Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Du kannst schon pfeifen, aber dann biste halt kacke!

Interview mit Uwe Stöver

Interview mit Andreas Rettig

Energie Cottbus: Alles Nazis – oder doch nicht?

Neues von den Alten




Du kannst schon pfeifen,
aber dann biste halt kacke!

Da ich keine andere Fanszene als die des FC St. Pauli kenne, kann ich nur schlecht einschätzen, was bei anderen los ist, wenn der sportliche Abstieg droht. Langt aber auch, was man hier so mitbekommt. Es ist einfach nur unfassbar peinlich und traurig, dass einige im Stadion sich erblöden und die Mannschaft schon während des Spiels auspfeifen und bepöbeln.

Die Symbiose zwischen Publikum und Spielern auf dem Platz muss immer wieder erneuert werden. Man hat als Fan tatsächlich die Chance, Einfluss auf den Spielverlauf zu nehmen. Das gilt positiv wie negativ. Wenn sich Allagui und Buballa jede Woche nur Scheiße von den Rängen anhören müssen - obendrein noch von Menschen, die niemals auch nur ansatzweise verstehen werden, wie Fußball funktioniert -, dann ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Leistung der Mannschaft zu wünschen übrig lässt. Passiert sowas beim Nachbarn aus Stellingen, dann wäre das nicht weiter verwunderlich. Aber am Millerntor hat dieser Dreck einfach nichts zu suchen. Selbstverständlich schaffen wir damit eine Wohlfühloase, wenn jeder, trotz noch so schlechter Leistung, nach dem Spiel mit Applaus und aufmunternden Worten verabschiedet wird. Das könnte auch dazu führen, dass mancher eher mal einen Schritt weniger macht. Trotzdem – nörgeln, pöbeln und pfeifen ... Wie funktioniert eine Symbiose nochmal?

Wofür unsere Fanszene allerdings auch bekannt ist, ist das Feingefühl, wann eine Situation eines Zusammenbeißens der Zähne bedarf. Trotz mieser Leistung immer weiter rausfeuern, anschieben und motivieren. All der Mist, welcher in Hauptteilen der Saison auf den Rasen gehackt wurde, für die letzten Spiele vergessen und bedingungslos hinter die Mannschaft stellen. Das können wir. Abgerechnet wird in der Sommerpause und nicht jetzt. Es steht völlig außer Frage, dass das passieren muss. Immerhin scheint die Zusammenstellung der Mannschaft nicht so zu funktionieren wie geplant. Da wird sich einiges ändern müssen und Arbeitsweisen hinterfragt werden. Doch bis dahin stehen alle zusammen, werden ein großes Ganzes und stemmen sich gegen den Abstieg.

Das gesamte Vorhaben, die Mannschaft zu unterstützen und dadurch besser zu machen, wird durch schlechte Leistungen auf dem Platz torpediert. Egal wieviel wir uns alle vornehmen – wenn in den ersten Minuten kein Einsatz und Annehmen der Situation von den elf Personen auf dem Rasen gezeigt wird, dann hat das ungefähr den gleichen Stimmungskiller-Effekt wie Stinkesocken im Bett. An guten Tagen kann sich gegenseitig in nicht geahnte Sphären hochgeschaukelt werden, an schlechten zieht man sich gegenseitig runter. Von diesen Tagen gab es leider mehr als genug in dieser Saison. Doch in Krisenzeiten muss man eben manchmal etwas mehr geben, als man zurückbekommt. Und dann, nach grausamen sieben Spielen, in denen wir schlichtweg nach dem Bodensatz des Profifußballs gesucht haben, wird all die Liebe und Unterstützung mit einem Spiel bei Sonnenschein gegen die Fürther belohnt.

Dieser Funken, den die Mannschaft spendiert und damit ein ganzes Stadion abfackelt, lässt sich nicht erzwingen. Wenn dieses Stadium, in dem jede Grätsche, jeder gewonnene Zweikampf für Begeisterung sorgt, erreicht ist, dann schlagen wir in dieser Liga jeden!

Mit dieser Energie und Fokussierung, befeuert durch Brandreden von Funktionären, kann man natürlich nicht die gesamte Saison aufwarten. Die Abnutzung ist schlicht zu groß. Ein Grund, warum „Feuerwehr-Trainer“ (z.B. beim HSV) immer nur kurze Zeit funktionieren. Trotzdem würde man gerne viele im Verein durchschütteln. Warum nicht früher? Warum nicht gleich so? Fast bekam man das Gefühl, dass diesen Menschen der Verein, im Gegensatz zu uns, egal ist. Mit Blick in die Gesichter und auf die Körpersprache vor, nach und während des letzten Spiels, kann diese These glücklicherweise entkräftet werden. Die Spieler, über die man vorher laut oder leise geschimpft hatte, ließen uns strahlend und gelassen das Stadion verlassen.

So, genug an den Händen gehalten und gelobt. Wir haben noch zwei Spiele. Der Abstieg ist noch nicht verhindert. Verfällt man in den beiden anstehenden Spielen gegen Bielefeld und Duisburg in alte Muster, dann bringt uns dieser Dreier höchstwahrscheinlich gar nichts. Da lohnt sich also ein Blick auf den heutigen Gegner, um den Fokus wieder herzustellen.

Schlechte „Gibt-es-gar-nicht-Witze“ sind angesichts der Brisanz des Spiels schlicht unangebracht. Mit dem 3:2 gegen sich aufbäumende Lauterer wurde am 32. Spieltag von der Arminia der letzte Strohhalm ergriffen, um sich noch im Schneckenrennen um Platz drei zu halten, während man gleichzeitig die Mannschaft vom Betzenberg in Liga 3 schickte. Fünf Spiele in Folge sind die Ostwestfalen nun ungeschlagen und das reicht in dieser Saison ja bekanntlich, um sich im Aufstiegsrennen zu befinden. Mit Düsseldorf und Nürnberg sind schon zwei durch. Dahinter streiten sich Bochum, Bielefeld und Regensburg darum, eventuell noch die Kieler abzufangen.

Wer bei den Bielefeldern nur an den ewigen Fabian Klos denkt, sollte sich dringend mal den Namen Andreas Voglsammer hinter die Ohren schreiben. Der hat nämlich schon 13mal geknipst in dieser Saison. In Kombination mit Klos steht unsere Abwehr also vor einer schweren Aufgabe. Immerhin hat Klos neben 7 Toren auch schon 7 Tore vorgelegt. Er konnte also seinen Sturmkollegen mit Pässen durchfüttern. Sofern das nicht der starke Konstantin Kerschbaumer hinter den beiden Spitzen erledigt. Und als wäre das schon nicht genug, hat unsere Offensivabteilung ebenfalls einiges zu knacken. Torwart Stefan Ortega ist notenbester Spieler der gesamten Liga. Als wenn Tore schießen nicht schon schwierig genug für uns wäre...

Auch wenn wir nur auf uns blicken sollten, lohnt sich ein Blick auf die wahnwitzige Situation rund um Platz 16 und 17 in der Liga. Die angeblich „Stärkste zweite Liga aller Zeiten“ ist so ausgeglichen auf miesem Niveau und prallgefüllt mit schlechtem Fußball, dass immer noch Vereine auf einem einstelligen Tabellenplatz absteigen können. Diese Situation ist quasi die Strafe für Nichtleistung. Doch trotzdem: absteigen ist für uns schlicht keine Option!

Erneut wird also ein lautes und bissiges Stadion benötigt, um über das Leistungslimit zu gehen. Treten die Jungs erneut so auf wie zuletzt, mache ich mir da keine Sorgen. Trotzdem kann man sich gegen die Arminia auch mal ein blödes Ding fangen und dann ist es umso wichtiger, alle zusammen Vollgas zu geben.

Das geht also raus an die Mannschaft: Spendiert Ihr uns den Funken, wir brennen dann das Haus ab! Forza!

//flippa
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