Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Der Saisonverlauf – Ein Rückblick

Rasen betreten verboten

Beauftragte für Fans mit Behinderung beim FC St. Pauli – was war, was ist, was wird.

„Ich habe mir meine Auslösung verdient“, ein Interview mit Thees

Fanclub Scarecrows Sankt Pauli - aus einer Katerlaune heraus entstanden



Der Saisonverlauf – Ein Rückblick

Luhukay raus! Beim Blick auf die aktuelle Tabelle zum Ende der Hinrunde könnte dieser Gedanke schnell aufkommen. Doch ist das wirklich gerechtfertigt? Wir blicken auf den bisherigen Saisonverlauf und wagen ein Fazit.

Die Kaderplanung

Als Jos Luhukay im April 2019 das Traineramt bei St. Pauli übernahm, konnte er als Tabellenneunter den Kader für die neue Saison planen. Dabei standen zeitig einige, auch namhafte, Abgänge fest. Richy Neudecker verließ die Braun-Weißen zum niederländischen Erstligisten Venlo, Dudziak wechselte zum HSV, Alex Meier entschied sich, den Vertrag nicht zu verlängern, ebenso Justin Hoogma. Sami Allagui und Jan-Marc Schneider fanden nicht mehr die Gunst des Trainers und standen schnell auf seiner Streichliste. Insgesamt verließen uns rund zehn Spieler.

Im Gegenzug verpflichtete Luhukay Borys Tashchy (kam vom MSV Duisburg) und Rico Benatelli (Dynamo Dresden) ablösefrei. Luca Zander (Werder Bremen II) und Sebastian Ohlsson (IFK Göteborg) kamen für mutmaßliche 400.000 € bzw. 280.000 €. Matt Penney, Leo Østigard und James Lawrence kamen leihweise als Verstärkung für die Abwehr, Youba Diarra als Unterstützung im Mittelfeld sowie Viktor Gyökeres für den Sturm. Insgesamt blähte sich der Kader der Braun-Weißen damit auf fast 35 Spieler auf.

Die Vorbereitung

Mit der generalüberholten Mannschaft startete Luhukay in seine erste Saisonvorbereitung. Insgesamt absolvierten die Kiezkicker sechs Vorbereitungsspiele, die nicht sonderlich vielversprechend verliefen. So erspielten sie gegen den Oberligisten FC Teutonia nur ein 3:3, auch das Testspiel beim niederländischen Erstligisten SC Heerenveen endete mit einem Remis (1:1). Im Trainingslager verlor man gegen den österreichischen Erstligisten Tirol mit 2:3. Immerhin gestalteten die Kiezkicker die übrigen Testspiele positiv. So gewann man mit 11:0 gegen eine Celler Stadtauswahl, gegen Ingolstadt mit 3:0 und gegen den SC Weiche Flensburg mit 1:0. Die durchwachsenen Ergebnisse machten deutlich, dass der Motor des FC St. Pauli nicht richtig ins Laufen kam.

Die (bisherige) Hinrunde

Bereits bei Amtsantritt hatte Luhukay angedroht, kein Blatt vor den Mund nehmen zu wollen. Kurz vor Saisonstart ließ er dann auch die verbale Bombe platzen. Luhukay mahnte an, bei St. Pauli gäbe es zu viel Bequemlichkeit, zu viel Komfortzone. Er forderte eine Mentalitätsveränderung im gesamten Verein ein und eine höhere Intensität in allen Bereichen. Er kritisierte auch den ihm zur Verfügung stehenden Kader, insbesondere mit Blick auf die Verletzungsmisere der Vorsaison und Saisonvorbereitung. 70 Prozent der Spieler seien nicht in der Lage, mehr als 15 Spiele einer Saison zu bestreiten. Das Echo auf Luhukays Worte fiel unterschiedlich aus. Die Zusammenarbeit zwischen Trainer und Spieler würde dadurch belastet, merkten die Kritiker an. Die Befürworter begrüßten die Brandrede als notwendigen Weckruf.

Mit dieser Hypothek startete die Mannschaft in die neue Saison und zeigte beim Spiel auf der Alm eine beachtliche Leistung. Einsatz und Einstellung zum Spiel stimmten und die Braun-Weißen gingen, etwas überraschend, mit 1:0 durch Conteh in Führung. Lange konnten die Boys in Brown den Führungstreffer halten. Leider gelang den Bielefeldern in der Nachspielzeit der Ausgleich, am Ende ein leistungsgerechtes Ergebnis. Offensichtlich hatte Luhukay seine Mannschaft positiv erreicht.

Im August konnte die Mannschaft diesen positiven Ansatz teilweise bestätigen. Zwar verloren die Kiezkicker das erste Heimspiel der Saison gegen Greuther Fürth unnötig deutlich mit 1:3, jedoch überstand der FC St. Pauli endlich die 1. Runde im DFB Pokal. Dabei ging der gegnerische VfB Lübeck in der 9. Spielminute zunächst in Führung und baute diese in der 55. Spielminute aus. Erst danach wachten die St. Paulianer auf und erzielten innerhalb kürzester Zeit die Treffer zum Ausgleich. In der Verlängerung gelang dann die Führung durch Knoll, die sie leider nicht über die Zeit retten konnten und der Ausgleich fiel in der 115. Minute. Im Elfmeterschießen behielt der Magische FC die Oberhand und zog in die zweite Pokalrunde ein.

Auf den Pokalsieg folgte die Auswärtsniederlage beim VfB Stuttgart. Bei den favorisierten Schwaben hielten die Kiezkicker gut mit und gingen in der 18. Spielminute durch Mats Møller Dæhli in Führung. In der zweiten Halbzeit verbesserten sich die Stuttgarter und kamen zum Ausgleich. Leider konnten die Boys in Brown die Konzentration nicht bis Spielende aufrechterhalten und mussten in der 90. Minute einen weiteren Treffer hinnehmen. Immerhin gab die Mannschaft zuhause gegen Holstein Kiel die passende Antwort und holte den ersten Heimsieg der Saison. In einer überzeugenden Darbietung erzielten Lawrence und Conteh die Treffer. Besonders bemerkenswert war dabei die grandiose Stimmung am Millerntor. Seit langem hatte man wieder das Gefühl, einen echten „Millerntor-Roar“ zu erleben und die Mannschaft zu einem Tor zu schreien. Zum Abschluss des Monats August reiste der Magische FC nach Dresden. In einer stark umkämpften Partie nahmen die Kiezkicker nur einen Punkt mit nach Hause, obwohl ein Sieg hätte sein müssen. Eine satte 3:0 Führung verspielte St. Pauli gegen zehn Dresdner. Ende August rangierte der FC St. Pauli damit auf dem 13. Tabellenplatz.

Derbysieg

Nach der Länderspielpause begann der September mit einem Knaller. Das Derby stand an und der kleine Nachbar aus St. Ellingen zu Gast am Millerntor. Die Vorzeichen ließen dabei nicht viel Optimismus zu: Immerhin war zu diesem Zeitpunkt der Tabellenführer zu Gast. Doch die Kiezkicker wussten bei diesem Spiel voll und ganz zu überzeugen. Die Mannschaft zeigte Kampfwillen und die Möglichkeiten, die in ihr stecken. Das Team fand besser in die Partie als die Gäste und erzielte Mitte der ersten Halbzeit den Führungstreffer durch Diamantakos. Als kurzfristig der Nachbar aus dem Volkspark stärker wurde, unterlief van Drongelen glücklicherweise DER Patzer seiner Laufbahn: Eigentor! Damit war die Partie gelaufen und St. Pauli ging als verdienter Sieger aus dem Derby hervor. Damit war nach Ansicht aller St. Pauli Fans die vernichtende Derbyniederlage aus der Vorsaison egalisiert. Der positive Eindruck aus dem Derby bestätigte sich im darauffolgenden Auswärtsspiel gegen den VfL Osnabrück, wenn es auch nur zu einem Remis reichte. Auch das anschließende Heimspiel gegen den SV Sandhausen gestalteten die Boys in Brown positiv. An diesem 8. Spieltag erzielten die Kiezkicker 2 Tore und verhinderten jegliche Gegentreffer. Das Team von Luhukay blickte damit auf einen erfolgreichen September zurück und belegte den 6. Tabellenplatz.

Derbyfluch?

Die Mannschaft bestätigte den positiven Trend im Oktober nicht. Am 9. Spieltag gastierten die Braun-Weißen bei Absteiger und Tabellennachbar Nürnberg. Wieder ging St. Pauli in Führung, hielt sie jedoch nicht bis zum Abpfiff. Nürnberg und St. Pauli trennten sich am Ende unentschieden (1:1). Im Anschluss war Darmstadt 98 zu Gast. Über weite Strecken der Partie hatten die Kiezkicker die Oberhand und drängten die Lilien in die passive Rolle. Doch wieder verlor St. Pauli die Partie kurz vor Schluss. In der 80. Minute erzielte Darmstadt das Tor des Tages. Damit riss die Serie der Braun-Weißen von sechs ungeschlagenen Spielen. Das nächste Auswärtsspiel stand beim Angstgegner Heidenheim an, welches trotz überzeugender taktischer Leistung auch im sechsten Anlauf wieder verloren wurde. Saisonübergreifend blieb St. Pauli damit auswärts zum elften Mal ohne Dreier. Ende Oktober belegten die Kiezkicker Platz 12. Am 30.10. stand dann die zweite Pokalrunde gegen Eintracht Frankfurt an. Die SGE ging durch Bast Dost früh in Führung. Dennoch entwickelte sich eine hochspannende Partie, die über weite Strecken auf Augenhöhe gespielt wurde, und in der sich St. Pauli am Ende nur mit 1:2 geschlagen geben musste.

Leider nahm die Mannschaft den positiven Schwung aus dem Pokalspiel nicht mit in den Ligaalltag. Im anschließenden Heimspiel gegen Aufsteiger KSC verspielten die Kiezkicker einen komfortablen Vorsprung von 2:0, den der Gegner in der 85. und 91. Spielminute ausglich. Umso ärgerlicher, weil Miyaichi in der 84. Minute die Gelegenheit zum 3:0 hatte. Die Möglichkeit zur Wiedergutmachung bestand beim folgenden Heimspiel gegen Bochum. Zwar gingen die Gäste früh in Führung, jedoch gelang nur fünf Minuten später der Ausgleich. Doch mehr war gegen die Bochumer in einer zähen Partie nicht drin. Am 22.11. mussten die Braun-Weißen dann zum nächsten Angstgegner, Erzgebirge Aue, wo man deutlich mit 3:1 verlor. Die Länderspielpause konnte Luhukay nicht für einen Umschwung nutzen. Zuhause am Millerntor gegen den Absteiger und direkten Tabellennachbarn Hannover 96 kassierte St. Pauli schon in der 7. Minute den spielentscheidenden Treffer. Die Gäste hatten dabei keine Schwierigkeiten, den Vorsprung zu verteidigen und ins Ziel zu bringen. St. Pauli war damit im achten Pflichtspiel in Serie ohne Sieg und schloss den November auf dem 15. Platz ab.

Das Fazit

Luhukay also raus?! Darauf gibt es keine klare Antwort. Festzuhalten ist einerseits das eklatante Verletzungspech. Bis zu 15 Spieler zeitgleich. Sind die Verletzungen vermeidbar? Immer wieder fallen Spieler mit Muskelfaserrissen und muskulären Problemen aus. Die Ursachen hierfür könnte in falscher Trainings- und Belastungssteuerung liegen. Dies ist ein beeinflussbarer Punkt. Dass dem Trainer ein aufgeblähter Kader zur Verfügung steht, ist gleichzeitig auch ein Nachteil. Die vielen Verletzungen und die damit verbundenen Wechsel führen dazu, dass die Mannschaft sich nicht einspielen kann. Es fehlt an Automatismen, die Abstimmung stimmt nicht. Zudem variiert das Spielsystem auch mit jeder personellen Umstellung. Luhukay ließ sowohl in einem 4-1-4-1, einem 4-2-3-1, aber auch mit einer Dreier-Abwehrkette (3-4-3 und 3-2-4-1) spielen.

Bedenklich sind auch die vielen späten Gegentreffer. Wie kommen sie zustande? Sicher geglaubte Punkte gingen so in den letzten Minuten verloren. Zudem führt der derzeitige Abwärtstrend naturgemäß auch zur Verunsicherung der Mannschaft.

Positiv hingegen ist die spielerische Entwicklung der Elf. Unter Luhukay hat das spielerische Element, im Vergleich zu Kauczinski, deutlich an Gewicht gewonnen. Der Spielaufbau besteht nicht mehr ausschließlich aus langen Bällen, sondern aus durchdachtem Spiel aus der Abwehr heraus. So war zumindest die Erkenntnis bis zum Aue Spiel. In den Spielen danach fiel die Mannschaft jedoch zunehmend in alte Muster zurück.

Hoffentlich wird der Schaden bis zur Winterpause begrenzt. Ein Überwintern auf einem Abstiegsplatz oder dem Relegationsplatz wäre fatal. Wichtig ist in der Winterpause eine Genesung möglichst zahlreicher Spieler. Luhukay könnte dann zum Start nach der Winterpause am 28.01.2020 in Bestbesetzung auflaufen.

//Stefan
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