Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Nichts bleibt, wie es bei Uwe Seeler war

Geld verdienen beim FCSP

Kiezkicker steigen in die Bundesliga auf

Timbos kleine Taktikschule Heute: Nicht denken, sondern machen

Neues von den Alten




Kiez-Kicker steigen in die Bundesliga auf

Freitagabend. Im hinteren Raum des Clubheims herrscht reges Treiben. Knapp 40 Leute sind heute zum „KiezKickerKing“-Turnier gekommen. Die Tischfußball-Abteilung hat sieben ihrer Tische aufgebaut. Diese Turnierserie ist offen für alle. Abteilungsmitglieder, Gäste, Ligaspieler und auch Anfänger. Es melden sich feste Paare an und spielen um den Titel, wie an jedem Freitag. Manchmal sind sogar bis zu 40 Paare am Start.

Überhaupt ist die Schwelle, Kontakt zur Kicker-Abteilung aufzunehmen, recht gering. Ein weiteres Jedermann/frau-Turnier findet immer mittwochs statt. Mittwochs zum „Absolute Giganten“-Turnier melden sich keine Paare, sondern Einzelspieler*innen an. Im „DYP-Modus“ (Draw Your Partner) wird jeder Anfängerin und jedem Anfänger ein/e erfahrene/r Ligaspieler*in zugelost. So haben hier auch weniger erfahrene Akteure Chancen auf einen Turniersieg.

Kickern in der Liga

Diese offenen Turnierserien im Clubheim sind wichtige Bestandteile des Abteilungslebens, kommen hier doch Spieler*innen aus allen Teams regelmäßig zusammen. Dennoch machen sie nur einen kleinen Teil aus, denn wie in anderen Sportarten gibt es auch im Tischfußball einen regelmäßigen Ligabetrieb und der ist in Hamburg besonders ausgeprägt. Über 100 Teams treten hier in verschiedenen Ligen an. Allein 27 Teams stellt der FC St. Pauli. Inzwischen hat die 2009 gegründete Abteilung über 300 Mitglieder, davon etwa 40 Frauen.

Während in der 1. und 2. Bundeliga Frauen und Männer in getrennten Ligen spielen, wird in Hamburg in gemischten Teams gekickert. So wie in St. Paulis Team „Fivebar“, neben dem Team „Fightclub“ eines von zwei FCSP-Teams in Hamburgs 1. Liga. „Fivebar“ besteht aus fünf Frauen und sieben Männern. „Vielleicht werden Frauen eher mal unterschätzt“, erzählt Spielerin Nele, „ aber beim Kickern werden Spieler sowieso vorab in Schubladen gepackt, je nach Leistung. Das ist kein Geschlechterding. Nur wenn wir aufsteigen würden, dürften wir nicht als gemischtes Team weiterspielen. Diese Schnittstelle ist ungünstig.“

Mindestens vier Leute sind für ein Team nötig, im Durchschnitt bilden sechs bis sieben Spieler*innen ein Team. Ein Ligaspiel setzt sich (in Hamburg) i.d.R. aus acht Einzeln mit je einem Satz und vier Doppeln mit je zwei Sätzen zusammen. Jedes Team stellt zunächst geheim auf, woraus sich die Paarungen ergeben.

Pro Satz werden maximal zehn Bälle gespielt. Der höchstmögliche Sieg ist demnach ein 6:0, der knappste Sieg ein 6:4. Für einen Sieg gibt es zwei Punkte. Auch ein 5:5 Unentschieden ist möglich, hier wird jeweils ein Punkt vergeben. Insgesamt werden bei einem Ligaspiel 32 Satzpunkte vergeben.

Der Bundesligaaufstieg

Überregional gibt es die 1. und 2. Bundesliga. Diese werden an einem Vorrunden- und einem Final-Wochenende gemeinsam und zentral ausgespielt. Im restlichen Jahr spielen die Teams zusätzlich in Ligen ihres Landesverbands. Wer dort oben mitspielt, kann an der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga teilnehmen. Dort spielte in dieser Saison auch St. Paulis Team „Fightclub“, welches hier offiziell als FC St. Pauli unsere Vereinsfarben an den Stangen vertritt.

Am vorletzten Augustwochenende fand in Düsseldorf der Finalspieltag der Bundesligen statt. St. Pauli war als Vierter der Vorrunde fürs Viertelfinale der 2. Liga qualifiziert. Und hier stand gleich ein Stadtteilderby an. Gegen die „Gadgettos“ vom Nobistor wurde das Halbfinale erreicht. Dort wartete der ASC Göttingen. Da es drei Aufsteiger gibt, war das knappe 8:6 im Halbfinale gleichbedeutend mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga. Mit dem gleichen Ergebnis gegen Gehlenberg holten sich die St. Paulianer im Finale schließlich auch die 2. Liga-Meisterschaft. Nun warten in 2018 so prominente Namen wie Hannover 96 und Eintracht Frankfurt, welche in diesem Jahr das Finale um die Deutsche Meisterschaft ausspielten. Diese holten sich die Niedersachsen.

Kurbeln, Anschlagen und andere Fouls

Tischfußball ist ein sehr fairer Sport. Meist kommt man ohne Schiedsrichter aus, auch in Ligaspielen. Dennoch können Schiris angefordert werden, was bei erwartet brisanten Partien passiert. „Anschlagen und Zeitfouls passieren verhältnismäßig oft“, erzählt Oliver Schlancke, Hamburgs Schiedsrichterobmann im Tischfußball. „Sowas wird dann je nach Vergehen mit Freistößen bestraft, der Regelkatalog ist recht dick.“ Das Foul „Anschlagen“ bedeutet, die eigene Stange etwas ruckartig an den Tischrand zu ziehen und durch diese Erschütterung den Gegner bei der Ballannahme zu stören. Zeitfouls sind zu langes Halten des Balles. Eine am Kneipenkicker recht unbekannte Regel: Pässe dürfen, außer aus der Deckung heraus, nur mit bewegten Bällen gespielt werden. Der Pass eines ruhenden Balls von der Mittelreihe in den Sturm ist ein Foul.

Ein bekanntes Foulspiel hingegen ist die verlorene Stange, im Volksmund als „Kurbeln“ bekannt. Erlaubt ist tatsächlich eine Rotation von 720 Grad, also zwei Umdrehungen. Die Füße der Puppe, wie die Spielfigur genannt wird, stehen vor dem Ball. Dann macht die Puppe eine Umdrehung, trifft den Ball und darf regelkonform noch eine weitere Umdrehung nach dem Schuss machen (siehe auch „Leser*innen-Service: So gelingt Dir der perfekte Übersteiger“). Erst wenn die Umdrehung nochmal über die Stelle hinausgeht, an der der Ball lag, liegt ein Vergehen vor. Dies als etwas ausführlichere Erklärung, um der allgemeinen Kurbeln-oder-nicht-Diskussion vorzubeugen. Damit aber auch genug der Regelkunde.

Ist Kickern ein Sport?

„Sport ist Sport, wenn es jeder machen und durch Training besser werden kann“, sagt der Schiri-Obmann und fügt hinzu: „Beim Tischfußball sind 25% Können, 75% sind Entscheidungen. Erfahrung und Wissen müssen da sein, der Kopf muss trainiert werden.“ Dem pflichtet St. Paulis Abteilungsleiter Luciano Auria bei: „Es ist ein sehr schneller Sport und man muss sehr schnell viele Entscheidungen treffen. Jeder kann diesen Sport betreiben. Größe und Kraft spielen keine Rolle, mentale Stärke ist wichtiger.“

Welt-Kicker-Hauptstadt St. Pauli

Der FC St. Pauli ist inzwischen der größte Tischfußball-Verein der Welt. Der Stadtteil ist natürlich prädestiniert. Auf etwa 50 öffentliche Tische schätzt Luciano die Kickerdichte im Viertel. Die Community wird größer, doch auch die Hemmschwelle für Anfänger wird höher. Am Hamburger Berg trifft man immer öfter auf Ligaspieler. Das Niveau in den Kneipen macht den Einstieg schwer. Allerdings wollte früher niemand seine Tricks verraten. Heute gibt es Trainer. Tricks werden gezeigt und geübt und alle profitieren. Auch beim FCSP sind Neulinge im Training willkommen. Außer im Clubheim finden Training und Ligaspiele im Ex-Sparr am Hamburger Berg und im Kixx am Nobistor statt.

Barrierefreies Kickern

Im FC St. Pauli gibt es zwei inklusive Teams. Geistig behinderte Menschen trainieren hier u.a. Koordination. Und schon sehr früh hat die Abteilung einen Rollstuhl-Kickertisch angeschafft. Rollis können drunter fahren und die Spieler haben über die etwas niedrigere Bande eine gute Sicht. So können stehende Spieler zusammen mit Rollstuhlfahrern spielen. Beide Inklusionsteams spielen im regulären Hamburger Ligabetrieb.

KiezKickerKing und Meister

An diesem Freitagabend im Clubheim hatten alle Sanktpaulianer*innen das klare Nachsehen gegen ein auswärtiges Team. Den Titel „KiezKickerKing“ holte sich ein Duo bestehend aus der dänischen Nationalspielerin Nathalie Saltz und dem für Hannover 96 spielenden Minyoung Bai, frisch gebackener Deutscher Meister. Die beiden boten ein Niveau, bei dem es dem Laien schon schwer fällt, überhaupt den Ball zu verfolgen. Ihn zu verteidigen ist auch für Ligacracks kaum möglich.

Website: fcstpauli-tischfussball.de
Facebook: www.facebook.com/fcsp.kickern
Bundesligatabellen: www.dtfl.de
Hamburger Tabellen: www.kickern-hamburg.de

Training im Clubheim:
mittwochs 18-19.30h, freitags 18.30–20h

Training Inklusionsteams (mit Rollstuhlkicker):
jeden zweiten Mittwoch 18-20h im Clubheim

Jugendtraining:
In Kooperation mit der Kicker Academy im Haus der Jugend Lattenkamp (dienstags 17-20h)

Offene Turniere:
„Absolute Giganten“ immer mittwochs im Clubheim (Doppelturnier für Einzelspieler*innen), „KiezKickerKing“ immer freitags im Clubheim (feste Doppel)

Marron Blanco
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