieren Wirtschaft und Finanzmärkte. Bald springt der Geist der Gier auch im Fußball aus der Flasche. 1983 wird der erste Klub, Tottenham Hotspur, an einer Börse gelistet. Damals glaubten die Verantwortlich möglicherweise noch, Kapital für "ihren" Fußball zu akquirieren. Man muss die Börse nicht mögen, aber durch sie kann das Kapital breit gestreut werden. Selbst unter Fans.

Aber, fängt einer mit dem Finanz-Doping an, folgen andere nach. Bis Mitte der 1990er Jahre entscheiden sich viele Klubs, ihr Glück an einer Börse zu suchen. Nicht allein in England, dem Vaterland des Kapitalismus, sondern auch in Italien und Spanien, Schweiz, Österreich und der Türkei. Im Jahr 2000 sprang noch Borussia Dortmund auf den bereits abgefahrenen Zug. Als bis heute einziger Ex-Verein in Deutschland ging der BVB an die Börse. Das spülte einige Millionen D-Mark in die Kasse des Klubs. Aber am Aktienkurs der Dortmunder wird beispielhaft deutlich, wie die Träume der Bosse und ihrer Fans platzten. Die frischen BVB-Aktien kosteten vor siebzehn Jahren umgerechnet 11 Euro – heute liegt der Kurs bei nicht einmal 7 Euro. Für Aktionäre ein verdammt schlechter Deal. Andere Börsenklubs wie Grasshopper Zürich gingen Pleite; und viele Kicker-Aktiengesellschaften sind inzwischen vom Kurszettel wieder verschwunden. Das Kursbarometer "Stoxx Europa Football Index" dümpelt seither jahrelang vor sich hin. Klubs aus Großbritannien und Spanien fehlen ohnehin darin ganz.

Dies alles zeigt uns, dass die Beteiligung an einem Fußballklub unmittelbar ein schlechtes Geschäft ist. Bestenfalls eine Liebhaberei. In Deutschland beschritt man ohnehin einen Sonderweg. Die zuletzt lautstärker in Frage gestellte 50-plus-1-Regel des Deutschen Fußballbundes (DFB) verhinderte feindliche und freundliche Übernahmen durch reine Finanzinvestoren. Dennoch erlaubt der DFB seit 1999 Kapitalgesellschaften. Bayer 04 Leverkusen machte den Anfang. Im Jahr 2016 waren dann 14 der 18 Fußballfirmen in der 1. Liga Aktiengesellschaften, Kommanditgesellschaften auf Aktien oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung.

Warum kaufen Oligarchen Klubs?

Als die Ära der quasi noch demokratischen Aktiengesellschaften endete, mit denen sich Vereine Geld für ihren Spielbetrieb verschafften, kamen Oligarchen und Finanzinvestoren. 2003 kaufte der russische Milliardär Roman Abramowitsch den englischen Traditionsklub FC Chelsea. Manchester United – heute Spitzenreiter im Marktwert-Ranking der europäischen Fußballunternehmen – ging zwei Jahre darauf an Malcolm Glazer aus den USA, einer "Heuschrecke". Faktisch fraß Glazer den Klub und ließ diesen für seine eigene feindliche Übernahme bezahlen. ManU ist heute eine "Public Limited Company", die auf den Kaiman-Inseln beheimatet ist, einer berüchtigten Steuerfluchtburg.

Doch warum steigen Investoren in ein Business ein, das eigentlich nur Verluste produziert? Sehen wir von persönlichen Aspekten ab – Abramowitsch wollte sich offenkundig zu einer öffentlichen Person machen, um sich gegen Anfeindungen des russischern Staates zu schützen – geht es im Kern um "Inhalte" und private, profitorientierte Medien! Zuschauereinnahmen sowie der Verkauf von Trikots und Werbeflächen sind aus Sicht der Investoren zwar fürs Image wichtig, tragen aber zum Gewinn unterm Strich zu wenig bei.

Ein Vorreiter war der multinationale Medien-Zar Rupert Murdoch. Er setzte mit Sky TV den ersten Bezahlsender auf dem britischen Fernsehmarkt durch. In der Bundesrepublik begann das Privatfernsehen auch mit einem großen, heute weltweit führenden Spieler: Bertelsmann. 1988 startet der Bertelsmann-Sender RTL aus Köln mit seiner Bundesliga-Berichterstattung. Als Rampensau unterhielt uns Ulli Potofski durchaus achtbar. Umgerechnet 20 Millionen Euro kosteten die Senderechte damals. Später holt sich die "Sportschau" der ARD das Spiel zurück. Die Vollversorgung übernimmt die Nachfolgerin der 1991 von Leo Kirch gegründeten Premiere AG, heute Sky Deutschland. Das Internet schuf seit den 1990er-Jahren weitere Vermarktungsmöglichkeiten für Fußball-Inhalte. In dieser Saison sind Spieltage und Berichterstattung in den Medien daher zerfasert wie nie zuvor. Ähnliche Entwicklungen machten andere große Medienmärkte durch, in Westeuropa, in den USA, in Kanada und seit jüngster Zeit auch in Südostasien und China. Überall dort müssen aberhunderte Kanäle mit Quiz-Sendungen, Love-Storys und Sport gefüllt werden. Die riesige und immer noch schnell wachsende Nachfrage nach TV-Gebolze hat die Preise rasant nach oben getrieben. Aus den Millionen wurden Milliarden Euro, Dollar und Renminbi, die für den Inhalt "Fußball" gezahlt werden. Das Spiel beginnt, sich für die Investoren auszuzahlen.

Das Casino bebt wieder

In den 1990ern internationalisierten sich Finanzen und Fußball. Galt früher das Interesse der meist männlichen Anhänger einem lokalen Verein und der nationalen Liga, gewannen nun Ligen aus anderen (europäischen) Ländern größere Aufmerksamkeit. Mittlerweile reisen ManU, Bayern oder Real wie selbstverständlich nach Dubai, Japan oder China, um für sich und ihre Produkte zu werben.

Inzwischen scheint sich der Fußball-Kapitalismus für die Investoren zu "rechnen". Der Gewinn von Manchester United betrug im Spieljahr 2016/17 etwa 200 Millionen Euro. Und der Fußballaktienindex "Euro Stoxx" steigt seit 2016 an - das Casino bebt endlich wieder. Der internationale Profifußball konnte im Geschäftsjahr 2015/16 den Umsatzrekord aus dem Vorjahr erneut übertreffen. So stiegen die Gesamtumsätze des europäischen Fußballmarktes (ohne Transfererlöse) von 21,8 auf 24,6 Milliarden Euro. Dies geht aus dem neuen „Annual Review of Football Finance“ hervor, den die Unternehmensberatung Deloitte im Juli veröffentlichte. Gewinner sind die großen Ligen. Genauer: Einige große Klubs in großen Ligen. Mit einem Umsatz von rund 13,4 Milliarden Euro kommen die 1. Ligen in England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich zusammen auf einen Marktanteil von 54 Prozent! Zwar gibt es erste Anzeichen einer Übersättigung unter den heimischen Konsumenten der Top-Five-Ligen. Doch die mediale Ausdehnung vor allem nach Asien, mit seinem wachsenden, kaufkräftigen Mittelstand, kann dies bislang locker übertrumpfen.

Im internationalen Vergleich rangiert dann selbst die 2. Bundesliga noch beispielsweise vor der niederländischen Eredivisie mit früheren internationalen Giganten wie Ajax, Feyenoord oder PSV und verzeichnet den dreifachen Umsatz der schottischen Premier League oder der Bundesliga in Österreich. Dabei ist die Austria-Liga reich im Verhältnis zu Ligen in Südamerika, Afrika oder Mittel- und Osteuropa. Deren gute Spieler sind lediglich noch Rohstoffware für den Fußballkapitalismus in den Top-Ligen Westeuropas.

In den meisten Ländern verdorrt der Fußball, wie der weit gereiste Berliner Lektor Stephan Lahrem in einem Vortrag für "Die Neue Gesellschaft" in Hamburg eindrücklich zeigte. Leider ist Stephan für diese Ausgabe des "Übersteigers" verhindert. Hier nur soviel: Selbst Spitzenspiele locken kaum noch Zuschauer an; Hooligans und "Nazis" machen Krawall; und Korruption durchzieht die Branche in vielen, auch traditionsreichen Fußball-Ländern wie Griechenland. Verzerrt wird der Spielbetrieb durch "Farmteams", die Investoren-Klubs in finanzschwachen europäischen Ligen, in Südamerika oder Afrika unterhalten, um für preiswerten Nachschub an Spielern zu sorgen. Ein anderer Auswuchs ist der Kinder-Handel. Shane, der Sohn des niederländischen Altstars Patrick Kluivert, hat nun einen Vertrag mit dem Sportartikelkonzern "Nike". Shane ist neun.

Ende in Sicht

Neu ist das verstärkte Engagement von (staatlichen) Akteuren ohne Profitinteressen. Das große China versucht über seine vielfältigen Aktivitäten wie dem Kooperationsvertrag mit dem DFB international sportlichen Anschluss zu finden. Das kleine Katar - umringt von größeren Nachbarn wie Iran und Saudi-Arabien, die miteinander streiten - verschafft sich global Aufmerksamkeit etwa durch die Ausrichtung der Weltmeisterschaft und den Kauf des französischen Hauptstadtklubs.

Davon haben die vielen FußballfreundInnen nicht wirklich was. Immer noch wird gespielt, gibt es Gewinner und Verlierer und nur einer kann Meister werden, andere Klubs steigen halt ab. Der Kommerz nutzt fast ausschließlich einem überschaubaren Kreis von Akteuren: Investoren, der werbenden Industrie, dem Management der großen Klubs, ein paar Spielern weltweit und ihren sogenannten Beratern.

Früher, zu Adolf Jägers und Uwe Seelers Zeiten, war nicht alles besser, aber vieles war gut (frei nach Uwe Steimle). Heute geht es nicht um "Fairplay", auch nicht um das "Financial Fairplay" des europäischen Fußballverbandes Uefa – mit solchen moralinsauren Überhöhungen werden in der aktuellen Wirklichkeit vor allem die bestehenden Verhältnisse zementiert oder sie werden, wie im Fall Neymar, unterlaufen.

Immerhin suchen und finden Fußballfreunde in aller Welt noch alternative Ansätze. So werden hierzulande Stadionnamen entkommerzialisiert wie in Nürnberg und Hamburg (mit finanzieller Unterstützung von "Sponsoren"). Chinas Sportministerium deckelt die Gier seiner privaten Klubs, in dem es die Zahl der ausländischen Spieler, welche auflaufen dürfen, auf drei begrenzt. Zudem müssen die Klubs die Summen, die in Spielertransfers fließen, nochmals in die Jugendarbeit investieren. Würde Chinas Modell Schule machen, hätten die Zuschauer in finanzschwachen Ligen wie in Brasilien, Polen oder Ghana wieder eine Chance, heimische Talente spielen zu sehen.

// Hermannus
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