Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Appetite for destruction!

Timbos kleine Taktikschule Heute: Big Data im Fußball

der Kosmos von Viva con Agua

The Football Walk! For Water 2017

Neues von den Alten



The Football Walk! For Water 2017


Wir hatten schon im letzten Übersteiger einen Bericht vom Water! Walk 2017 im Heft. Da in Ostafrika aber so viel geschehen ist, jetzt die Fortsetzung:

Da walkt er nun dahin, der Wanderzirkus von Viva con Agua. 533 Kilometer von Kigali (Ruanda) über die Grenze nach Kampala in Uganda. 28 Walker*innen, die sich für Verständigung und „Sauberes Wasser für Alle“ einsetzen und dafür bis zu 38 Kilometer am Tag bei bis zu 33 Grad durch Ostafrika wandern. 135 gezählte Blasen an den Füßen holten wir uns dabei, tausenden von Kindern haben wir zugewunken.

Nebenbei wurde dann auch noch morgens vor dem Walk oder abends nach dem Walk an Schulen und Universitäten Fußball gespielt. Meistens gewannen die Schüler und Studenten aus Uganda, aber darum ging es uns gar nicht. Das gemeinsame Spiel war das Ziel und die Vermittlung unserer Botschaft: sauberes Wasser für alle - auch für das Händewaschen nach dem Toilettengang.

Aber wie soll das funktionieren, wenn es kein fließendes Wasser gibt – schon gar nicht auf den teilweise verseuchten Plumpsklos, wo logischerweise auch keine Waschbecken vorhanden sind? Die Wasserkanister oder der Brunnen stehen meistens hunderte von Metern entfernt - viel zu weit weg, um sich dorthin zu bemühen. Aber selbst in der Hauptstadt Kampala, wo es zumindest Waschbecken gibt, werden sich selten die Hände gewaschen, so meine Beobachtung auf den Männertoiletten.

Und so waren wohl auch unsere mitgebrachten Sticker, die den Kreislauf beim Händewaschen aufzeigen, etwas weit vorgegriffen. (Foto Händewasch-Sticker) Sie wurden an Schulen, Universitäten, auf vorhandenen Toiletten verteilt und manchmal sogar auf Autos in Kampala gesehen. (Foto Sticker auf Auto)

Walking to Kampala

Ich steige erst beim letzten Drittel zu den Walkern dazu, in Kibaale in der Region Rakai. Für etwa 180 Kilometer vom Kampala aus benötigen meine Mitstreiterin Hanna, unser Fahrer Calvin und ich acht Stunden. Es ist kurz vor 24 Uhr, als wir das Camp erreichen und die Truppe mit einem erleichterten „Moin Moin“ begrüßen können. Schnell merke ich, dass ich Gruppenopa bin mit mindestens 12 Jahren Altersunterschied. Das wird mir auch beim Walken klar. Die Truppe ist eingelaufen und abgestimmt, den ersten Tag beende ich nach 15 Kilometern mit Krämpfen und Erschöpfung bei 30 Grad, die restlichen 13 Kilometer fahre ich auf dem offenen Polizeiwagen mit (Foto). Einen tollen Überblick habe ich von hier über die grüne kultivierte Landschaft. Hier wächst alles: Mango, Jackfrucht, Tomaten, Mais, Zuckerrohr, Bananen … und was für einen tollen, frischen Geschmack die Früchte haben! Hier ist Budduu-Gebiet – gerüchteweise soll noch immer Gruppen geben, die Männer fangen, opfern und essen. Wir kommen aber problemlos durch und werden ohnehin von einer Polizei-Crew rund um die Uhr begleitet.

Die chinesischen Armeezelte für unsere Küche und zum Essen werden zuerst aufgebaut, damit unsere ugandischen Köche unser Frühstück und Abendessen zubereiten können. Die Begleitcrew mit Maren, Raliza, Lutz und Rebelzer fährt unser Gepäck, Paul bereitet 1.000 Liter Wasser für unseren Trink-, Koch- und Duschbedarf auf. Auch einen Kühlschrank haben wir für unser Abendbier im „Kanaster“ dabei. Dieser wird mit einem Generator betrieben, bei dem wir auch unsere Handys aufladen können. Luxus pur, da es ganze Dörfer hier ohne Strom und frisches Trinkwasser gibt.

Wir erreichen die Hana International School Uganda (HISU) in Nsangi, eine muslimische „Luxusschule“ hier in Uganda. Beim Toilettengang kann ich auf einen kleinen See blicken, das Plumpsklo hat fließendes Wasser und wir dürfen sogar in einem Swimmingpool baden. Die abendliche Vorstellungsrunde mit unseren Anliegen und Gesprächsaustausch mit den Schüler*innen ist sehr kompakt. Alle wollen so viel über uns wissen, dabei sind die Menschen in Uganda eher zurückhaltend, ja eher ängstlich, wenn sie mit Mzungus („fremden Weißen“) sprechen. Die Zeit ist viel zu knapp, ein Tag/Abend reicht nie aus.

Am nächsten Morgen spielen wir vor 1.500 Schüler*innen gegen die Schulmannschaft unser viertes Fußballspiel auf dieser Reise. Unsere FC-St.-Pauli-Fahne wird geschwenkt, Lieder gesungen – danke Raliza, Paul und Moritz - und viele Kinder, die noch nie Weiße gesehen haben, kommen, um uns zu berühren, zu knuddeln und uns zu begutachten. Gänsehaut und Tränen vor Rührung in meinen Augen. Benny Adrion, ehemaliger FCSP-Spieler, Gründer von VcA und Organisator vom Walk, schult uns in Taktik, die einheimischen Jungs sind uns aber trotzdem überlegen.

Beim Spiel an der ruandisch-ugandischen Grenze im Flüchtlingsgebiet in der Nakivale Secondary School kam es beim 1:1 zum Spielabbruch, als ein heftiger Sturm aufzog und einige Zelte wegflogen. Hier wurde gespielt in den Trikots der Traditionself, gesponsert vom Fanladen St. Pauli, und den Trikots vom Indoor-Cup, gesponsert vom HSV-Fanprojekt (Foto).

Auch alle weiteren gesponserten Shirts, Stutzen, Taschen, CDs, DVDs, Bücher, Sticker und Feuerzeuge kamen sehr gut an, besonders nach Stickern waren alle verrückt. Danke für die Spenden an: Fanladen St. Pauli, HSV-Fanprojekt, Fanräume e.V., 1910 Museum, USP, Kiezkieker, Marathonabteilung FCSP, Tuncay von Ölene Kadar und Der Übersteiger.

In Masaka, wo wir zwei Tage Rast machten, lerne ich das Moroto Namalu Projekt aus Dänemark (cildcare.dk) kennen, welches Fußballtraining und Schulunterstützung leistet. Es kommen immer wieder dänische Profi-Fußballer hierher, um das Projekt zu unterstützen.

Living Hope

Hier lerne ich auch Lenny kennen, Lehrer aus München, der ein halbes Jahr die Schule in Kyamukama, 40 km von Masaka entfernt, mit dem Projekt Living Hope Uganda von Pater John unterstützt (http://livinghopeuganda.org/). Er erzählt mir von der dramatischen Wasserlage dort. Die Schüler*innen müssen fünf Kilometer gehen, um halbwegs frisches Wasser aus einem anderen Brunnen pumpen zu können, da ihr eigener Brunnen verseucht ist (Foto verseuchter Brunnen).
Ich versprach ihm, Kontakt zu VcA herzustellen, und lud ihn nach Kampala ein, um an der Gründungsfeier von VcA Kampala und dem Festival „We love Uganda“, einer etwas abgespeckten Form der Millerntor Gallery St. Pauli, teilzunehmen. Lenny ist tatsächlich nach Kampala gekommen und die ersten Untersuchungen und Planungen für einen neuen Brunnen in Kyamukama sind abgeschlossen.

Sports Club Villa Masaka vs Express FC Kampala
(Red Eagles)

Ich sitze in einem Café in Masaka und trinke eine Cola. Diese Stadt wurde 1979 von tansanischen Truppen fast vollständig zerstört, als der Diktator und Menschenschänder Idi Amin endlich vertrieben wurde. Die Stadt ist mit 80.000 Einwohner*innen Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts. Es fahren drei Kleinbusse vorbei, mit Fahnen und Vuvuzela-Getröte. Ich frage meinen Tischnachbarn, ob hier ein Fußballspiel stattfindet. Bushir antwortet mir, er will gleich ins Stadion, ob ich ihn nicht begleiten möge. Gesagt getan. Ich lade ihn für 10.000 Schilling, umgerechnet 2,80 Euro, ein. (Foto Stadion). Wir sind drin, der Ordner zeigt vehement auf einen Stuhl, ich denke, ich muss meinen St.-Pauli-Rucksack leeren, aber nein, ich soll meinen Stuhl für den Sitzplatzbereich mitnehmen. Keine Kontrolle. Bier gibt es nicht zu kaufen, aber dafür Erdnüsse – 30 Cent die eingeschweißte Tüte, noch eingepackt in ihre Haut, die man aber gut mitessen kann, lecker. Plötzlich ein heftiges Wortgefecht in Ugandisch – die erste Sprache nach der Amtssprache Englisch - zwischen Fans von Masaka und Fans von Kampala. Oh, jetzt gibt es doch noch richtig Stress, dachte ich. Dann stellt sich raus: Es ging um eine Wette, wer denn heute gewinnt. Ja, das ugandische Temperament ist manchmal nicht zu bändigen, deshalb stehen wohl in der Feldarena, gefüllt mit geschätzten 2.500 Besucher*innen, rund 20 Armeeangehörige mit Schnellfeuergewehren. Armee oder Polizei bewachen übrigens alle größeren Veranstaltungen in Uganda.

Das Spiel war nicht sehr begeisternd, glich FCSP gegen Aue und in der letzten Minute schoss Kitate von Masaka noch das Siegtor. Kitate wurde dann auch als Matchwinner mit einem Pokal geehrt (Foto). Aber die Fans aus Kampala machten das gesamte Match so geile Musik, mit Trommeln und Gesängen, dass wir uns zu ihnen stellten. Wir wurden herzlich aufgenommen und Bushir kannte sogar Leute hier. (Foto) SC Villa steht zurzeit auf Platz eins in der Azam Uganda Premier League, Express FC Kampala auf dem vorletzten Platz 15.

Danke AFM-Radio

Das AFM-Radio war die einzige Möglichkeit in Uganda etwas über die Spiele unseres FCSP zu erfahren, plus WhatsApp natürlich. Damit bekam ich aus Bielefeld die katastrophalen Zwischenstände und sogar Videos zugesendet. Gegen Fürth mussten wir in Kampala mit anhören, wie es weiter bergab ging. (Foto) Ich hatte in ganz Kampala Sportsbars, Goethe-Zentrum und sogar die deutsche Botschaft mit dem Boda (Mopedfahrer) angefahren und angefragt, aber keine deutsche 2. Liga. Hauptsächlich die Premier League aus England wurde gezeigt, Jürgen Klopp habe ich auf dem Bildschirm häufiger live gesehen.

Dutzende Projekte

Es waren aber nicht nur die Walker*innen unterwegs in Uganda. Eine weitere Projektgruppe bestehend aus 25 internationalen Menschen fuhr 380 Kilometer von Kampala nach Karamoja und Moroto. Dort besuchte sie drei Brunnen und WASH-Projekte, die in Zusammenarbeit mit der Welthungerhilfe gefördert werden. Laut Google sollte die Fahrtzeit 8,5 Stunden betragen, umgerechnet in ugandischer Zeit waren es dann 15,5 Stunden.

Und im Design Hub Kampala liefen die Vorbereitungen für „We Love Uganda“ auf Hochtouren. Künstler*innen wie Jobray Writer, Deestreet, Papa Shabani, Caspar, Caro und Bobbie Serrano verschönerten diesen Ort mit ihren Bildern, Wandmalereien und Kunstwerken. Diese wurden teilweise sogar aus Hamburg eingeflogen und brachten immerhin runde 5.000 Euro an Spenden. Drum herum gab es hunderte kleiner Projekte wie Tanzworkshops, Fortbildungen im Social Marketing sowie eine Studio-Aufnahme der EP von VcA mit den hier international spielenden Musiker*innen, die weiter unten nochmal aufgelistet werden.

Auch der Break-Fast-Jam (Foto), die sogenannte Auftaktveranstaltung zu WLU, ein zweitägiger Rap- und Hip-Hop-Zirkus mit echter internationaler Jury, war sehr beeindruckend. Fahadi, ein Teilwalker wie ich, gewann die Competition mit überwältigender Mehrheit. Fahnen von Viva con Agua und des FC St. Pauli immer dabei!

Goethe-Zentrum Kampala

Mit Alice, Sängerin von Chefboss, fahre ich ins Goethe-Zentrum Kampala. Dort treffen wir tolle Menschen aus Uganda, die sich selbst deutsch beigebracht haben und dann das Zentrum gründeten. Eine Nacht vorher waren wir hier schon zufällig auf einer stimmungsvollen Party auf dem Dach, mit Blick über das nächtliche Kampala. Wir übten den Chefboss-Song „Träume“ ein und sangen und performten mit den Worten „Ich schau zum Himmel, nimm die Hände hoch, um mir ein Haus in den Wolken zu bauen. Unsere Freiheit ist grenzenlos…“ diesen gemeinsam. Danach brachen alle Grenzen. Die „Deutschstunde“ im Goethe-Zentrum ist sehr intensiv. Alice fragt nach den Träumen der Menschen hier: „Freiheit für mich, Uganda und die Welt“, „dass die Polizei nicht so viel verbietet“ oder „Flugzeuge, um schnell überall hinzukommen“ lauteten einige Antworten, aber auch ein guter Job und viel Geld wurde gewünscht. (goethezentrumkampala.org)

Dann wurde es Zeit, aufzubrechen und sich auf die Millerntor Gallery im Design Hub vorzubereiten.

We love Uganda – Millerntor Gallery Kampala

Das Design Hub im Industrieviertel Kampalas wirkt wie ein kleines internationales Dorf in der Stadt. Multinationale Menschen gehen hier ein und aus. Es werden Workshops in Kunst, Kultur, Unternehmensgründung und IT angeboten, regelmäßig finden Konzerte statt. Hier bauen wir seit Tagen die Kunstausstellung der Millerntor Gallery auf, die Konzertbühne, die Verkaufszelte und die Tische für das reichhaltige Büffet, welches die Küchencrew vom Walk zusammenstellte. Ich hatte sehr viele Ugander*innen eingeladen, aber 5.000 Schilling sind in Uganda eine Menge Geld. Dennoch war das Hub sehr gut gefüllt, auch wegen der international-afrikanischen Stars, die dort auftraten, beispielsweise African Talent Group, Maro, Octopizzo, Byg Ben, Ladyslike, Do Nesta, Sylvester Kabombo, der bezaubernden Angell Mutoni, Scooter Beetbox, Batalo East, Jora MC und den deutschen Chefboss. Die Stimmung war grandios. Überhaupt ist die Musik vom afrikanischen Kontinent voll am Durchbruch. Musikrichtungen wie Afro-Trap, Hip-Hop und Rap bestimmen zurzeit die Musikszene. Europa rückt zumindest musikalisch näher an Afrika heran.

Kampala Futsal Arena

Das Festival ist vorbei, wir haben alle reichlich gefeiert. Aber es ist noch nicht zu Ende mit dem Fußballspielen bei 30 Grad im Schatten. Wir treffen uns in der Kampala Futsal Arena, Kyambogo Road zum Spiel VcA Kampala vs. VcA international. Die Boda-Fahrer kennen es nicht, aber Google Maps führt uns über Umwege tatsächlich dorthin. Der Fahrpreis erhöht sich drastisch von 1,50 Euro auf 4 Euro, aber irgendwann sind wir dort.

Der ehemalige Nationaltorhüter Timo Hildebrand (Interview in diesem Heft) unterstützt uns. „Wir sind verrückt, bei 33 Grad hier Fußball zu spielen“, waren seine Worte, „aber das tolle Feeling beim Mitsingen der beiden Nationalhymnen möchte ich nicht missen.“ (Foto) Ich halte gerade mal drei Minuten durch, bis Benny mein durchgeschwitztes Trikot erhält und eingewechselt wird. Das hatte zur Folge, dass wir endlich einmal 3:2 gewinnen konnten, auch mit einem genialen Tor von Shayli mit seinen Dreadlocks. Nach dem Spiel gab es noch reichlich Getränke und Geplauder über Fußball. Fußball verbindet - auch hier.

Webale, danke schön Uganda, Viva Con Agua, dass ich dieses einmalige Erlebnis mitmachen konnte.

Wir alle wollen helfen, damit Schulkinder in Uganda und überall auf der Welt morgens zur Schule gehen, sauberes Trinkwasser trinken, um dann glücklich am Unterricht teilnehmen zu können.

vivaconagua.org/waterwalk

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