Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Der Saisonverlauf – Ein Rückblick

Rasen betreten verboten

Beauftragte für Fans mit Behinderung beim FC St. Pauli – was war, was ist, was wird.

„Ich habe mir meine Auslösung verdient“, ein Interview mit Thees

Fanclub Scarecrows Sankt Pauli - aus einer Katerlaune heraus entstanden



Beauftragte für Fans
mit Behinderung beim
FC St. Pauli – was war, was ist, was wird.

Was war, halten wir knapp. Vieles ist über das Thema Jörn Weidlich gesagt und geschrieben worden. Und dennoch wurde von außen nie ganz ersichtlich, was genau schief lief in der Kommunikation. Der kurzen Chronologie folgt ein Interview mit Birgit Hadatsch, der neuen Beauftragten für Fans mit Behinderung, die sich unseren Leser*innen vorstellt.

Rückblick: Für viele überraschend erschien am 23. September eine Stellenausschreibung vom Fanladen für eine*n neue*n Fanbeauftragte*n für Menschen mit Behinderung. Am selben Abend schrieb Jörn auf seinem Facebook-Profil, dass er sein Amt nicht freiwillig niedergelegt habe. Einen Tag später folgte auf der St. Pauli-Homepage die Erklärung, dass Jörn Weidlich nach 10 Jahren "auf eigenen Wunsch" sein Amt zum 30.09. niederlegen werde.

Ein Widerspruch, der vermuten lässt, dass die Entwicklung, die zu diesen singulären Ereignissen geführt hat, weit früher angefangen haben muss. Auf jeden Fall entstand der Eindruck, dass die Kommunikation zwischen Verein und Jörn suboptimal verlaufen sei. Parallel dazu schlossen sich einige betroffene Personen, insbesondere Catharina Trost und Hans-Werner Baum, über verschiedene Kanäle auf Social Media zusammen, mit dem Ziel, Jörn Weidlich als Behindertenfanbeauftragten zu erhalten. Dies geschah nach seiner Aussage ohne seine aktive Beteiligung. Online wurde eine Petition ins Leben gerufen, die von 850 Leuten unterschrieben wurde. Zum Sandhausen-Spiel - dem letzten Spiel mit Jörn als Behinderten-fanbeauftragten - wurden Unterschriftenlisten verteilt, die laut Mopo mehr als 2500 Leute unterschrieben. Spenden wurden gesammelt, Banner hochgehalten, Flyer verteilt und einiges mehr. Man warb um Unterstützung der Fans, auch wenn das Engagement nicht überall Anklang fand. "Wir brauchen Verlässlichkeit, Beständigkeit, Vertrauen und jemand, der in unserem Namen spricht. Das tat Jörn bisher richtig gut und wir möchten, dass das so bleibt", so eine zentrale Forderung der Gruppe, die sich für Jörn stark machte. An diesen Aktionen wurde deutlich, dass Jörn Weidlich für seine empathische und aufopferungsvolle Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen große Wertschätzung entgegengebracht wurde. Auch wir danken Jörn an dieser Stelle für seine 10-jährige Arbeit als ehrenamtlicher Behindertenfanbeauftragter!

Am 2. Oktober fand ein kurzfristig anberaumtes Gespräch zwischen allen Beteiligten mit u. a. Michael Thomsen (CSR oder unternehmerische Sozialverantwortung), Jörn, Catharina und Werner statt. Daraufhin reichte Jörn eine Bewerbung für die ausgeschriebene Stelle als Behinderten-fanbeauftragter ein. Etwa zeitgleich begannen erste Bemühungen, eine eigene "Behinderten-Fanvertretung" zu gründen.

Am 18. Oktober verwahrte sich der Verein gegen "Unwahrheiten, die Menschen aus informellen Treffen in sozialen Netzwerken verbreiten." Man könne sich "Aufgrund der letzten Wochen und nach erneuten Gesprächen zwischen allen Beteiligten (...) eine Zusammenarbeit mit Jörn Weidlich in Zukunft nicht mehr vorstellen." Das war sicherlich nicht das, was alle, die sich bis dato für den Erhalt von Jörn Weidlich einsetzten, erwartet hatten. Am 31. Oktober wurde bekannt, dass Birgit Hadatsch als neue Behindertenfanbeauftragte ihre Arbeit Anfang November aufnehmen würde. Somit war der Personalwechsel endgültig klar. Das Thema damit aber nicht durch.

Zur Gründung der Interessenvertretung für Fans mit Behinderung in den Fanräumen am 3. November kamen 36 Menschen, einschließlich Birgit, Julian (Fanladen) und Reyk Sonnenschein (Koordinator für Inklusion). Am 17. November gab es eine Fortsetzung in der Weinbar, wo der Behindertenfanclub "FC Braun-Weiße Vielfalt" gegründet wurde. Am 26. November fand der erste 'Stammtisch Barrierefrei' statt, zu dem der Fanladen eingeladen hatte. Daran nahmen insgesamt ca. 50 Personen teil, darunter u. a. Birgit, Reyk, Vertreter vom Fanladen, USP, Jörn Weidlich und viele andere Betroffene und Interessierte. Ein reger Austausch untereinander betraf Themen wie das zukünftige Ticketing für Menschen (aber nicht nur die), die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, die Platzwahl im Stadion, Verbesserungen bei der Begleitung vor, während und nach einem Spiel, Ruheräume u. ä. Der barrierefreie Stammtisch findet am 15. Januar im neuen Jahr seine Fortsetzung. Grundsätzlich bleibt es allen Beteiligten weiterhin zu wünschen, eine fruchtbare, respektvolle Kommunikation untereinander zu pflegen.

Ausblick: Wir beobachten gespannt, wie es weitergeht mit der Interessenvertretung, der neuen Fanbeauftragten und der Zusammenarbeit mit Verein und Fanladen. Dazu haben wir die neue Fanbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Birgit Hadatsch, interviewt:

ÜS: Erzähle ein bisschen über deinen Hintergrund.
Birgit: Ich komme gebürtig aus Österreich und bin vor fünf Jahren nach St. Pauli gezogen, wo ich mich unglaublich wohlfühle. Neben dem Verein spielt sich auch mein berufliches Leben hier ab. Seit zehn Jahren arbeite ich als Fachkrankenschwester für Psychiatrie und begleite aktuell im Rahmen der ambulanten Sozialpsychiatrie psychisch kranke Menschen auf St. Pauli. Im Juli bin ich zum Orga-Team von St. Depri gekommen und habe gemerkt, dass ich mich zukünftig gern noch mehr in die Vereinsarbeit einbringen würde. Somit hab ich mich auf die Stellenausschreibung des Fanladens beworben. Als ich die Zusage bekomme hatte, konnte man mich bestimmt im ganzen Viertel jubeln hören.

Wie stellst du dir deinen neuen Job vor, was sind deine Ideen, Prioritäten?
Ich stelle mir meinen Job sehr vielfältig vor. Dazu gehören z. B. das Organisieren/Begleiten der Heim- und Auswärtsspiele, das Einbinden in die aktive Fanszene sowie der Austausch mit dem Verein, dem Fanladen und anderen Fanbeauftragten für Menschen mit Behinderung. Für mich bedeutet der Job vor allem das „Sich-gerade-machen“ für Menschen, denen es, aus welchen Gründen auch immer, selber schwerfällt. Besonders wichtig ist es mir, immer ein offenes Ohr zu haben, auch wenn es sich mal nicht um unseren magischen FC St. Pauli handelt.
Mit dem Stammtisch Barrierefrei, der regelmäßig stattfinden soll, setzen wir eine richtig coole Idee um und ich bin mir sicher, dass daraus was Tolles entstehen wird. Ich freue mich schon über die Anregungen, Ideen und Wünsche der Teilnehmer*innen. Wenn man selbst verhindert ist, kann man mir gerne auch eine E-Mail schicken oder mich anrufen.
Im Moment liegt meine Priorität darin, einen Überblick über die Arbeit zu bekommen und die Menschen, die ich begleiten darf, kennenzulernen und zu versuchen, alle so gut es geht einzubinden.

Wie gehst du damit um, dass du evtl. von manchen der Gehandicapten erstmal sehr kritisch beäugt wirst, weil diese sehr am vorigen Beauftragten Jörn Weidlich hingen? Wie willst du Vertrauen aufbauen?
Mir war von Anfang an bewusst, dass ich in große Fußstapfen treten werde. Natürlich ist es am Anfang schwierig, sich an eine neue Person zu gewöhnen, wenn man zehn Jahre lang eine sehr wichtige Bezugsperson hatte. Ich denke, dass man am besten Vertrauen aufbauen kann, indem man sichtbar und erreichbar ist für die Derbysieger*innen mit Behinderung. Eine Veränderung zwickt am Anfang immer ein bisschen und tut mit Sicherheit auch weh, aber wenn man der Veränderung eine Chance gibt, kann sich daraus auch was Tolles entwickeln.

Hast du noch etwas, was du loswerden möchtest?
Ich hoffe, dass es in unserem Stadion irgendwann die Möglichkeit gibt, dass sich Menschen, egal mit welcher Einschränkung selbst aussuchen können, wo sie das Fußballspiel erleben wollen. Und ich möchte mich herzlich beim Team Barrierefrei, die ehrenamtlich den Spieltag begleiten, bedanken.

Vielen Dank liebe Birgit, das Team vom Übersteiger wünscht dir und den Fans mit Behinderung eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit!

Text: GeJo, Interview: Rakete
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