Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Nichts bleibt, wie es bei Uwe Seeler war

Geld verdienen beim FCSP

Kiezkicker steigen in die Bundesliga auf

Timbos kleine Taktikschule Heute: Nicht denken, sondern machen

Neues von den Alten




Timbos kleine Taktikschule

Heute: Nicht denken, sondern machen – Interview mit Ulrich Oldehaver, Mental-Trainer

Ulrich Oldehaver ist Geschäftsführer und Coach der MindVisory GmbH. Neben seiner Tätigkeit als Coach für Manager und Führungskräfte liegen seine Schwerpunkte im Sport-Mental-Training und mentaler Leistungsdiagnostik. Hierbei betreut er auch Teile der deutschen Olympiamannschaft.

Herr Oldehaver, in den USA ist Mental-Training ein fester Bestandteil im Profi-Sport, in Deutschland hingegen eher ein Nischenbereich. Warum ist das so?

Das hat mit der Kultur und Erziehung zu tun. Jeder Sportler weiß, dass der Körper nur die eine Seite ist, aber die Bereitschaft sich mental und geistig weiterzuentwickeln, hat in den USA eine andere Kultur. Das ist sozusagen schon lange amerikanisches Grunddenken, in Deutschland hingegen herrscht eher die Einstellung „Ich bin ein ganzer Kerl, ich habe kein Problem mit meinem Kopf“. Kanada zum Beispiel hat vor den olympischen Spielen in Vancouver etwa 13 Millionen Euro für Mental-Training seiner Athleten ausgegeben. In Deutschland ist man davon wahnsinnig weit entfernt, obwohl man durch Mental-Training in der Regel acht von zehn Athleten besser machen kann.

Wie entwickelt man bei Sportlern „mentale Stärke“?

Das ist nicht pauschal zu beantworten, es kommt auf den Einzelfall an. Eine der wesentlichen Fähigkeiten, die trainiert werden, ist die sogenannte „Ablenkungsresistenz“ oder „emotionale Freiheit“, also die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, das es dem Athleten ermöglicht, sein Leistungsmaximum zu bringen. Für manche ist es dabei wichtig, die Aufmerksamkeit an etwas zu binden, das sie aggressiv macht und motiviert. Mein Klient Markus Deibler antwortete mal auf die Frage, was ihn motivieren würde: „Ein Blick auf die Starterliste. Wenn ich links Phelps und rechts Lochte habe (Michael Phelps und Ryan Lochte, US-amerikanische Schwimmer, Anm. d. R.), dann bin ich voll da.“ Für jemand anderen könnte das eine absolute Katastrophe sein, der stellt sich besser vor, es sei ein Trainingsspiel. Mentale Stärke bedeutet, dass die Athleten in jeder Lage das abrufen, was sie maximal können. Und es ist traurig zu sehen, wie häufig das nicht klappt.

Fußballer stehen in vielen Situationen auf dem Spielfeld unter enormen Druck. Wie kann ein Spieler damit am besten umgehen?

Der beste Weg ist, den Spieler dahin zu trainieren, dass er die Situationen auf dem Platz freudvoll erfährt. Es ist ja nicht so, dass die Situation an sich das Problem darstellt, sondern seine Interpretation von „Was bedeutet das für mich persönlich?“. Ich habe mal einen PET-Scan der Spieler Honda (Keisuke, Anm.d.R.) und Neymar miterleben dürfen. Das ist ein Test, bei dem man dem Gehirn beim Arbeiten zuschaut. Hierbei wurde beiden Spielern ein Ball gegeben und sie sollten ihn in ein leeres Tor schießen. Danach wurden ihnen schrittweise mehr und mehr Gegenspieler in den Weg gestellt. Bei Neymar hat man gesehen, dass während seiner Aktionen das ganze Gehirn aufflammte. Das war der Wahnsinn. Auf die Frage nach seinem Empfinden antwortete er, dass die Situation für ihn spannender wurde, je mehr Gegenspieler auf dem Platz waren. Bei Honda hingegen hat das Gehirn bei mehr Gegenspielern immer weiter abgeschaltet. Am Ende war nur noch in der Amygdala Aktivität zu sehen, also dem Bereich im Gehirn in dem sich Panik breitmacht. Der übrige Teil des Gehirns war inaktiv. Und er meinte, dass er Panik bekommt, wenn er auf so viele Gegenspieler trifft. Das ist der Unterschied. Nicht die Gegenspieler, sondern die Frage, was ich darüber denke. Das ist, was wir im Mental-Training trainieren, weil bei einigen das Gehirn schlichtweg inaktiv wird. Das wirkt sich dann auch neuromuskulär aus, d.h. die Athleten sprinten langsamer, weil das Gehirn in Panik viele sinnlose Muskelgruppen aktiviert, sodass diese Antagonisten den Bewegungsablauf gefühlt anstrengender, aber tatsächlich langsamer machen. Wenn ich jedoch in die Spielfreude komme, dann bin ich im „Flow“. Wenn ich mir aber Gedanken mache was passiert, wenn wir heute verlieren, dann kann es nicht funktionieren.

Sie haben den Begriff „Flow“ verwendet. Im Fußball wird auch der Begriff „Momentum“ für starke Phasen einer Mannschaft genutzt…

…genau, plötzlich passt alles: Jeder Pass kommt an und der unmöglichste Ball wird plötzlich sauber gestoppt. Timothy Gallwey hat in einer Buchreihe („The inner Game of…“, Anm. d. R.) das Selbst-1 und das Selbst-2 beschrieben. Das Selbst-1 ist der logische, der bewusste Verstand, also der Teil, mit dem wir uns fragen: „Was passiert, wenn wir heute verlieren“. Das Selbst-2 ist der Teil, der dafür sorgt, dass wir das tun, was wir können, wenn man uns lässt. Laut Gallwey ist das Problem, dass wir zu oft meinen, und das ist eben auch sehr deutsch, mit dem Selbst-1 Situationen kontrollieren zu können. Wenn ich als Fußballer nun versuche, mir selbst zu erklären, wie ich den Elfmeter schießen muss, damit er reingeht, dann wird es schwierig, weil der Teil, der versucht, es uns zu erklären, nicht der Teil ist, der es kann. Das Selbst-2 ist nun der Teil, der zum Tragen kommt, wenn eine Mannschaft im „Flow“ ist, bzw. das „Momentum“ da ist. Wenn die Spieler also vergessen zu denken und einfach nur noch machen und damit auch das Beste, was sie draufhaben, abrufen, dann kann man diesen Zustand erreichen.

Wie bringt man Spieler in diesen „Flow“?

Anders herum: Was uns aus diesem „Flow“ bringen kann, sind zwei Dinge: 1. Wenn die Aufmerksamkeit nicht bei dem Spiel oder dem Wettkampf ist und 2. Wenn man körperlich in einer Haltung oder einem Zustand ist, der die mentale Fähigkeit minimiert, also, wenn man die Schultern hängen lässt, nach unten schaut oder flach atmet. Diese beiden Dinge muss man immer wieder auftrainieren, d.h. ich trainiere die Athleten darin, dass sie in der Lage sind, ihren Fokus auf das zu richten, was in dem Moment für sie relevant ist. Und ich lehre sie, ihre Haltung zu bewahren, den Blick horizontal zu richten, tiefer ins Zwerchfell zu atmen. Diese kleinen, einfachen Dinge haben eine riesige Rückkopplung auf das Mentale. Wenn ich also manche Spieler über den Platz schleichen sehe, dann weiß ich, dass das nix werden kann, da kann kein „Flow“ entstehen.
Der FC St.Pauli spielte letzte Saison gegen den Abstieg und hat diesen durch eine starke Rückrunde vermieden.

Inwiefern gehen Spieler und Mannschaften aus solchen Ereignissen gestärkt hervor?

Klar, so etwas kann helfen. Der HSV dient aber als Gegenbeispiel. Da hat es eben nicht geholfen, mehrfach durch die Relegation zu kommen. Aber da ist natürlich auch mehr Fluktuation auf allen Ebenen, also viel weniger Konstanz als bei St.Pauli, was sicherlich nicht hilfreich ist. Beim FC St.Pauli kann ich mir gut vorstellen kann, dass so etwas stärkt, weil sich die Mannschaft auch als Mannschaft begreift und mit Herz dabei ist. Je mehr es um die Frage geht: „Was wird nächste Saison aus mir?“ und nicht aus der Mannschaft, desto weniger hilft das. Das erleben Menschen auch außerhalb des Sports, wenn man etwas zusammen geschafft hat, was schwer aussah, dann gibt es einen Kick, aber nur wenn die Menschen zusammenbleiben und auch zusammenbleiben wollen. Insofern bin ich bei St.Pauli recht zuversichtlich, dass der gemeinsam erreichte Klassenerhalt einen nachhaltigen Kick gegeben hat.

// timbo
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